Madeira Spezialität Poncha

Jeder Poncha rächt sich. Und zwar dafür, dass der Madeirawein berühmter ist. Rache ist süß. Süß wie Honig. Dazu Zitronensaft und Aguardente, ein schnell fermentierter Rum - fertig ist der teuflische Mix. Ordentlich umrühren nicht vergessen, natürlich mit dem "Pimmelchen" - caralhinho, Pimmelchen, heißt der kleine Quirl dafür.

Umrühren ist wichtig, sonst schmeckt man den Alkohol zu sehr. Das darf aber nicht sein, der Poncha will sich einschleichen. Er will so tun, als könne er niemandem etwas zu Leide tun. So süffelt man arglos einen nach dem anderen, bis zum rauschseligen Ende. Besser, Sie machen Ihren Heimweg vorher klar, anderenfalls finden Sie ihn nicht mehr. Die Fischer Madeiras trinken den Poncha, bevor sie an Bord gehen. Früher fuhren sie mit kleinen Booten auf Waljagd, mit Liedern und Litern von Poncha fassten sie Mut. Heute braucht man den zwar immer noch, der Atlantik ist rau und tief. Aber Wale werden nicht mehr gefangen und die Boote sind besser.

Nun ist der Poncha vor allem flüssige Speise: Der Bienenhonig liefert die Energie, die Früchte geben die Vitamine. Und der Alkohol sorgt für den sicheren Stand bei hohem Wellengang - torkelnder Seemann auf schwankendem Schiff ergibt für letzteren eine verlässliche Senkrechte. Es heißt, pro Windstärke brauche ein Fischer ein Glas. Ein Dutzend Ponchas halten ihn selbst bei Orkan kerzengerade. Wer weiß. Mit dem Poncha wird alles so verschwommen: der Blick, die Geschichten, die Wahrheit.

Auch sein Ursprung ist nicht klar. In Indien gibt es ein Getränk namens Panche. Es besteht aus Reisschnaps, Zucker, süßem Kräutertee,Wasser und Gewürzen. Ein Histörchen berichtet von einem aus Indien kommenden Schiff voller Panche. Das Schiff sank vor Madeira, die Fässer trieben ans Ufer. Ihre Bergung dauerte ein paar sehr fröhliche Tage, schließlich war niemand mehr in der Lage, die Aufschrift auf den Fässern exakt zu entziffern. Aus Panche wurde Poncha. Weil auch die Ingredienzien landestypisch interpretiert wurden, erinnert heute eigentlich nur noch die Wirkung an den indischen Urtrank. Gestrandet war das Schiff seinerzeit angeblich vor Câmara de Lobos. Über einer Bucht voller bunter Fischerboote erheben sich dort große Felsen aus Lavagestein. Ein malerischer Ort und - wie die Insel im ganzen - sehr beliebt bei den Briten.

Vor vielen, vielen Jahren, so erzählt eine andere Poncha-Legende, soll es in Câmara de Lobos zu einem Streit zwischen einem Einheimischen und einem Briten gekommen sein. Ein Boxkampf sollte die Sache entscheiden. Der Brite hatte sich mit einem Schluck Whisky gewappnet, der Madeirenser sein Glas Poncha im Blut. Ein kolossaler Fausthieb fällte den Briten, er ging glatt k.o. "What a punch, aaah" - "Was für ein Schlag, aaah" - soll er nach seiner Wiederbelebung gejammert haben, daher der Name.

Die Schlagkraft des Ponchas hat sich seither oft bestätigt. In Ilhén, einem Ortsteil von Câmara de Lobos, spielten die Bewohner die heroische Schlacht zu oft nach; am Ende musste der ganze Ortsteil geräumt werden. Friedlicher geht es am Hafen zu, wo der Poncha in mehreren Bars ausgeschenkt wird. Man mixt ihn mit Orangensaft, Maracujas, mit Kiwis, mit Fruchtlikören, was der Wirkung keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: je süßer der Poncha, desto schmerzhafter das Erwachen danach.

Auf den weltweiten Siegeszug des Fischercocktails hofft man in Câmara de Lobos noch. Der Caipirinha hat das ja schließlich auch geschafft - und wird wie der Poncha aus Aguardente gemacht. Außerdem schmeckt er ebenso harmlos süß und wirkt ebenso verheerend. Manche meinen, der Caipirinha sei eine brasilianische Variante des Poncha. So wie ja so vieles erst auf Madeira ausprobiert wurde, um hernach in Amerika Furore zu machen.

Man denke nur an Christoph Kolumbus. Der soll ganz in der Nähe gelebt haben, auf Porto Santo. Möglich also, dass er Poncha trank. Viel Poncha. Kolumbus hat erfahren: Damit kann man sonstwo landen.

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Autor:
Maik Brandenburg