Kärnten
Nationalpark Nockberge

Von Thorsten Kolle

Der Nationalpark Nockberge in Kärnten ist ein sanfter Riese. Auf Genuss-Wanderer wartet eine bezaubernde Landschaft und mit dem alten Karlbad ein Wellness-Erlebnis der rustikalen Art.

None
Christian Kaiser

Dicke Holzscheite knacken in den Flammen, kegelkugelgroße Steine schimmern rötlich in der Glut, und Aschbacher schwitzt. Es ist sechs Uhr in der Früh, und seit anderthalb Stunden schürt der 30-jährige Hans-Jörg Aschbacher in einem nach drei Seiten geschlossenen Unterstand das Feuer. Es ist so heiß wie in der Hölle, aber die liegt - glaubt man den gängigen Quellen - wohl eher nicht auf 1700 Metern Höhe in den Kärntner Nockbergen. Außerdem duftet es wie im Paradies. Das sorgsam im Wechsel mit den Steinen aufgeschichtete Lärchenholz verbreitet in dicken Schwaden einen angenehm würzigen Geruch und gibt so einen Vorgeschmack auf kommende Wonnen.

Hmmmm, "Wonne" - was für ein schönes Wort, es beginnt mit einem dicken, gemütlichen "W", genau wie "Wanne", "Wohlfühlen" und "warmes Wasser", das kann doch kein Zufall sein! Denn genau darum geht's im Karlbad, dem wohl ältesten noch betriebenen Bauernbad Europas. Seit mindestens 300 Jahren kuren hier die Gäste; früher Almbauern, heute meist Touristen, wahrlich eine Wiege der Wellness. Die einzigen W's, die hier oben rein gar nichts zu melden haben, sind die vom World Wide Web - Internet gibt's im Karlbad ebenso wenig wie Handyempfang und elektrischen Strom. Wunderbar! Nun aber Schluss mit den "W's", machen einen ja ganz wuschig. Deshalb verfügen wir uns nun auch in einen Zuber und nicht in eine Wanne.

Vorangeeilt ist Bademeister Aschbacher, der mit einer Heugabel flugs die bis auf tausend Grad erhitzten Steine aus der Glut geklaubt hat und diese heiße Ware nun in einer sogenannten Zirbelschwinge, einer Tragewanne aus Zirbenholz, ins Badehaus wuchtet. Dunkel ist es hier, wie in Tolkiens Zwergenminen von Moria, und tatsächlich: Wer über 1,60 Meter misst, muss sich beim Eintreten unter dem Türbalken abducken, will er nicht ein Brett vor dem Kopf haben. Es zischt und dampft, als Aschbacher die aufgeheizten Steine in einen mit kaltem Quellwasser gefüllten sargartigen Zuber aus Lärchenholz schüttet, und dann riecht es leicht nach Schwefel, und einen Moment fürchtet man, dass die gängigen Quellen vielleicht irren und die Hölle doch hier oben untergebracht wurde.

Und dann ertönt auch noch ein lauter Ruf aus dem Nirgendwo der schwefeligen Schwaden. Ein gutturales Röhren, tief und durchdringend sitzt es in dem Raum wie ein Bär in einem zu engen Käfig: "Booahdn!" - Der Anfang einer grauslichen Zeremonie zu Ehren der Zwergenteufel? Das Startsignal fürs Fegefeuer? Aber Aschbacher ruft nicht den Belzebub herbei, sondern bloß seine Kurgäste: "Booahdn", schallt es erneut aus dem finsteren, umwaberten Gemach. "Kimmt's, geht's eini", dirigiert der Herr über Feuer und Wasser die im Bademantel hereinschlurfenden neun Besucher ins rund 40 Grad heiße Nass. 14 von den Aschbachers eigenhändig ausgehauene Badetröge aus dicken Lärchenstämmen verteilen sich über zwei kleine Räume, Männer und Frauen "booahdn" selbstverständlich nackig, aber getrennt.

Dicht an dicht stehen die Tröge, den Nachbarn ahnt man dank der dichten Dampfschwaden nur. Schränke, Wandund Bodenfliesen oder ähnlichen Schnickschnack gibt es nicht - das Karlbad bietet das, was viele modernmondäne Ayurveda-Tempel schlagwortartig immer von sich behaupten: Wellness pur. "Die meisten Gäste sind Stammkunden, besuchen uns seit 20 Jahren oder länger", sagt Hans-Jörg Aschbacher, der sich die Badearbeit mit seinem Vater Georg teilt. In der achten Generation betreibt die Familie das alte Bauernbad. Sieben Doppelzimmer hält die Karlbadhütte zwischen Anfang Juni und Mitte September für Pensionsgäste bereit, natürlich sind auch Wanderer eingeladen, ein Bad zu nehmen. Einheimische Bauern, kommen so Aschbacher, "hin und wieder a no".

40 Grad - das hört sich vielleicht harmlos an, ist aber quasi "unaushaltbar". Der Badende, ach was, der Gesottene, schwört, nie wieder Hummer zu essen, teilt er doch nun die Erfahrung des gleichen Martyriums, nur noch etwas schlimmer, schließlich schützt ihn kein Panzer.

Karlbad-Novizen geben sich dadurch zu erkennen, dass sie verschämt mit einigen Krügen kalten Quellwassers die Temperatur im Zuber zu senken suchen. Hartgesottene - und hier macht die Bezeichnung wirklich Sinn - hingegen machen es sich ohne solch Verzärtelungen in der Wanne gemütlich. Damit auch ja kein Grad Celsius verloren geht, wird der Trog mit Brettern abgedeckt, so dass am Ende nur noch der Kopf dieser Karlbad-Könige herausschaut.

Gesund ist das ganze natürlich auch: Das Gestein, das die Aschbachers seit Generationen aus dem Bach, dem Karl, herbeischaffen, enthält Schwefel, Eisen und Magnesium. In den Wannen, gefüllt mit kaltem und radonhaltigem Quellwasser, das direkt unter dem Haus entspringt, zerplatzen die erhitzten Steine und geben so ihre kostbaren Mineralien ab. Die Konglomerate werden wieder aus dem Wasser gefischt und können ein weiteres Mal im Feuer erhitzt werden - dann haben sie ausgedient. Rheuma, Ischias, Gicht, Gelenkschmerzen und Hautkrankheiten wird mit dieser Mixtur der Garaus gemacht.

Man ist sofort bereit zu unterschreiben, dass diese Kur wirksam ist: Keine Krankheit kann eine Dreiviertelstunde (das ist die empfohlene Badezeit) in den hölzernen Kochtöpfen überleben. Die meisten Menschen erstaunlicherweise schon. Nach einiger Zeit gewöhnt sich der Körper an die Temperaturen. Und mit der Gewöhnung setzt herrliche Entspannung ein. Stille (zumindest in der Herren-Abteilung), nur das Plätschern des vor der Tür hinabfließenden Bergbachs. Hach ja, es wird richtig gemütlich; die Muskulatur lockert sich, und die Gedanken gehen auf Wanderschaft.

Für Hartgesottene: Heiße Steine in der Wanne

In der Wanne liegen, in diesem aus einem Lärchenstamm geschlagenen Einbaum dösen, das Glucksen des Quellwassers und Rauschen des Baches hören - die Sinne betäubt, gehen wir auf große Fahrt in unserem Einbaum-Indianer-Kanu. Erkunden die Rocky Mountains und erwachen in den "Nocky Mountains", wie die Nockberge von den Rangern, den Wanderführern des Nationalparks Nockberge, augenzwinkernd genannt werden.

Gut, die Nockies sind nicht so spektakulär wie die Rockies, mehr Mittelals Hochgebirge, obwohl es schon fast bis auf 2500 Meter hinauf geht. Die charakteristischen, runden, sanften Bergkuppen gaben dem Gebirge den Namen: Nock stammt von Nokhn oder Nockerln; runde weiche Klöße. Das passt. Nichts Schroffes, Abweisendes haben die Berge hier, und das ist das Angenehme für den Besucher, der lieber wandern als klettern möchte.

Wer in den Nockbergen unterwegs ist, will keine Rekorde "brechen", keine Berge "bezwingen", keine Steilwand "knacken". Das Einfache, die schlichte Schönheit der samtigen Almen ist typisch für die Region. Das Besondere schlummert hier oft im Verborgenen, und sein Geheimnis offenbart sich meist nur dem, der in gemächlichem Tempo mit wachen Sinnen über Stock und Stein stromert. Das trifft auf das Karlbad, das von außen wie eine x-beliebige Almhütte aussieht, ebenso zu wie auf einen anderen Schatz der Nockberge. Die Rede ist vom Speik.

Diese kleine, nur rund zehn Zentimeter hoch wachsende Blumenart aus der Baldriangattung ist mit ihren wenig auffallenden, traubenförmigen weißen Blüten eher unscheinbar. Aber der "Echte Speik" (Valeriana celtica) hat es in sich. Ätherisches Baldrianöl speichert er hauptsächlich in seinen Wurzeln, und das ist es, was ihn so begehrt macht. Denn dieser Substanz werden allerlei heilende und präventiv wirkende Eigenschaften zugeschrieben.

So soll Speiköl - aufgepasst - bei Nerven-und Herzleiden ebenso helfen wie bei Magenbeschwerden oder Glieder schmerzen. Der Speik vertreibt Schwindelgefühle, kann bei Ohnmacht auf die Beine helfen, ist darüber hinaus harntreibend und lässt dem Fieber keine Chance. Zahnweh ist dank Speik nur noch ein kurzer Spuk, und wem das alles nicht reicht: Speik vertreibt auch Motten. So sagt man jedenfalls.

Ursprünglich überall in den Ostalpen in Höhenlagen über 1800 Metern beheimatet, findet sich der Echte Speik heute nur noch in den Nockbergen und den Niederen Tauern (hier allerdings in einer Variante mit weniger konzentrierten Wirkstoffen). Natürlich steht er unter Naturschutz, lediglich eine Hand voll Bauern hat das Recht, den wildwachsenden Speik zu ernten. Und nur einer hat weltweit die Genehmigung zur Weiterverarbeitung: Die Walter-Rau-Speickwerke in Stuttgart produzieren Speick-Seife, Speick- Massageöl, Speick-Aftershave, Speick-Bodylotion, Speick-Deo, Speick-Duschgel und Speick-alles-was-Sie-sich-vorstellen- können. Wahrscheinlich gibt es demnächst sogar Speik-Speick. Die Speick-Werke schreiben sich und ihre Produkte übrigens noch in der alten Schreibweise mit "ck" , da sie bereits seit 1928 Naturkosmetik aus dem Spei(c)k herstellen.

Der Nockbergwanderer kann den äußerlich wenig angeberisch daherkommenden Speik schon mal übersehen. Ist er allerdings im Spätsommer unterwegs, wird er ihn auch mit geschlossenen Augen finden. Dann verbreiten die Pflanzen ihren würzigen Duft über den Wiesen, und es riecht so gesund, dass in den nächsten Monaten niemand mehr das Karlbad braucht, müsste doch die heilende Wirkung des Speiks jedem olfaktorisch so in den Körper gefahren sein, dass man sogar ohne Erkältung über den Winter kommt.

Artikel erschienen: August 2009