Loire Lichtgestalt aus Stein: Notre-Dame de Cunault

Die Schwalbe war so allein wie wir, aber sie war uns hoch und weit überlegen. Gelassen, in ruhigen Bögen, umkreiste sie die Säulen des Kirchenraumes. Ihre schwungvolle Bahn setzte die Figuren oben auf den Kapitellen in eine ebenso erhabene wie stürzende Perspektive: Dämonen mit fletschenden Zähnen, Masken, groteske Tiere und Blätterranken, geharnischte Ritter mit ihren vorwärts drängenden Pferden, Harfenspieler und Engel. Nichts erschütterte den Flug des Vogels, weder unsere hallenden Schritte in der überwältigend hellen und großartig strengen dreischiffigen Kirche, noch der Wind, der in unregelmäßigen Stößen durch den Raum zog und einen eigenartigen Sog hinterließ. Sonst Leere und Stille in diesem Bauwerk, in der erhabensten romanischen Kirche im westlichen Loire-Tal. Mit all ihrem Reichtum schlummert die Kirche von Cunault still am Rande des Flussbettes.

Von Saumur nach Cunault sind es nur 15 Kilometer, eine nahe liegende und doch entlegene Entdeckungsreise entlang der Uferstraße, die eine alte Mauer begrenzt. Geranien blühen da, robust wie auf dem eigenen Balkon. Die Loire hat sich in viele kleine Arme aufgeteilt, die ihre Bahnen im gewellten Sandbett suchen. Wer auf den teergeschwärzten gestrandeten Kahn und das sanfte Vibrato der zwischen grau und silbern changierenden Pappelblätter schaut, kann leicht an der Kirche vorbeifahren. Denn der romanische Sakralbau steht fast parallel zur D 751, aber zurückgesetzt und ein wenig unter dem Straßenniveau, und seine innere lichte Prächtigkeit ist von außen kaum zu ahnen.

Das Hauptportal und die Seitentür von Notre Dame de Cunault werden morgens in ganzer Weite geöffnet. Der alte Mann, der für die Kirche zuständig ist, geht die elf Stufen hinunter, legt die zerfranste Filzrolle so auf die ausgetretenen Treppensteine, dass sich das hereingelaufene Regenwasser darin sammeln kann, und sagt dem Licht Guten Morgen. Denn Helligkeit und Höhe, Weite und Länge sind die ersten Gefühle, die den Besucher überraschen, auch wenn er kein frommer Pilger mehr ist, sondern ein Mensch, der das Staunen noch nicht aufgegeben hat. Das Licht wandelt sich mit den Stunden des Tages von hellem Milchweiß zu Gips, von Sonnengelb zu Ocker und illuminiert die kühne Choreografie der Baumeister.

Kirchenportale so weit zu öffnen, das ist nicht nur eine Geste, eine Angewohnheit, das ist hemmungslose Großzügigkeit. Wer großzügig ist, zeigt, dass er der Furcht entgegentritt. Doch derselbe Mann, der morgens die Türen bis zum Anschlag aufsperrt, zählt nachmittags die Postkarten im Drehständer nach; das kann nur ein Reflex, eine Verlegenheitslösung sein, um von der täglich neu aufblinkenden Frage "Wo liegt das Paradies?" abzulenken. Ohne Rücksicht auf Wissenschaftlichkeit kann sie in diesem französischen Sakralbau beantwortet werden. Das Paradies liegt da, wo sich zwei Lichtbahnen aus den Fenstern treffen, die im nächsten Augenblick wieder verschwunden sind.

An einem Mittsommerabend wanderte, ein Fotograf hat das dokumentiert, ein Sonnenstrahl in 20 Minuten vom Fassadenfenster über die Säule zum Hochaltar, bildete dort einen Lichtfleck, kroch über den Altar, versammelte sich zu einer Kugel und tanzte, bevor er verschwand. Wie wenige andere Kirchen birgt Cunault eine große Serie von skulpturierten Kapitellen, insgesamt 223. Dichter noch prangt hier die Skulptur als auf den Säulenarkaden in Saint- Benoît-sur-Loire oder in der Kirche von Saint-Aignan-sur-Cher. Und selbst nachdem manche der Gestalten und Ornamente im 19. Jahrhundert durch Neuschöpfungen ersetzt wurden, spricht aus den steinernen Gesten die Bildkraft des Mittelalters.

Über dem Haupteingang thront die Muttergottes. Der Besucher muss entschlossen nach oben schauen, um die Gestalt im Tympanon zu erblicken. Ihr wurden in der Revolution die Hände, dem steif auf ihrem Schoß sitzenden Jesuskind Kopf, Arme und Füße abgehauen. Stoisch verharrt die Jungfrau mit weit auseinander gedrehten Schenkeln und über den Sims hervorschauenden Fußspitzen. An ihrer Versehrtheit können die beiden, über schmale Wolkenbänder herbeistürzenden Engel nichts ändern, auch wenn sie beflissen zwei Weihrauchfässer schwenken.

Pilgerkirchen wie Cunault waren Zweckbauten

In der romanischen Kunst gelten Eva, die Jungfrau Maria und Maria Magdalena als die drei zentralen Archetypen der Weiblichkeit. Die mittelalterliche Theologie sieht in Maria die zweite, die gute Eva, die Frau, die durch ihren Gehorsam gegenüber Gott der Menschheit die Erlösung brachte. Oft wird das Aufblühen des Marienkultes mit dem Beginn der Gotik in Verbindung gebracht. Aber das stimmt nicht. Vom 11. Jahrhundert an wächst das Interesse an der Gestalt Mariens, frei von Erbsünde und Geschlechtlichkeit und doch lebendige Mutter eines Kindes, die beim unnahbaren Gott als Fürsprecherin auftreten kann. In Cunault grüßt "Notre Dame" vom Thron der göttlichen Weisheit, duldsam und lädiert.

Wie die Geschichte der Marienfigur ist das Geschick der Kirche ein Drama von Flucht und Vertreibung, von Aufbau, Zerstörung und Wiederbeginn. Das zu Cunault gehörige Land existierte als Besitz der Abtei von Noirmoutier bereits im 9. Jahrhundert. Karl der Kahle hatte das Gebiet dem Klerus geschenkt. 858 ließen sich auch die Mönche von Noirmoutier, auf der Flucht vor räuberischen Normannen, in Cunault nieder. Nur vier Jahre später mussten sie weiter ins burgundische Tournus ausweichen, um erst nach 13 Jahren zurückzukehren. Cunault war nun ein Priorat der mächtigen Benediktinerabtei von Tournus.

Die unruhige Welt des Mittelalters spiegelt sich in den steinernen Bildwerken. Jüngstes Gericht, Strafe, Schmerz sind dem Menschen als Realität nahe, so scheint es, wenn der Reisende auf die verrenkten Gesten der geplagten Sünder, in die Mäuler der Bestien auf den Kapitellen blickt. Aus den Skulpturen wird die Wirklichkeit erzählt. Ihre unbeholfene, fast abstrakte Schönheit übermittelt eine Mischung aus Kolportage und Demut. Die Romanik war die Epoche, in der die Leidensgeschichte Jesu mit glühendem Eifer bildhaft gemacht wurde. Sein Leib wurde nicht nur Brot, sondern Stein: Die Kapitelle sind Moralfibel, Kriminalroman und metaphysische Illustration, eindringlich und beklemmend, und für jeden mit der Hand ertastbar. Es war die Blütezeit der Heiligenviten, die allerdings eher Lobreden als realistische Beschreibungen darstellten, und es war die Zeit liturgischer Dramen und schöner Liedtexte, vorgetragen von umherziehenden Sängern.

Auch der Klerus wollte seine Botschaft auf durchaus irdische Weise vermitteln und sein Anliegen dem weltlichen Publikum verkünden. Der Mensch brauchte damals wie heute Idole, heroische Gestalten, die sein Gemüt entflammen und seine Fantasie in den verschwimmenden Zustand himmlischer Verblendung oder ängstlicher Reumütigkeit versetzen. Die Berühmtheiten dieser sakralen Welt waren anwesend abwesend in Form ihrer Überreste: als wohlkonservierte, kostbare Reliquien. Die Wallfahrer des Mittelalters glaubten inbrünstig, dass die Gegenwart der Reliquien (lateinisch: Überbleibsel) einer Nähe des Heiligen selbst gleichkomme. Um diese Nähe herzustellen, kam alles Erdenkliche in Frage: Kleider, ein Büschel Haare oder ein paar Knochen. Die Verehrung konnte beginnen, wenn die Urkunde eines Kardinals oder eines dazu berechtigten Klerikers die Gewebsstücke für authentisch erklärt hatte. Nur eine Kirche mit einer spektakulären Reliquie galt etwas: Mit den sakrosankten Leichenteilen gedieh ein schwungvoller Handel, und bisweilen stahl sogar ein Kloster dem anderen sein bestes Stück.

Damals wird in Cunault wesentlich mehr Betriebsamkeit geherrscht haben als heute. An der Bar an der Straße bekommt man ein Bier, einen Café und ein hart gekochtes Ei über den Tresen geschoben, im Vorgarten gräbt eine Frau mit einer kleinen Schaufel in der brüchigen Erde und ist an den Sätzen des jungen Mannes, der ihr irgendetwas von einem Autounfall erzählt, viel weniger interessiert als am Zustand ihrer Lilien- und Dahlienzwiebeln, die Wühlmäuse angenagt haben. Schon um das Jahr 1140 unterwies ein "Reiseführer" die Pilger und half ihnen, die vier Routen durch Frankreich zu planen, vorbei an den Kirchen mit den kostbarsten "Überresten" nach Santiago de Compostela.

Reliquien waren eine himmlische Einnahmequelle: Kirchen konnten auf Schenkungen der Pilger rechnen, die sich von einem solchen Einsatz Wunder erhofften. 1125 klagte der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux in seiner "Apologia ad Guillelmum bbatem", einem kritischen Traktat über das Klosterleben: "Vor den Reliquien gehen die Augen über und die Geldbeutel auf." In Cunault verehrten die Gläubigen ein Gefäß, das getrocknete Muttermilch Mariens enthalten sollte oder doch wenigstens etwas Staub aus der Geburtsgrotte von Bethlehem. Außerdem besaß die Kirche den mutmaßlichen Ehering der Jungfrau. Bis heute wichtig sind die Gebeine des Heiligen Maxentiolus (franz. Maxenceul). Ihm zu Ehren findet jeden 8. September eine Prozession mit dem Reliquiar statt, einer bemalten Nachbildung der Kirche. In diesem Puppenhaus ruhen die Gebeine des Heiligen, von dem es heißt, er habe Cunault im 4. Jahrhundert das Christentum gebracht und sei ein Schüler des heiligen Martin von Tours gewesen.

Pilgerkirchen wie Cunault waren Zweckbauten. Die Prozessionen verlangten viel Raum, damit man trockenen Fußes in einem "Zug ohne Ende" um das Reliquiar herumgehen konnte. Die innere Mauer des Chorumgangs war durchbrochen, damit die Pilger von allen Standpunkten aus das Allerheiligste sahen, das Mittelschiff musste breit sein, um die Menschenströme in Regen, Kälte oder Hitze sicher und angenehm unterbringen zu können. Seine ziemlich einheitliche Form erhielt der Bau dann auch in der Hochzeit der Pilgerfahrten, nachdem bereits im 11. Jahrhundert an derselben Stelle eine ältere Kirche gestanden hatte. Ihr Turm, der wohl älteste des Anjou, wurde als massiver Mittelteil in das neuere Bauwerk übernommen.

Im 12. Jahrhundert bauten die Mönche die neue Kirche von Osten her im Stil des Poitou, der die Schiffe annähernd gleich hoch werden ließ. Die Wölbung der westlichen drei Joche konnten die Bauleute erst um 1200 vollenden. Als das Pilgerwesen verblühte, verfiel Cunault wie manche der jetzt überzähligen Kirchen. Nach dem Hundertjährigen Krieg und den Religionskriegen lebten nur noch wenige Mönche hier. 1741 war das Priorat auf so wenige Mitglieder geschrumpft, dass der Bischof von Angers Cunault stilllegte und die Güter dem Séminaire Saint-Charles in Angers übertrug. Die Kirche, jetzt ohne Bestimmung, wurde in zwei Hälften geteilt. Den Chor kaufte ein Privatmann, der eine Scheune brauchte. Das Langhaus nutzte die Gemeinde als Ersatz für die Pfarrkirche, die bei einem Orkan im Jahr 1754 eingestürzt war. Erst hundert Jahre später war Notre Dame gerettet. Durch Betreiben Prosper Mérimées ging sie in staatlichen Besitz über.

Mérimée, Autor der "Carmen", die durch Bizets Oper Weltruhm erlangte, und in seinem Brotberuf Inspektor historischer Denkmäler, ist zu verdanken, dass manches mittelalterliche Kunstwerk als lebendige Realität überdauerte. So rettete Prosper Mérimée auch gemeinsam mit seiner Kollegin und zeitweiligen Liebhaberin George Sand die einzigartigen Wandteppiche der "Dame mit dem Einhorn", die jetzt im Pariser Musée Cluny hängen. er Mann, der die Kirche von Cunault heute wie seinen Augapfel hütet, wohnt im ehemaligen Priorat, einem schlichten Haus aus dem 16. Jahrhundert, der Westfassade direkt gegenüber. Abends, wenn er die weiten Türen schließt, ist sein Schritt ganz allein mit den Engeln, Rittern, Pferden, Drachen und Dämonen. Sie starren hinunter auf den Besucher von Notre Dame, fern und präsent zugleich, bisweilen umkurvt von einer verirrten Schwalbe. Nur ein paar Schritte sind es zur Loire, über die sich der Himmel flach wie ein Teller wölbt. Ohne das Rauschen vorbeifahrender Autos und das Scheppern und Klirren im Flaschencontainer wäre die Gegenwart an diesem verschwiegenen Ort viele Flügelschläge entrückt.

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Verena Auffermann