Kärnten Burg Hochosterwitz

Wir sind ja hier, geografisch wie historisch, im Herzen von Kärnten. Weit geht der Blick übers Land. In Sichtweite die heiligen Berge, über die die Vierberge-Wallfahrt führt, fast in Sichtweite auch St. Veit, das bis ins 16. Jahrhundert Kärntens Hauptstadt war. "Ein tatsächlich in jede Richtung hinein Hunderte von Kilometern weiter Blick", sagt Thomas Bernhard.

Bernhardesk auch die Szene, die sich auf dem Weg nach oben abspielt. Rasselnd nähert sich der Aufzug, der an einer steil an den Fels montierten Schiene zur Burg hinaufführt - ein Unikum, nicht weniger kühn als die Festungsanlagen. Langsam schwebt die Kabine hinauf; durch die Scheibe sieht man den breitschultrigen Fahrstuhlführer in seiner dunkelblauen Uniform. Plötzlich tritt er heraus und entpuppt sich als Jörg Haider. Zufälle gibt's! Was macht der denn hier? Privat eingeladen, zu einer Feier im Rittersaal. Haider wird von einem Vorauskommando der Feier begrüßt, lässt seine braun gebrannte, durchtrainierte Präsenz wirken, absoluter Profi, jeder Zoll kalkulierte Wirkung. Plötzlich wird klar, dass Haider als Kärntner Landeshauptmann der Nachfolger des Burgbauers Georg Khevenhüller ist. Schöne Pointe! Die Touristen machen Fotos, endlich was los hier, Haider lächelt routiniert in alle Kameras, dann steigt er hinauf zum Rittersaal. Die Touristen fachsimpeln ungeniert, ob "da Haida" es in puncto Liften und Haarefärben ebenso halte wie "da Berlusconi", und ob so viel Bräune auf Dauer wohl gut sei für die Haut. - Respektloses Volk!

Viel hat sich geändert seit den Zeiten des Georg Khevenhüller, nicht nur der Umgang mit Autoritäten. Khevenhüllers Vermächtnis aber ist nach wie vor aktuell. Er hatte seinen Nachfahren aufgegeben, die Burg niemals aus dem Familienbesitz zu entlassen - "weder durch Verkauf noch Schenkung oder sonstige Besitzveränderung wie als Heiratsgut, Pfand, Pacht oder irgendwie anders". Und die haben sich brav dran gehalten. Obwohl es manchmal eher eine Last sein muss als eine Lust. Zwar ist die Hochosterwitz auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein Pflichtziel für Kärnten-Touristen.

Jährlich kommen rund 200.000 Besucher, doch die Konkurrenz der Tiergärten und Eventparks ist groß. Die Eintrittsgelder reichen längst nicht für den Unterhalt. Die Selbstdarstellung wirkt nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit; das Potential, das in der Burg und ihrer Geschichte steckt, scheint dem Beobachter nicht ganz ausgenutzt.Was tun? Max Graf Khevenhüller-Metsch, 88-jähriges Familienoberhaupt, wohnhaft im Schloss Niederosterwitz zu Füßen des Burgbergs, lässt sich entschuldigen, was Auskünfte angeht. Sechs erwachsene Kinder hat der Graf, so viel ist bekannt; welches Hochosterwitz übernehmen wird, ist noch nicht bekannt. Die Burg wird es verkraften. Oder nicht? "Manchmal höre ich alle Uhren im Haus so laut, dass ich aufstehen und sie abstellen muss", sagt der Fürst bei Thomas Bernhard. "Dann kann ich einschlafen. Früher, als Kinder, haben wir an die Mauern geklopft, um uns verständlich zu machen, jetzt klopft schon ein halbes Jahrhundert niemand mehr an die Mauern."

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Autor:
Martin Rasper