Krakau Cafés mit Tradition

Echte Krakauer haben es nie eilig. Sie kommen deshalb auch nie zu spät. Die Zeit vergeht in Krakau anders als anderswo, und echte Krakauer Bürger haben ein anderes Zeitgefühl: Sie gehen sinnend umher, anders als die hier mit hochmütiger Ironie behandelten Warschauer, die einfach herumrennen, ewig in panischer Eile und deshalb immer verspätet sind, ungeduldig, arrogant, immer bemüht, die Zeit auf der Jagd nach irdischen Nichtigkeiten zu überholen: nach Geld, Macht, Luxus. Krakau ist die konservativste aller polnischen Städte und zugleich die Wiege aller avantgardistischen, neuen Strömungen in der Kunst, der Literatur und im Theater.

Die mehr als 600 Jahre alte Jagiellonen-Universität und die jüngere Kunstakademie und Theaterhochschule sind Ausdruck einer ungewöhnlich harmonischen Verbindung von Kontinuität und Umbruch. Der aufmüpfige Künstler widersetzt sich den alten Meistern, seinen Professoren, stellt neue Werte und Hierarchien auf, wird dann selbst zum alten Meister und vom nächsten jungen Hitzkopf angegriffen. Kaffeehäuser spielen für Krakauer Lebensart und Zeitgefühl eine große Rolle. Das Krakauer Kaffeehaus ist eine kulturelle Institution. So war es schon im 19. Jahrhundert, als die Wiener Tradition sich hier mit einem Bedürfnis vermischte, das sich direkt aus der dramatischen Geschichte Polens herleiten ließ. An Wien und Kaiser Franz Joseph (Krakau war lange Jahre Teil der österreichischen Monarchie) erinnert man sich hier mit großer Zuneigung.

Ohne ein eigenes Staatswesen, eigene Einrichtungen des öffentlichen Lebens, ohne eine freie Presse mussten sich die Polen andere Formen des öffentlichen Lebens, der freien Meinungsäußerung und der politischen Diskussion schaffen. Kaffeehäuser waren eine dieser Formen. Hier erfuhr man, was "in der Stadt" und "in der Welt" passierte, hier wurden Urteile gefällt, was sich gehört und was nicht, wurde der künstlerische Geschmack und die künstlerische Hierarchie definiert, wurden neue Trends in den Sitten, der Mode und der Politik eingeführt.

Die Kaffeehäuser verbanden oftmals Konservativismus mit Auflehnung und Innovation, sie waren deren explosive Mischung, ein Tiegel, in dem die neue Wirklichkeit Gestalt annahm. Fast jedes Café hatte sein eigenes Kabarett. Die Krakauer Kabaretts spielten zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Rollen. Die "Jama Michalika" zum Beispiel, die "Michalik-Höhle" in der Florianska-Straße wurde von Jan Michalik zu Anfang des 20. Jahrhunderts als "Lemberger Konditorei" ergründet. Da gleich hinter dem Florianstor die Akademie der Schönen Künste war (und heute noch ist), tranken bei Michalik vor allem Kunststudenten und Professoren der Akademie ihren Absinth und Kaffee. Und weil sie oft keinen Groschen besaßen, ließ sich Michalik in Naturalien bezahlen, in Bildern, Zeichnungen, Skulpturen, Glasmalereien. Viele davon hängen heute noch an den Wänden.

Angelockt von dieser Art des Mäzenatentums kamen auch andere zu Michalik: Dichter, Schauspieler, Journalisten, die intellektuelle Elite und künstlerische Bohème des damaligen Krakaus. 1905 gründeten die Stammgäste von Michalik das Kabarett "Der kleine grüne Ballon", dem die besten polnischen Künstler der Epoche angehörten. Sie traten als Sänger und Schauspieler auf, improvisierten und amüsierten sich. Später wurde es zu einem Marionetten- Kabarett, dessen Puppen, Requisiten und Kostüme heute noch dort ausgestellt sind.

Gar nicht weit von der Michalik- Höhle - im alten Krakau ist alles nah beieinander -, in der Straße des heiligen Thomas, steht das Café Camelot, eingerichtet in einem Haus aus dem 15. Jahrhundert. Der Besitzer Jacek Lodzinski stammt aus einer alten Händler- und Unternehmerfamilie, er sammelt naive Volkskunst, deshalb hängen, stehen, liegen im Camelot Holzschnitzereien, Glasmalereien, alte Gerätschaften, Möbel und Bilder.

Eine ganze Wand hängt voll mit Aquarellen des berühmtesten polnischen Primitivsten Nikifora. Und auch das Camelot hat sein Kabarett, das im Keller des Cafés auftritt: "Loch Camelot". Alles ist scheinbar so, wie es immer schon war, und doch ist es anders: "Loch Camelot" ist wie der "Grüne Ballon" und doch anders. Genauso aktuell und voller Leben, aber diesmal geht es nicht um Politik (dafür gibt es jetzt die Zeitungen), geht es nicht um die Unabhängigkeit (denn die ist gleich vor der Tür, auf der Straße, auf dem Markt, überall). Hier drinnen herrscht, wie vor hundert Jahren im "Grünen Ballon", die Poesie, die Musik, der Witz und der Humor. Ohne sie gibt es kein Leben. Nicht in Krakau.

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