Italien Monti - das Herz von Rom

Spät nach Mitternacht, wenn nur noch der Brunnen eintönig plätschert und höchstens einmal ein Kater liebeshungrig raunzt, dringt plötzlich Geschrei von der Piazza. Schlaftrunken drücke ich mich ins Kissen, doch vor der femininen Kreissäge gibt es kein Entkommen - nicht jede Römerin ist eine Callas. Jetzt sind die Streitenden genau unter meinem Fenster und ich erkenne Antonellas Stimme. Die wilden Szenen mit ihrem Latin Lover, der übrigens ein Albaner ist, sind im ganzen Viertel bekannt.

"Brutto stronzo, hässlicher Mistkerl, du!", schimpft die massige Römerin mit der strohblonden Barbiefrisur, "wo hast du dich wieder rumgetrieben! Mach's doch, mit wem du willst!" Das sonore Organ des Albaners scheint die Dame, die keine ist, nicht zu überzeugen, denn nun schallen Antonellas Verbalinjurien forte fortissimo von den Hauswänden, während das männliche Contra immer schwächer wird.

Ich schaue zum Haus gegenüber, ob sich bei meiner Freundin Lilia, sie ist Lehrerin, etwas rührt. Nichts! Die Heuchlerin! Sicher lauscht sie wie alle anderen gebannt der Opera buffa auf der Gasse. Jetzt hat nämlich Marco, der Rentner nebenan, seinen Auftritt. Joghurtgläser fliegen durch die Nacht, zerscheppern auf dem Pflaster neben dem Dreiradkarren vom Tischler Caetano. Marco, den sie nur den "Faschisten" nennen, pöbelt von Huren, Hurensöhnen und Zuhältertypen, was zwar grob unhöflich, aber nicht ganz falsch ist. Langsam ebbt das streitende Terzett ab, Antonella scheint die Luft auszugehen und nach einem fast geschluchzten "Verpiss dich" knallt sie die Haustür zu. Der Albaner verschwindet, nur Marco brabbelt noch ein Weilchen.

Wenn Meisterregisseur Federico Fellini oder Macho-Schriftsteller Alberto Moravia sich posthum noch einmal auf die Spuren des farbigen, prallen Römerlebens machten, würden sie hierher nach Monti kommen. In das Viertel, das zwischen den drei Hügeln Quirinal, Esquilin und Viminal und dem Forum Romanum liegt und sich seit Cäsars Zeiten stolz IV. Rione, also 4. Innenstadtregion, nennen darf. Hier residierte Maecenas, der Abramowitsch der Antike, der seine Haus- und Hofdichter Vergil und Horaz mit Villen beschenkte. Patrizier und Plebs wohnten dicht aufeinander. Wo sich heute die barocke Schönheit von Santa Maria Maggiore erhebt, lag der Huren- und Sklavenfriedhof. Da war es nachts ebenso wenig geheuer wie im Handwerker- und Arme-Leute-Viertel Suburra direkt hinterm Trajansforum.

Hier ging Schreckensherrscher Nero inkognito spazieren, um zu erlauschen, was das Volk von ihm hielt. Messalina, die Gemahlin Kaiser Claudius', soll sich mit ihren Liebhabern in verschwiegenen Wohnungen vergnügt haben. Der Krach war damals schon ohrenbetäubend. Er sei krank vor Schlaflosigkeit, beklagte sich der Satiriker Juvenal 120 n.Chr., weil Ungehobelte mitten in der Nacht Ziegel, Nachtpötte und Öllämpchen aus dem Fenster warfen. Ganz wie Marco letzte Nacht. Alles beim Alten!

Natürlich hat auch das über 2000 Jahre alte Römerviertel Monti ein modernes Facelifting durchgemacht. Die größte Bausünde geschah schon im 19. Jahrhundert, als die Via Cavour das Viertel wie mit einem Schlachtermesser zerteilte. Viele alte Bewohner sind an den Stadtrand gezogen, wo es für weniger Miete mehr Supermärkte und mehr Parkplätze gibt. Auf den Dachterrassen von Monti trocknet keine Wäsche mehr, da nippen Chefärzte, Chefbanker und Chefredakteure an ihren orangeroten Camparis mit standesgemäßem Blick aufs Kolosseum. Im Untergeschoss der Häuser haben Schneider, Tischler, Schmiede und die traditionellen Wein- und Olivenöl-Handlungen edlen Boutiquen Platz gemacht. Und in den Hinterhöfen hört man immer weniger bambini, ausgerechnet das kinderliebe Italien hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt.

Doch es gibt sie noch, die alten Händler und Handwerker um die Piazza della Madonna dei Monti, die ihr schönes Viertel um keinen Preis verlassen würden. Seit beinahe 40 Jahren werkeln die Kfz-Meister Bruno und Angelo Perella brüderlich in ihrer winzigen Doppelwerkstatt in der Via degli Zingari. "Solche Monster", sagt der grauhaarige Angelo und zeigt mit dem ölverschmierten Daumen auf einen protzigen Geländewagen, "die kriegen wir bei uns gar nicht rein." Liebevoll wendet er sich dem knallroten Floh auf der Hebebühne zu. Ein Fiat 500, den die Italiener "Topolino", Micky Maus, nennen.

Antonella, die nächtliche Kreissäge, hält es sich sogar zugute, dass sie den Trend umgedreht und aus einer Pleite gegangenen Kunstgalerie wieder einen echten Betrieb, wenn auch des horizontalen Gewerbes, gemacht hat. Mit Mitte fünfzig fühlt sie sich jetzt langsam zu alt für ihren Beruf, der ihr immerhin drei Pelzmäntel, ein Hündchen mit Diamantenhalsband und eine schöne Wohnung eingebracht hat. Jetzt firmiert sie als tenutuaria, zu Deutsch Inhaberin, und lässt ihre drei angeblichen Nichten arbeiten. "Eigentlich sind wir der größte Rione von Rom, Monti geht weit übers Kolosseum hinaus bis hin zum Lateran", sagt Roberto, der Zeitungsverkäufer, und streichelt die getigerte Mieze, die seinen Kioskstuhl okkupiert hat. Aber für einen echten Monticiano wie ihn zählt nur der Dunstkreis um die Piazza della Madonna dei Monti, wo noch romanesco, römischer Dialekt, geschwätzt wird. "Hier", sagt der 66-Jährige und schlägt sich mit seinen vom Zeitungsbündeln schwieligen Pranken auf die Brust, "hier bei unserer Madonna schlägt das Herz von Rom!"

Monti hat sich die Ruhe bewahrt

Das Herz besticht durch seine Schlichtheit. Tatsächlich gehört die Piazza della Madonna dei Monti mit dem Renaissance-Brunnen von Giacomo della Porta zu den schönsten Plätzen einer mit Kunstschätzen überreich gesegneten Stadt. Zwei Kirchen, eben Madonna dei Monti mit barock busenförmiger Kuppel und die einfache Basilika der Heiligen Sergio und Bartolomeo, zwei Cafés mit Tischen draußen, ein Eismacher, ein Gemüseladen und eine Trattoria säumen den Platz. "Nur schade, dass die Confisseria Licata mit den Erdbeertörtchen zugemacht hat", sagt Roberto. Dafür floriert sein Zeitungskiosk, den er mit Bruder Franco führt, umso mehr. Damit die Kunden wissen, wo's lang geht, weht obendrauf das rotgelbe Fähnchen der AS Roma. Wehe den Fans von Lazio, Roms zweitem großen Fußballverein!

"Früher prügelten wir uns mit den Jungs aus Trastevere", sagt Franco grinsend, während er Giorgio, Lilias Mann, seine tägliche Repubblica entgegenstreckt, "heute hauen wir nur noch die Fans von Lazio, nicht wahr, Professore!" Giorgio, alltags ein sanfter Psychiatrieprofessor, sonntags geouteter Fußballverrückter, der oft mit dem weißblauen Lazio-Schal ins Stadion geht, guckt geschmerzt.

Die Via Panisperna ist die lauteste, hügeligste und originellste Gasse in Monti. Von der milchig weiß schimmernden Santa Maria Maggiore könnte man eigentlich bis zum Trajansforum sehen, wenn die schöne Straße nicht an der päpstlichen Universität Angelicum einen Knick machen würde. Eine fromme Straße, wo neben anderen Basiliken auch die älteste von 31 römischen San-Lorenzo-Kirchen steht. Der Straßenname Panisperna kommt angeblich von panis et perna, Brot und Schinken, welche die Nonnen von Santa Chiara zum Fest von San Lorenzo an die Armen verteilten. "Erst gab es keinen Schinken mehr, nur noch ein gebenedeites Brötchen", erzählt Pietro Stecchiotto, der alte Fleischermeister an der Ecke, "und zum Schluss gab's eben gar nichts mehr von der Kirche."

Es ist kurz nach acht. Gerade rasen die Blaulichtlimousinen der Herren Minister und Staatssekretäre an seinem blitzblanken Fleischgeschäft vorbei. "Es gibt genug 'Schwarze' hier", sagt Pietro und nickt in Richtung Innenministerium und San-Lorenzo-Kirche, wo eine Nonne gerade das Gitter zur Morgenandacht aufschließt. Pietro ist das, was man einen guten alten Linken nennt. "Ich war ja schon mit dem Sandro in der Sozialistischen Parteisektion Monti", erzählt der 61-Jährige, während er einen duftenden Norcia-Schinken aufschneidet. Sandro? Natürlich Sandro Pertini, der heiß geliebte italienische Staatspräsident (1978 bis 1985).Als Pertini dann presidente wurde, sagte er: "Pietro, ich will auch auf Empfängen gutes Fleisch essen, ab morgen lieferst du in den Quirinalspalast!" Seither geht der Schlachter bei Präsidentens ein und aus, auch Pertinis Nachfolger bestellen bei ihm. "Aber kein Staatsoberhaupt ist so beliebt wie Sandro es war", sagt Pietro, während er feine toskanische Kalbssteaks säbelt.

In der Via degli Zingari, der Straße der Zigeuner, die dort einst als Kesselflicker lebten, gibt es keine Roma und Sinti mehr. Nur eine Gedenktafel an der Wand des Katholischen Instituts Angelo Mai erinnert an die düsteren Zeiten im Oktober 1943, als die Lastwagen der Gestapo vorfuhren und aus ganz Rom mehrere tausend Juden, Roma und Sinti deportierten. Was dann kam, hat Roberto Benigni in seinem traurig-schönen KZ-Film "La vita è bella" ("Das Leben ist schön") verewigt. "Ich war ja damals noch ein Junge", sagt der alte Ciccio de Veroli mit den Stummelzähnen, "ich bin einer der wenigen Juden von Monti, die überlebt haben!"

Der alte Mann steht gebückt vor seinem Kramladen in der Via Baccina. Sein faltiges Gesicht verzieht sich kaum, nur die blauen Augen zucken leicht, als er meinen deutschen Akzent erkennt. "An jenem Morgen sagte mein Vater: Versteck dich bei den Nonnen in der Via Ibernesi", erzählt er und belädt seinen Dreiradkarren mit Gerümpel. Neun Monate hielt er sich im Kloster verborgen. "Da durfte ja eigentlich kein männliches Wesen rein, aber die Mutter Oberin hat die Hand über mich gehalten." Seine Eltern überlebten, die Nachbarn hat Ciccio de Veroli nie wieder gesehen.

Am frühen Abend treffen sich alle auf der Piazza della Madonna dei Monti. Franco Franca, der schwarz geschminkte Transvestit, raucht eine auf den Brunnenstufen, Marco geht brabbelnd vorbei. Ein paar Jungen ballern gegen das Kirchenportal. Lilia führt Nina und Pina aus: Nina, ihre zweijährige Enkelin, zieht zum Brunnen, während Pina, die alte Dackeldame, nach Hause zerrt. Professore Giorgio und Franco, der Zeitungsmann, sind beim Thema Nummer eins, Fußball. Francesco erzählt mir, dass seine Jagdhündin, die höchstens einmal Katzen verfolgt, 14 Junge geworfen hat. Ob ich nicht einen Welpen haben möchte? Ich liebe Hunde, aber ich finde, es gibt schon genug Hundekot in Monti. Neulich hat ein Zeitgenosse ein Pappschildchen in einen frischen Haufen gesteckt. "Lieber Hund, das Schwein von deinem Besitzer hat vergessen, hinter dir sauber zu machen!" Genützt hat es nichts.

Autor:
Swantje Strieder