Madeira Einzigartige Flora der Insel

Land in Sicht! Endlich, nach tagelanger Seefahrt hebt sich am Horizont ein kegelförmiger Berg aus dem Ozean. Kapitän João Gonçalves Zarco lotet von seiner Karavelle aus die Tiefe mit dem Senkblei. Eine halbe Seemeile vom Festland entfernt, entdecken die portugiesischen Eroberer vorgelagerte Felsinseln, eine langgestreckte Landzunge im Osten, wohlgeformte Buchten und dichte Wälder, die sich bis ins Gebirge hochziehen. "Ilha da Madeira" taufen sie das grüne Eiland - Holzinsel.

Kapitän Zarco befiehlt, den Anker zu werfen. Von Bord aus kann er an der Küste keine Anzeichen einer Besiedlung erkennen. Er schickt eine bewaffnete Vorhut los, die in kleinen Booten an Land rudert. Bei ihrer Rückkehr bestätigen die Kundschafter: Die Insel ist unbewohnt. Weder Eingeborene noch gefährliche Tiere sind ihnen begegnet, nur Vogelschwärme, ein paar Fledermäuse und Mönchsrobben.

So könnte die Begegnung der Portugiesen mit Madeira um 1420 wohl ausgesehen haben. Heute kaum vorstellbar, dass die Insel einmal von dichtem Wald bestanden war. Die üppige, vielfältige Vegetation, exotische Pflanzen, farbenprächtige Blumen - kaum etwas davon gab es bei Ankunft der Portugiesen. Ein großer Teil des Pflanzenreichtums wurde im Laufe der Zeit importiert, ebenso wie die meisten Säugetiere: Hunde, Katzen, Kaninchen, Ratten, Rinder - alles Immigranten.

Die großen Waldgebiete, die Zarco und seine Männer bei der Landung vorfanden, verschwanden nach und nach, als Siedler sich auf Madeira niederließen. Das Holz der Bäume verbrannte bei der Rodung und in den Öfen der Zuckermühlen, die Stämme verwandelten sich in Schiffsplanken und Masten der madeirensischen Zuckerflotte. Aus Zedern zimmerten die neuen Herren dekorative Kirchendecken. Drachenbäume bluteten aus, weil sich ihr Saft für Farbstoffe eignete.

Von den auf der Insel vorkommenden Pflanzen kannten die Pioniere wenig mehr als den wilden Fenchel, funcho, nach dem sie ihre erste Siedlung nannten: Funchal. Und auch der Fenchel war bald verschwunden. Wo er wuchs, entstanden Häuser, Getreidefelder, Zuckerrohrplantagen, Bananenkulturen und später Rebgärten.

Der Wandel von der Wald- zur Blumeninsel vollzog sich im 18. Jahrhundert. Ganz Europa war damals im Blütenrausch. Die aufgeklärte Gesellschaft begeisterte sich für alles, was exotisch war. Naturwissenschaften standen hoch im Kurs, und unter Aristokraten brach ein wahres Gartenfieber aus, vor allem in England. Die Royal Society schickte Pflanzensammler auf andere Kontinente, um neue Arten zu entdecken, sie auf ihren Nutzen in den Kolonien zu prüfen. Die Sammelleidenschaft weitete sich förmlich zur Jagd auf unbekannte Pflanzen aus. Fürsten und Könige schmückten ihre Orangerien, Gärten und Parks mit exotischen Blumen, Sträuchern, Bäumen - und rühmten sich selbst der wissenschaftlichen Ersterfassung.

"Madeira lag auf der Route ihrer Kolonien", erklärt Roberto Jardim, Direktor des Botanischen Gartens in Funchal, dessen Nachname passenderweise das portugiesische Wort für "Garten" ist. Rund 2000 Arten aus fünf Kontinenten bilden den Pflanzenschatz der Insel. "Die Briten bedienten sich der Insel als Zwischenstation, um sich zu akklimatisieren. Bei der Rückkehr brachten sie immer neue Pflanzen mit." Heute findet sich praktisch jede auf Madeira vorkommende Spezies im Botanischen Garten in Funchal. Der Direktor sieht noch einen zweiten wichtigen Pflanzenstrom: die Armut der Landbevölkerung, die noch vor wenigen Jahrzehnten viele zur Auswanderung nach Südafrika, Südamerika und Australien gezwungen hatte. "Zu jeder Familienfeier und in jedem Urlaub", sagt Jardim, "brachten die Ausgewanderten als Geschenk Setzlinge oder Samen in die alte Heimat mit."

Aus Südafrika kamen Strelitzie, Protea, Aloe, Agapanthus, Fackellilie und Kalla, in Japan wurden Kamelie, Hortensie, Liguster und Orchideen verschifft, aus China Hibiscus, Jasmin und Feuerdorn herbeigeschafft. Jacaranda und Korallenbaum waren Importe aus Brasilien, aus Australien reisten Flammenbaum und Mimose an, aus Mexiko Agave, Dahlie, Zinnie und Poinsettiagewächse. Bald war die Insel wegen der exotischen, subtropischen Vegetation in aller Munde. Dichter und Denker verstiegen sich in die blühendsten Phantasien, um dem Blütenzauber verbal Ausdruck zu verleihen. Es kursierten Namen wie "Blume des Ozeans", "Schwimmender Garten im Atlantik" oder "Garten irdischer Lüste".

Der Blumenrausch löste eine Reisewelle nach Madeira aus, und Funchal wurde zum Ziel der Blütenpilger. Besonders die Engländer hatten sich schon früh in das milde Klima, die Flora und in die Quintas, die vornehmen Landsitze, verliebt. Doch nun kam halb Europa. Reisen war im 19. Jahrhundert ein Luxus, den sich nur Blaublütige oder der Geldadel leisten konnten. Wer die beschwerliche Atlantikfahrt auf sich nahm, hatte Personal dabei und blieb für mehrere Monate, manchmal ein Jahr.

In einem Madeira-Reiseführer von 1885 waren 93 Landgüter und Villen zum Mieten aufgeführt. Doch die vorhandenen Quartiere reichten bald nicht mehr aus. Die Architekten von Quintas hatten Hochkonjunktur, ebenso die Gartenplaner. Fast jeder, der etwas auf sich hielt, baute sich eine Quinta mit üppigem Garten. Eine der ältesten ist die Quinta das Cruzes, heute ein Museum mit archäologischem Park. Schon Kapitän Zarco soll hier Quartier genommen haben.

Blumenrauschund Blütenpilger

Viele Jahre später, 1881, errichtete der Schotte William Reid die Quinta do Bom Sucesso samt 35 Hektar großem Park, dem heutigen Botanischen Garten. Reid agierte damals schon seit knapp 50 Jahren in Funchal und machte ein Vermögen mit Wein und der Vermietung von Quintas. Da das Geschäft gut lief, plante er ein Grandhotel: Er baute es im Quinta-Stil und legte einen großzügigen subtropischen Garten an. 1891 wurde das Reid's eröffnet und ist bis heute eines der prestigeträchtigsten Häuser der Insel.

Die Bewohner der Quintas besaßen Platz und Mittel. Kein Aufwand war ihnen zu groß. Sie beschäftigten ausgebildete Gärtner und Landschaftsarchitekten, die Terrassen und Seen schufen, thematische Areale erdachten, Buchsbaumhecken in Form schnitten, Wege pflasterten, die sich durch die Landschaft schlängelten. Generationen von Gärtnern pflegten Generationen von Platanen, Mimosen, Magnolien und Kamelien. Unter den Gartenbesitzern entwickelte sich ein Wettbewerb: Wer besitzt die schönsten Blüten, wer die exotischsten Pflanzen und Bäume?

Auf der kleinen, engen Insel, wo die Ankunft von Schiffen und Telegrammen als Sensationen des Tages vermeldet wurden und der Empfang von Gästen als hochrangiges gesellschaftliches Ereignis galt, wurden Gartenpracht und kunstvolle Blumenarrangements zu einer Frage des Status. "In der obersten Liga spielte, wer zu jeder Jahreszeit etwas zum Blühen brachte", sagt Botaniker Jardim.

Vom ausgedehnten Wald, den die Portugiesen hier einst fanden, ist nur ein kleiner Rest geblieben. Wo früher einheimische Gewächse die Flächen bedeckten, wuchern heute importierte Pflanzen wie Akazien, Eukalyptus, Zieringwer und Blaugrüner Tabak und verdrängen die letzten Arten der einheimischen madeirensischen Flora. Nur an den weitgehend unzugänglichen Nordhängen überlebte ein Baumfossil der ursprünglichen Vegetation: der Lorbeerwald, auch Laurisilva oder Laurazeenwald genannt. Er stammt aus dem Tertiär, war in Europa und Nordafrika verbreitet, bis die Eiszeiten ihn dezimierten. Relikte sind nur noch auf dem vulkanischen Gürtel im Zentralatlantik anzutreffen - auf Madeira, den Azoren und Kanaren, einem Gebiet, das die Pflanzengeografie Makaronesien nennt.

Seltene Spezies haben im Lorbeerwald überlebt, darunter Stinklorbeer, Kanarischer Lorbeer, Azorischer Lorbeer, Madeira-Mahagoni und Maiblumenbaum. Um diese Überreste zu schützen, wurden 1982 fast zwei Drittel der Insel zum Naturpark erklärt. Im Jahr 1999 nahm die Unesco den Lorbeerwald in die Liste des Weltnaturerbes auf. "Das geschah nicht aus Sentimentalität", sagt Raimundo Quintal, einer der engagiertesten Umwelt- und Naturschützer der Insel. Denn für eine wasserarme Gegend wie Madeira gibt es keinen besseren Wassersammler als den Laurisilva. Selbst Nebelwolken wandelt er noch in Wasser um. Und er gibt dem Boden Halt, beugt so der Erosion vor.

"Wir schützen aber nur den Bestand", bedauert Quintal. Das sei immerhin etwas, weil auch dieser bedroht sei. Der promovierte Geograf und Botaniker kämpft für Madeiras Natur - und gegen die Regionalregierung, die Pläne der Baulöwen und die Ignoranz der Bewohner. Seine Waffen sind Aufklärung, Überzeugung und Schulung. "Mindestens 75 Prozent der Madeirenser setzen nie einen Fuß ins Grüne", klagt er. Quintal selbst wandert mindestens einmal pro Woche, um zu sehen, was ihm der Laurisilva zu sagen hat. Der Naturschützer sieht ausgerechnet die vielfältigen Importpflanzen, auf die Madeira so stolz ist, als größtes Übel der Insel. "Gewiss, das ist exotisch", meint Quintal. "Doch das hiesige Ökosystem ist extrem fragil." Jedes Verpflanzen sei eine Störung, jede Störung habe Konsequenzen.

Die Natur ist Madeiras kostbarster Schatz. Kaum ein Tourist kommt wegen der Kultur oder der Architektur hierher. Die Verantwortlichen im wichtigsten Wirtschaftszweig, dem Tourismus, werben zwar mit der Natur, vergeben aber gleichzeitig immer mehr Lizenzen, um dieselbe mit immer mehr Hotels und Straßen zu verbauen. Die neueste Bedrohung des Lorbeerwaldes ist die geplante Seilbahn mitten im Schutzgebiet. Sie soll von Rabaçal über das Tal der 25 Quellen bis nach Paúl da Serra gebaut werden. "Wozu?" fragt der Ökologe. Die Natur sei doch keine Kulisse wie im Fernsehen! Wer den Laurisilva sehen will, soll ihn erwandern. Quintal hat bereits Klage gegen die Regionalregierung eingereicht.

Auch mit der vielbewunderten Strelitzie ist Quintal nicht grün. Die auffällige orangegelb-blau leuchtende Prachtblume blüht in allen Gärten, weshalb viele sie für das Wahrzeichen der Insel halten. Aber eine südafrikanische Pflanze trage diesen Titel nicht zu Recht, sagt Quintal: "Unsere Inselblume muss hier zu Hause sein." Einen Ersatz hat er schon, nämlich das prächtig blaublühende, strauchförmige Natternkopfgewächs, dessen Blüten die Form eines Maiskolbens bilden. Der lateinische Name lautet Echium candicans, die Madeirenser nennen es Massaroco, bei den Engländern heißt es Pride of Madeira - Madeiras Stolz.

"Eine offizielle Blume Madeiras hat es nie gegeben", sagt Roberto Jardim.Wenn überhaupt ein Wahrzeichen, dann soll es seiner Ansicht nach die seltene, gelb blühende Goldmusschie, Musschia aurea, sein. Was Jardim an ihr so fasziniert: Sie blüht ausschließlich auf Madeira. Alle Versuche, sie außerhalb der Vulkaninsel anzusiedeln, sind gescheitert.

Doch Echium hat wohl die besseren Karten. Auf allen Grünflächen der neuen Uferpromenaden ist es schon gepflanzt. Es gedeiht prächtig und macht sich bekannt. Inzwischen blüht der Stolz Madeiras sogar in deutschen Gärten.

Schlagworte:
Autor:
Beate Schümann