Luxemburg Die Unterstädte Grund und Clausen

Von der Corniche aus sehen die kleinen Häuser dort unten beschaulich aus. Sie drängen sich zwischen die Felsen der Oberstadt und das gegenüberliegende Plateau am Ufer der Alzette. Dann fährt der Fahrstuhl im Felsen hinunter in Luxemburgs Souterrain. In das Verlies, den Untergrund.

Ein Keller seit Jahrtausenden: Im zweiten Jahrhundert ließen sich die ersten Siedler am Ufer der Alzette nieder und schufen den Ursprung der Stadt, lange bevor die Lucilinburhuc auf dem Bockfelsen entstand.

Erst danach, erst als es zum Unten auch ein Oben gab und die Stadt in der Höhe zur Festung auswuchs, wurden Grund und Clausen, die Siedlungen am Fuße des Bockfelsens, zu berüchtigten Armenvierteln. An der Alzette ließen sich Handwerker nieder: Färber und Fischer, Schuster und Scherenschleifer, Bierbrauer und Gerber. Und der kleine, träge Fluss nahm mit, was ihm gegeben wurde - Abwässer, Fäkalien und Müll. Es stank. Krankheiten wie Cholera, Typhus, Pocken und Pest breiteten sich schnell aus.

Die hygienischen Zustände waren über Jahrhunderte so katastrophal, dass die Frankfurter Zeitung noch Anfang des 20. Jahrhunderts über Grund und Clausen schrieb: "Seltsam aber ist es, dass man in dieser Unterwelt Dinge zu sehen bekommt, die sich getrost den traurigsten Bildern aus Ost-London an die Seite stellen lassen. Von jeder Wanderung durch die armen Quartiere im Abgrund kommt man mit Grauen im Herzen zurück."

Zusätzlich prägte das Gefängnis, das ab 1869 in der einstigen Abtei Neumünster untergebracht war, die Unterstädte. Zwar wurden die Verhältnisse bald nach dem Bau einer Kanalisation etwas hygienischer, doch noch immer galt: Wer in Grund und Clausen lebte, hatte keine andere Wahl. Einige der niedrigen und schmalen Fachwerkhäuser lehnten sich rücklings an den feuchten Felsen, in den weitere Räume geschlagen wurden. Bis heute sieht man an einigen Stellen, insbesondere in Grund, kleine Höhlen im Fels - Zeugen längst abgerissener Häuser. Einen gewissen Charme erhielten die wenigen Straßen der Faubourgs nur durch etliche Künstler und Bohemiens, die in den Keller zogen.

Noch heute leben hier viele Kreative. Seit 1980 wohnt Wil Lofy, ein Urgestein der Luxemburger Kunstszene, direkt an der Alzette. "Damals waren die Unterstädte wie ein Dorf, jeder kannte jeden. In der Kneipe traf man die Gefängniswärter und konnte ihnen Sachen für die Insassen mitgeben: Die meisten waren Verwandte oder Freunde", sagt der 70-Jährige.

Künstler wie Lofy machten den Stadtgrund zum Künstlerkeller und damit auch für andere Menschen interessant. In Lofys Garten stehen ein paar seiner älteren Objekte, verwittert und mit Laub bedeckt: hölzerne, üppige Frauenkörper, deren Schoß sich zu einer Sitzfläche oder einer Wanne verbreitert. Dazwischen, auf dem Boden, eine kleine halbrunde Mauer aus sorgsam aufgereihten leeren Weinflaschen. Chilenischer Chardonnay, Cuvé Melusina. "Sehr guter Biowein", erklärt der trinkfeste Bildhauer. Er bringt ihn mit, wenn er im Frühjahr aus Patagonien kommt. Bereits 1983 hat sich der bärtige Exzentriker eine 25 Hektar große Insel an der Südspitze Chiles gekauft. Seitdem verbringt er dort den südamerikanischen Sommer. Wenn er wiederkommt, arbeitet er an einem ganz besonderen Projekt weiter: eine kleine Kuppel aus leeren Weinflaschen. "Wahrscheinlich werde ich das nicht mehr schaffen. Es wird wohl nur eine Sitzbank werden", sagt Lofy. Heute fertigt er nur noch kleine Skulpturen und ein paar Möbelstücke.

Die Zeiten des heruntergekommenen Künstlerkellers sind fast vorbei. Luxemburg hat sich seiner Unterstädte angenommen und sie nach und nach saniert. Die Auswirkungen: "In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Mieten vervierfacht. Das können sich die alteingesessenen Bewohner kaum mehr leisten", sagt Florence Hoffmann, Künstlerin einer jüngeren Generation. Sie musste ihr großes, billiges Atelier aufgeben, als das Haus verkauft wurde. "Jetzt ist dort eine Kanzlei eingezogen", sagt die 40-Jährige. Die grazile Blondine fertigt ihre Statuen, deren Körper aus Leitern oder Bücherstapeln bestehen, nun in einem winzigen Raum neben ihrer Wohnung an.

Aufbruch allerorten: Die alte Handschuhfabrik an der Rue Plaetis wurde zu einem schicken Mehrfamilienhaus umgebaut. Einige der schmalen Häuser wurden abgerissen, andere saniert und modernisiert. "Sie bekommen zwar nur über die offene Wendeltreppe Licht, sind aber durch die Sanierung zu ganz tollen Wohnungen geworden", sagt Florence.

Und dann die Abtei Neumünster. Der größte Bau im Grund. Nachdem das Gefängnis 1984 verlegt wurde, stand die Anlage lange leer und verfiel. Zehn Jahre lang wurde sie restauriert und ist seit 2004 das Schmuckstück der Unterstädte. Aus der alten Abtei wurde ein riesiges Kulturzentrum. Wo Mönche beteten und Verbrecher einsaßen, finden nun mehr als tausend Veranstaltungen jährlich statt. "La revanche de l'histoire", die Revanche der Geschichte, nennt das Claude Frisoni, der Direktor der Abtei Neumünster. Der quirlige Franzose hat es geschafft, eine neue Klientel in die Unterstädte zu locken: die Kulturinteressierten. Und davon hat Luxemburg mit den vielen Angestellten in den europäischen Behörden und Banken genug. Jazzmatineen am Sonntag Vormittag, Open-air-Opern vor grandioser Felsenkulisse, Ausstellungen im glasüberdachten Innenhof - fast jedes Ereignis ist ausverkauft oder zumindest gut besucht. Außerdem bietet die Abtei den vielen Firmen in Luxemburg Räumlichkeiten für Konferenzen und Vorträge. Selbst Hochzeiten werden hier jetzt ausgerichtet.

Es wird nicht der gleiche Fehler begangen wie in der Oberstadt. Es gibt Sozialwohnungen, damit die Bevölkerungsstruktur gemischt bleibt, und genügend Gewerberaum für Geschäfte, Restaurants und Bars", sagt Frisoni. "Viele neue Kneipen haben in den letzten Jahren aufgemacht, dadurch sind die Unterstädte zum Partykeller der Stadt geworden", sagt auch Florence Hoffmann. Und bald wird es noch jünger, noch hipper: Die Gebäude der ehemaligen Mousel-Brauerei in Clausen werden in eine schicke Wohnstadt für Studenten und junge Familien verwandelt, mit noch mehr Kneipen und Cafés, Bühnen und Boutiquen.

Schon jetzt existieren Party- und Kunstszene nebeneinander im Keller und schließen sich zusammen, wenn im Sommer die Jazzrallye durch die Straßen zieht oder die "Konscht am Gronn" an jedem ersten Samstag in den Sommermonaten die Unterstadt in eine riesige Galerie verwandelt. Den Aufzug durch den Fels nach oben nimmt man dann nur noch, um Geld abzuheben.

Autor:
Susanne Strätz