Leipzig Eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf in dieser Zeit. Mehrere hundert Menschen in der Nikolaikirche singen den Hit der Revolution. Aber Raimund hört nur die helle Stimme von Waltra. Sie sitzen nebeneinander auf der Empore neben den palmenartigen Säulen, unten in der Halle singen Revolutionäre, Touristen und Stasi-Spitzel das Lied von einer besseren Zeit. Raimund hat keine Augen für die Menge, immer wieder sieht er von der Seite Waltra an. Dieser 29. Januar 1990 ist der Beginn einer deutsch-deutschen Liebe. Da ist Waltra, 31 Jahre alt, die von ihren Eltern christlich erzogen wird und deshalb kein Abitur machen darf, die früh lernt, Umwege gehen zu müssen.

So lernt sie Maschinenbauzeichnerin, macht später das Fachabitur an der Abendschule, studiert Maschinenbau und arbeitet schließlich als Gemeindepädagogin. Eine staatlich verschuldete Zickzackbiographie, die eine kreative, zupackende Frau geformt hat. Mit der Gruppe der Jugendlichen, die sie 1989 leitet, betet und singt sie, und sie sprechen immer häufiger auch über die Missstände in der DDR. Waltra hat erlebt, wie die Stasi Jugendliche beschattet und willkürlich weggegriffen hat.

Raimund hat früh die Welt gesehen. Der kleine Mann mit den klugen Worten ist als Dreijähriger mit seinen Eltern aus Leipzig nach Indien gezogen. Später lebt er in Erlangen, studiert dann in Paris und Washington Politikwissenschaft. Als er in Amerika vor dem Fernseher sitzt und die tanzenden Menschen auf der Berliner Mauer sieht, läuft ein anderer Film durch seinen Kopf. Verschwommene Erinnerungen an allererste Freunde, Spaziergänge durch die Straßen von Leipzig, die zurückgelassene Kindheit. Raimund kommen die Tränen. Die Politik geht ihm ans Herz, denn die friedliche Revolution begann in der Leipziger Kirche, wo sein Großvater einst auf der Kanzel stand. Er verspürt eine tiefe Sehnsucht, an den Ort zu gehen, an dem er geboren wurde und der jetzt Geburtsort einer neuen Zeit ist.

Mit Waltra und Raimund prallen zwei Welten aufeinander: ihre praktische und seine geistige, ihr Osten, wo sie mit Tausenden um den Leipziger Ring marschierte, und sein Westen, wo er in die berühmten Bibliotheken großer Metropolen pilgerte. Sie kennt Maschinenöl, er weiß, welche Hebel politische Systeme bewegen. Nach dem Friedensgebet, auf dem Marsch über den Ring, kritzelt Raimund ihr seine Telefonnummer auf einen Zettel. Ihr erster Gedanke, als er sie über die Revolution ausfragte, war: "Der weiß ja schon alles. So ein richtiger Besserwessi." Am Ende ruft sie ihn doch an, weil sie ihm zeigen will: "Ich war dabei, nicht du."

Zwei Monate später lädt Raimund Waltra ins Café Einstein in Berlin ein. Sie plaudern sich durch Apfelstrudel und Kaffee. Raimund erzählt vom Studium an der Sorbonne in Paris, den Nächten in den Cafés des Quartier Latin, von der Zeit in Washington, wo er in Denkfabriken über Alternativen zur Politik im Weißen Haus grübelte. Rastlos kommt er ihr vor, einer, den es von einem Ort zum anderen getrieben hat.Wie einen Nomaden. Das reizt sie. Es ist, als hätte er das Leben gelebt, das sie sich mit der Hilfe von Büchern ausgemalt hat. Raimund ist das Abbild ihres Fernwehs.

Es dauert noch einige Monate, bis sie ein Paar werden. Abends erzählen sie sich am Telefon Geschichten aus ihren Leben, schreiben lange Briefe. Raimund erfährt, wie Waltra im Studium mit Zahlen und Formeln gerungen hat, bis sie in der Kirche einen Job fand, der sie glücklich macht, weil sie da mit jungen Menschen ringen darf. Waltra ist fasziniert, wenn Raimund vom Guggenheim Museum in New York erzählt. Er kennt, wovon sie träumt. Im August besucht Raimund Waltra an der Ostsee, wo sie Jugendliche aus Leipzig in der Sommerfreizeit betreut. Sie sitzen gemeinsam ums Lagerfeuer, einer spielt auf der Gitarre Kirchenlieder und Songs von Bob Dylan. Waltra und Raimund gehen spazieren, das Brodeln der Gischt in den Ohren, den salzigen Wind im Gesicht. Vor dieser Kulisse werden sie ein Paar.

Als Raimund 1991 nach Leipzig zieht, um eine Stelle beim amerikanischen Generalkonsulat anzutreten, ist Leipzig nicht mehr die DDR und noch nicht der Westen. Hütchenspieler lungern vor der Mädlerpassage herum, Supermärkte bieten in Containern die schöne neue Warenwelt an, und auf den Hausdächern stehen die alten dummen Parolen: "Standardisierung fördert den internationalen Handel." Die Nerven zwischen Ossis und Wessis liegen blank. Wer statt eines Broilers im Restaurant ein Hähnchen bestellt, holt sich schon mal einen verbalen Faustschlag des Kellners ab. Die Ostdeutschen sind auf Blender in gut geschnittenen Anzügen reingefallen, haben sich Schrottautos aufschwatzen lassen und überteuerte Versicherungen.

Für Waltra und Raimund ist ihr gemeinsames Leben eine Expedition in ein unbekanntes Land. Raimund öffnet bei Waltra die Schränke und ist verblüfft. Dutzende Einmachgläser stapeln sich übereinander. Die Schubladen sind voll gestopft mit Dosenöffnern. Er ist auf die klassische Lagerhaltung der DDR gestoßen. Alles aufheben, es könnte ja mal knapp werden. Für Raimund steht fest: "Bei dir muss mal richtig ausgemistet werden!" "Ihr Wessis kauft euch ja alles neu", sagt Waltra."Was willst du denn mit dem Krempel?", setzt er nach. "Bürgersöhnchen!"-"Bauerntochter!" So übersteigern sie ihre unterschiedliche Herkunft bis zur Karikatur. Sie schaffen, was vielen Ossis und Wessis nicht gelingt.

Sie legen Unterschiede bloß, bleiben jedoch nicht bei dem stehen, was sie trennt. So machen sich die beiden auf eine Entdeckungstour zueinander und in das sich neu erfindende Leipzig. Genießen das Leben in einer Stadt, die jeden Tag neu ist. Die renovierten Cafés und Geschäfte zwischen den Baukränen und Gerüsten machen sie zu ihrer gemeinsamen Heimat. Raimund hat mit Waltra gefunden, was er in Amerika und Frankreich vergeblich suchte. Zum ersten Mal in seinem Leben denkt er: "Ich bin nach Hause gekommen." Am 29. Oktober 1994 stehen Waltra und Raimund vor dem Altar der Nikolaikirche. Ihre Hochzeit ist wie ein Déjàvu. Sie singen "Sonne der Gerechtigkeit", wie damals.

Die deutsch-deutsche Annäherung hört mit dem Happy-End nicht auf. Raimund liegt auf dem Sofa und liest, als es klingelt. "Es ist doch Mittagsruhe", denkt er, "wer kann das denn jetzt sein?" Er geht zur Tür, und davor stehen gemeinsame Freunde. Können die sich nicht anmelden?", denkt Raimund. Doch Waltra freut sich, kocht Kaffee und findet irgendwo auch ein paar Plätzchen. Seine Mittagsruhe ist dahin, und sie hat eine gute Zeit, die ein bisschen so ist wie früher. Wenn Raimund später sagt: "Der Ossi kann sich schlecht in andere hineinversetzen", entgegnet Waltra: "In der DDR gab es kein Telefon. Da hat man sich eben einfach besucht. Und wenn dann fünf Leute mehr da waren, hab ich Wasser in die Suppe gekippt." So übersetzen sie sich die Codes, die im Alltag aus der Zeit vor der Wende übrig geblieben sind. Und tolerieren, dass die unterschiedliche Wünsche produzieren können.

Leipzig, heute. Raimund und Waltra erinnern sich. Er arbeitet als politischer Berater für die sächsische SPD, sie ist wieder Gemeindepädagogin in der Nikolaikirche. Sohn Albert ist jetzt acht Jahre alt. In der Nikolaikirche wurde nicht nur Deutschland umgekrempelt, sondern auch ihr Leben. Die Revolution ist ihre gemeinsame Schatztruhe. Sie versuchen nicht, einander die biographischen Kanten wegzuschleifen. Waltra fährt noch immer durch die halbe Stadt, um bei einem Bäcker Brötchen zu kaufen mit einem Sauerteig, der nach DDR schmeckt. Zu Raimunds 40. Geburtstag schenkte Waltra ihm ein Schild, wie es auf Fernzügen angebracht ist. Leipzig-Madras-Bangalore-Erlangen- München-Paris-Washington-Berlin-Leipzig stand da in schwarzen Lettern. Eine lange Route. Manchmal denkt Waltra an ihre eigene: Chemnitz- Leipzig. Drei Städte, denkt sie dann, weil Chemnitz früher Karl-Marx- Stadt hieß. "Wenn ich Raimund nicht kennen gelernt hätte, wäre ich sicherlich nicht mehr hier", sagt Waltra.

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Autor:
Michael Kraske