Linz "Kulturhauptstadt" der Nazis

Als die Rote Armee die Oder erreichte und die amerikanische in der Eifel stand, saß Hermann Giesler in Berlin an seinem vorerst letzten Job. Im Februar 1945 baute er ein neues Modell der Stadt Linz und übergab es seinem Chef, Adolf Hitler. Der hatte ihn 1942 mit der Monumentalverbauung links der Donau beauftragt. Linz sollte neu entstehen, sollte "Führerstadt" werden, eine von fünf im Reich der Nazis.

Neben Berlin, München, Nürnberg und Hamburg spielte Linz eine ganz besondere Rolle in den Plänen Hitlers: nicht nur als Handels- und Industriestadt, sondern vor allem als Kunststadt, als Stadt der Hochschulen und als Zentrum der ideologischen Erziehung. Schon damals fiel das Stichwort "Kulturhauptstadt". In den Plänen waren Aufmarschplätze vorgesehen, riesige Kraft-durch-Freude-Hotels, Brücken, Denkmäler, Festhallen und Museen. Wäre das verwirklicht worden, hätte das größenwahnsinnige Gebäudeensemble die Linzer Innenstadt zu einem Puppenhaus degradiert, über dem Hitler seinen Alterssitz nehmen wollte: auf dem Schloss, das zu einer Art Pfalz umgebaut werden sollte. Linz war Hitlers Heimat, hier hatte er seine Jugend verbracht.

Am 12. März 1938 kam Hitler mit dem Auto von München nach Österreich, fuhr ohne Stopp durch seine Geburtsstadt Braunau nach Linz und rief vor 60 000 Menschen vom Rathausbalkon das "große volksdeutsche Reich" aus - drei Tage vor seinem bombastischen Auftritt auf dem Wiener Heldenplatz. Gleichwohl wird Braunau, anders als Linz, bis heute von Nazis heimgesucht, obwohl die eine Stadt ebensowenig für den Verbrecher Hitler kann wie die andere. Für den war Linz sentimental beladen, was seine die eher kleinstädtischen Linzer Dimensionen sprengenden Absichten nicht besser, aber erklärlich macht.

Es gab ähnliche Pläne für andere Städte, von alldem ist zum Glück fast nichts verwirklicht worden. In Linz wurden 12 000 Wohnungen gebaut, außerdem die Nibelungenbrücke und zwei Brückenkopfgebäude, die noch heute den barock geprägten Hauptplatz zum Fluss hin abriegeln. Wer diese düsteren und klobigen Häuser näher betrachtet, bekommt eine Vorstellung von dem ästhetischen Desaster, das die Verwirklichung der übrigen Pläne bedeutet hätte. Wer noch näher hinschaut, findet dann auch an den Mauern eine Fülle von Parolen und Plakatanschlägen, die die Beseitigung der Bauten fordern. Einen sachlichen Hinweis auf ihre Herkunft findet man nicht. Die Erinnerung ist ein schwaches Band zur Vergangenheit, sie braucht ständig Stärkung.

In Linz hat die Ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers" im Herbst und Winter 2008/09 viel für die Stärkung des Gedächtnisses getan. In angemessener Akribie wurde dargestellt, wie und mit welchen Folgen sich Ideologie und Gewalt der Nazis in Oberösterreich installierten. Die Genauigkeit der Dokumentation und die Detailliertheit des Katalogs geben sowohl die Fülle der Themen wieder, die hier bearbeitet werden mussten, als auch die Schwierigkeit des Gegenstands.

Nicht umsonst betonte Landeshauptmann Josef Pühringer bei der Eröffnung das Bemühen um einen "international richtigen" und "korrekten Umgang" mit der Sache, auch Linz09-Intendant Martin Heller äußerte die Hoffnung, "auf keinen Fall missverstanden zu werden". Anders ging es auch nicht: Es ist nicht möglich, Europäische Kulturhauptstadt zu sein und die Tatsache zu übersehen, dass der Begriff "Kulturhauptstadt" 70 Jahre zuvor geschändet wurde. Wie unsicher die Aussteller bei diesem Thema waren, zeigt sich an dem Satz, mit dem ihre Pressemitteilung beginnt: "Nicht zum ersten Mal steht Linz im Brennpunkt europäischer Kulturpolitik", steht da. Ein gewaltiger und sicher unfreiwilliger Euphemismus für die hitlerschen Pläne.

In einer der Vitrinen der Ausstellung stehen auch Modelle der Skulpturen, die die Nibelungenbrücke zieren sollten. Vier sollten es sein, Gunther und Brunhild, Siegfried und Kriemhild, die auf ihrer Verlobungsreise zu König Etzel genau zwischen Schloss- und Pöstlingberg entlanggekommen ist. Sechseinhalb Meter hoch sollten die Reiterstandbilder sein, den Auftrag bekam der Bildhauer Bernhard Graf von Plettenberg. Auch diese Figuren kamen nie über den Zustand des Entwurfs hinaus. Bevor Hitler 1943 wieder einmal nach Linz kam, ließ Plettenberg jedoch zwei Modelle in Originalgröße aus Ton anfertigen, grau übertünchen und an der Niebelungenbrücke aufstellen.

Sein Chef war begeistert. So graugranitschwer und ausladend plump hatte er sich die Helden aus der Völkerwanderungssaga wohl vorgestellt. Hitlers Oberarchitekt Albert Speer will, wie er später behauptete, angesichts des Kriemhildschen Busengebirges gespottet haben, dass es sich nur als Nistplatz für Tauben eigne. Hitler jedoch fand das bildschön und lobte, da habe "sicher die verehrte Frau des Grafen Modell gestanden". Plettenbergs Reaktion auf das Kompliment ist nicht überliefert.

Zum Jahr der Kulturhauptstadt hatte die Linzer Künstlergruppe "qujOchÖ" den Plan vorgestellt, die Figuren aus Knochenleim nachzubauen und auf der Brücke zu montieren, um sie übers Jahr dem Verfall preiszugeben, sicher ein radikaler künstlerischer Umgang mit den Thema Nazivergangenheit. Der Streit um dieses Projekt dauerte Monate, der Plan wurde aber am Ende von der Intendanz fallen gelassen, wegen "Mutlosigkeit", wie die Künstler sagen. Sicher wären die von der Intendanz befürchteten Missverständnisse geradezu provoziert worden. Der Vorwurf, hier würde Naziideologie wiederbelebt, wäre mit Sicherheit aufgekommen. Aber musste man davor wirklich Angst haben?

Die Plettenbergschen Tonfiguren wurden bis zum Kriegsende durch aufwendige Holzverschalungen geschützt, danach zerstört. Noch im April 1945 soll der Diktator oft versonnen vor dem Holzpanorama des monumentalen Linz gesessen haben, bevor er sich erschoss. Damit rettete er Linz und nahm dem Architekten Giesler einen weiteren Auftrag: Er sollte eigentlich ein Grabmal für Hitlers Mutter bauen, auch das natürlich in Linz. Architekt Giesler wurde 1947 zu lebenslanger Haft verurteilt, kam aber bald wieder frei, lebte in Düsseldorf und durfte, auch als andauernder Hitler-Verehrer, weiter seinem Beruf nachgehen.

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