Kroatien Porträt eines kroatischen Soldaten

Auf diesem Hügel ist es gewesen, hinter diesen Steinen und diesem Gebüsch. Nachts, so gegen drei, als es raschelte in der Dunkelheit, Schritte den Berg hinaufschlichen, dann Schüsse von links, eine Salve von rechts, und dann hat auch er geschossen, ein ganzes Magazin leer, 15 Sekunden lang. Ob der kroatische Soldat Zeljko Ivancevic in dieser Nacht einen Serben getötet hat? "Ich weiß es nicht", sagt er. "Es gab keine Schreie, kein Körper fiel, da war nichts, nur Dunkelheit." Einen rostbraunen Fleck hat er gesehen am nächsten Tag auf den Felsen.

Zehn Jahre ist das jetzt her und der Krieg auf dem Balkan längst vorbei. Wenigstens auf den Schlachtfeldern. Aber nicht in den Köpfen, schon gar nicht in denen der jungen Generation, die noch schwankt zwischen Nationalismus und Patriotismus, zwischen Kriegsromantik und Verdrängen-Wollen. Fast jeder Dritte hat gegen die Serben gekämpft, sagt Zeljko, und der junge Stadtrat aus Zadar mit dem Abitur aus Deutschland ist da keine Ausnahme.

Seltsam hölzern wird er, wenn er von damals erzählt. Er, der sonst so eloquent über Geschichte, Politik und das Leben an sich zu parlieren weiß. Berichtet, ohne Regung im schmalen Gesicht, ohne Gestik der schlanken Hände, fast als wäre er sich selbst ein Fremder, seltsam abweisend in seiner Neutralität. Der Stempel in seinem Militärbuch weist den Gefreiten Ivancevic als Scharfschützen aus.

Als einen, der versteckt hinter Hecken den Feind abknallt. Einer, der gut zielen kann, der es geübt hat an Papp-Silhouetten. "Ich hab meinen Job gemacht", sagt er. Hat sich darauf konzentriert, wohin das Gewehr ausschlägt beim Feuern. Hat tiefer und weiter rechts anvisiert vor dem Abdrücken. In Zwei-Stunden-Schichten fixierte der Schütze Ivancevic einen Punkt, bis die Augen brannten, verharrte unbeweglich hinter Häusermauern und Fensterkreuzen und wartete auf den Feind. "Nach einer Viertelstunde ist die Versuchung groß, einfach einzuknacken", sagt er.

Und die Angst? Die kam nachts. Wenn huschende Schlangen schwer zu unterscheiden waren von schleichenden Schritten. Dann saß sie wie ein kalter Klumpen im Magen, kroch als Kloß in den Hals und schnürte die Luft ab. Wenn der Nordwind pfiff, war alles gut. "Aber bei Südwind hörte man nicht, ob sich jemand näherte." Da blieb nur der eigene Trost zur Beruhigung: "Es wird schon nichts geschehen, es muss ja nicht gerade heute jemand den Hügel hochkommen." Das waren die guten Tage, an den schlechten phantasierte er von "einer Drahtschlinge, die mir einer von hinten um den Hals legt und zuzieht".

Zeljko hätte nicht kämpfen müssen, damals, als er gerade sein Abitur in Freiburg bestanden hatte, ein Gastarbeiterkind mit kroatischem Pass, badischem Akzent und politischen Ambitionen im Ausländerbeirat. Der Vater kam Ende der sechziger Jahre als Baumaschinenprogrammierer nach Deutschland, Zeljko wurde 1972 geboren. Die Grundschule besuchte er in Jugoslawien bei den Großeltern, das Gymnasium in Freiburg. Doch Heimat ist Deutschland für ihn nie gewesen, echte Karrierechancen hat er im fremden Land nicht gesehen. "Für mich stand schon nach der zehnten Klasse fest, dass ich zurück will."

Und dafür muss man in den Krieg ziehen? "Ich hab mir diese Frage nie gestellt", sagt er. Auch nicht, ob die Kriegszeit nützlich sein würde für eine Karriere in der Politik, aber schaden würde es wohl auch nicht. Hausieren geht er nicht mit seinen Erlebnissen, und die doppelten Sozialversicherungszeiten für seine Kriegseinsätze hat er sich auch noch nicht eintragen lassen, "bin einfach nicht dazu gekommen", sagt er. Es gab Wichtigeres für den Nachwuchspolitiker, der für die Sozialdemokraten in der Opposition sitzt. "Zeljko ist ein Idealist", sagen seine Freunde, "aber so einer wie Don Quijote."- "Zeljko ist ein Karrierist", sagen die, die ihn nicht so gut leiden können. Aber alle glauben, dass er bald in der nationalen Politik mitmischen wird. Vielleicht ist er deshalb so vorsichtig mit seinen Urteilen über den Krieg.

Nach Bosnien wäre er nicht gegangen. "Aber in der Krajina mussten wir unser eigenes Land verteidigen, das war genauso ein Kampf wie der unserer Partisanen im Zweiten Weltkrieg", sagt er. Bei denen hatte sein Opa mitgekämpft. Da halfen auch die friedens- bewegten Argumente des deutschen Geschichtslehrers nichts. "Pazifismus ist gut, solange einem der Krieg nicht auf den Kopf fällt", hat er dem gesagt. Für Pazifismus war es 1992 zu spät. Jugoslawien war längst zerfallen und Milosevic bombte auf dem Balkan für ein großserbisches Reich.

Zeljko hat sich wenig Gedanken gemacht, als er nach Zadar abkommandiert wurde, in eine aufstrebenden Industriestadt an der Küste Dalmatiens. Er redet nicht gerne darüber, spuckt die Antworten bröckchenweise aus. Und am liebsten möchte er von alldem nichts mehr hören, heute, wo die Sonne warm scheint über der zernarbten Landschaft der Krajina, in der sich verkohlte Gebäude-Skelette mit letzter Kraft in den Himmel recken. Hier haben die Serben Ende 1991 Knin zu ihrer Hauptstadt gemacht und die "Republika Srpska Krajina", die Serbische Republik Krajina, ausgerufen. 1991 waren 90 Prozent der Krajina-Bevölkerung Serben, das ist der höchste Anteil in Kroatien. Jetzt sind die Häuser verlassen. Schilder mit Totenkopf und gekreuzten Knochen warnen "Oprez mine!"- "Vorsicht Minen!" Die machen Zeljko immer noch Angst - Minen und Schlangen. Schießen ging immer, erst recht nach den Fernsehbildern von Vukovar, als die Serben die Kroaten aus der ostslawonischen Stadt jagten."Da weiß man, was passiert, wenn die erste Linie fällt und man selber nicht schießt." Deshalb hat er lieber nicht daran gedacht, dass der Mann auf der anderen Seite Sohn ist, oder Vater, Bruder, Ehemann. Einen hat er mal getroffen, vor fast eineinhalb Jahren, nicht weit von hier. "Da spricht man nicht drüber", sagt er. Und der Serbe hat gesagt, er hätte beim Nachschub gearbeitet. "Wenn das stimmt, dann gab es in der serbischen Armee nur Köche", sagt Zeljko.

Eineinhalb Autostunden von Zadar entfernt war das Dorf Vuksic fest in serbischer Hand, Gacelezi zehn Minuten von dort, war auf kroatischer Seite. Bozo und Milica, einem serbischen Rentnerpaar, war das gleichgültig. Sie sind nie fortgegangen von ihren Weinbergen und Weizenfeldern. Bozos Mutter ist Kroatin, Mischehen gab es hier häufig - vor dem Krieg. "Zeljko", ruft die alte Frau, küsst ihn auf beide Wangen und strahlt über den Kaffee, den er mitgebracht hat. Fast wie damals, da fiel von den Armeerationen auch immer was ab. Besetzt haben sich die beiden Alten nie gefühlt, als ihr Wohnzimmer Hauptquartier der Militärs wurde. Nur nach dem Riss, den der Krieg in die Familie gebombt hat, fragt man besser nicht. Der Sohn wohnt in Split und kommt manchmal zu Besuch, die Tochter ist in Belgrad, die haben sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen.

Die anderen Serben in Gacelezi, die Heimkehrer, mögen keine Besucher, vor allem keine kroatischen Soldaten. Weniger als vier Dutzend Einwohner von einst 300 leben wieder hier. Schweigend beobachten sie die Fremden. "Das hier hat euch nicht zur Ehre gereicht", sagt ihr Wortführer vor verkohlten Mauerskeletten, die wettergegerbten Züge hart und böse. Einige Häuser haben die Serben angezündet, andere die Kroaten, wer weiß das heute schon so genau, die meisten sind immer noch unbewohnbar. Zeljko Ivancevic schweigt, die Hände zu Fäusten geballt, seinen schmalen Rücken durchgedrückt, die Wut nach innen verbannt. "Wäre ich allein gewesen, hätte ich zugeschlagen!", sagt er. Das habe nichts mit Nationalismus zu tun, aber die Serben hätten schließlich angefangen mit dem Krieg.

Selbst eine Serbin heiraten? Daran hat er nie gedacht und das würde auch die Familie nicht gut heißen "In so eine Situation möchte ich nie kommen." Was ist mit serbischen Kommilitonen an der Uni? "Die Serben studieren woanders", sagt er. Zeljko hat genug von den Serben, dem Krieg und der Vergangenheit. Kontakt zu alten Kameraden hat er nicht, er bemüht sich auch nicht darum, geblieben sind ein paar Dutzend Fotos und bei Südwind ein Pfeifen im linken Ohr vom Dauerfeuern. Und die ewigen Fragen, vor allem von Deutschen, die "immer alles zerreden" müssen. Sätze wie "Warum mussten so viele Serben sterben?" Seine Rückfrage: "Warum mussten so viele Kroaten sterben?" Und: "Ich frage die österreichischen Touristen ja auch nicht, wie viele kroatische Partisanen ihre Väter oder Großväter vor Triest umgebracht haben."

Gesprächig wird der Stadtrat Zeljko, wenn es um die neue Müllverbrennungsanlage geht, die Gelder für die Stadtbibliothek, die er lockermachen will durch seine Kontakte zur kroatischen Justizministerin. Er war ihr Wahlkampfsekretär, als sie noch in Zadar für die Menschenrechte focht. Auch dem heutigen Innenminister. stand er damals zur Verfügung. Das ist gut für kurze Dienstwege. Nicht, dass er das ausnutzen würde, beeilt er sich zu versichern. Sonst wäre es schnell vorbei mit dem möglichen Einstieg in die große Politik, zwar noch nicht für die Wahlen 2003 aber vielleicht danach. Bis dahin decken Übersetzerjobs für die Polizei und Stadtführungen für das Fremdenverkehrsamt Miete und Lebensunterhalt. Und vielleicht der DVD-Verleih, den er mit einem Freund aufmachen will, wenn das Soziologie-Examen bestanden ist. Und dann reden wir doch wieder über den Krieg, beim Milchkaffee im Café Rio, gleich hinter dem Strandhotel Zagreb, in dem einst Tito übernachtete und heute Kriegsflüchtlinge wohnen, und das deshalb geschlossen ist.

Es ist der Tag, an dem Carla Del Ponte, Chefanklägerin des Den Haager Kriegsverbrechertribunals, beim kroatischen Präsidenten Stipe Mesi die Auslieferung von General Janko Bobetko fordern wird. Für Frau Del Ponte ist der 84-Jährige ein Kriegsverbrecher, der im Gebiet von Medak mit seinen Einheiten serbische Dörfer überfallen haben soll. Mindestens hundert Zivilisten wurden dabei erschossen, erstochen oder verstümmelt. "Ich will nicht behaupten, dass es so etwas nicht gegeben hätte, aber das waren Einzelfälle, ich selber habe so etwas nicht erlebt", sagt Zeljko, sorgsam politischen Tretminen ausweichend. Gut, da gab es die "Splitter-Brigade", einen wilden Haufen, "die konnten selbst wir nicht kontrollieren." Er verschluckt das "aber", das ihm auf der Zunge liegt, und doziert stattdessen über das Völkerrecht und darüber, dass seine Landsleute denken, Ausländer hätten nicht zu richten über den altersschwachen Helden, der als Partisanenkämpfer die Faschisten niedergerungen hat und Kroatien vor serbischen Tschetniks schützte.

"Am besten, Bobetko lässt sich ins Krankenhaus einweisen und für verhandlungsunfähig erklären", sagt er. Das ist keine direkte Absage an das Tribunal, aber gleichzeitig beruhigt diese diplomatische Nicht-Auslieferung nicht nur Zeljko, sondern auch die Mehrheit der Kroaten. "Denn wenn Bobetko in Den Haag vor Gericht gestellt wird, dann ist es, als würde ich selber auf der Anklagebank sitzen."

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Sonia Shinde