Krakau Liebeserklärung an die Heimat

Es gibt keine Magie in Krakau. Die Stadt besteht aus ein paar für den Autoverkehr völlig ungeeigneten Straßen, einem großen Platz in der Mitte und, grob gesehen, etwa 200 Einwohnern sowie dem völlig überflüssigen Rest. Das alles, natürlich ohne den überflüssigen Rest, umgibt ein Grüngürtel, die Planty genannt.

Manchmal weiß ich nicht so richtig, warum um dieses Krakau so viel Lärm gemacht wird. Es gibt auf dieser Welt noch ein paar andere mittelalterliche Städte mit Kirchen aus allen Epochen und in allen architektonischen Spielarten, mit Museen und durchaus imposanter Vergangenheit. Und eigentlich weiß ich bis heute nicht, was hier so verführerisch ist, dass ich kühn, wenngleich nicht als erster, schreibe, dass dies die schönste Stadt ist, die ich kenne.

Vielleicht sind es diese paar unangepassten Straßen, die sich nur dazu eignen, sie ziellos schlendernd zu durchwandern. Vielleicht sind es die paar Kneipen, die einen zwingen, sich an ein Tischchen zu setzen und ein paar Schluck zu trinken, zu warten, bis einer der 200 Einwohner vorbeikommt. Vielleicht sind es die Mädchen, denen der Frühling jedes Jahr die langen Beine enthüllt? Vielleicht aber ist es auch das Licht, das die Farben der Häuser verändert, die Färbung des Himmels und meine Stimmungen. Krakau ist ein Phänomen.

Ein Krähwinkel. Tief Luft holen, bis einem schwindlig wird. Eine kleinstädtische Beengtheit, die an Klaustrophobie grenzt. Kleinbürgerliche Gewohnheiten, für die das 19. Jahrhundert noch nicht zu Ende ist. Kühne Ideen, die noch in hundert Jahren nicht realisierbar sind. Kurz gesagt: eine aberwitzige Mischung, die sich auf den gemeinsamen Nenner der Überzeugung beruft, überdurchschnittlich außergewöhnlich zu sein.

Früher konnte man in den Straßen das Klirren der Milchflaschen hören. An heißen Sommertagen, eingesperrt in die Hitze der Stadt, standen die gefüllten Kisten an den Straßenecken. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich im Glas, das man sammeln und dafür etwas kaufen konnte, was, das weiß ich schon nicht mehr. Man wartete, bis der Milchmann einen Moment lang nicht aufpasste und griff zu. Erfolgreich eine Flasche geklaut zu haben, erfüllte einen mit Optimismus, Freude und dem Glauben an die Möglichkeiten, die dieser Tag bieten würde. Der Sommer in Krakau ist es wert, dass man in der Stadt bleibt. Die drückende Schwüle, die Massen der einfallenden Touristen, die Abreise der Bekannten, all dies gaukelt einem vor, man sei in einer unbekannten Stadt.

Mit der Überlegenheit des Einheimischen schaue ich in die Gesichter der fremden Menschen, die wie aufgescheucht herumlaufen. Satzfetzen von Gesprächen in Sprachen, die ich nicht kenne, streifen mein Ohr, und ich bin ein bisschen neidisch, aber auch verwundert über den Enthusiasmus, mit dem sie meine Stadt anschauen. Über die Jahre habe ich mit einem Eifer, der einer besseren Sache würdig wäre, versucht, in mir eine Gleichgültigkeit gegenüber allem zu entwickeln, was ich täglich sehe: gegenüber den Kirchen und Bürgerhäusern, dem Blick die Pisudski-Straße hinunter, an deren fernem Ende sich der Kosciuszki-Hügel erhebt. Ich habe dabei eine Niederlage erlitten.

Wie soll man einer Stadt entfliehen, deren Straßen die Wirrungen des eigenen Schicksals nachzeichnen? Auf der Grodzka-Straße zum Beispiel führte ich in den Zeiten, als wir alle verloren waren und ich mir am verlorensten schien, existentielle Dispute mit mir selbst. Denn in der Grodzka-Straße steht die Martinskirche, die Kirche des heiligen Martin, wie meine katholischen Brüder sagen, das ist meine Kirche, die evangelisch-augsburgische. Bescheidener und leicht zurück gesetzt verleitet sie zum Grübeln, zum Hadern mit dem eigenen Selbst.

In der Straße des heiligen Johannes, der ulica sw. Jana, steht ein Kaffeehaus mit dem besten Kaffee und den bequemsten Plätzen in der Stadt. Hunderte von Sunden habe ich damit verbracht, meine Nächsten beim Kaffeetrinken zu beobachten. Die Leute in Krakau haben immer Zeit für einen kleinen Schwarzen, ein hübsches Gerücht über ihre Mitmenschen und einen Blick auf die vorbeiziehende Welt. Warum? Vielleicht, weil die Menschen hier zeigen wollen, dass "wir die Kultur haben, und ihr das Geld", wie es einmal ein Krakauer gesagt hat? Gesunder Größenwahn, angeborener Konservativismus und stoischer Skeptizismus erlauben Krakau den Luxus der Distanz gegenüber der sogenannten Wirklichkeit. Dass das 20. Jahrhundert gerade zu Ende gegangen ist, ist kein Grund, gehetzt durch die Gegend zu rennen, nur um Reichtümer anzuhäufen, und als Makler, Dealer oder Manager zu arbeiten, wie es die Mode jetzt diktiert. Stolz auf ihre Andersartigkeit gedeihen die Krakauer in Selbstgefälligkeit und schlagen dabei mit Freuden die Trommel egoistischer Begeisterung.

Zum Schauen eignet sich bestens die Florianska-Straße. Erstens ist sie voll von hübschen Studentinnen, zweitens findet sich hier eh keine unprätentiöse Kneipe - außer der Zywiec-Bar. Nur noch hier kann man heute ungezwungen sein Gläschen Wodka trinken, ohne sich um den Grad seiner Nüchternheit kümmern zu müssen. Die Gäste, Straßenhändler, die Gold verkaufen, und Zigeunermusikanten, geben sich mit einer unkomplizierten Speisekarte zufrieden. Hier lebt noch das alte Krakau, wo Schulter an Schulter, Glas an Glas der Universitätsprofessor und der Säufer aus der Gosse nebeneinander standen.

Direkt am Rynek liegt ein weiteres Lokal, dessen Existenz einer ganzen Bevölkerungsgruppe den Lebenssinn gibt. Wer hier trinkt, ist meinungsbildend. Die Gäste an den langen Tresen des "Vis à vis" akzeptieren niemanden, der nicht dazugehört, es sei denn, er wird von einem der ihren eingeführt. Im dichten Zigarettenrauch diskutieren sie von morgens früh bis abends spät über die Welt und wie sie zu retten ist, über die Kleinlichkeit und den Sinn des Lebens, über die Liebe und deren Verrat. Niemand wundert sich hier über das nächste Glas Wodka, das die schwarzhaarige Schönheit leert. Dass sie trinkt, heißt, dass sie dazugehört. Da sie trinkt, rettet sie die Welt - und mehr, lieber Gast, geht dich nicht an. Lass es dir nicht einfallen, sie aufreißen zu wollen, weil das hier kein Ort dafür ist.

Manchmal liegt Nebel über Krakau. Ausgebreitet über der großen Wiese mitten in der Stadt, den Bonia, steigt er über die Planty, als gäbe er nur ungern den Blick auf die Türme der Wawel-Kathedrale frei. Auch wenn ich diese Inszenierung in- und auswendig kenne und sogar die Gefühle, die mich dabei überkommen, so weiß ich genauso auswendig, dass ich davon jedes Mal begeistert bin.

Krakau sendet seine Signale aus. Wie eine Frau, die sich ihrer erotischen Wirkung nicht bewusst ist, hat sie die bescheidene Miene einer Pensionsschülerin aufgesetzt und grüßt mit einem artigen Knicks die Menschen, denen sie begegnet. Wir wissen, dass dies nur vorgetäuscht ist, dass uns dieses geradezu pervers gesittete Gehabe verführen soll. Nur dass uns dieses Wissen wenig nützt, uns offenbar auch nicht klüger macht, denn wie dumme Schüler fallen wir immer wieder darauf herein, unweigerlich, Tag für Tag, und das seit Jahren.

Quelle:
Autor:
Jerzy Pilch