Leipzig
Auf einen Ton mit dem Thomanerchor

Von Emanuel Eckardt

Der Thomanerchor ist einer der bekanntesten Chöre der Welt. Damit er es bleibt, gehören tägliche Proben zum festen Programm. Und auch sonst folgt das Leben der Sängerknaben besonderen Regeln.

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Sabine Wenzel

Abends lebt der Kasten auf. Im Halbstundentakt stürmen Chorknaben vom großen Waschsaal mit den Edelstahlmulden in die Schlafstuben im Obergeschoss, die "Zubettgehgruppe" der Jüngsten um halb neun, die nächsten um neun und so weiter bis zur zehnten Klasse um zehn. Um die Kleinen nicht zu stören, öffnen die Älteren leise die Tür. Quatschen ist streng verboten und wird mit Strichen bestraft. Vier Striche ergeben ein Pensum, gemeinnützige Arbeiten wie Laubfegen, so will es die Chordisziplin. Die Schüler der Oberstufe entscheiden frei, wann sie ins Bett gehen. Um Mitternacht wird das Haus abgeschlossen. Dann ist Ruhe im Kasten, dem Alumnat (von lat. alumnus, der Schüler), in dem die Thomaner leben.

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Eine höchst lebendige, mittelalterliche Institution, Internat, Musikschule und Singakademie zugleich, eine klösterliche Welt, in der Kantaten, Motetten und Choräle, Oratorien und liturgische Gesänge erklingen, manchmal dreieinhalb Stunden am Tag. Im Zentrum dieser Exerzitien steht das Werk Johann Sebastian Bachs. Und immer heißt es SDG. "Soli Deo Gloria", allein zur Ehre Gottes. So hatte es der Komponist einst an den Anfang seiner Notenblätter geschrieben, ein bescheidener Diener seines Herrn.

Thomaner wird man mit zehn Jahren. "Für mich war es sehr schwer", erinnert sich Georg Christoph Biller, sechszehnter Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach, und von 1965 bis 1974 Thomaner unter den Kantoren Erhard Mauersberger und Hans-Joachim Rotzsch. "Ich hatte schreckliches Heimweh und habe viel geweint. Aber das Singen war mir ein Trost." Tränen sieht man nicht, aber Teddybären und manch riesengroßes Kuscheltier. Bilder von zu Hause. Die meisten der Jungen kommen aus Leipzig und Umgebung, Sachsen, Sachsen-Anhalt.

Die Leipziger dürften zwar zu Hause wohnen bleiben, ziehen aber das Leben in der Gemeinschaft vor und besuchen ihre Familien am Wochenende. Nur wenige Thomaner kommen aus den alten Bundesländern, einer aus Österreich, einer aus Dänemark. "Ich langweile mich nie, auch wenn ich 600 Kilometer von zu Hause weg bin", schwört Matthias Monrad-Møller, 15, aus Handewitt, "im Kasten gibt es immer was zu tun." - "Es ist natürlich einfacher im Doppelpack", sagt Lucas Heller, 12, aus Bayern. Sein Zwillingsbruder Paul ist auch Thomaner und stimmt zu. "Die Gemeinschaft kann die Eltern gewiss nicht ersetzen", sagt Emanuel Jessel, 17, als dritter Präfekt unter anderem verantwortlich für das Einsingen und die Arbeit mit den Stimmgruppen, "aber die Kleinen kommen mit ihren Problemen zu uns. Wir sind wie große Brüder".

Wer in den Stimmbruch kommt, wird "Dispi"

Ein Problem kommt so sicher wie das Amen im Vaterunser: der Stimmbruch. Er setzt früher ein denn je, oft schon bei Zwölfjährigen, und frustriert den Kantor ebenso wie die Chorknaben. Man verstummt. Man wird "Dispi", von allen Proben und Konzerten dispensiert, hilft als "Dispi Vesper" im Speisesaal, geht als "Dispi Kofi" einkaufen, bringt Briefe zur Post und sehnt sich nach der Zeit, wo das Singen endlich wieder losgeht.

Die Chorknaben besuchen die Thomasschule auf der anderen Straßenseite, ein seit 1796 neuhumanistisches Gymnasium mit Latein als erster Fremdsprache. An der Thomasschule werden auch Mädchen unterrichtet. Aber die Thomaner bleiben unter sich. Sie haben eigene Klassen mit oft nur zwölf Schülern und einen Lehrplan, der auf die vielen Chorproben Rücksicht nimmt. Im Augenblick ist es besonders eng. Kaum ist die Japan-Tournee zu Ende, beginnen die Proben zum Weihnachtsoratorium, in drei Tagen muss es sitzen.

"Und noch mal: Friede auf Erden!" Kantor Biller will das "F" im Frieden zehntelsekundengenau; er feilt am Sprachklang, poliert Konsonanten und Vokale. "Es heißt nicht Häscher, sondern Herrscher des Himmels!" Geduldig und konzentriert folgen die Sänger dem Kantor ins musikalische Hochgebirge dieses Oratoriums und lassen den Zuhörer fast vergessen, dass es Kinder und Jugendliche sind, die hier mit unglaublicher Professionalität ein komplexes Meisterwerk einstudieren. Himmelstöne einer anderen Zeit. Was für ein Klang! Knabenstimmen von kristalliner Reinheit, glockenhelle Tenöre, Bässe ohne Erdenschwere; 90 Chorknaben singen voller Hingabe ein Werk, das für sie geschrieben wurde.

Vor 270 Jahren hat Johann Sebastian Bach das Weihnachtsoratorium in Leipzig mit diesem Chor einstudiert. Da war der Kasten schon viele hundert Jahre alt. Das Thomasstift wurde 1212 gegründet, mit der Thomasschule, der ältesten Institution dieser Art in Deutschland und der Thomaskirche zu Leipzig, eine feste Burg des Glaubens im Wüten der Welt. Sie wurde gestürmt, beschossen und bombardiert, diente als Militärlager und Pferdestall, als Lazarett und Zuflucht für Bombenopfer. Vor allem aber ist sie eine Kirche der Musik.

Am 5. Mai 1723 unterschrieb Johann Sebastian Bach den Vertrag als Thomaskantor. Der Vater von 20 Kindern versah diesen Dienst bis zu seinem Tod 1750 und komponierte in den 27 Leipziger Jahren sein Hauptwerk, Hunderte von Kantaten und Motetten, Klaviermusiken, Partiten, Orchester- und Orgelwerke, große Oratorien. "Wenn ich an das Pensum denke, das er bewältigt hat, kann ich nur staunen", sagt Biller, der nicht von Woche zu Woche komponieren muss, was er mit dem Chor einstudiert. "Mir hängt trotzdem oft die Zunge raus."

Bachs kleiner Thomanerchor musste bei jedem Wetter hinaus, zum Leichensingen mit Dreispitz und Chorumhang, die Ärmsten unter den Knaben gingen barfuß. Lange gehörte das Absingen von Chorälen an Hinrichtungstagen zu den Pflichten der Thomaner, die den Delinquenten zum Richtplatz begleiteten. Wahrscheinlich würde es den Chor nicht mehr geben, hätte nicht Felix Mendelssohn Bartholdy, später Kapellmeister des Gewandhauses zu Leipzig, 1829 den fast vergessenen Bach aus der Versenkung geholt, und mit der Aufführung der Matthäus-Passion eine wahre Bach-Renaissance ausgelöst, die bis heute andauert.

1902 wurde die alte Thomasschule an der Kirche abgerissen. Die Domherren brauchten Platz; der Chor zog in das Alumnat an der Hillerstraße 8. "Der Kasten war eine eigene Welt. Sie schützte vor den Nazis und später vor den Versuchen der DDR, den Chor zu instrumentalisieren", erzählt Kantor Biller. "Nach der Wende gab es den Drang, alle Autorität abzustreifen; das Alumnat wurde als eine Form von Freiheitsberaubung angesehen. Inzwischen hat es sich als Teil der Stadtkultur wieder etabliert. Heute schützt es die Thomaner vor der Kommerzialisierung des Lebens."

Der Kasten verströmt alles andere als klösterliche Stille. Das stürmische Fugato der Schlappen auf den Treppen wird von wildem Geschrei begleitet. Bewegungsdrang macht sich Luft. Aber über allem herrscht ein ungeschriebenes Gesetz, das Kasten-System. Nicht nur Dispis haben Pflichten. In jeder Ecke des Hauses walten Warte ihres Amtes: Flurdienstwart, Sportwart und Videowart, Spielewart, Kofferbodenwart und sechs Duschwarte. Der Tonicus nimmt Motetten auf. Drei Präfekten stehen an der Spitze der Cantokratie.

Die Großen übernehmen die Verantwortung für die Kleinen; die Kleinen wachsen in die Verantwortung hinein. Die vierte Klasse stellt die Flügelputzer, die fünfte die Notenträger, die sechste die Stühlesteller und die siebte den Siebtendienst (Bäder und Toiletten sauber wischen). Die achte Klasse fegt die Flure und bringt den Müll runter, die neunte hat Stubendienst und wischt die Tische sauber. Doch das sind Nebentätigkeiten. Meistens macht der Kasten Musik, klettern Knabenstimmen in höchste Lagen, perlen Etüden hinter den Türen.

Instrumentalunterricht ist Pflicht. Jeder Thomaner beherrscht mindestens ein Musikinstrument, überwiegend Klavier, aber auch Geige, Cello und Trompete. Es gibt drei Orgeln, zwei Kantorenflügel, 40 Klaviere in Stimmzimmern und Probenräumen, aber nur drei Fernseher. Wer fernsehen will, muss das anmelden. Wer Besuch von einer Freundin haben will, auch. Aus Emanuels Zimmer tönt Reggae. "Im Haus gibt es alle Musikrichtungen. Nur keine Schlager. Und keine Volksmusik!"

Thomaner sind, wenn sie erst einmal die Klippen des Einstiegs überwunden haben, eine verschworene Gemeinschaft. Sie halten zusammen. Nicht selten gründen sie nach dem Abitur eine WG. Aber nur die wenigsten werden Profimusiker. Dass sie a-cappella- Chöre gründen wie die "Prinzen" oder das "ensemble amarcord" bleibt die Ausnahme. Viele Thomaner werden Anwälte oder Ärzte. Doch weil viele Kinder Computer faszinierender finden als Notenblätter, haben die Thomaner ein Nachwuchsproblem.

In den Familien wird kaum noch gesungen; weder Musikunterricht noch Kindergottesdienst können diese Lücke füllen. Zwar melden sich mehr Knaben, als die Thomaner aufnehmen können, aber es sind eben nur 50 statt der 200 zu DDR-Zeiten. Und nur wenige bringen die Voraussetzungen mit, die früher selbstverständlich waren. Deshalb wirft der Thomanerchor die Angel schon unter den ABC-Schützen aus. Die singen sich schon mal ein, in eigens für sie eingerichteten ersten Klassen.

Freitag vor Weihnachten. Dunkel ragt das Schiff der Thomaskirche in den Abend, ein Fels in der Shoppingbrandung, umtost vom Stille-Nacht-Gedudel und den Trillerpfeifen einer Studentendemo. Draußen Glühwein und Lichterketten, drinnen erwartungsvolle Stille. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz besetzt. Rosen liegen auf der Grabplatte von Johann Sebastian Bach. Die Thomaner versammeln sich auf der Empore, die Kleinen in "Kieler Bluse" mit Matrosenkragen, die Großen in blauen Anzügen mit Krawatte. Hell klingen die Trompeten des Gewandhausorchesters und, über dem machtvollen Klanggebäude der Orgel, die Himmelstöne der Thomaner. Friede auf Erden. Und den Menschen ein Wohlgefallen. Man muss nur in ihre Gesichter sehen.

Artikel erschienen: August 2009