Madeira Die Hauptstadt Funchal

Was ist mit den Rentnern passiert? Im Flugzeug hingen sie noch matt in ihren Sitzen. Nun sind ein paar Tage in Funchal vergangen, und ich erkenne sie nicht wieder. Am Morgen schnüren sie ihre Schuhe, die Digitalkamera am Gürtel, den Rucksack geschultert für die Beute des Tages: Blumen, Samen und eine ordentliche Flasche Madeira-Wein. Und, wie es einer von ihnen selbst formuliert, die "Seele voller Luft und Sonne".

Tagsüber treffe ich sie in einem der vielen Cafés, im Museum, im Souvenirladen. Oder ich sehe sie in den Stadtgärten, die Nasen verzückt über Orchideen und Strelitzien. Am Abend schreiben sie Postkarten und wirken dabei ausgeruht wie nach langem, erholsamem Schlaf. Noch später sitzen sie an der Hotelbar, wo sich eine Sängerin um romantische Versionen einstiger Smokie-Hits bemüht. Vergeblich, ins schönste Tremolo rufen die ergrauten Teenager: "Alice? Alice? Who the fuck is Alice?"

José Melim Mendes lächelt. Er kennt das. Wer nach Funchal kommt, dem ergehe es wie den Pflanzen dieser Insel zu jeder Jahreszeit. "Sie blühen auf", sagt Senhor Mendes. Mit ihm sei es ja das Gleiche. Er müsse nur ein paar Tage auf dem Festland sein, in Lissabon etwa. Dort reiße ihn die Hektik mit. Doch kaum zurück im "Städtchen" Funchal, laden sich seine Batterien gleich wieder auf. "Vielleicht liegt es an den kleinen Parks", sinniert der 64-Jährige. "Oder am Meer, das jeden Stress schluckt." Ich solle mir nur mal die Spaziergänger entlang der Promenade angucken. "Das ist noch echtes Schlendern."

Funchal wächst vor allem in die Höhe

Es hat ja auch keinen Sinn zu rennen. Funchal wächst vor allem in die Höhe. Vom Meer gesehen, scheinen die Häuschen aus dem Fels geschlagen. Die Straßen sind steil, verwinkelt, schon das bremst den schnellen Schritt. Es sei denn, man heißt Cristiano Ronaldo. Dem Fußballstar waren eben diese Straßen Trainingsplätze, dort abgestellte Autos die Gegner. Niemand in der Welt umspielt den Gegner auf engem Raum so gut wie er. Für alle anderen gilt: Wer sich verausgaben will, der greift zum Wanderstab und marschiert raus aus der Stadt über die Insel. Funchal aber ist gemacht für den Spazierstock.

 

Mercado dos Lavradores in Funchal
Walter Schmitz
In der zweigeschossigen Markthalle "Mercado dos Lavradores" in Funchal herrscht von Montag bis Samstag Hochbetrieb.

Nur gemütlich, sonst verpasst man einiges. Ich spreche nicht von den großen Sehenswürdigkeiten wie der Kathedrale Sé oder dem Theater mit seinem fürstlich ausgestatteten Innenraum. Auch den "Jardim Municipal" gleich gegenüber, den größten Garten der Stadt, kann man nicht verfehlen. Nein, mir geht es um die Kleinigkeiten, denen nur gemächlichen Schrittes nachgespürt werden kann: Details, die das Wesen dieser Stadt offenbaren. Nur wer sich Zeit nimmt, achtet auf die Pflastergalerie in der Rua de Queimada de Cima: Bodenmosaike aus schwarzem Basalt und weißem Kalkstein, die inseltypische Szenen wie die berühmten Korbschlittenfahrer zeigen. Oder bemerkt die in viele Wände eingelassenen blau-weißen Motivfliesen. Und macht sich der Schlenderer die Mühe, der Stadt auf den Kopf zu steigen, blickt er bald in tiefe Schluchten. Sie sind grün und bunt vor Blumen. Es sind die schönsten Abgründe, in die ich je sah.

 

Auch Funchals niedliches Studentenviertel habe ich langsam entdeckt. Gerade mal ein paar unscheinbare Gassen rund um die Katholische Universität gehören dazu und der Platz am Kirchlein Igreja do Carmo. Das Viertel ist leicht zu übersehen, man achte darum auf die erhöhte Dichte freier Bauchnabel. Besonders stolz bin ich darauf, die Rua do Frigorifico gefunden zu haben. Der Name bedeutet "Kühlschrank-Straße". In Funchal gibt es einige merkwürdige Straßennamen, etwa die Rua da Carne Azeda - "Straße des sauren Fleisches" oder die "Quebra Costas" - die "Rückenbrecherstraße". Dafür gibt Erklärungen: In der einen war einst die Zunft der Fleischer zu Gange, die andere hatte ein Pflaster, das einem die Wirbel knacken konnte. Doch bei der Rua do Frigorifico wusste niemand den Grund für diese Bezeichnung. Selbst Senhor Mendes nicht, der ein dickes Buch zur Historie Funchals herausgegeben hat. Ich habe mir Zeit genommen, bin mehrmals hindurch gegangen. Ein steter Wind säuselt hier und bringt Kühlung. Und, o Wunder, man hat ihn immer im Rücken.

Ein einziges Stillleben aus exotischen Früchten

Beginnen sollte man in Funchal, wo alles begann - in Santa Maria, dem ältesten Teil der Altstadt, seit mehr als 500 Jahren bewohnt. Damals wuchs hier überall der Fenchel, von daher hat die Stadt ihren Namen, Funchal. Heute findet man Fenchel fast nur noch auf den Salattellern der Restaurants. Das ist bemerkenswert auf einer Insel, wo es ansonsten jede Pflanze dieses Planeten zu geben scheint. Möchte der Besucher sie nicht selbst einsammeln, kann er sich im Mercado dos Lavradores bedienen, der Markthalle am Rande der Altstadt. José Melim Mendes besitzt Postkarten von früher, die zeigen, dass es hier damals schon genauso aussah wie heute: Die ebenerdigen Stände fast völlig von Blumen bedeckt, als wucherten sie aus den Gestellen. Dahinter die gleichen stämmigen Frauen, die gleichen harten Gesichter, besänftigt von einer Schminke aus Blütenstaub.

Das Stockwerk darüber ist ein einziges Stillleben aus exotischen Früchten. Die Händler haben ihnen Namen nach tatsächlich eigenem Geschmack gegeben. Sie bieten Tomaten-Maracuja feil, Bananen-Maracuja und einen essbaren Philodendron, den sie Bananen-Ananas tauften. Die Halle gilt als eine der größten Attraktionen der Stadt, zumindest olfaktorisch dürfte das stimmen. Im Mercado duftet es, dass man sich fragt, warum der Markt nicht schon längst im Guinness-Buch steht: als größter Flakon der Welt.

 

Die Igreja do Colégio in Funchal auf Madeira.
Walter Schmitz
Außen schlicht, innen prächtig: Die Igreja do Colégio in Funchal wurde im 17. Jahrhundert von Jesuiten erbaut.

In Santa Maria drängen sich die Häuser aneinander. Sie stehen "Schulter an Schulter", sagt Senhor Mendes. Funchal musste sich einst einiger Piratenüberfälle erwehren. Heute wird die Altstadt von den Vermögenden des Festlandes entdeckt. Sie bringen Putz und frische Farbe mit und ein Gespür für den Charme der Jahrhunderte. Die Altstadt, seit jeher das Viertel der Fischer und Stauer, die Arme-Leute-Gegend, wird zur besten Adresse. Selbst brüchiges Gemäuer steht hier hoch im Kurs, in zu hohem manchmal. So bröckelt Ruinöses vor sich hin, während nebenan Restauriertes glänzt.

 

Fischer wohnen immer noch hier. An den Rückseiten der Restaurants stehen ihre Schuppen, dort machen sie ihre Boote klar. Betreten Nachtschwärmer ihr Revier, grummeln sie. Aber nicht zu laut, schließlich leben sie von den Gästen und deren Appetit auf ihren Fang. Die Restaurants sind klein, zahlreich und liegen so dicht beieinander, dass der Koch des einen dem Kellner des anderen die Teller füllen könnte. Dennoch sitzt es sich gemütlich. Vor allem zu später Stunde, wenn die Fischer in Sichtweite ihrem Nachtwerk nachgehen.

Glamour trifft Gemütlichkeit

Stauer allerdings gibt es hier nun wirklich nicht mehr. Senhor Mendes sah sie als Kind noch mit langen Stangen die Fässer ans Ufer staken. Container liefern nun die Fracht fürs Eiland. Er erinnert sich gut an den Klang der Kuhhörner, mit denen sich die Stauer im Nebel verständigten: ein tiefes, gezogenes "Oooohhh". Heute ertönt ein ähnlicher Ton, nur viel tiefer, lauter. Es kommt von den großen Passagierschiffen, drei sind es just, die an der Pier festgemacht haben. An diesem Montag im April entlassen sie rund 7000 Tagesgäste - Rekord. Sie machen klar, was längst das wichtigste Wirtschaftsgut Madeiras ist.

 

Reid's Palace Hotel auf Madeira.
Walter Schmitz
Die Terrasse des Reid's Palace Hotel ist wohl der exklusivste Ort für den five o'clock tea,

Funchal, die Stadt, kann sich indes nur bedingt über die Landgänger freuen. Autobusse warten mit laufenden Motoren am Kai, von dort geht es ins Hinterland. Eine direkte Anbindung vom Kai zur Autobahn ist im Bau. Sie führt vorbei an der "Quinta Magnolia", einem der wundervollen Mini-Paradiese der Stadt. Neben den alten Tennisplätzen steht dort ein modernes Fußballstadion; Flutlicht, VIP-Ränge, alles sehr modern. Für José Melim Mendes ist dies Ausdruck einer fatalen Entwicklung. "Funchal will Urlauber um jeden Preis." Man muss knapp 30.000 Hotelbetten belegen. Gleich hinter dem berühmten "Reid's Palace" hat sich wiederholt, was vor einigen Jahrhunderten in Santa Maria begann: Die Büsche wurden gerodet, immer neue Hotels wuchsen aus dem Fels, immer größer, prächtiger. Zementfirmen siedelten sich am Stadtrand an, die Touristenburgen wuchsen schneller als ein Beifußgestrüpp. Neuerdings wuchert der Beton nicht mehr so üppig. Das "Palacio" etwa am Rande des Hotelkomplexes ist momentan eine Bauruine. Die allgemeine Krise ist auch in Madeira alles andere als wachstumsfördernd.

 

Dennoch ist die Stadt fest entschlossen. Sie will weg von der Beschaulichkeit, die einige Stadtväter "hinterwäldlerisch" nennen. Ihnen sind die beiden größten Abenteuer Funchals - die Tour mit der Seilbahn hinauf zum Botanischen Garten und die Schussfahrt vom Vorort Monte per Korbschlitten bis fast ins Zentrum von Funchal - nicht genug. Man munkelt über eine weitere Seilbahn, über eine neue Rennstrecke, einen Sportkomplex. Man leidet darunter, keinen Strand zu haben wie Porto Santo. Ja, es gibt ein paar Strände, wie den Praia Formosa östlich der Stadt. Aber der sei ja wohl ein Witz: gerade handtuchgroß und schwarz. Geplant ist darum, ihn mit "goldenem Sand" aufzuschütten, dem hellen, strahlenden von der Nachbarinsel. Senhor Mendes nennt das künstlich gebleichte Areal den "Michael-Jackson-Strand". "Ein Monster. Nach jedem Sturm ist die helle Schicht weg, dann ist er wieder schwarz."

Jetzt soll es auch den alten Fischerhafen treffen, er ist der bald verlängerten Pier im Wege, an der noch mehr Kreuzliner anlegen sollen. Dabei ist das kleine Areal eine der leisen Sensationen Funchals. Man muss den Hafen am Morgen besuchen, am besten vor sechs Uhr. Nicht reden, nur schauen. Aus dem atlantischen Dunkel tuckern die Kutter ins Licht des Hafens. "Amanhecer" - "Sonnenaufgang" - ist der Nacht und allen anderen Booten voraus, in den Kisten zappeln die Verheißungen eines köstlichen Abends. Auch "Deus Me Faca Feliz" - "Gott, mache mich glücklich"- hat sich den Bauch vollgeschlagen. Immer mehr Kutter legen an. Beinahe wortlos arbeiten die Fischer, ihre Fänge fliegen in aufgereihte Kisten: die sardinhas in die eine, die Thunfische in die andere, die carneiros, die pretos, die cavalas. Nur der Schwarze Degenfisch wird weggetragen, als wolle man seinen Anblick niemandem zumuten. Sein Leib ist ein schwarzer Stock, den Zähnen selbst des toten Tieres mag man nicht nahe kommen; die großen Augen sind herausgedrücktvon der mörderischen Dekompression aus über tausend Metern Tiefe.

Der Blick geht fast überganglos von einem Blumenmeer zum Ozean

Drumherum stehen die Käufer aus den Restaurants, sie lassen kein Auge von der Pracht, erst recht nicht, als die Kisten in eine kleine Halle geschoben werden. Da wissen sie längst, welche sie haben wollen, ersteigern sie bei der allmorgendlichen Auktion - oft binnen Sekunden. Sind die Kisten verladen, rauschen die Kastenwagen davon. Ein Fischer fegt die Schuppen vom Kai, die Morgensonne lässt sie glitzern. "Noch mehr liebe ich die Abendsonne über dem Meer", sagt Elisabeth Gesche. In ihrer Kindheit seien dann die Kaninchen aus dem Bau gekrochen, um Datteln zu fressen. "Wir nannten die Zeit deshalb 'Sonnchen der Kaninchen'", sagt sie. Von ihrem Grundstück geht der Blick fast überganglos von einem Blumenmeer zum Ozean. Auf den Dächern ringsum trocknen Kürbisse. Silberbananen, Geranien, Magnolien, Rosen sprießen; eine Korkeiche - "vielleicht die größte Madeiras" - wirft einen ungeheuren Schatten. Und da sind die Palmen. "Meine Großmutter hat sie 1891 gepflanzt", sagt Frau Gesche.

Frau Gesches "Quinta Olavo" ist meine letzte Entdeckung in Funchal. Ach was, die alte Dame selbst ist es. Eine leise, freundliche, kluge Frau von bemerkenswerter Kraft. Die 85-jährige Deutsche ist in Funchal geboren. 30 Jahre lang war sie die deutsche Honorarkonsulin für Madeira. Das Amt hatte schon ihr Großvater mütterlicherseits inne, der vor rund 150 Jahren hierher kam; auch der Vater, der 1898 eigentlich nach Brasilien wollte und in Funchal hängen blieb.

Elisabeth Gesche pflegt mit Leidenschaft ein eigentümliches Hobby: Ein großer Raum ihres Hauses ist ein Marinemuseum. Gemälde, Plaketten, Fotos deutscher Militärschiffe und ihrer Kapitäne, die in Funchal festmachten. Prinz Heinrich, der Bruder des letzten Kaisers, hat sein Bild signiert. Kapitän Lothar von Arnauld de la Perière präsentiert seine Epauletten. "Ach, den kennen Sie nicht?", fragt die Hausherrin tadelnd. "Er war doch der erfolgreichste U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkrieges." Das Gästebuch der "Quinta Olavo" ist mehr als hundert Jahre alt und elf Bände schwer. Frau Gesche liest darin, wenn die Abende lang sind. Sie schreibt ein Buch über ihr Leben. Neben der Schreibmaschine liegen ein paar frisch gepflückte Nespera, die Frucht einer Mispel. Daneben selbst gebackene Kekse, deutsches Rezept.

Dann sitze ich wieder im Garten, das "Sonnchen der Kaninchen" ist fast untergegangen. Der Himmel ist bunt, als spiegelten sich alle Farben der "Quinta Olavo" darin. Ich atme den geballten Duft Tausender Blumen und Blüten ein. Von nahem plätschert das Wasser in einer Levada, einem der künstlich angelegten Wassergräben, ich fühle mich wunderbar zufrieden. Eine Gruppe deutscher Rentner geht singend zu Tal. Irgendwann, vielleicht in 30 Jahren, werde ich matt und müde aus einem Flugzeug steigen und mich ihnen anschließen. Ich freue mich darauf.

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Autor:
Maik Brandenburg