Frankreich Oase im Meer der Stille: Noirmoutier

Keine Gegend, die ich im Laufe meines Lebens bereist habe, führte mich stärker in die Irre als die Insel Noirmoutier. Nie wusste ich genau, wo ich war. Selbst mit Hilfe des Sonnenstandes konnte ich aus ihrem flachen Horizont kaum schlau werden. Noirmoutier ist eine kleine Insel am Ende einer langen Sandbank unterhalb des Loire-Ästuars; eine 1971 gebaute Brücke verbindet sie mit dem Festland. Bei Ebbe ist sie auch über die Passage du Gois zu erreichen, einen viereinhalb Kilometer langen Damm.

Wer über diese Pflastersteine kommt, die vom Meer noch nass und voller Seetang sind, begreift sogleich, dass Noirmoutier vom Ozean definiert wird und von Ebbe und Flut. Auf der dem Festland zugewandten Seite ist das Wasser seicht, die Gezeiten schnell.

Wenn das Meer zurückweicht, hinterlässt es weite Strecken von glitzerndem Watt vor einem verschwimmenden Horizont. Allmählich bevölkern sich die Flächen mit Gestalten, die im Sand nach Schalentieren graben. Weit draußen Traktoren mit Anhängern. Dort liegen Muschel- und Austernbänke, eine Säule der lokalen Wirtschaft.

Die wahren Noirmoutrins tragen eine innere Gezeitenuhr mit sich. Ohne einen Blick aufs Ziffernblatt wissen sie, wann sie zum sicheren Land aufbrechen müssen, bevor das Meer zurückflutet. Das Bett, in das es bald wiederkehren wird, verströmt derweil seinen marinen Drüsengeruch: eine anregende, jodhaltige Frische, die alles erfüllt; sogar die Mitte der Insel, wo lange rechteckige, von Deichen und Schleusen regulierte Wasserflächen liegen. Das sind die Salzpfannen, auch sie seit historischer Zeit eine Quelle des Wohlstands von Noirmoutier. Sie erinnern auch daran, dass zwei Drittel der Insel unter dem Meeresspiegel liegen.

Selbst die Vegetation hat etwas Trügerisches. Mit seinen immergrünen Steineichen und Nadelbäumen suggeriert der Waldgürtel entlang der Nordküste Nähe zum Mittelmeer - ebenso wie die Ibisse aus Ägypten, die hier überwintern und ihre gebogenen Schnäbel in den Schlamm der Salzteiche bohren. Bereits Ende Februar blühen die Mimosen in gelben Wolken und künden von kommender Wärme und Fruchtbarkeit.

Unmittelbar nordöstlich von Noirmoutier-en-l'Île, versteckt zwischen den Bäumen des Bois de la Chaise, stehen einige der prächtigsten Häuser der Insel. Viele stammen vom Ende des 19. Jahrhunderts, als die Thalassotherapie, das Kurbaden im Meer, aufkam und reiche Bürgerfamilien aus Nantes oder gar Paris in den abgeschiedenen Buchten dieses Küstenabschnitts ihre Ferienhäuser bauten. Bis heute ziehen sich einzelne Reihen weißer Badehäuschen oberhalb der Hochwasserlinie hin. Außerhalb der Saison verleihen sie den üppigen Weiten gelben Sandes einen leicht altmodischen Ausdruck und erwecken den (wahrscheinlich irrtümlichen) Anschein von etwas Exklusiverem als der fröhlichen Demokratie kreischend bunter Strandschirme, die in der Sommersonne den südlichen Stränden Noirmoutiers entsprießen.

Was die Häuser selbst betrifft, so strahlen sie mit ihren Schieferdachtürmchen und den ach so bretonischen Namen noch immer einen Hauch von Belle-Époque-Grandeur aus. Eines der prächtigsten ist das Château du Pélavé, mittlerweile ein exzellentes, liebenswert eigenwilliges Hotel. Einer stattlichen Matrone gleich steht es inmitten imposanter Zedern, weit über die Stadt hinaus sichtbar, und wie so manche Matronen hat es seine Vergangenheit. Während des Zweiten Weltkriegs machte die reiche Witwe, die es geerbt hatte, dem deutschen Militär Platz, das hier sein Hauptquartier aufschlug. Eine polnische Dame diente bei den Deutschen als Sekretärin, während sie gleichzeitig im Untergrund die lokale Résistance anführte. Vor ein paar Jahren tauchte ein polnisches Filmteam im Hotel auf, um eine Dokumentation über sie zu drehen.

Tiefgefrorener Fisch ist hier ein No-go

Die meisten dem Atlantik zugewandten Strände der Insel hingegen haben nicht viel von Belle Époque an sich mit ihren Ferienhaussiedlungen, die da entlang der kleinen Küstenstraßen lauern. Außerhalb der Saison wirken diese Häuser fast mönchisch karg: neu, sauber, blendend weiß gestrichen. Fast alle sind einstöckig mit Terrakotta-Dächern und geschlossenen blauen Fensterläden. Sie scheinen einem entschieden nichtmediterranen Ideal zu entsprechen, welches den lüsternen Côte-d'Azur-Hedonismus für veraltet erklärt: die wahren Meeresstrände unserer Kindheits-Sehnsucht sind die des großen, wilden Atlantiks. Diese kleinen Nester für die Sommersaison liegen wenige hundert Meter von Stränden entfernt, an denen es wirkliche Wellen und echte Gezeiten gibt.

Noch näher am Meer liegen die verstreuten Wohnwagensiedlungen und Zeltplätze. Es gibt relativ wenige jener Entsetzlichkeiten, die man heutzutage in Urlaubsgegenden für unentbehrlich hält: keine Themenparks für Kinder, Gokart-Rennbahnen, kaum Minigolf- Anlagen. Ich bemerkte eine einzige Disco, einen trübseligen Schuppen draußen zwischen den Salzpfannen südlich von Noirmoutier-en-l'Île. Hingegen finden sich massenhaft kleine Supermärkte für Urlauber, die sich selbst verköstigen, und zahlreiche Restaurants. Es gibt auch Wassersportgeschäfte voller Neoprenanzüge, Surfbretter und Segelzubehör sowie jede Menge Schiffsausrüster.

Der allgemeine Eindruck ist der eines Ortes, an dem Menschen ernsthaft die Nähe der See suchen. Und diese marine Gegenwart ist überall präsent. Gastronomisch überwältigt sie geradezu. Es gibt in Noirmoutier-en-l'Île zwar ein orientalisches Restaurant sowie ein paar verschämte Pizzerien, gleichsam als widerwilliges Eingeständnis, dass jenseits des unsteten Horizonts noch eine andere Welt liegt; aber der Grundton hier ist Meereskost. Wer keine Meeresfrüchte mag, hat magere Zeiten vor sich. Die Venusmuscheln und Strandschnecken, Miesmuscheln und Austern sind so frisch wie der letzte Gezeitenwechsel, ebenso Hummer und Krabben, Langusten, Aale und alle möglichen Fische. Tiefgefrorener Fisch wäre hier Anathema.

Ist das Meer zu kalt zum Baden, sorgen ausgedehnte Spaziergänge entlang der endlosen Sandstrände oder im Inneren zwischen den Salzpfannen, wo es von Wattvögeln nur so wimmelt, für den notwendigen Appetit. Und ein Bummel über den Markt ist der reinste Fortbildungskurs.Wer sich in dieser Hinsicht durch die Betrachtung lebender Meeresbewohner weiterbilden möchte, besuche das Aquarium der Stadt. Es hat didaktisch hervorragende Becken mit tropischen Fischen (inklusive Haie, Stachelrochen und Schildkröten) und Bassins mit Seehunden, deren Kunststücke zweifellos zum Unterhalt des Aquariums beitragen werden. Außerdem besitzt die Stadt ein beeindruckendes Schloss und eine große Kirche.

Das Schloss ist voll gestopft mit nautischem Krimskrams und birgt eine preisgekrönte Sammlung glasierten britischen Porzellans aus dem frühen 19. Jahrhundert, ein Großteil davon aus einem Wrack. Der morbide Charme dieser Fayence wird noch gesteigert durch ein Ausstellungsobjekt im Nebenraum. Es ist ein bauchiger Polstersessel aus dem 18. Jahrhundert, mit staubigem Plüsch bezogen, dessen Rückenlehne vielsagende Löcher und Risse aufweist. Dem Vernehmen nach wurde General d'Elbée, der 1793 die Konterrevolutionäre der Vendée anführte, schwer verwundet nach Noirmoutier zurückgebracht. Zu seinem Pech nahmen die Republikaner die Insel bald darauf wieder ein und verurteilten ihn zum Tode. Da der General zu geschwächt war, um sich vor einem Erschießungskommando auf den Beinen zu halten, wurde er im Januar 1794 in diesem Polstersessel füsiliert. Ein Gemälde an der Wand zeigt, wie das Hinrichtungspeloton in die Mittagspause abmarschiert, im Sessel eine zusammensinkende Gestalt unter verhangenem Himmel zurücklassend. Alles in allem ein höchst erbauliches Ausstellungsobjekt.

Nicht ganz so inspirierend ist die Kirche. Sie ist dem heiligen Philibert gewidmet, einem Mönch, der im 7. Jahrhundert ein erstes Kloster gründete und der Legende nach der Inselbevölkerung beibrachte, in flachen Teichen Salz aus dem Meerwasser zu gewinnen. Einer seiner Rückenwirbel und so etwas wie eine in Seide gehüllte Rippe sind in der Krypta ausgestellt. Wie bei Millionen ähnlicher Reliquien, die man in den Kirchen und Museen Europas verstreut findet, beschleicht einen der Gedanke, dass ein paar schlichte DNA-Tests die Zahl dieser schauerlichen Relikte praktisch auf Null reduzieren dürften.

Saint-Philiberts Name lebte weiter durch den Nebel der Jahrhunderte, überdauerte Plünderungen der Wikinger ebenso wie all die Kriege und Revolutionen Europas. Heute prangt sein Name an Verkehrsschildern und einer Primarschule. Vor allem aber bleibt er in Erinnerung durch die schlimmste Schiffskatastrophe, die sich in Frankreich zu Friedenszeiten je ereignete. An der Plage des Dames steht noch immer die kräftige Holzpier für die Dampfer, die zwischen den Weltkriegen Ausflügler vom Festland nach Noirmoutierbrachten. Noch heute legt hierin den Sommermonaten die Fähre von Pornic an.

An diesem Landungsstegmachte am 14. Juni 1931, dem Sonntag nach Fronleichnam, der kleine Dampfer "Saint-Philibert" mit 500 Tagesgästen aus Nantes fest. Fast alle waren aktive Gewerkschafter mit ihren Familien, vor allem Sozialisten, viele von ihnen Vorkämpfer der Liga für Menschenrechte. Nachdem sie einen Tag lang gepicknickt und gebadet hatten,machten sie sich um 17 Uhr zur Rückfahrt auf. Ein Sturm brach los, das Schiff kenterte und sank auf der Stelle. Es gab acht Überlebende. Bis heute ist die genaue Zahl der Opfer nicht bekannt, da kleinere Kinder damals nicht auf den Passagierlisten geführt wurden.

In Nantes und Umgebung herrschte düstere Trauer, aus manchen Vierteln der Stadt waren Dutzende von Familien verschwunden. Im Lauf der nächsten drei Monate wurden überall an Noirmoutiers Stränden, aber auch noch 60 Kilometer entfernt am Festland Opfer angeschwemmt. Die Wirtschaft der Insel wurde schwer erschüttert. Man gab dem Wetter die Schuld, dem Kapitän, dem Schiff. Doch zu einem Gesprächsthema in ganz Frankreich wurde die Katastrophe, weil die Kirche in diesem Teil der Vendée die Passagiere verantwortlich machte. Da diese Sozialisten, allesamt berüchtigte Spötter und Ungläubige, es gewagt hatten, Gott damit herauszufordern, am Tag des Herrn einen Vergnügungsausflug zu machen (sagten die Kleriker), hat sie nur ihr verdientes Schicksal ereilt.

Der von dieser Verwünschung ausgelöste politische Streit erreichte nationale Ausmaße. Im Disput zwischen Staat und Kirche ging es derart hitzig zu, dass keine französische Bergungsfirma das Wrack der "Saint- Philibert" heben mochte und sie von zwei deutschen Schleppern vom Meeresgrund heraufgezogen werden musste. Nachdem ein paar restliche Leichen entfernt waren, wurde das Schiff überholt und durchlebte in der Folge noch einige Metamorphosen, bis es erst 1979 abgewrackt wurde. Alte Bewohner von Noirmoutier erinnern sich noch gut an die Tragödie.

Überhaupt ist die Geschichte der Insel, wie ihre trügerische Küstenlinie, gespickt mit Wracks, von denen manche üble Ladungen bargen. Noch heute sind die Überreste von zwei deutschen Torpedobooten im Schatten der Brücke zum Festland zu sehen, wo sie 1944 von britischen Fliegern versenkt wurden. Und erst 1999 sank der Tanker "Erika" und verlor seine Ladung Öl weniger als hundert Seemeilen vor der Insel, was zur Panik bei Schalentierzüchtern und Fischern führte. Wie durch ein Wunder entgingen die meisten Miesmuscheln und Austern der Katastrophe. Am meisten litten die Touristenstrände.

Es ist kaum zu glauben, aber nach einer massiven und effizienten Säuberungsaktion ist heute kaum noch eine Spur von Öl sichtbar. Solche beunruhigenden Episoden aus der Vergangenheit zitiere ich, weil ich zeigen möchte, dass Noirmoutier keiner dieser geschichtslosen Flecken Erde ist, aus denen sich "Holidayland" zusammensetzt: Nicht-Orte in sonnigen Breiten, wundersamerweise bar jeden Bezuges zu Geschichte oder auch nur Geografie, geschaffen ausschließlich zum entpolitisierten internationalen Fun.

Jährlicher Touristenstrom vom Festland

Noirmoutier ist ein realer Ort, der auch im Winter vorhanden bleibt. Seine Fischer und Züchter scheinen sich für das, was die atlantischen Gezeiten bringen, mindestens ebenso zu interessieren wie für den Wohlstand, den der jährliche Touristenstrom vom Festland anschwemmt. Die einheimischen Männer, Frauen, Kinder, die mit Eimern und kleinen Spaten ins Watt wandern, halten nicht in erster Linie Ausschau nach etwas, was sie verkaufen können, sondern nach dem, was sie selbst essen werden. Man hat den Eindruck einer uralten Gepflogenheit, die heute, in besseren Zeiten, ebenso gastronomischen Nutzen abwirft wie sie eine angenehme Abwechslung darstellt. Über den nassen Strand zu gehen, begleitet von den langen Sprüngen eines Hundes, nach vielsagenden Trichtern und Löchern Ausschau zu halten und dann aus Sand und Schlick die köstlichen Leckerbissen des Meeres hervorzugraben ist für diese Inselbewohner eine tägliche Wiederbegegnung mit ihren Wurzeln.

Im Frühjahr beginnen französische, deutsche und britische Touristen über die Brücke zu strömen. Doch schaut man einheimischen Familien im Februar beim fröhlichen Sonntagsmahl im gedrängt vollen Hafenrestaurant von l'Herbaudière zu, wird klar, dass der Einfluss der See auf Leben und Küche das ganze Jahr andauert. Die Insulaner speisen wunderbar und erstaunlich billig. Aber die Noirmoutier-Erfahrung schlechthin ist es für mich, bei Ebbe über den Damm Le Gois zu fahren. Für den, der seine Anreise in die Zeit des Niedrigwassers legen kann, ist dies die ideale Annäherung an die Insel, denn sein inneres Koordinatensystem wird so auf Meer geeicht.

Was hingegen das äußere Koordinatensystem angeht - das scheint hoffnungslos. Auch noch nach mehreren Tagen führten mich ihre verschwimmenden Umrisse immer wieder in die Irre. Niedriges Land und gleißende Wattflächen verschmelzen mit dem dahinter liegenden Ozean. Trugbilder ferner Bäume, Leucht- und Wassertürme schimmern knapp über der Kimm in ihren optischen Pfützen. Ist das, was man dort sieht, das Festland? Ein Arm der Insel, auf der man steht? Ein Teil der weit entfernten Île d'Yeu? Alles scheint ständig im Fluss, sogar die Form der Insel selbst: Hier wird von den Gezeiten etwas abgetragen, dort etwas angespült durch die Ablagerungen der Loire. Eine erstaunliche, mysteriöse Landschaft.

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James Hamilton-Paterson