Karibik Die Geschichte Kubas

An den Stränden - es gibt davon rund 300 - zeigt sich die Insel von ihrer besten Seite: traumhaft weiß, so fein wie Puderstaub. Tropenparadiese locken in Varadero, Cayo Coco oder der Costa Esmeralda, wo Palmen rascheln, das türkisfarbene Meer in der Sonne glitzert und der Tropenwind über die Haut streichelt. Schon Christoph Kolumbus wähnte sich im Paradies, als er 1492 "Cubanacán" (indianischer Name Kubas) erstmals zu Gesicht bekam. Aber die Insel hat weit mehr zu bieten als nur schöne Strände.

Kuba spannt sich in einem eleganten Bogen aus Korallenriffen, Palmenstränden, grün überwucherten Gebirgszügen, dichten Mangrovensümpfen, weiten Zuckerrohr- und Tabakplantagen von West nach Ost - insgesamt 114.524 Quadratkilometer Land. Korallenbänke sind der Küste wie Gärten vorgelagert - sie zählen zu den weltweit besten Tauchrevieren. Zu einem Viertel ist die größte der karibischen Antilleninseln gebirgig. Die höchste Bergkette, die Sierra Maestra, hat mit ihren fast 2000 Metern am Pico Turquino sogar Hochgebirgscharakter.

Kaum irgendwo in der Karibik erstrahlen auch so alte Kolonialstädte wie in Kuba. Denn schon 1511, kurz nach der Eroberung der Nachbarinsel Hispaniola, zogen die Konquistadoren weiter hierher. Unter Führung von Diego de Velázquez unterwarfen ganze 300 militärisch weit überlegene Spanier die einheimischen Taíno und gründeten zwischen 1512 bis 1514 sieben Städte: Baracoa, Santiago de Cuba, Bayamo, Trinidad, Camagüey, Sancti Spíritus und La Habana.

Kubas Kolonialstädte sind nicht nur sehr alt. Sie sind vor allem auch schöner und prächtiger als irgendwo sonst in der Karibik, allen voran natürlich Trinidad und die Altstadt von Havanna. Schließlich war Kuba durch die Geburt der freien Schwarzenrepublik Haiti in seiner Nachbarschaft im 19. Jahrhundert an dessen Stelle als weltweit größter Zuckerexporteur gerückt. Noch heute steht auf jedem zweiten Quadratmeter der Insel Zuckerrohr. Kein Wunder, dass Kuba auch als "Zuckerinsel" bekannt ist.

Die Plantagenbesitzer schwammen bald im Geld. Und sie investierten es in fürstliche Paläste und einen pompösen Lebensstil. Daneben dauerte die Kolonialzeit wie auch die Sklaverei auf Kuba länger als anderswo in der Karibik. Während sich alle amerikanischen Kolonien nach und nach in Unabhängigkeitskriegen der Bindungen zu ihren Mutterländern entledigten, zuerst die USA, dann Haiti und ab 1822 Südamerika, scheiterte Kuba beim ersten Versuch 1868. Erst 1886 wurde die Sklaverei abgeschafft, und mit dem fürstlichen Leben der spanischen Zuckerbarone war es nun vorbei.

Mit Freiheit und Selbstbestimmung hatte Kuba in seiner Geschichte wenig Glück. Auch der zweite Unabhängigkeitskrieg von 1895 bis 1898 brachte den Menschen nicht die erhoffte Selbstständigkeit. Als federführend bei der Vertreibung der Spanier erwiesen sich nämlich nicht die Kubaner, sondern - nach einem mysteriösen Vorfall im Hafen von Havanna, der den Vorwand für ein Eingreifen lieferte - die USA. Zu jener Zeit versuchte Washington, sich über all im mittelamerikanischen Vorhof einen Zugriff auf strategisch günstige Militärstützpunkte zu sichern. Die Explosion des US-Kreuzers "Maine" vor Havanna bot eine willkommene Gelegenheit, in den Unabhängigkeitskrieg ein zugreifen und die Insel mit ihrer Schlüsselposition zwischen dem Golf von Mexiko, dem Kanal von Yucatán und der Straße von Florida unter Kontrolle zu bekommen. Die USA "halfen" also den Kubanern, besiegten die Spanier, besetzten das Land und sicherten sich ein Mitspracherecht bei der Wahl zukünftiger Präsidenten.

Fidel, "Che" und die Revolution von 1959

So geriet Kuba erneut in eine halbkoloniale Abhängigkeit, jetzt zur kapitalistischen Vormacht des Kontinents. Zuckerindustrie, Eisenbahn und Bergbau wurden bald vollständig von amerikanischen Firmen kontrolliert. Die Kluft zwischen extrem arm und extrem reich klaffte immer weiter auseinander. Korruption, Gewalt und Vetternwirtschaft feierten fröhliche Urständ, Diktatoren errichteten - gestützt auf die USA - blutige Terrorregimes.

Mit Ausnahme der reichen Kubaner waren wohl alle Inselbewohner erleichtert, als 1959 die Revolutionäre kamen. Seit der Kolonialzeit hatte die Mehrheit der Kubaner nur Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Not erlebt. In der Silvesternacht von 1958 auf 1959 sollte in Kuba dann schlagartig alles anders werden. Der Diktator Fulgencio Batista war geflohen, Castros Guerilleros marschierten in Havanna ein. Das Unglaubliche war geschehen: Die Revolution hatte gesiegt, und die Kubaner fielen in einen gigantischen Freudentaumel.

Fidel Castro und Ernesto "Che" Guevara, die beiden Chefideologen, begannen unverzüglich mit dem Umbau der Gesellschaft. Sie suchten nach einem Ausweg aus dem jahrhundertealten Elend der Dritten Welt. Kompromisslos enteigneten sie auch US-Unternehmen und leiteten eine grundlegende Agrarreform ein. Die Revolutionäre errichteten ein kostenloses Bildungs- und Gesundheitswesen, führten eine Alphabetisierungskampagne durch und beendeten die Rassendiskriminierung. Die Parole "Socialismo o Muerte", Sozialismus oder Tod, wurde ausgegeben. Was Kreuz und Knoblauch für Dracula, ist Enteignung und Umverteilung für den Besitzenden. Die wohlhabenden Kubaner packten ihre Sachen und flohen vor der "roten Gefahr", die meisten nach Miami.

Nach diesem gewaltigen Kraftakt waren Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit und Prostitution bald verschwunden. Auf der Karibikinsel entstand etwas, was dem idealisierten Bild einer "gerechten Gesellschaft" nahe kam. Der eigentliche Magier der Revolution war der argentinische Arzt Ernesto "Che" Guevara (1928-1967). Er stürzte sich auf den Wandel des Bewusstseins und träumte vom "neuen Menschen", der allen materiellen Begehrlichkeiten abschwört - selbstlos, solidarisch und revolutionär.

Die USA reagierten auf die Enteignungen sofort mit einem harten Konfrontationskurs: Sie strichen die US-Zuckerimporte um 95 Prozent. Eisenhower wähnte sich sicher, dass es sich bei Castro um eine der üblichen lateinamerikanischen Eintagsfliegen handelte. Als der US-Präsident erkannte, dass es der Mann, der diesen kommunistischen Albtraum vor seiner Haustür inszenierte, tatsächlich ernst meinte, griff er zu seinem stärksten Druck mittel: Kubas wichtigster Handelspartner verhängte 1962 ein totales Wirtschaftsembargo.

Das isolierte Land fand schließlich in der Sowjetunion einen Verbündeten. Mit der Rückendeckung des "Großen Bruders" erlebten die Kubaner eine Zeit des Aufschwungs, die ihnen einen Lebensstandard bescherte, von dem ihre lateinamerikanischen Nachbarn nur träumen konnten.

Anfang der neunziger Jahre besorgte schließlich der Zerfall der Sowjetunion, was die Vereinigten Staaten mit ihrem unnachgiebigen Wirtschaftsembargo drei Jahrzehnte lang nicht geschafft hatten: Das von Importen so abhängige Kuba steuerte auf einen wirtschaftlichen Infarkt zu. Mangels Benzin ruhten viele von Maschinen abhängige Produktionszweige, kein Auto fuhr mehr auf den Straßen, und die Regale der staatlichen Versorgungsläden waren leer. Es fehlte an allem. Der Leidensweg der Kubaner hatte einen neuen Höhepunkt erreicht.

Tourismus als neues Standbein

Um die Planwirtschaft wie der flott zu machen, leitete der rote Caudillo einen neuen Abschnitt ein: "Período Especial" - eine Art "Kriegswirtschaft" in Friedenszeiten. Nicht mehr der Zucker, mit dem zu Welthandelspreisen längst nicht mehr viel zu verdienen war, sondern der internationale Tourismus wurde zum neuen Standbein der kubanischen Wirtschaft. Internationale Tourismuskonzerne signalisierten unverzüglich ihr Interesse.

Innerhalb kürzester Zeit wurden neue Firmen gegründet - alle staatlich und besetzt mit Kubanern, die nach wie vor in kubanischen Pesos bezahlt wurden, aber auf Dollarbasis mit den Unternehmen für Kuba günstige Joint-Venture-Verträge aushandelten. Mit preiswerten Arbeitskräften - kaum jemand verdient auf Kuba bis heute offiziell mehr als 400 kubanische Pesos pro Monat (umgerechnet etwa 15 Euro) - konnte binnen kürzester Zeit an den attraktivsten Plätzen im Land eine touristische Infrastruktur geschaffen werden. Nach den Richtwerten der Vereinten Nationen ist das absolute Armut.

Die Einführung des US-Dollars als Zweitwährung im Jahr 1993 traf die Kubaner je doch wie ein Giftpfeil ins sozialistische Bewusstsein. Seitdem sahnen einige Kubaner im Geschäft mit den Urlaubern kostbare Devisen ab, sei es als Kofferträger, Zimmermädchen oder mit der Vermietung von Privatzimmern ("casas particulares"). Um schneller Geld im Tourismus zu verdienen, gaben viele Kubaner ihren Beruf, ihre Karriere und ihre Ideale auf. Und die anderen? Sie schuften weiter für magere Peso-Löhne in den staatlichen Brigaden auf den Zuckerrohrfeldern oder in den Fabriken.

Schon versucht die Regierung, das Rad wieder zurück zu drehen, um der neuen sozialen Ungleichheit entgegen zu wirken. Durften Privathaushalte früher mehrere Zimmer vermieten, sind jetzt nur noch zwei erlaubt. Und neue Konzessionen für "casas particulares" oder "paladares", die privaten Restaurants, werden so gut wie nicht mehr erteilt. Auch werden die touristischen Areale, wo möglich, immer häufiger durch Schranken von den Dörfern und Städten abgetrennt. Kubaner dürfen diese nur mit Sondergenehmigung betreten, etwa um dort zu arbeiten.

Anders als vom Ausland erwartet, führte die Legalisierung von Privatunternehmen nicht zu einer Liberalisierung, sondern diente lediglich einer Konsolidierung des Wirtschaftsaufschwungs. 2004 wurde der US-Dollar wieder abgeschafft und sein Umtausch hoch besteuert. Seit dem haben auch die Kubaner, die von ihren Verwandten in Miami mit finanziellen Zuwendungen bedacht werden, weniger Geld in der Tasche. Denn bei der Auszahlung in Pesos Convertibles kassiert der Staat rund 20 Prozent Gebühren. So mancher reiche Verwandte in Miami hat seither seine Zahlungen eingestellt. Ein immer größeres Polizeiaufgebot schuf dazu vielerorts eine beklemmende Atmosphäre der allgegenwärtigen Kontrolle.

Während sich so mancher Sonnenanbeter an Kubas Traumstränden wie im Paradies fühlt, bleiben Revolutionsromantikern angesichts der ernüchtern den Realität Kubas nur sentimentale Erinnerungen - wären da nicht die Kubaner mit ihren akrobatischen Überlebenstechniken. Heiterkeit ist eine davon, Musik eine andere. Ihre Fröhlichkeit, Lebenslust und ihre unvergleichliche Art, menschliche Nähe herzustellen, wirken wie ein großes "trotzdem". Ein strahlendes Lächeln kommt schnell in ihr Gesicht.

Es ist diese Atmosphäre, die sich einem wie Balsam auf die Seele legt. Und wenn traditionelle Combos dann Songs wie "Perfídia", "Lágrimas Negras" oder gar die gute alte Che-Hymne "Hasta Siempre" anstimmen, dann singen wieder alle mit.