Libanon
Bier aus Beirut

Von Manuela Imre

Eine Biersorte für den ganzen Libanon - das war Mazen Hajjar zu wenig. Mitten im Bombenterror beschloss der ehemalige Kriegsfotograf, die heimische Trinkkultur zu revolutionieren. Was vor vier Jahren dilettantisch in einer Küche begann, ist heute "961", die einzige Mikro-Brauerei des Landes.

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Ivor Prickett

Das erste Bier, das Mazen Hajjar in seiner Beiruter Küche zusammenpanscht, ist eine "stinkende, widerliche Brühe". Kein Wunder, immerhin hat der libanesische Unternehmer nicht den geringsten Schimmer von der Bierbrauerei. Woran es ihm allerdings nicht mangelt sind Ideen, Durchhaltevermögen und Leidenschaft. Mit eben solcher Energie hatte der heute 39-Jährige mit Ende 20 bereits die erste Billigfluglinie des Nahen Osten gegründet, als Kriegsfotograf in Bosnien gearbeitet und die wichtigsten libanesischen Banken als Finanzfachmann beraten - bevor er 2006 beschloss, Libanons verkümmerte Bierkultur zu revolutionieren.

Fotostrecke Libanon: Der Bier-Robin-Hood

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"Es machte mich wahnsinnig, dass es in unserem Land nur ein einziges Bier gab, das 'Almaza'. Es ist doch absurd, keine Auswahl zu haben. Ich musste das ändern." Und wenn Hajjar sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bringt ihn so schnell nichts von der Umsetzung ab - weder eine grüne Brühe, noch israelische Bomben, die zur Zeit der Brauereiplanung auf seine Heimatstadt fielen.

2006 ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, Libanons erste Mikro-Brauerei "961", benannt nach der Beiruter Telefonvorwahl, zu gründen. Das Land steht unter Beschuss, die Menschen haben Besseres zu tun, als sich um Hopfen, Malz und Reinheitsgebote zu kümmern. Hajjar ist sich aber sicher, dass sein Land wieder aufstehen wird aus der Krise. "Mein Bier soll ein Symbol dafür sein, dass wir auch in schwierigen Zeiten - oder gerade durch sie - Freude am Leben haben, zusammen halten und kreativ sind", erklärt Hajjar. Und wenn der so ruhig wirkende Workaholic eines besitzt, dann ist es Kreativität.

Er mixt und probiert, riecht, würzt und kostet - und kippt anfangs fast alles vom Eigengebrauten in den Abfluss. Kurz davor aufzugeben, beginnt er Steve Hindys "Beer School" zu lesen. Das Buch des ehemaligen Kriegsreporters und Gründer der New Yorker Brooklyn Brewery wird nicht nur im fachlichen Bereich zur Offenbarung: "Im ersten Paragraf beschreibt Hindy, wie er in den 1980er Jahren in Beirut sitzt und von seiner Brauerei träumt, während die Stadt im Bürgerkrieg beschossen wird. Ein Zeichen", erklärt Hajjar und nickt bestimmt mit dem Kopf.

Bei der Jugend hat das Mikro-Bier das alteingesessene "Almaza" längst überholt.

Von nun an müssen die Freunde am Wochenende zum Brüheprobieren herhalten und bringen bald Bekannte und Bierliebhaber mit zu den feuchtfröhlichen Braupartys in der gemütlichen Küche. Freundin Rania Naufal gibt das Kochen im malzgeschwängerten Nebel auf. Herrlich improvisiert war das damals, erinnert sich Hajjar an die Anfangszeiten. "Die Küche stank nach Hopfen und Malz, die ersten Besucher waren schon nach der zweiten Runde betrunken." Der Meister bekommt aber langsam den Dreh raus, das Gemisch wird besser und als eines Nachts Fremde an der Tür klingeln und fragen, ob sie etwas von seinem berühmten Bier kaufen können, ist "961" offiziell bereit zur Massenproduktion. Gemeinsam mit einem dänischen Unternehmer, der im Libanon das gleiche Potential sieht wie Hajjar, wird aus Kanada eine Braumaschine geordert - die ist klein für große Biermengen, aber riesig für den Beiruter Hopfenmeister.

Gestartet wird mit dem dunklen "Sweet Stout", drei weitere Sorten gehen danach in Serie: Das "Lager", ein "Red Ale" und das "Belgische Weizen", aromatisiert mit Orangenschalen. Dazu kommen ständig wechselnde "Specials" wie eine Champagner-Wein-Mischung oder ein saisonales "Pumpkin Ale". Hajjar ist bekannt dafür, neue Geschmacksrichtungen zu mischen und dafür auch mal Gewürze wie Koriander und Nelken einzusetzen. "Ich liebe den Prozess von der ersten Idee bis hin zum perfekten Glas Bier", erklärt der Mix-Meister sichtlich zufrieden mit dem Erfolg, den seine Geschmacks-Gespinste haben.

Immer wieder betont er, dass 961 niemals ein profitgeiles Unternehmen wird. Übernahmeangebote von großen internationalen Brauereien schlägt er mit beständiger Regelmäßigkeit ab. "Ich mache das hier, weil ich Bier liebe, es gerne herstelle und das Ergebnis mit anderen teilen will." Teilen ist überhaupt ein großer Begriff in seinem Wortschatz. Das Land soll vom stetigen Erfolg der Marke profitieren.

Mal wird die Krebshilfe gesponsert, dann wieder Kinderheime unterstützt - vor allem soll 961 aber als geschmacksintensiver Botschafter der Welt beweisen, dass der Libanon mehr zu bieten hat als eine langwierige Kriegsgeschichte und zitronensaftgetränktes Tabouleh. Von cleveren Geschäftsleuten und beherzten Alleskönnern soll es erzählen, von Aufstehmännchen und einer Gesellschaft, die nie die Lust am Feiern verliert. Bei der Jugend hat das Mikro-Bier das alteingesessene "Almaza" längst überholt. Wer cool ist in Beirut, bestellt ein 961 und jeder will cool sein in der Stadt mit dem verrücktesten Nachtleben des Nahen Osten.

Hilfe fürs Bekaa-Tal: Making Beer, not Bombs

Doch Hajjar möchte nicht nur Lieferant von Alkohol und guter Laune sein: Wie viele Beiruter Jungunternehmer will er seinen Teil dazu beitragen, dass das Land endlich dauerhaft zu seinem alten Glanz zurück findet. Auf der Suche nach einem tieferen Sinn in seinem Wirken, stolperte Mazen Hajjar über die eigenen Hopfenpflanzen. "Ich war mit Freunden in einer hitzigen Diskussion, wie man den Marihuana-Anbau im krisengebeutelten Bekaa-Tal stoppen könnte. Die gewinnbringende Alternative für die Bauern: Hopfen", erläutert der Bier-Robin-Hood sein heldenhaftes Vorhaben unter dem Motto "Making Beer, not Bombs".

Ob sich die Hopfen-statt-Marihuana-Kampagne tatsächlich durchsetzt und das Bekka-Tal vor einer illegalen Drogenwirtschaft bewahrt, ist noch nicht bewiesen. Derzeit steckt das von der Deutschen Botschaft unterstützte Projekt in der Testphase. Hopfen-Experten aus Bayern wurden als Fachmänner hinzugezogen. Eine erste Runde von 1000 Litern hundert Prozent lokalem Bier wurde bereits gebraut. Hajjar hofft nun, dass die Ernte der nächsten Jahre eine qualitativ hochwertige Ausbeute bringt. "Dann kann unser Bier voll libanesisch hergestellt werden."

Bis dahin stapeln sich noch Säcke von importiertem deutschem Malz und Hopfen im neuen Fabrikgebäude, mit dem 961 in eine Erweiterung geht. Die Marke wurde in den vergangenen zwei Jahren so beliebt, dass Hajjar mit seinem Team aus fünf Angestellten und kleinen Maschinen schnell überfordert war. "Immer mehr Abnehmer aus England, Niederlande oder Finnland wollten Nachschub und irgendwann konnten wir unser eigenes Restaurant nicht mehr beliefern. Also schlossen wir nach dem letzten Glas Lager die Türen und entwickelten einen Plan, wie wir uns erweitern, ohne größenwahnsinnig zu werden", sagt Hajjar, während er durch die unfertigen Räume seiner neuen Brauerei schreitet.

Noch hallen die Schritte im riesigen Fabrikgelände am Beiruter Stadtrand. Am Hang gelegen, geht der Blick über die Dächer der Stadt und die nahen Berge. Die neuen, großen Braubehälter haben im Erdgeschoss Platz, das Geräusch der schnellen Abfüllanlage, die gerade zusammenmontiert wird, kann niemanden stören und der typische Malzgeruch verschwindet schnell in den Bergen. Bis Hajjar aus seinem hippen Wohnviertel Monot im neuen 961-Gebäude ist, können im verrückten Verkehr Stunden vergehen. Den Bierliebhaber stört das nicht, hier hat er seine Ruhe - zum Mixen und Pläne schmieden. Und seine Freundin Rania hat die Küche endlich wieder für sich, ohne Biergeruch.

Artikel erschienen: Januar 2011