Kroatien Robinsoninsel Zizanj

Der Abschied von der Zivilisation dauert 90 Minuten, die Ankunft in der Einsamkeit viel länger. Das Schnellboot holpert über Wellenkämme und durch Wasserschluchten, Kurs Nationalpark Kornaten. Hier gibt es außer Felsen, Wind und Wellen mehr als hundert Varianten Einsamkeit. Die kleine Insel Zizanj ist eine davon.

Am siebten Tag, so erzählt die Schöpfungsgeschichte der Kroaten, hatte Gott noch eine Hand voll Steine übrig, 150 waren es. Und weil der Schöpfer nicht wusste, wohin damit, warf er sie ins Meer. Diese Felsbrocken waren zwar nicht schön, boten aber Schlupfwinkel für Piraten, waren Außenweide für Schafe, lauschiges Plätzchen für Liebende und eine Oase für zivilisationsmüde Urlauber mit Proviantsack und romantischen Träumen. Auf der 1,7 Quadratkilometer großen Insel, kleiner als Helgoland, gibt es keine Handys, keine Staus, keine Hektik. Stattdessen das Meer, die Insel, die Einsamkeit und ich. Robinson ohne Freitag, ohne Fernseher und endlich allein. Wirklich allein?

Nein: Die ersten ungebetenen Gäste warten schon bei der Ankunft. Katzen inspizieren gierig das Gepäck und machen schnell klar, was sie wollen: Thunfisch und Käse und später ein paar Streicheleinheiten. Die nächsten Eindringlinge schwärmen erst in der Dämmerung aus und fordern Blut. Und wenn die Sonne untergegangen ist, kriecht der letzte Gast im Schutz der Dunkelheit ins Gemüt: die Langeweile. Um zehn ist Zapfenstreich. Der Sonnenkollektor auf dem Haus ist purer Luxus, aber von ungewissem Durchhaltevermögen. Früh schlafen ist ja auch mal ganz schön. Spät aufwachen auch.

Himmlisch, diese Ruhe, das Meer rauscht, Möwen gleiten vorbei, einfach dasitzen, den Wellen zusehen, den Morgenkaffee genießen. Schön wär's. Vor dem Muntermacher steht die Wasserpumpe, das kräftigt die Armmuskeln, macht warm und klingt wie Donnergrollen auf dem Dach. Nach fünf Minuten gluckert es in den Rohren und strömt eiskalt aus dem Hahn. Brrr, da fällt die Dusche besser aus. Also wieder dasitzen, den Möwen zuschauen, die Wellen beobachten … Die Insel erkunden. Über Stock und über Steine, und das geht jetzt schon zwei Stunden so.

Irgendwie hat der liebe Gott beim Steinewerfen vergessen, ein paar Blumensamen hinterher zu schmeißen, oder ein paar Früchte. Viel gibt sie nicht her, die karge Erde der Kornaten, gerade genug für ein paar Mandel- und Olivenbäume, Disteln für die Schafe, Heidekraut und Gestrüpp. Weiter inseleinwärts. Wenn ich jetzt wo runter falle, ende ich als sonnengebleichtes Skelett, wenn mich überhaupt jemand findet. Denn die Bauern von den Inseln Murter und Pasman, denen Zizanj gehört, kommen nur selten hierher. Die alten Steinhäuser, Behelfsunterkünfte für die Erntezeit, verfallen, seit es lohnendere Verdienstmöglichkeiten gibt. Deshalb wachsen jetzt auch auf der anderen Inselseite frisch verputzte Häuser aus Geröllhalden und lauschigen Buchten. Touristen sind lukrativer als Landwirtschaft. Zwei Ferienwohnungen bringen mehr als 200 Olivenbäume, hat Ive, der Bootsführer, erzählt, und sie machen weniger Arbeit. Auch seiner Familie gehört ein Stück von Zizanj, 1200 Olivenbäume und das Ferienhaus. 30.000 Euro hat die Familie investiert. Die Touristen zahlen 80 Euro pro Tag und 50 Euro für den Transfer mit dem Boot.

Genug Abenteuer für heute. Auf dem Rückweg nichts zu essen im Gebüsch und nichts zu trinken zwischen den Felsen. Später endlich Mittagessen, wo sind die Eier? Ups, gar nicht eingekauft. Also Käsestulle statt Omelett. Und zum Nachtisch ein bisschen Veranda-Dösen, das Meer betrachten, die Möwen ziehen sehen. Irgendwann dröhnt die Stille in den Ohren, schlägt die Idylle aufs Gemüt. Die meisten Urlauber bleiben eine Woche, wurde mir erzählt. So lange? Mir ist jetzt schon langweilig. Zeit für einen unromantischen Strandspaziergang über Geröllfelder und scharfkantige weiße Felsen, die Wind und Wellen nur mit grobem Schmirgelpapier abgerieben haben. Selbst dort, wo sie sich wie sonnengewärmte Grabplatten aneinanderreihen, ist das Liegen hart. Dann lieber an einen Baum gelehnt aufs Meer schauen, die Gedanken fliegen lassen auf den Schwingen der Möwen. Und ringsum schweigen die Steine.

Wie lange es wohl dauert, bis man sich selbst in so einen Felsen verwandelt, mit Moos bewachsen? In ein paar Tagen werden sie mich finden, versteinert statt verwest. Will dieser Tag denn ewig leben? Um zehn bin ich müde und kann doch nicht schlafen. Wovon soll ich träumen in der Weite des Steins? Am nächsten Morgen wieder Wasser pumpen, Dusche ausfallen lassen und die Zeit totschlagen. "Ich kenne ein Ehepaar", erzählte Ines vom Kroatischen Fremdenverkehrsamt, "das kommt jedes Jahr zwei Wochen hierher, nur um sich auszusprechen. "Kann ich nicht verstehen. Je länger man den Geräuschen der Insel lauscht, desto weniger gibt es zu sagen. Da ist jedes Wort zu viel, zu laut, zu garstig. Grässlich diese Stille, dieses Flatsch, Flatsch, Flatsch der Wellen, und kann jemand bitte mal die Möwen abschalten! Heute Nacht werde ich träumen von dem Tuckern eines Motorbootes, das mich fortträgt in die Zivilisation zu Handys, Staus und Hektik.

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Autor:
Sonia Shinde