Landau Wandmalerei in der Katharinenkapelle

Die Tür steht offen, ein Schild lädt sogar ausdrücklich ein, die Katharinenkapelle in Landau zu besuchen. Das Kirchlein ist derzeit zwar Baustelle, doch Altkatholiken und Altlutheraner halten hier dennoch ihre Gottesdienste. Vor ein paar Monaten fegte über das bald 700 Jahre alte gotische Gotteshaus ein scharfer Meinungsstreit hinweg. Empörte Landauer forderten, dass für die Wandmalereien im Chor der Kapelle kein müder Euro Sanierungsgeld ausgegeben werden dürfe. Manche gingen noch weiter: Die Werke sollten ganz und gar verschwinden.

Denn der Maler, so die aufgebrachten Bürger, der um 1350 Christi Leidensgeschichte al secco, auf trockenem Putz also, darstellte, habe dabei brutale antisemitische Propaganda betrieben. Mit einem mächtigen Hammer treibt ein Scherge dem Herrn am Kreuz einen Nagel durch die Hand. Der Mann mit einer das Böse schlechthin verkörpernden Physiognomie hat einen auffälligen Hut auf, wie ihn im späten Mittelalter die Juden tragen mussten. Die Kopfbedeckung sieht aus wie eine Warmhaltehaube mit Knauf, unter der in guten Restaurants Speisen an den Tisch gebracht werden. Das Werk entstand, als die Pest im Land die Menschen dahinraffte und die Juden, als "Gottesmörder" sowieso diffamiert, auch dafür als Brunnenvergifter verantwortlich gemacht wurden.

Die Vernunft hat sich für den Erhalt der Malereien entschieden. Der ins Bild gesetzte Judenhass, der für Christen des Mittelalters vorurteilsbildend sein sollte, ist heute eine lehrreiche Abschreckung. Deshalb sind auch Kopien aus der Katharinenkapelle im Berliner "Haus der Wannsee-Konferenz" ausgestellt, in dem 1942 die Nazis den Holocaust in Gang setzten. Auch im Anne-Frank-Haus von Amsterdam sind die Darstellungen zu sehen. Der besondere Bezug: Annes Großvater lebte in Landau, im heutigen Frank-Loebschen Haus gegenüber der Katharinenkapelle, wo 1940 der Transport der ansässigen Juden in die Vernichtung startete. Heute ist hier eine Gedenkstätte eingerichtet.

Die Katharinenkapelle, deren Bilder zur Passion Christi erst vor rund 50 Jahren zum Vorschein kamen, zählt zu den fünf Dutzend pfälzischer Kirchlein, in denen seit dem 19. Jahrhundert Malereien entdeckt wurden. Die mittelalterlichen Illustrationen zur Belehrung und Erbauung der Gläubigen überstanden protestantische Geringschätzung, ja Verachtung nach der Reformation: Die neuen Christen wollten sie im frühen 16. Jahrhundert nicht mehr sehen und übertünchten sie. In ihren Augen waren die Bilder der Heiligen verwerflicher Schmuck, der vom wahren Glauben nur ablenkt.

Mehr als drei Jahrhunderte vergingen bis zu ihrer Wiederentdeckung - und die löste längst nicht überall Begeisterung aus. Die evangelische Gemeinde in Neustadt-Winzingen ließ 1912 den gerade freigelegten Wandschmuck ihrer Kirche gleich wieder weiß übertünchen. Mancherorts wurden die frischentdeckten Kunstwerke gar in reformatorischer Bilderstürmer-Manier von den Wänden geschlagen, anderswo hinter Klappen verborgen, um das Gemüt der Gottesdienstbesucher vor den "katholischen Götzenbildern" zu bewahren.

In Billigheim verfielen Restauratoren ins andere Extrem und pinselten im Chor neue Werke, wo immer ein Flecken Wand noch dafür frei war. In Duttweiler (Turm der katholischen Pfarrkirche Sankt Michael) wurde vor 40 Jahren zum Schaden von Malereien mächtig auf den Putz gehauen. Bei einer kürzlich abgeschlossenen behutsamen Sanierung blieben die noch erhaltenen Bilder gesichert in ihrem Versteck. Sie sollen ans Licht kommen, wenn die Gemeinde Geld dafür hat. Erst einmal erinnern kleine freigelegte Felder an die verborgenen Schätze.

Da ein Kopf ohne Nase, dort ein zerschlissenes Gewand

Oft sind von den Werken der namenlosen Künstler nur spärliche Spuren erhalten - da ein Kopf ohne Nase, dort ein zerschlissenes Gewand. Manchmal sind aber auch wenig versehrte Bildzyklen zu bestaunen mit Menschen, Gebäuden und Landschaften. Die Entwicklung der Kunst des Spätmittelalters lässt sich in der Pfalz in einmaliger Detailfülle nachverfolgen. Aufs Jahr genau datieren lassen sich die Bilder von Heiland und Heiligen nur in Ausnahmefällen.

Die ältesten bekannten Wandmalereien entstanden aber noch in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, etwa die Bilder in der evangelischen Kirche von Wartenberg-Rohrbach auf halber Strecke zwischen Kaiserslautern und Rockenhausen. Dort erscheint an der Nordwand zwischen romanischen Rundbogenfenstern Noah in der Arche und lässt nach überstandener Sintflut die Tauben fliegen. In den Gewölbefeldern des Chors der ehemaligen Schlosskirche Sankt Martin in Kleinbockenheim thront Christus gleich zweimal zwischen seiner Mutter und Johannes dem Täufer. Nach 1250 entstanden die Werke in Hundheim, Alsenborn und Reichenbach sowie die älteren Darstellungen in Minfeld. Noch immer wirken die Malereien wie auf große Schautafeln übertragene Buchminiaturen. Lediglich ein paar Gesten, Segnen, Beten, werden den Figuren zugestanden. Ab und an sind einfache Architekturkulissen dargestellt.

Obwohl aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammend, hat sich zum Beispiel in den Malereien der evangelischen Kirche von Mühlheim an der Eis kaum ein Stilwandel vollzogen. Weibliche Heilige (Nordwand des Chorturms) oder Apostel (Ostwand) stehen aufgereiht nebeneinander. Da zeigen die Jungfrauen auf dem Chorbogen der katholischen Pfarrkirche von Hambach mit ihren zerbrechlich dünnen Armen und individuell geschnittenen Gewändern schon mehr Temperament.

Die Figuren weisen nun auch Attribute ihres Martyriums, ihres segensreichen Wirkens oder - wie in der Landauer Katharinenkapelle - ihrer vermeintlichen Bösartigkeit auf. Im 15. Jahrhundert sind einst so beherr- schende Themen wie der thronende Christus Auslaufmodelle. Die Symbole der vier Evangelisten dominieren - Engel, Löwe, Stier und Adler. Immer mehr Raum beanspruchen große Heiligenfiguren. In Nußdorf sind es Magdalena (mit Drachen), Antonius (mit Schwein) oder Ägidius (mit Hirschkuh). In Lambrecht erzählt der Maler ausführlich die Legende, wie Papst Alexander seinen Kerkermeister Quirinus und dessen Tochter Balbina zum rechten Glauben bekehrt.

Ranken und Spruchbänder tauchen zunehmend im Bildhintergrund auf. Auffallend ähnlich sind die in Spruchbänder verstrickten Evangelistensymbole in Münsterappel und Imsweiler, wahrscheinlich stammen sie vom selben Meister. Die Landauer Augustinerkirche zeigt die Krönung Marias. An der Südwand des Chores sitzt die Muttergottes neben Christus, Engel halten Spruchbänder empor. Ein göttliches Paar, das nach Jahrhunderten unter Putz in altem Glanz erstrahlt.

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Autor:
Peter Mayer