Luxemburg Das Land der Superlative

"Mir wölle bleiwe, wat mir sin", sagt der Luxemburger. Was er nicht sein will, verrät er auch: weder Franzose noch Belgier, geschweige denn "Preise", wie die Deutschen hier noch immer genannt werden. Was dann? Selbstgenügsamer Mustereuropäer oder polyglotter Provinzler, kosmopolitischer Royalist oder kaufkräftiger Kleinstaatler? Der Luxemburger, das unbekannte Wesen? Nicht wirklich! Wer hier geboren wird, ist rasch bekannt. Das ist nicht verwunderlich in einem Land, in dem jeder behauptet, jeden zu kennen. Wer heute noch Dorfbürgermeister ist, kann morgen schon Außenminister sein - in Luxemburg ist das möglich.

Der nach Malta zweitkleinste EU-Staat ist nur 17 Quadratkilometer größer als das benachbarte Saarland, zählt aber deutlich weniger Einwohner: Rund 460.000 Menschen leben zwischen Mosel, Sauer und Ardennen. Wäre Luxemburg nicht schon das einzige, es wäre mit Sicherheit das kleinste Großherzogtum.

Doch kein zweites Land versteht es auch besser, mit seiner Überschaubarkeit zu wuchern. Ob in Bosnien oder im Kosovo, in Kabul oder im Kongo - überall ist Luxemburgs Armee im Einsatz. Jetzt peilt man gar einen Sitz im Weltsicherheitsrat an: 2013/2014 will Luxemburg dort vertreten sein - als nichtständiges Mitglied, versteht sich.

Dabei profiliert sich der friedliebende Kleinstaat auch ohnedies als diplomatische Größe. Jeglicher Hegemonialgelüste unverdächtig, ist man vor allem in Brüssel gefragt. Droht ein EU-Gipfel am Knatsch der "Großen" zu scheitern, sind es oft die Luxemburger, die vermitteln.

Das nährt das ausgeprägte Selbstbewusstsein, Vorzeige-Europäer zu sein. Schließlich ist die Kapitale des Großherzogtums, neben Brüssel und Straßburg, EU-Hauptstadt. Der Europäische Gerichtshof hat hier seinen Sitz, das Generalsekretariat des Europaparlaments und die Europäische Investitionsbank ebenso. Und dass Robert Schuman in Luxemburg geboren wurde, erfüllt hier jeden mit Stolz. Schade nur, dass der französische Regierungschef und Außenminister kein Luxemburger war und als Franzose in den Geschichtsbüchern firmiert.

Auch Jean-Claude Juncker pflegt die Rolle des Mustereuropäers. Doch der Premier, den sie hier "Staatsminister" nennen, verkörpert auch das, was den Luxemburger und damit auch den luxemburgischen Politiker ausmacht: mit allen können, mit niemandem im Clinch liegen - zumindest nicht auf Dauer. Damit das gelingt, kreierte man das Luxemburger Modell: In der so genannten "Tripartite" werden alle großen Reformvorhaben gemeinschaftlich ausbaldowert. Regierung, Gewerkschaften und Unternehmer sitzen mit am Tisch. Rasender Stillstand ist damit programmiert, doch die "Tripartite", die sich erstmals in der großen Stahlkrise der siebziger Jahre bewährte, soll zuerst dafür sorgen, dass der soziale Frieden gewahrt bleibt.

Dabei scheint der eh nicht in Gefahr in einem Land, in dem Löhne und viele Sozialleistungen automatisch an die Inflation angepasst werden. Und in dem Feiertage, die auf einen Sonntag fallen, auf den Montag verschoben werden. Auch der gesetzliche Mindestlohn von fast 1600 Euro lässt die Streikbereitschaft im Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen der EU gegen Null tendieren.

Selbst der konservative Premier würde das "Luxemburger Modell" nie in Frage stellen. So wie auch nahezu niemand im Land die Monarchie abschaffen will. Dabei hat der Ruf des Hofs in jüngerer Vergangenheit arg gelitten.

Denn als Großherzog Henri erst große Wälder und dann den Schmuck seiner verstorbenen Mutter verhökern wollte, rief das den geballten Protest der Untertanen hervor. So groß war der Unmut, dass der Herrscher sich vor dem Volk rechtfertigen und die Vorhaben schließlich stoppen musste. Zurück blieben Zweifel, ob der Hof wirklich so wohlhabend ist, wie allenthalben kolportiert wird. Sei's drum, die Luxemburger verehren ihre "Großherzogs", wie die Herrscherfamilie hier liebevoll genannt wird.

Selbst Kritiker räumen ein, dass der Hof enorm wichtig für den nationalen Zusammenhalt ist. Schließlich drohen die Luxemburger im eigenen Land marginalisiert zu werden. Der Ausländeranteil liegt bei 40 Prozent, in der Hauptstadt stellen Einheimische gar die Minderheit. An Werktagen pendeln zudem rund 120.000 Belgier, Franzosen und Deutsche ins Land - und verschärfen so das babylonische Chaos.

Dabei beherrscht praktisch jeder Bewohner mehrere Sprachen; was kaum überraschen kann, kennt das Großherzogtum doch gleich drei offizielle Landessprachen: Französisch, Deutsch und die eigentliche Muttersprache Lëtzebuergesch. Doch oft treibt die Dreisprachigkeit auch seltsame Blüten. So debattiert das Parlament auf Lëtzebuergesch französische Gesetzestexte, worüber die Zeitungen hernach auf Deutsch berichten werden. Bei Auswärtigen kann es derweil zu Orientierungsproblemen kommen, denn fast jeder Ort kennt zwei, oft sogar drei Namen. Wer nach Düdelingen will, fährt am besten nach "Diddeleng" und erreicht doch "Dudelange"; in jedem Fall ist er dann in der viertgrößten Stadt des Landes angekommen.

In Luxemburg ist eben alles eine Frage des Maßstabs. Das Land belegt aber auch Spitzenpositionen. Glaubt man der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dann sind die Luxemburger ein Volk von nikotinsüchtigen Zechern. Nirgends sonst in Westeuropa liege der Pro-Kopf-Konsum von Tabak und Alkohol höher, sagt die WHO. Was sie nicht sagt: Dank niedriger Steuern raucht und trinkt es sich in Luxemburg besonders günstig, weshalb Abertausende Belgier, Franzosen und Deutsche hier ihren Bedarf decken. Und weil man sich niedrige Höchstpreise für Sprit leistet, reisen täglich zehntausende Tanktouristen ins Land. Das verhagelt zwar die Klimabilanz, freut aber den Fiskus: Bei jedem Liter Treibstoff verdient er mit.

In Zapfsäulen-Hochburgen wie dem Grenzort Wasserbillig herrscht deshalb dicke Luft, doch auch die Regierung gerät zunehmend in die Bredouille: Weil Luxemburg seine Kyoto-Verpflichtungen weit verfehlt, wird es sich nun mit teuren Emissionszertifikaten eindecken müssen. Am Tanktourismus will man festhalten - solange es sich noch rechnet. Und aufs Rechnen versteht man sich bekanntlich in Luxemburg, einem der bedeutendsten Finanzplätze Europas.

Doch im vergangenen Jahr verkalkulierte man sich gewaltig: Kaum hatte der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal zur feindlichen Übernahme des Stahlkonzerns Arcelor geblasen, da formierte sich auch schon der luxemburgische Volkszorn. Denn Arcelor war nicht irgendein Unternehmen, sondern der industrielle Stolz des Landes. "Mir wölle bleiwe, wat mir sin", sagte sich auch die Arcelor-Spitze - und zog dennoch den Kürzeren.

Im Großherzogtum ist man seither um eine Erfahrung reicher: Die Globalisierung macht auch vor Luxemburg nicht Halt.

Autor:
Marcus Stölb