Madeira Nicht nur Paradies für Rentner

"Wenn Sie mich für dieses Seniorenparadies begeistern wollen, müssen Sie sich schon was ganz Besonderes einfallen lassen." Diese schroffe Abfuhr holte ich mir vor ein paar Jahren beim zuständigen Ressortleiter einer deutschen Zeitung, als ich versuchte, ihm eine Madeira-Reportage zu verkaufen. Madeira, die "Rentnerinsel". Ergraute Briten, die gruppenweise aus dieselnden Bussen klettern. Ein Etikett, das längst überholt ist.

Natürlich kommen die Pensionäre noch immer auf die Insel - warum auch nicht? Aber sie haben Gesellschaft bekommen. Von braungebrannten Beach Boys etwa, die in den Wintermonaten aus Kalifornien einfliegen und ihre Kräfte mit der mächtigen Brandung zwischen Paul do Mar und Jardim do Mar im Südwesten der Insel messen. Madeira, sagen die Surfer, ist das Hawaii Europas. Und zum Madeira Dig Festival im Dezember treffen sich Avantgardekünstler aus Japan, den USA und Europa mitten im Atlantik und präsentieren digitale Klang- und Bilderwelten.

Sicher, es gab eine Zeit, in der kamen nur die gebrechlichen Europäer auf diese Insel. Und manche von ihnen fühlten sich nicht einmal wohl. "Öffentliche Vergnügungen fehlen eigentlich vollständig. Es gibt weder Museen, noch Galerien. Das Theater ist ganz unansehnlich ..." Das schrieb der deutsche Pathologe Paul Langerhans, der 1885 nach Funchal kam, um eine hartnäckige Tuberkulose zu kurieren. Und auch Königin Sisi, die sich hier 1860/61 von ihrer Schwindsucht erholte, war nicht allzu begeistert. In einem Brief an den Grafen Grünne schrieb sie: "Wie sehr mir das ordentliche Reiten abgeht, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Das stundenlange Schrittreiten auf dem schrecklichen Pflaster hier und dazu die furchtbaren Pferde ..."

Doch Madeira hat sich verändert. Pralles Leben spüre ich schon beim ersten Bummel durch die Innenstadt von Funchal. Eine sympathische Mischung aus professioneller Geschäftigkeit und entspannter Gelassenheit, wie man sie sonst nur rund ums Mittelmeer findet. In ihrer Mittagspause lassen sich dunkelgrau gewandete Banker im kleinen Stadtpark von der Sonne wärmen. In der Halle des Mercado dos Lavradores stöckeln drei Boutiqueverkäuferinnen kichernd zwischen den Ständen mit Bananen und Papayas, Mangos und Weintrauben hindurch. Und das längst prächtig herausgeputzte Teatro Municipal de Baltazar Dias ist die ideale Kulisse für eine bica, einen portugiesischen Espresso im zugehörigen Café - mit bestem Blick auf das Treiben in der Fußgängerzone.

Es sind nicht nur die urlaubenden Ruheständler, die Madeiras Image prägen. "Insel des ewigen Frühlings" rufen Marketingstrategen, dabei gibt es dort draußen auf dem Atlantik die gleichen Jahreszeiten wie überall in Europa: Im Sommer kann es durchaus schweißtreibend heiß werden. Kühler, aber an der Küste selten kälter als 17 Grad, ist es im Winter, und in den Bergen haben mir auch schon die Zähne geklappert, wenn ich nachts unvorsichtigerweise im dünnen Pulli aus dem Restaurant nach Hause lief. Tagsüber aber herrschen dann ideale Temperaturen zum Wandern oder Golfspielen.

"Blumeninsel im Atlantik" ist auch so ein gern bemühtes Stichwort. Dabei hat die Insel viel mehr zu bieten als strahlende, exotische Blüten, die ihre Bewohner und Besucher im Laufe der Jahrhunderte importierten. Prächtig blühende Strelizien und Hortensien, Magnolien und Kamelien, Rhododendren und Orchideen, wie sie alljährlich Ende April im Mittelpunkt des weltberühmten Blumenfestes stehen, sind in den gepflegten Parks und Gärten allgegenwärtig. Wahre Raritäten aber finden Pflanzenfans eher im zum Unesco-Weltkulturerbe gehörenden Lorbeerwald von Ribeiro Frio. Schon die Fahrt von der Küste hinauf in die Bergregionen führt durch verschiedene Klima- und Vegetationszonen. Wo sonst lässt sich Botanik in einem solchen Schnelldurchlauf erleben?

Nicht nur viele Ausländer haben ihr Interesse für die Insel entdeckt. Nachdem die Festlandsportugiesen über viele Jahre hinweg ihren Außenposten im Atlantik weitgehend ignorierten, ist es bei Künstlern aus Lissabon inzwischen hip, sich einige Monate oder Jahre von dessen imposanter Landschaft inspirieren zu lassen. Und die Insel profitiert davon - neue Ideen, Kunst, Literatur, Madeira schmort nicht mehr im eigenen Saft, sondern tauscht sich aus mit Portugal und der ganzen Welt.

Wer genauer hinsieht, kann das gut auf dem Gebiet der Architektur entdecken. Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist das Centro das Artes Casa das Mudas in Calheta im Südwesten der Insel, ein spektakuläres, von Tageslicht durchflutetes, ganz aus heimischem Vulkangestein erbautes Museum für moderne Kunst. Der Besucher betritt es über das Dach und steigt dann drei Stockwerke hinab, wobei sich immer wieder spektakuläre Ausblicke auf den Atlantik eröffnen.

"Man muss diese Landschaft verstehen. Es ist eine ethische Aufgabe, die natürliche Umgebung zu respektieren", sagt Paulo David. Mit seinem Kollegen Alvaro Siza Vieira aus Porto ist der Architekt des Museums der international wohl renommierteste des Landes. Ich besuche ihn in seinem luftigen Atelier im Zentrum von Funchal. Leise Jazzklänge flirren durch den Raum, aus den Fenstern sieht man die Berge und das Meer. David wurde auf Madeira geboren, studierte in Lissabon und kehrte nach zwölf Jahren wieder auf "seine" Insel zurück. Er ist überzeugt, dass das, was die Briten splendid isolation nennen, auch auf Madeira seine Vorteile hat. "Wer so weit ab vom Schuss lebt, setzt enorme Energie frei, um möglichst viel über den Rest der Welt zu erfahren. Und gerade weil die Insel so allein für sich im Ozean liegt, kommen viele Besucher zu uns."

Lange hat sich David als Einzelkämpfer gefühlt, der die ästhetische Identität der Insel verteidigt. Hat gelitten wie ein Hund, wenn er die Apartmentklötze sah, die in der Bucht von Funchal in die Höhe schossen. "Die Menschen haben die Landschaft schon verändert, als sie die ersten Terrassen an den Steilhängen anlegten, um hier Landwirtschaft betreiben zu können. Aber diese Terrassen standen in Einklang mit der Natur."

Inzwischen aber hat er das Gefühl, dass sich ein neues Denken durchsetzt. "Die Madeirenser begreifen, wie klein die Insel ist und wie schwierig es ist, dieser Landschaft gerecht zu werden. Man muss sie dafür begeistern, dass die Insel ein lebendiger Organismus ist." Wenn es nach Paulo David ginge, wäre Madeira irgendwann einmal nicht nur bekannt als die Insel der Blumen, des ewigen Frühlings, der Rentner und der Surfer, sondern auch ein Denkmal für lebendige Architektur. Oder, noch besser, eine paradiesische Insel ganz ohne Klischees.

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Albrecht Heinz