Kärnten Stau am Großglockner

Stau. Es staut sich mitten im Hochgebirge. In 3700 Metern Höhe. Vor einem schmalen Band, das den kleinen vom großen Gipfel trennt, wo alle drüber müssen, hintereinander, angeseilt. Manche locker lässig, andere mit fühlbarer Panik, weil es links wie rechts hunderte Meter in die Tiefe geht, bis an den Fuß des Berges. Hier, an der Scharte, treffen sich die, die sich noch hinaufkämpfen müssen, und die, die schon zurückkommen vom Ziel ihrer Sehnsucht, ihrer Bergträume - vom Gipfel des Großglockners, der höchsten, markantesten, wahrscheinlich sogar schönsten Spitze in den Ostalpen; 3798 Meter hoch und am Schnittpunkt der österreichischen Bundesländer Kärnten, Tirol und Salzburg gelegen.

Der Glockner ist binnen 200 Jahren Berggeschichte vom unnahbaren Alptraum zum alpin4n Massentraum mutiert. Spät, Ende des 18. Jahrhunderts, hatten sich neugierige und furchtlose Männer erstmals an den Alpengipfeln versucht, nachdem die Bewohner der Täler in Tausenden von Jahren nur mit ehrfürchtig gesenkten Köpfen an den abweisenden Riesen vorbei über die wenigen Pässe gewandert waren. Der Großglockner zog als Ersten den Kärntner Fürstbischof Franz Xaver Graf von Salm-Reifferscheid in seinen Bann. Der Kirchenmann stürmte mit einer Expeditions-Armee von 62 Mann die Bergflanke. Fünf von ihnen erreichten nach tagelangen Strapazen den Gipfel - am 28. Juli 1800.

Damit war der wichtigste alpinistische Meilenstein gesetzt, doch der Großglockner hatte noch mehr Herausforderungen zu bieten; und wieder waren es Geistliche, die sie meisterten. Einem Franziskaner-Pater gelang im Jahre 1851 der erste Alleingang, und Franz Francisci, Kaplan des Bergdorfes Heiligenblut am Fuße des Glockners, war 1953 als erster Mensch im Winter auf dem Gipfel.

Tragisch ist die Geschichte eines Mannes, dessen Name auf immer mit dem Großglockner verbunden bleibt. Markgraf Alfred Pallavicini bezwang als Erster gemeinsam mit einem Bergführer die nach ihm benannte, 600 Meter lange und 52 Grad steile Eisrinne, die vom Pasterzen-Gletscher direkt zum Gipfel führt. Als der "glocknersüchtige" Alpinist später auch noch die gewaltige Glocknerwand als Erster durchsteigen wollte, stürzten er und seine Kameraden ab. Pallavicini überlebte, schleppte sich talwärts, erfror aber schwer verletzt am Rande einer Gletscherspalte.

Wo er begraben liegt, ist er in guter, "bergverrückter" Gesellschaft. Auf dem Friedhof von Heiligenblut, in dessen Hintergrund an klaren Tagen der Glockner selbst alles andere überragt und in den Schatten stellt, liegen die vielen Opfer, die dieser König der Ostalpen im Laufe der Zeit gefordert hat und noch immer fordert.

Heute dauert der Gipfelsturm oft nur Stunden. Bergführer Jürgen Kanzian war schon unzählige Male auf dem höchsten Punkt - "zivil" mit zahlender Kundschaft, "dienstlich" als Offizier des österreichischen Bundesheeres; im Sommer wie auch im Winter. "Wenn jemand das Besondere sucht, dann gehen wir bei Vollmond hinauf. Oder auch zu Silvester und schauen uns von oben die Feuerwerke im Tal an. Das ist unvergesslich." Zu solchen Zeiten, weiß Kanzian, gibt's auch keinen Stau. Aber auch keinen Stützpunkt. Denn die Erzherzog-Johann-Hütte, auf der "Schulter" des Großglockners in 3454 Metern Seehöhe gelegen und Bergfreunden in aller Welt als "Adlersruhe" bestens bekannt, ist im Winter geschlossen. Sommers halten hier viele noch kurze Nachtruhe, ehe sie sich am Morgen den kurzen, aber ausgesetzten Wettlauf zum Gipfel liefern. Nur knapp grüßen sie diejenigen, die schon wieder im Abstieg sind, weil sie noch bei Dunkelheit im Schein der Stirnlampen aufgebrochen sind, um dem Stau zu entgehen, und nun schon auf den "Sieg" anstoßen. "Griaß Di" oder "Grüß Gott" verstehen sie fast alle.Aber sie kommen aus aller Herren Länder.

Längst sind nicht nur die Deutschen, Italiener oder Österreicher selbst vom Großglockner besessen. Der Berg strahlt viel weiter.Aus aller Welt kommen seine Herausforderer. Zu Dutzenden belagern sie ihn, mit wenig Zeit, schlechter Ausrüstung, aber übermäßigem Ehrgeiz. "Sie schätzen den Glockner nicht, weil sie ihn unterschätzen", sagen die Bergführer. Die Pfade, die nach oben führen, sind ausgetreten, weil viel begangen. Rund 8000 Bergtouristen, so die Nationalparkverwaltung, zieht es alljährlich auf den Gipfel. Da ist man nie allein und hat - Handyempfang. Und freilich holt heute meist der Rettungshubschrauber Erschöpfte oder Verletzte binnen einer Stunde von der schroffsten Kletterstelle ab. Aber eben nur meist.

Das Wetter schlägt gern binnen kürzester Zeit um und verwandelt die sonnenbeschienene Bergidylle auch im August zur eisigen Schneehölle. Da müssen die Helikopter abdrehen und Bergretter sich zu Fuß nach oben quälen. Da kann ein simpler Beinbruch schon zum Todesurteil werden. Oder eine im Nebel übersehene Blankeisstelle einer ganzen Seilschaft zum Verhängnis werden, wenn die Rutschpartie in einer Gletscherspalte endet.

Es sind aber nicht nur die Verwegenen, die Wagemutigen, die Durchtrainierten, die dem Mythos Großglockner erliegen. Österreichs höchster Berg zieht auch all jene in seinen Bann, die einfach nur schauen und staunen wollen. Von der Franz-Josephs-Höhe aus etwa, wo der Gletscher zu Füßen und der Gipfel gegenüber, fast zum Greifen nahe, liegt. Oder für Wanderbegeisterte vom Gamsgrubenweg aus, der scheinbar mitten hineinführt in die Welt des Hochalpinen. Oder von der Oberwalderhütte aus, die auch halbwegs trittsichere Touristen erreichen können und dann in der Stube mit den Helden der Vertikalen auf Du und Du am Stammtisch philosophieren. Über die Schönheit der Berge, den Ruf des Glockners und all die tausend Gründe, warum er in einem Atemzug genannt wird mit anderen Größen wie Mont Blanc, Matterhorn, Eiger und Jungfrau.

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Autor:
Hannes Mößlacher