Leipzig Porträt des Malers Günter Rössler

Das Auffälligste ist ihr Blick. Hell unter dunklen Brauen. Intensiv und autonom, auf einer Ebene mit dem Mann hinter der Kamera. Langes, gescheiteltes schwarzes Haar fällt ihr über die Schultern, kein Lächeln, der Mund sieht trotzig aus, mädchenhaft, aber nicht unerfahren; eine Mona Lisa aus Plinz in Thüringen. Sie ist nackt. Hoch angesetzte Brüste von schwellender Zartheit, ein deutlicher Hüftschwung, kräftige Beine, das linke angewinkelt, ein Arm liegt über dem Schoß, nicht um etwas zu verstecken, sondern weil es so bequem ist. Eine Nacktheit voller Reiz und elementarer Herausforderung. Und doch ist es in erster Linie der Blick, der den Betrachter anzieht, dann erst der Körper mit dem rührenden Bauchnabel.

Günter Rössler hat Nadine 1995 fotografiert, man kann das Schwarz- Weiß-Foto in einem seiner Bildbände sehen. Er blieb sich und seinem Stil treu, das Bild hätte auch in den siebziger Jahren im Magazin erscheinen können, dem DDR Monatsheft für Lebensart. In jeder Ausgabe druckte das Magazin ein nacktes Mädchen, oft war das Foto von Rössler. Die DDR ist bekanntlich eine Mangelgesellschaft gewesen, der Mangel an Pornografie hatte den Geschmack des Publikums sublimiert, das vierwöchige Aktfoto verzichtete auf sexuelle Posen, es reichte der gut fotografierte weibliche Körper, um erotische Fantasien blühen zu lassen.

Den "Helmut Newton des Ostens" hat man Günter Rössler genannt, den bringt das in Rage: Stelle ich meine Füße auf nackte Frauen? Tragen meine Modelle hochhackige Schuhe am bloßen Körper? Zeige ich Verachtung, Unterdrückung oder Herrschaftsanmaßung gegenüber Frauen? Er, der Moralist, wird in unserem Gespräch immer wieder betonen, dass das Frauenideal des Ostens ein anderes gewesen ist: gleichberechtigt, klug, schön. Auch nackt. Er fotografiert selbstbewusste junge Frauen, und wo Lust überhaupt ins Spiel kommt, sind sie nicht Objekte, sondern Gefährtinnen der Lust.

Günter Rössler wurde in Leipzig geboren, dort blieb er sein Leben lang, dort wohnt er noch heute. Man fährt vom Stadtzentrum aus eine halbe Stunde mit der Straßenbahn Linie 11 die lange Karl-Liebknecht-Straße runter, dann die lange Bornaische Straße. Irgendwann kommt eine öde Gegend mit verlassenem Messepark und Straßenbahn-Depot. Kurz darauf öffnet sich überraschend ein anheimelndes Kleinstadt-Idyll: Markkleeberg. Rösslers Haus gleich an der Endhaltestelle sieht dunkel aus in der Dämmerung.

"Agentur VOILA!-models" steht auf einem unscheinbaren Schild. Eine groß gewachsene junge Frau öffnet die Tür, sie hat ein klares, ebenmäßiges Gesicht. Wir leben nach hinten raus, erklärt sie die Dunkelheit. Kirsten Schlegel ist Chefin von VOILA!-models und Lebensgefährtin des Fotografen, sie war mal sein Modell. Im Büro, das sachlich möbliert und asketisch beleuchtet ist, hängen Fotos von den Mädchen der Agentur, Stapel des neuen, großformatigen Akt-Kalenders liegen auf dem Boden, Bücher und Biografien des Meisters in den Regalen, Pappen, Kartons, Briefe - heitere Unordnung der Arbeit. Ein zarter alter Mann mit gelocktem weißen Haar betritt den Raum, in seinem Kindergesicht leuchten runde blaue Augen: Günter Rössler, 78 Jahre alt. Kirsten Schlegel kommt auch hinzu, sie hält das gemeinsame Baby auf dem Arm, Filia, ein Mädchen, in dessen Gesicht sich die Kinderaugen des Vaters auf wundersame Weise wiederholen.

In den Zeitungen steht, dass Sie Ihre Akt-Modelle auf der Straße ansprechen … Quatsch, sagt Rössler, das mache ich, wenn ich Mode fotografiere. "Er zieht sie mit seinen Augen schon auf der Straße aus" stand da … Habe ich zum Glück nicht gelesen. Ein Aktfoto dauert lange, manchmal brauche ich zwei, drei Monate; man muss sich doch kennen lernen, man erzählt sich die privatesten Dinge … Bevorzugen Sie einen bestimmten Typ? Ich hab gern Mädchen, die authentisch sind, mit Piercings und gesträhntem Haar kann ich fotografisch nichts anfangen, ich war immer eher auf Dunkle fixiert, Marilyn Monroe war nie mein Typ. Die Heidi war blond, wirft Frau Schlegel ein. Hab ich vergessen, sagt Rössler und lacht.

Nach dem Helmut-Newton-Vergleich will ich Sie nicht länger fragen … Dankeschön, seufzt er, absurd, diese künstliche Geilheit; mein Ideal ist die absolute Natürlichkeit der Frau, ohne alles Drumrum, nur die Frau. Ist eine Frau, die so ganz sie selber ist, nicht zu anrührend, um erotisch zu wirken? Ich höre Sie, aber ich verstehe Sie nicht, sagt Rössler in sanftem Sächsisch. Das Baby kräht und wird ins Bett gebracht. Dass er todkrank war, erzählt der Fotograf, eine große Herzoperation: Kirsten hat mir das Leben gerettet, sie hat mir auf der Intensivstation sieben Wochen lang die Hand gehalten.

Haben Sie sich manchmal in Ihre Modelle verliebt? Ach ja, zu oft. Wenn man sich in sein Modell nicht nur optisch, sondern mit allen Fasern verliebt, verleiht das dem Foto natürlich einen eigenen Reiz. Dieser verfluchte Reiz … es hat da schon Spannungen gegeben mit meiner Frau. Dabei hatte ich überhaupt keinen Grund, zu denken, ich will eine, die schöner oder intelligenter ist, sie war das alles, sie ist 1991 gestorben. Er zeigt auf das gerahmte Porträt an der Wand - eine Frau, die wie ein Model aussieht, in einem weißen Mantel mit hochgestelltem Kragen. Sie war nie Fotomodell, sagt Rössler.

Wir steigen eine sehr schmale Treppe hoch in sein Atelier unterm Dach. Es ist schwarz ausgeschlagen, klein, schlicht. Ein weißes Sofa steht da, ein hoher Stuhl, Fotolampen. Hier oben, ohne Visagisten, Friseure und Assistenten, entstehen die Fotografien von Günter Rössler, deren "atmosphärische Privatheit" so oft betont wird. Sie werden von Museen angekauft, füllen Bildbände und inspirieren Maler. Rössler fotografiert keine Vamps, keine femmes fatales, keine bösen Mädchen. Rössler fotografiert junge Frauen, ihre Körper, ihre Gesichter, immer schwarz-weiß und immer in einem Licht, das ihr Geheimnis bewahrt. Die wache Hingabe der Mädchen und "das Hingerissensein des Fotografen von seinem Modell" machen die Wirkung seiner Bilder aus. In fast allen nistet jene feine Traurigkeit, wie sie Paare nach der Liebe befällt. Es sind immer die Blicke, sagt Rössler. Die Straßenbahn zurück fährt vor seinem Haus ab.

Quelle:
Autor:
Jutta Voigt