Kairo Tempel von Karnak

Die Cheops-Pyramide ist gewaltiger, das Kolosseum größer, der Parthenon schöner. Doch "im Adel der Konzeption, in der Fülle an Details und in der Rätselhaftigkeit" übertrifft die Säulenhalle des Großen Tempels von Karnak alles, schrieb die britische Reiseschriftstellerin Amelia Edwards 1873/74.

Und Rainer Maria Rilke, im Januar 1911 auf Ägyptenreise, berichtete seiner Frau Clara von einer "unbegreiflichen Tempelwelt", die er gleich am ersten Abend nach seiner Ankunft besuchte: "Da steht eine Kelchsäule, einzeln, eine überlebende, und man umfasst sie nicht, so steht sie einem über das Leben hinaus, nur mit der Nacht zusammen erfasst mans irgendwie, nimmt es im ganzen mit den Sternen, von ihnen aus wird es für eine Sekunde menschlich, menschliches Erlebnis."

Am Tempel von Karnak bauten zahlreiche Pharaonen mehr als eineinhalb Jahrtausende lang - und fast jeder hinterließ auf dem 800.000 Quadratmeter großen Gelände ein Zeichen seiner Existenz: manchmal nur eine Säule oder eine Inschrift, bisweilen einen ganzen Tempel. Die Magie des Ortes, die Edwards wie Rilke faszinierte, ist vor allem im Herzen der Anlage zu spüren, der Säulenhalle. Geplant und erbaut wurde sie von einem unbedeutenden Pharao: Ramses I. (1307-1306v.Chr.). Unter Sethos I. (1306-1290v. Chr.) wurden die Arbeiten fortgesetzt, unter seinem Sohn Ramses II. (1290-1224 v.Chr.) beendet.

Doch 3000 Jahre Wind und Sonne und das mächtige Erdbeben im Jahre 27 v. Chr. hinterließen ihre Spuren: Die Decke ist eingestürzt, die klaren Farben an den 134 Sandsteinsäulen sind verblasst. Heute liegen sie im Sonnenlicht, zu Ramses' Zeiten umgab sie ein tiefes Dunkel: Die 5406 Quadratmeter große Halle war ein geheimnisvoller Ort - und ein Abbild der Welt.

Die Säulen, teilweise bis zu 24,4 Meter hoch, sollten das Dickicht eines Papyrussumpfes imitieren: Die kleineren weisen Kapitelle in Form einer geschlossenen Knospe auf; die mittleren mit ihren offenen Kelchen spiegeln ein späteres Wachstumsstadium. Und über allen erhob sich in pharaonischer Zeit ein mit Sternen oder astronomischen Darstellungen übersätes Dach, das den Himmel symbolisierte.

Die südöstliche Außenwand der Säulenhalle zeigt die Schlacht von Kadesch (1274v.Chr.): Ramses II. im Kampf gegen die Hethiter, ein einst in Kleinasien beheimatetes Volk, von dem heute kaum mehr als der Name bekannt ist. Hieroglyphentexte schildern die Einzelheiten eines Friedensvertrags, den der Hethiterkönig und der Pharao schlossen. Er ist das erste diplomatische Dokument der Weltgeschichte.

Schlagworte:
Autor:
Margot Weber