Kalifornien Die Casinos der Indianer

Die Ureinwohner der staubtrockenen Hügel nördlich von San Diego haben gelernt, nach einer einfachen Philosophie zu leben: Das Feuer nimmt sich, was es will. Überflutungen holen sich den Rest. Und nichts ist für die Ewigkeit, außer jene kahle Felsenlandschaft mit ihren kargen Canyons und dem Staub, den der Wind in alle Richtungen treibt.

So gesehen ist die 30 Meter hohe Eiche, der die Great Oak Ranch in Temecula ihren Namen verdankt, ein wahres Wunder. Sie saugt seit mehr als 800 Jahren mit tiefen Wurzeln aus den spärlichen Grundwasservorräten, was sie braucht, und ist im Laufe der Zeit so mächtig geworden, dass sie die Last ihrer schweren Äste ringsherum auf den Boden ablegen musste. Wer unter dem Laubdach steht, hat das Gefühl, er befindet sich in einem Zelt.

Niemand fühlt sich diesem Naturwunder näher als die Angehörigen des Stammes der Pechanga. Nicht nur weil sie unter der Krone einst ihre Versammlungen abhielten. Als sie den prächtigen Baum vor drei Jahren mitsamt einer dazugehörigen Ranch ihrem Reservatsgelände zuschlagen konnten, hatten sie zum ersten Mal das Gefühl, sich ein Stück ihrer eigenen Geschichte anzueignen: In der "Great Oak" spiegelt sich für die Pechanga-Indianer von heute ihr Lebensgeist wider: ihre Energie, ihre Weisheit, ihre Zähigkeit und ihre Willenskraft.

Ein paar hundert Meter weiter steht das andere Symbol des Stammes: ein 14-stöckiges Hotel mit mehr als 500 Zimmern, einem Konzertsaal mit 1200 Sitzen und einem Casino, in dem 24 Stunden rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche Tausende von Menschen an den einarmigen Banditen und Blackjack-Tischen sitzen. Das Ressort ist erst seit 2001 in Betrieb. Trotzdem gehört es zu den ertragreichsten der mehr als 50 Glücksspielzentren, die seit 1998 von Indianern überall in Kalifornien betrieben werden und die im Jahr 2003 zusammen mehr als vier Milliarden Dollar eingenommen haben.

Der Erfolg von Pechanga war größer als alles, womit die Stammesangehörigen gerechnet hatten. Kaum war der Komplex mit seinen 2200 Angestellten gebaut, sah sich der Stamm gezwungen, das Casino zu erweitern und die Kapazität der Slot Machines auf 4000 zu verdoppeln. Der Grund: Samstags standen Besucher bis weit nach Mitternacht in der zweiten Reihe an, um einen Platz an den bimmelnden Automaten zu ergattern.

Die etwa 1100 Indianer gleich nebenan, die sich offiziell Pechanga Band of Luiseño Indians nennen, was an den spanischen Teil der frühen Kolonialgeschichte in Nordamerika erinnert, hatten den plötzlichen Reichtum bitter nötig. Die Regierung von Kalifornien hatte ihre Vorväter vor 100 Jahren aus ihrem angestammten Reservat nördlich von Temecula vertrieben. Während es dort einen Fluss und Trinkwasser gab (Pechanga bedeutet in der alten Stammessprache "der Ort, an dem das Wasser tropft"), musste sich auf dem neuen Territorium jede Pechanga-Familie das Wasser in Kanistern aus einem drei Kilometer entfernten Brunnen besorgen.

So ließ der Stammesrat von dem ersten Geld, das mit einem kleinen, improvisierten Casino Mitte der neunziger Jahre verdient wurde, erst einmal die Hütten und Häuser im Reservat ans Wassernetz anschließen. Doch die Liste der Prioritäten war länger, sagt Mark Macarro, der erst 42 Jahre alt, aber bereits Stammesratsvorsitzender der Pechanga ist. Es folgten der Bau eines Kindergartens, einer Schule, einer Feuerwache mit neuen roten Löschzügen, des zweigeschossigen Rathauses, eines kleinen Altersheims. Für die Stammesangehörigen bleibt mehr als genug übrig: Die monatliche Apanage aus der Gemeinschaftskasse beläuft sich für jeden Erwachsenen auf 10.000 Dollar im Monat.

Besonders die neue Feuerwehr bewährt sich. In dem von einer Dauerdürre geplagten Südkalifornien brechen jedes Jahr enorme Wald- und Flächenbrände aus. Die letzte Feuerwalze im September 2004 fraß sich durch mehr als 100 Hektar Reservatsgebiet, ehe sie zum Stoppen gebracht werden konnte. Niemand wurde verletzt. Zerstört wurden allerdings ein paar Schuppen und Wohnwagen.

Eine viel größere Hitze schlägt Macarro seit einiger Zeit aus Sacramento entgegen. Der neue Gouverneur Arnold Schwarzenegger, der leere Staatskassen vorfand, als er das Amt übernahm, hat die Casinos der kalifornischen Stämme als potentielle Quelle für dringend benötigte Steuereinnahmen entdeckt. Das Tauziehen findet vor dem Hintergrund einer einzigartigen historischen Ausgangslage statt. Alle von der Regierung in Washington anerkannten Indianerstämme in den Vereinigten Staaten verfügen nach jahrzehntelangen Rechtsstreitigkeiten über den Status sogenannter Nationen. Ihre Mitglieder sind zwar US-Bürger, besitzen aber in ihren Reservaten einen gewissen Grad an Unabhängigkeit inklusive Steuerfreiheit, politische Selbständigkeit und ein erhebliches Maß an Rechtshoheit. Wenn es jedoch um Casinos geht, üben die Bundesstaaten ein Mitspracherecht aus. Glücksspiel im Reservat ist nur dort möglich, wo ein Gouverneur sein Plazet gibt. Schwarzeneggers Amtsvorgänger Grey Davis hatte nichts dagegen und billigte 54 der insgesamt 107 Stämme das Recht zu, auf die ungebändigte Lust der Kalifornier am Zocken zu setzen.

Später Akt der Wiedergutmachung

Es schien ein Akt später Wiedergutmachung, nachdem Indianer über ein Jahrhundert lang entwaffnet, enteignet, entmündigt und ohne Lebensperspektive dem Aussterben entgegen vegetierten. Die Arbeitslosenquote lag in den meisten Reservaten bei 80 Prozent. Krankheiten wie Diabetes und Tuberkulose waren stark verbreitet. Die meisten Indianer lebten von der Wohlfahrt.

Der neue starke Mann in Sacramento kann an den alten Zusagen nichts ändern. Er ergriff jedoch die Initiative, als die Pechanga und andere ihre Glitzerpaläste ausbauen wollten. Die Erlaubnis hierzu ließ sich Schwarzenegger von den ersten zehn Stämmen teuer bezahlen: Der Staat Kalifornien sicherte sich 2004 eine pauschale Abgabe von einer Milliarde Dollar und wird in den kommenden Jahren von denselben Casinos 400 Millionen Dollar per anno abschöpfen. "Das ist schlicht und einfach unfair", sagt Mark Macarro, dem die Ironie der Geschichte durchaus bewusst ist. Die einst ausgeplünderten Indianer finanzieren nun das Wohlergehen des weißen Mannes, schaffen tausende von Arbeitsplätzen und füllen den Steuersäckel des Staates. Doch seine Position - "Wenn er uns unser Land zurückgibt, dann würden wir ihm auch das Geld bezahlen." - verhallt in der öffentlichen Debatte ungehört. Reiche Indianer haben in Amerika nicht annähernd so viel Einfluss wie reiche Weiße.

Das liegt unter anderem an den fehlenden Sympathien unter Kaliforniens Wählern. Denen war nämlich aufgefallen, dass die wohlhabenderen Stämme im Wahlkampf Schwarzeneggers aussichtsreichsten Gegenkandidaten finanziell unterstützt hatten. Die Casinobesitzer investieren inzwischen auf allen politischen Ebenen und haben in den letzten sechs Jahren 175 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden ausgegeben.

Der Gegenwind kommt aus unterschiedlichen Richtungen. Während der Wettbewerb der Indianer unterein an der mit sanften Bandagen betrieben wird, weil der Glücksspielsektor in allen Teilen des Landes boomt und niemand Angst hat, dass ihm der Nachbar die Kundschaft abspenstig macht, reagieren die Betreiber der Casinos in Las Vegas schon längst nicht mehr so gelassen wie früher. Schätzungen besagen, dass der Umsatzverlust in der weltberühmten Glücksspielmetropole im Nachbarstaat Nevada bereits bei einer Milliarde Dollar im Jahr liegt. Das entspricht zehn Prozent des Gesamtumsatzes.

Umso entnervter dürfte man in Nevada auf den Stoizismus der verantwortlichen Stammesvertreter reagieren. Ein typisches Beispiel ist Robert Smith, der 43-jährige Stammesratsvorsitzende der Pala Band of Mission Indians, ein ehemaliger Straßenarbeiter, Feuerwehrmann und Ambulanzfahrer. Nur zehn Kilometer von Pechanga entfernt und nur durch einen Bergrücken voneinander getrennt, hat er sich mit Jerry Turk, einem früheren Casino-Manager aus Las Vegas zusammengetan, der das Geld für das 2003 eröffnete luxuriöse Casino-Hotel auftrieb. "Andere Stämme waren sauer auf uns", erinnert sich Smith. Aber das konnte ihn nicht beirren. "Ich mache das, weil es mir um meine Leute geht." Den im Umgang mit Banken und anderen Finanzierungesellschaften erfahrenen Turk "habe ich seinen Job machen lassen". Der trieb 225 Millionen Dollar auf, wurde Generalmanager des Betriebs, heuerte bestes Hotelpersonal aus allen Himmelsrichtungen an und bedankt sich seit der Eröffnung bei den Pala-Indianern mit einem Gewinnanteil von 60 Prozent. Obendrein berät er den Stamm, wenn es darum geht, Überschüsse sicher in Land und Immobilien in anderen Teilen der USA anzulegen. Smith hat sich innerlich längst mit Schwarzenegger arrangiert:"Wenn wir das behalten wollen, was wir haben, dann müssen wir dem Staat helfen."

Und nicht nur das. Zwar sind die kalifornischen Indianer nicht mit den Stämmen im Mittleren Westen und an der Ostküste verwandt. Trotzdem fühlen sie sich für deren Los mitverantwortlich und planen eine Stiftung, um etwa die Sioux in den abgelegenen Gebieten von South Dakota, von denen viele in Armut leben und alkoholabhängig sind, zu unterstützen. Da diese hunderte Kilometer weit von Ballungsräumen entfernt sind, kommt das Allheilmittel Glücksspiel für die Sioux nicht in Frage.

Auch Jerry Turk hat an seinen unerfahrenen Geschäftspartnern im Laufe der kurzen Zeit viele Vorzüge entdeckt. "Dies sind Menschen, die uns vertraut haben, und die sich auf uns verlassen haben. Wir haben sie nicht enttäuscht." Und wie hat sich das viele Geld auf die Indianer ausgewirkt? "Das hat keinen von ihnen verändert. Das sind gute Menschen. So wie früher auch."

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Autor:
Jürgen Kalwa