Madrid Das Museum Thyssen-Bornemisza

Es ist nicht leicht, sich Madrid ohne das im Oktober 1992 eröffnete Museum Thyssen-Bornemisza vorzustellen. Selten ist eine Kunsthalle so vollständig in den ihr zugedachten Platz hineingewachsen wie diese. Das liegt an der überragenden Qualität ihrer Bilder, an der eleganten Innenarchitektur von Rafael Moneo, an den erstklassigen Sonderausstellungen und wohl auch an der geografischen Nähe zum Prado.

Gerade diese Nähe hätte den Dingen beinahe eine andere Wendung gegeben. Denn der Prado benötigte dringend Platz für seine Erweiterung und hatte sich schon für den Villahermosa-Palast interessiert. Da bot sich dem Kulturministerium die Gelegenheit, die berühmte Sammlung von Hans-Heinrich Thyssen-Bornemisza zu kaufen, die der Baron in Lugano aufbewahrte. Voraussetzung waren angemessene Ausstellungsräume. Der Palacio de Villahermosa erfüllte alle Kriterien - für Madrid tat sich eine neue Vision auf: Innerhalb weniger Jahre würde an der schönsten Allee der Stadt eine hochkarätige Museumslandschaft entstehen, deren Werke in subtile Beziehung zueinander treten könnten. Und genau so kam es.

Von den 775 Bildern, aus denen die Sammlung Thyssen-Bornemisza damals bestand, gingen 60 nach Barcelona, um die Sammlung alter Kunst im Kloster Pedralbes aufzufrischen. Alle anderen sind in Madrid zu sehen. Das Prinzip des Museums ist so einfach wie überzeugend: Die Besucher sind eingeladen, einen Rundgang durch fast 800 Jahre Kunstgeschichte anhand von fast 800 Bildern zu machen. Man beginnt vernünftigerweise oben, im zweiten Stock, und folgt der Saal Nummerierung, dann leitet einen das Museum am Faden der Chronologie weiter - von den frühen Italienern des 14. Jahrhunderts bis zu Hopper, Bacon und Rauschenberg, die den Parcours im Erdgeschoss beschließen.

Kritiker nennen die Fülle an Stilen und Epochen, die im Villahermosa-Palast vereint sind, wilden Eklektizismus. Doch der prägende Geschmack eines Sammlerherzens ist in den lachsfarbenen Sälen jederzeit spürbar. Der überwältigend schöne Saal 5 zum Beispiel zeigt eine Hand voll Porträts aus der Renaissance. Anmut und Ausdruck dieser Gesichter sind so stark, dass man sie ebenso als Gruppe wie als Ansammlung höchst unterschiedlicher Individuen wahrnimmt. Auf ähnliche Weise registriert der Besucher die Bandbreite europäischer Malstile, die er hier dicht nebeneinander vergleichen kann: den frühen Naturalismus von Robert Campin (um 1425), die unterschiedliche psychologische Durchdringung bei Antonello da Messina (um 1475) und dem Flamen Hans Memling (um 1485).

Im selben Saal hängt auch das "Porträt der Giovanna Tornabuoni" von Domenico Ghirlandaio, das für manche das bedeutendste Werk der ganzen Sammlung ist. Doch es wäre müßig, Ranglisten aufzustellen. Das Museum Thyssen-Bornemisza verführt ja gerade dazu, mit einzelnen Bildern eine persönliche Beziehung zu pflegen, wegen eines einzigen Werkes wiederzukommen - oder aber einen ganzen Saal ins Herz zu schließen wie jenen Saal 9, der Gemälde aus der deutschen Renaissance zeigt, eines beeindruckender als das andere.

Es ist eine glückliche Fügung, dass die Sammlung Thyssen-Bornemisza einige Lücken des Prado oder auch des Reina-Sofía-Museums schließt. Neben der deutschen Renaissance sind dies die Niederländer des 17. Jahrhunderts, die Impressionisten und Postimpressionisten und schließlich auch die deutschen Expressionisten. Die Sammlung ist mit so viel Bedacht komponiert, dass manche Künstler mit zwei, drei oder gar vier Werken repräsentiert sind. Wer sich die Zeit für einen Gang durch alle Räume nimmt, wird den Eindruck einer fast enzyklopädischen Vollständigkeit gewinnen.

Im Sommer 1999 wurde bekannt, das Museum stehe vor einer beträchtlichen Erweiterung: Carmen Thyssen-Bornemisza, die vierte Ehefrau des Barons, wird ihre rund 600 Bilder zählende persönliche Sammlung für elf Jahre kostenlos zur Verfügung stellen. Der spanische Staat beschloss daher den Kauf zweier angrenzender fünfstöckiger Gebäude, um die Nutzfläche des Museums nach dem Umbau von 16.000 auf 24.000 Quadratmeter zu erhöhen. Ein unschätzbarer Gewinn: Die phantastischen temporären Ausstellungen vermutlich die besten ihrer Art in ganz Spanien - werden in würdigeren Räumen, bei Naturlicht und auf der doppelten Fläche stattfinden.

Über den Nachteil mag noch niemand nachdenken, aber er kommt auf die Besucher des Museums ebenso zu wie auf den Direktor Tomás Llorens. Obwohl unter den Gemälden, die stilistisch vom 17. Jahrhundert bis zum Fauvismus reichen,Werke allererster Qualität sind, ist die künftige Gesamtmischung noch nicht abzuschätzen. Wahrscheinlich ist, dass eine Auswahl der Bilder der Baronin zunächst separat im Neubau gezeigt wird, um dann mit der alten Sammlung zu verschmelzen. Aber welche? Und wie viele? Die bewusste Komposition und der intime Charakter des bisherigen Museums werden jedenfalls verloren gehen: der Preis des Erfolgs. Vor dem Ende des Jahres 2003 ist mit der Einweihung des Neubaus nicht zu rechnen.

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Autor:
Paul Ingendaay