Kanaren Reise zum vulkanischen Ursprung La Palmas

Der Glanz des frühen Morgens. Die Berge im Schatten, dumpf und mächtig. Licht bündelt sich zwischen Zinnen und Türmen, verzaubert den Kessel der Taburiente in ein Märchenland.

La Palma, aus Feuer geboren, wie alle atlantischen Inseln. Die Caldera de Taburiente ist ein riesiger Krater, mit mächtigen Kiefern bewachsen, durchsetzt von sprudelnden Quellen und bizarrem Gestein, umsäumt von steil aufragenden Felswänden.

Der höchste der Wächter, er misst 2426 Meter, heißt Knabenfels, Roque de los Muchachos, und am liebsten möchte man ihn umtaufen im morgendlichen Übermut: Spitzbuben.

Wer den Angriff nicht von oben her wagen will, kommt nur aus südwestlicher Richtung in den Kessel hinein.Wir sind in Llanos de Aridane losgefahren, haben den Wagen vor dem Anstieg stehen gelassen und sind mit dem allradgetriebenen Taxi bis auf 1000 Meter Höhe hinaufgekommen: Los Brecitos.

Hier beginnt, sagte Manolo, der schönste Weg hinein. Hinein ins Herz der Insel. Hierher haben sich die Ureinwohner zurückgezogen, als die Spanier im Jahr 1492 die Insel eroberten, waren unbesiegbar. Dann wurden sie mit falschen Versprechungen herausgelockt, verraten.

Manolo ist 52, klein und wendig, die Haut gegerbt von Sonne und scharfen Winden. Er trägt das grüne Hemd der Parkwächter. Seine Aufgabe:Waldbrände zu verhindern. Seit 1954 ist die Caldera spanischer Nationalpark, knapp 5000 Hektar groß, die Karte liegt ausgebreitet auf einem Baumstrunk.

Wohin jetzt? Ach, die Brille, entschuldigt sich Manolo, steckt im Rucksack. Geht schweigend voran, zielbewusst. Dreht sich um. Bin nicht zum ersten Mal hier.

Es riecht nach Wald. Es riecht nach Gebirge. Es riecht nach Meer. Es riecht nach Gesundheit.

Der Weg, gut ausgebaut, schmiegt sich ins Gelände unter den Steilwänden, führt über kleine Schluchten, vorbei an mächtigen Felsbrocken. Die Borken der Kiefern sind schwarz, Spuren vergangener Brände.

 

Manolo, der Feuerwächter, bleibt stehen, schnuppert die Luft. Hat kein unvorsichtiger Tourist ein Feuerchen entfacht? Die größte Gefahr besteht im heißen August. Eine Viertelmillion Besucher kommt jährlich in den Park; Aufmerksamkeit ist gefordert.

Das hier, sagt Manolo und trifft mit einem präzisen Steinwurf den grünen Busch: der Retamon. Hat früher der Ziegenhirt immer ausgerissen und seinen Tieren gebracht.

Nur, knurrt der Wächter, wusste der Hirte nicht, dass es den Retamon, wie 80 andere Pflanzen, bloß auf der Insel La Palma gibt. So dass der Retamon, wissenschaftlich Genista benehoarensis, fast aus der Welt verschwand. Nur noch zehn Exemplare blieben übrig. Jetzt steckt die Parkverwaltung wieder Setzlinge aus; die Wächter schützen sie vor dem Wild.

Die Sonne leuchtet über dem Bejenado. Der Weg führt leicht abwärts, Manolo geht leichtfüßig voran. Erwähnt weder den Sichelblättrigen Eberwurz noch den Frauenhaarfarn an dieser Stelle. Bleibt er trotzdem stehen, schaut er eine Pflanze an und murmelt: Bencomia! Je seltener das Kraut, umso lieber fressen es die Ziegen.

Oder er sagt: Rotkehlchen. Oder, unwirsch: Kot der Mufflons. Die wurden aus der Sahara eingeführt. Jetzt sind sie eine Plage, rotten unsere Pflanzen aus. Er schüttelt den Kopf: Dafür wurden die Wildziegen der Insel von den unwissenden Hirten abgeknallt. Jetzt trifft man sie nicht mehr in der Caldera de Taburiente.

Glitzernde Schluchten, melancholische Wälder, verwunschene Felsgärten. Das satte Licht des erwachten Tages. Manolo voran.Wilder Avocado. Taubenfedern. Sperber.

Weiter unten rauscht der Fluss von Taburiente. Manolo steigt links hinauf, 25 Kehren bis auf den Hügelrücken; weiter hinauf, bis der Weg abbricht, eine Schlucht sich öffnet und von der gegenüberliegenden Felswand ein dünner Wasserstrahl Hunderte von Metern in die Tiefe stürzt.

Die Kaskade von La Fondada. Staunen. Rückkehr. Manolo voran.Kein Wort vom Stutzblütigen Geißklee, vom Kanaren-Lavendel und vom Mexikanischen Wasserdost, der sich auf der Insel eingenistet hat wie das wilde Kaninchen und die Ratte. Dafür biegt er plötzlich vom Weg ab, hinter eine Felsengruppe. Hier ist, am Stein, eine Gedenktafel angebracht. Einige Buchstaben sind weg, nur ein Vorname ist zu lesen: Antonio, und die Jahrzahl - 1972.

Manolo bekreuzigt sich. Das war ein guter Freund. Ums Leben gebracht von einem Steinschlag. Ein Arbeitskollege?

Manolo sucht im Gras nach den heruntergefallenen Buchstaben. Er schüttelt den Kopf. Ein Freund. Warnte mich immer, wenn Besucher in den Kessel kamen. Dann verschwand ich rasch mit meinen Tieren.

Ich verstehe nicht, Manolo. Wohin bist du verschwunden? Mit welchen Tieren?

Jetzt legt sich sein Gesicht in unzählige Fältchen, der Schnurrbart zittert. Manolo grinst. Ich bin Ziegenhirte, immer schon. Arbeite erst seit einigen Jahren im Park, aushilfsweise.Verstehst du jetzt?

Ja, der Retamon, der plötzlich von der Welt verschwand. Die wilden Bergziegen, die es nicht mehr gibt.

Man wusste es nicht anders.

Und die Schule, Manolo?

Kannte ich nicht. Mein Vater war Ziegenhirte, ich wurde es ebenfalls. Das hier war meine Universität, der Kessel von Taburiente.Komm mit.

Er taucht weg ins Unterholz, ein verborgener Weg, der auf eine Lichtung führt mit alten Rebstöcken. Feigenbäume. Orangenbäume. Kastanien. Kühle Steinhäuser, eine schattige Laube. Las Casas de Taburiente. Das Gesicht Manolos, es läuft über vor Freude. Das ist meine Kindheit.

Bei den Ureinwohnern war der Kessel gemeinschaftlich genutztes Weidegebiet. Danach lag sein Reichtum im Wasservorrat; wer die Quellen besaß, hatte die Kontrolle über die fruchtbaren Ebenen ausgangs des Kessels. Die feudalen Wurzeln reichen bis in die heutige Zeit.

Der "Erbschaft der Landgüter von Argual und Tazacorte", einem Zusammenschluss von 1800 Besitzern, gehört immer noch der Kessel, sie hat das Land der Parkverwaltung verpachtet und führt auch ein kleines Gut, das lange Jahre von einem Onkel geleitet wurde. Bei ihm wuchs Manolo auf, hütete die Ziegen.

Die neuen Verwalter kennen ihn. Domingo ist auch hier, der letzte Maultiertreiber der Insel. Schon wird der Weißwein aufgetischt, gepresst aus eigenen Trauben. Dazu gebratenes Ziegenfleisch. Süßkartoffeln. Und gofio, auf La Palma ein Teig aus verschiedenen Mehlen, zu Bällchen gepresst; es ist das traditionelle Brot der Hirten.

Schon fliegen die Geschichten hin und her.

Weißt du noch, als auf den Gipfeln oben der Schnee acht Meter hoch lag und wir die Ziegen holen mussten; die Hunde trauten sich nicht mehr raus.Wie wir nach vier Tagen eine deutsche Touristin fanden, die sich im Kessel verirrt hatte, weil Manolo genau wusste, dass es noch einen anderen Weg gab, der in die Schlucht hineinführte.

Wie Manolo mit seinem Bruder unterwegs war, um trockene Kiefernnadeln zu sammeln, Verpackungsmaterial für die Bananen, welche die Insel nach dem Krieg zu exportieren begann, um ein bisschen Reichtum zu produzieren. Und wie sein Bruder den Plunder plötzlich hinwarf und sagte: Ich hab genug. Ich gehe nach England. Und ging.Weihnachten will er zu Besuch kommen, mit Kindern, die schon erwachsen sind.

An den Wänden hängt ein drei bis vier Meter langer biegsamer Holzstab, die Lanze, mit der die Ziegenhirten, wenn sie unterwegs sind, die steilen Abhänge überwinden, die Eisenspitze in den Boden stecken, am langen Schaft hinunterrutschen.

Quittenholz, sagt Manolo.

Bittermandelholz ist besser. Meint Domingo, der Maultiertreiber.

Bei abnehmendem Mond zu schneiden, sonst hält die Lanze nicht. Den Ast über dem Feuer schälen und mit dem Fett von Ziegennieren einreiben. Sagt Manolo.

Besser mit einer Paste aus Kalk und Kuhpisse. Meint Domingo.

Jetzt noch ein Gläschen vom Selbstgebrannten. Dann ist es Zeit zu gehen.

Zum Fluss hinunter und zu den grünen Weiden. Man braucht nicht so leichtfüßig zu sein wie Manolo, der, beschwingt vom süßen Saft der Erinnerung, vorauseilt. Aber man sollte trittsicher sein und schwindelfrei. Die Schlucht, an der wir entlanggehen, mal auf der einen, dann auf der anderen Seite, mal weit über ihr, dann wieder mitten hindurch, heißt Barranco de las Angustias. Die Schlucht der Todesängste. Ihr Name hat nichts zu tun mit den traumatischen Erlebnissen ungeübter Wanderer. Weiter unten wird eine Jungfrau gleichen Namens verehrt.

Manolo singt. Er singt aus vollem Hals und lässt sich nicht einmal vom Idafe beeindrucken, einem Monolithen, der mitten im Kessel steht wie ein erhobener Zeigefinger. Nur einmal bleibt er stehen, zeigt auf einen kleinen Felsvorsprung: Darunter habe ich manche Nacht geschlafen. Und weiter. Abwärts. Die Sonne scheint jetzt unbarmherzig. Im Wasser kann man sich Kühlung holen.

Auf dem Parkplatz wartet das Auto. Mit Manolo zurück, zu seinem Haus am Rande des Dorfes El Paso. Die Ziegen warten. Er hat sie jetzt im Stall, füttert sie mit Kraftfutter, da es nur noch wenige freie Weideplätze auf der Insel gibt. Auch die Vorschriften werden immer strenger. Er muss einen neuen Melkraum bauen, einen neuen Raum für die Käseherstellung.

Sonst darf er ihn nicht mehr verkaufen, seinen berühmten Ziegenkäse. Weil er Geld braucht, um den Stall auszubauen, arbeitet er jetzt als Brandverhinderer im Nationalpark.

Unser Glück, Manolo.