Klagenfurt Die schöne Stadt am See

Brigitte Ortner-Tillian ist eine der Ersten auf dem Benediktinermarkt, jeden Morgen. Sie kommt um kurz nach sieben, wenn die Bauern gerade ihre Stände aufgebaut haben und alles noch frisch ist, sie läuft durch die schmalen Gänge zwischen den Auslagen und beschaut, befühlt und schnuppert: Artischocken und Basilikumpflanzen, Pfifferlinge, Speck und Kasnudeln, im Herbst Steinpilze und im Sommer Beeren, Kürbiskernöl, Bergkäse, Würste.

"Ich richte mich nach dem, was es auf dem Markt gibt", erklärt die 57-Jährige, "dann erst entscheide ich, welche Gerichte ich anbiete." Mit vollen Tüten geht sie in die Markthalle auf dem Benediktinerplatz, schließt ihren Stand mit der Nummer 17 auf und fährt die rote Markise aus, stellt Stühle und Tische hinaus auf den Platz, serviert den ersten Gästen ihren Morgenkaffee, und dann schreibt sie auf eine Schiefertafel an der Wand, was sie heute Mittag kochen wird: Gnocchi, Ravioli, Risotto sind fast immer darunter, aber italienisch, sagt sie, seien ihre Gerichte nicht. Auch nicht typisch für Kärnten, fährt sie fort und stutzt, denn irgendwie sind sie es ja doch: Die Artischocken und das Basilikum kommen aus Italien, die Pfifferlinge aus Slowenien, der Speck aus Tirol und die Kasnudeln von hier - doch kaum etwas, nicht einmal Kasnudeln, ist typischer für Kärnten als seine Grenzlage.

Vor sechs Jahren hat Brigitte Ortner-Tillian den Stand 17 auf dem Benediktinermarkt, dem "Bauch von Klagenfurt", bezogen, gerade nachdem sie ihre Galerie für modernen Schmuck hatte schließen müssen: "Dafür war Klagenfurt zu klein." Umso beliebter ist das, was sie heute aus ihren Kochtöpfen schöpft, selbst wenn es, wie im vergangenen Sommer ihre Erdbeersuppe, gar nichts Traditionelles ist. "Ich probiere gern etwas aus - kaum zu glauben, was man aus normalem Gemüse und Obst alles machen kann", sagt sie.

So wie Brigitte Ortner-Tillian den Bauch der Stadt mit Speisen versorgt, hält Michaela Monschein, 38, geistige Nahrung bereit. Seit 2002 organisiert sie den Literaturwettbewerb, die "Tage der deutschsprachigen Literatur". Die meisten Klagenfurter kennen den wichtigsten der dort verliehenen Preise, gewidmet der berühmtesten Bürgerin der Stadt: der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Jährlich im Juni reisen etwa 400 Menschen zum Wettbewerb, schätzt Monschein: nominierte Schriftsteller, Kulturredakteure und Literaturkritiker aus der Jury.

Manche kommen seit Jahren, immer wieder, andere werden auf der Zugfahrt oder dem Flug zum ersten Mal im Reiseführer lesen, dass Klagenfurt noch mehr ist als Bachmannpreis und Wörthersee: gut 90000 Einwohner groß, die südlichste Landeshauptstadt Österreichs. Im 16. und 17. Jahrhundert von italienischen Baumeistern mit pastellfarbenen Renaissancepalästen und Arkadenhöfen, in der Gründerzeit mit Bürgersteigen aus weißem Marmor bestückt. Als einzige europäische Stadt bereits dreimal mit dem Europa-Nostra-Diplom für die gute Restaurierung der Altstadt ausgezeichnet. Die Stadt, in der Robert Musil und Ingeborg Bachmann geboren wurden, in der der Komponist Gustav Mahler seine Ferien verbrachte, wo Peter Handke zur Schule ging und der Schriftsteller Julien Green sich begraben ließ.

Die Phantasie scheint hier besonders üppig zu blühen. Selbst aus der Stadtgeschichte werden Geschichten: Im morastigen Klagenfurter Becken, sagt die Legende, lebte einst ein Drache und fraß sich satt an den Menschen und Tieren, die seinem Sumpf zu nahe kamen. Ein zufriedenes Drachenleben - bis ein Herzog einen Turm ins Moor baute. Darin verschanzten sich tapfere Männer, die vor dem Turm einen Stier mit einem gewaltigen Widerhaken anbanden. Gierig stürzte sich der Lindwurm auf den Köder, sein Rachen verfing sich am Widerhaken, und so konnte er, hilflos röchelnd, erschlagen werden.

An die Stelle des Turmes baute man ein Schloss und drumherum eine ganze Stadt. Der Lindwurm wurde zum Wappentier Klagenfurts, im 16. Jahrhundert entstand ein 124 Zentner schweres Standbild aus Chloritschiefer. Weil aber der Lindwurm selbst noch als Statue den Klagenfurtern Angst einjagte, stellte man ihm im 17. Jahrhundert einen starken Herkules mit Morgenstern gegenüber. Von der ausgestreckten Drachenzunge plätschert heute bloß ein dünner Wasserstrahl.

Ein weiteres Wahrzeichen Klagenfurts ist die goldene Gans. Sie steht am Alten Platz, auf dem Eingangstor des vermutlich ältesten Gebäudes der Stadt, das Kaiser Friedrich III. den Bürgern 1489 als Handelshaus geschenkt haben soll. Ihr Schnabel scheint sich zu einem leichten Grinsen zu verziehen, der Bauch ist prall, das Gefieder glänzt satt in der Spätvormittagssonne.

Die Gans erscheint wie ein Symbol früheren und heutigen Wohlstands. Anfang der sechziger Jahre wurde auf dem Alten Platz, zu Füßen der goldenen Gans, die erste Einkaufs-Fußgängerzone Österreichs eröffnet. Tagsüber sitzen hier Touristen in den Straßencafés, bestellen Eisbecher, trinken Kaffee, vernaschen Gebäck und legen ihre Euros aus aller Herren Länder auf den Tisch, und man könnte meinen, dass die Gans sogar noch ein bisschen breiter grinst. Hier auch in der Fußgängerzone liefert eine kleinen Brunnenfigur die Erklärung zum Entstehen des Wörthersees: Das hutzelige Wörthersee-Mandl soll aus seinem kleinen Fässlein eine ganze Stadt geflutet haben, weil man dort am Abend vor Ostern zu wild feierte. Das Wasser lief und lief, und dann war da plötzlich der See. Den Wörthersee kann man sehr gut vom Turm der Stadtpfarrkirche St. Egid ausmachen.

Barocke Pracht der alten Macht

Robert Gutzelnigg schnauft ganz schön. Auch wenn der 35-Jährige seit acht Jahren jeden Tag auf den fast 92 Meter hohen Turm steigt, von Ostern bis Mitte Oktober, von Montag bis Samstag. Aber heute hat Klagenfurts Türmer noch seinen jüngsten Sohn Dennis dabei, vier Jahre alt, und der will getragen werden, 225 Stufen hoch. "Noch bis in die sechziger Jahre", erzählt Gutzelnigg, "lebte eine Türmerin das ganze Jahr über hier oben - mit Mann und sechs Kindern. Wenn sie Feuerholz brauchte, stapelte sie es unten am Eingang und stellte ein Schild dazu, jeder Besucher solle doch ein paar Scheite mit hochnehmen."

Für den Ausblick würde man auch heute noch gern einen Arm voll Holz die 70 Meter bis zur Aussichtsplattform schleppen: Weit hinten die Berge und der Wörthersee im Westen, blau schimmernd und flimmernd wie eine Fata Morgana, davor die weite Ebene des Klagenfurter Beckens und direkt unter dem Turm die Altstadt. Quadratisch war sie von den Baumeistern der Renaissance angelegt worden, mit geraden Straßen, offenen Plätzen und einer rechtwinkligen Stadtmauer, auf der heute die Ringstraße um das Zentrum herumführt.

"Ich schau' mir das immer noch gern von hier oben an", sagt Türmer Robert Gutzelnigg, "ständig entdecke ich etwas Neues." Etwa die versteckten Kapriolen der italienischen Baumeister: kleine und krumme Durchgänge, verspielte und ineinander verschachtelte Arkadenhöfe mit Cafés und Weinkneipen, hier eine Dachterrasse, dort ein Torbogen und da hinten wild wuchern der Efeu an einer glatten goldgelben Fassade. In die vorherrschende Struktur schiebt sich eine eigene zweite Stadt. "Diese innere Spannung, die vielen versteckten Orte in dieser Stadt, die auf den ersten Blick nur lieblich und schön ist - das hat Ingeborg Bachmann sehr geprägt", sagt die Literaturwettbewerbs- Organisatorin Michaela Monschein, "das ist ihre Gemeinsamkeit mit Klagenfurt."

Kunst entsteht in den Nischen, auch in der Stadtpfarrkirche. Eine quietschbunte Mischung aus Isaak und Abraham, World Trade Center und Raumschiffen, einer brennenden Freiheitsstatue und vollbusigen Frauen im Badeanzug malt Ernst Fuchs, 78, an die Wände und Decken der zur Kapelle umgebauten Sakristei von St. Egid. Das Werk eines Künstlers, der einer der Gründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus ist, der sich seit seinem zwölften Lebensjahr mit der Apokalypse beschäftigt und als 14-Jähriger gleichzeitig Nietzsche und die Lehren Buddhas las. Über die "moderne babylonische Sprachverwirrung" wettert er und über die Freiheitsstatue, "das Biest mit siebenzackiger Krone, das die Welt anbetet". Und dabei thront er einen Meter über dem Boden auf einer Spanholzplatte, die Decke über seinem Kopf feucht von Farbe und in der Hand einen Pinsel, den er schwingt wie einen Dirigentenstab.

Seit 1990 malt Ernst Fuchs an seiner bunten Apokalypse, jeden Sommer. "Vielleicht wird er ja nie fertig", sagt sein Sohn Moritz, der 18 Jahre alt ist, ein blasses Gesicht hat und einen dunkelbraunen Sonnennacken und der seit seinem neunten Geburtstag in den Sommerferien aus Wien, dem Ruhrgebiet, Paris, oder wo immer die Familie gerade lebt, nach Klagenfurt mitkommt. "Künstler werden doch eigentlich nie fertig", fährt er fort, und die Hoffnung klingt darin mit, noch einige Sommer hier verbringen zu können.

Die Tür zur Kapelle ist aus schwerem Holz und sehr dick, aber wenn jemand daran klopft, dann wird sie geöffnet, und Ernst Fuchs senkt seinen Kopf wie zur Verbeugung: "Ich fühle mich geehrt, dass Sie sich für mein Werk interessieren." Schauen darf jeder, und wer sich beim Probemalen gut anstellt, kann sogar gern mitmachen. Wohl 80 bis hundert Helfer waren bislang beteiligt, schätzt Fuchs, im Moment malen ein australischer Interrail-Reisender und eine Klagenfurter Waldorfschülerin in den Nischen mit kleinen Pinseln die großen Entwürfe des Meisters aus.

"Es gibt wenige Orte", erzählt Michaela Monschein, "an denen sich die normale Bevölkerung mit den Besuchern des Bachmann-Wettbewerbs mischt. Beim Fußballgucken in einem der Innenhofcafés zum Beispiel. Oder am See."

"Am See" - das hört man von jedem und überall in Klagenfurt. Monschein versichert: "Wenn Sie jemanden in der Stadt nicht finden, dann ist er mit Sicherheit am See."

"Wenn man lautlos über den ruhigen Lendkanal gleitet und sich vor einem plötzlich der Wörthersee öffnet" - mit diesem Moment versucht Wolfram Pschernig, 57, seine, wie er sagt, "Verrücktheit" zu begründen. Vor zehn Jahren hatte er, der eigentlich Versicherungskaufmann ist, das flache, kastenförmige Elektroboot gekauft. Der Vorbesitzer war gestorben, das Boot selbst, der "Lendwurm", aber längst eine Institution auf dem vier Kilometer langen Lendkanal geworden. Nun müssen sich im Sommer seine Söhne um die drögen Versicherungen kümmern - er schippert bis zu 20 Menschen zwischen Stadt und See hin und her; dreimal am Tag, wenn es mit den Zeiten der Wörtherseeschifffahrt passt.

"Maria Loretto", ruft jetzt Pschernig und steuert den Lendwurm ans Kanalufer. Die Bäume dimmen das Sommerlicht herunter und das Wasser schimmert moosgrün. Neben dem Kanal surren die Fahrräder geradeaus mit einem Ziel, das man vorne, durch die Zweige einer Trauerweide, schon erahnen kann: der See.

Wenige Schritte sind es nur. Und plötzlich liegt einem die Stadt im Rücken. Lärmt noch ein wenig im Hintergrund von ihrem Strandbad aus, einem der größten in Europa, in dem sich eine Wasserrutsche hoch in den Himmel schraubt. Aber vorn kratzen die Segelboote gleichmäßig gegen den Holzsteg, als würden sie leise schnarchen, und am Horizont türmen sich die Berge ineinander und dahinter versinkt langsam die Abendsonne. Die vielen weißen Segel werden rosig in ihrem Licht, und im Garten des Restaurants "Maria Loretto" werden weiße Laternen angezündet.

Zeit zum Träumen.

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Inka Schmeling