Schweden
Im Reich der Bären
Von
Torsten Schäfer
Gleich muss das Richtmikrofon reagieren, den Peilsender finden, den der Bär, draußen im Moor, trägt. Da kommt der Ton, erst schwach, dann lauter, ein helles Piepen mit immer kürzeren Pausen. "Sie läuft auf uns zu", sagt Gunther Schmidt verdutzt. "Wir sollten zurück zum Auto." Da ist Furcht, die nicht aufkommen sollte, sich aber jetzt mit einer seltsamen Faszination mischt, die wohl die meisten Besucher in die Wildnis der Orsa-Finnmark bringt - zu einer Bärenexkursion mit Gunther Schmidt, der hier mit seiner Frau und den Kindern in der Einsamkeit lebt, um die Raubtiere zu erforschen.
Eines eilt gerade auf uns zu. Ich spüre Hitze, Gänsehaut kriecht langsam die Arme hoch. Auch die Familie aus dem Ruhrgebiet, die neben Schmidt und mir wieder am Wegesrand vor dem Auto steht, blickt hilflos in den Wald. Schmidt hält das Richtmikrofon erneut in den blauen schwedischen Himmel und erhält nur noch ein schwaches Signal. "Sie ist wieder weiter weg. Wir können doch hinüber." Die Bärin Grivla, in deren Revier wir vorgedrungen sind, ist für einen Moment bis auf wenige Kilometer an uns herangekommen. Doch dann ist sie abgedreht und hat so den Weg zu ihrer Höhle freigemacht, in der sie im Winter zwei Junge bekommen hat.
Die Bären selbst dürfen sie nach schwedischem Recht nicht suchen. "Das dürfen nur Jäger in der Saison. Außerdem wäre es zu gefährlich und würde die Tiere stören", sagt Schmidt. Gemeinsam mit seine Frau Andrea Friebe ist er jeden Tag draußen im Wald. Sie orten Bären, suchen ihre Spuren und erfassen Daten – auch für Andrea Friebes Doktorarbeit über den Einfluss des Klimawandels auf den Winterschlaf der braunen Riesen, die in der Finmark mehr als zwei Meter groß und 400 Kilogramm schwer werden können.
"Ameisen liefern den Bären 20 Prozent ihrer der Energiereserven", erklärt Schmidt, als wir hinter eine riesige Wurzel steigen und plötzlich in die Dunkelheit blicken, in Grivlas Höhle. Gunther Schmidt, fast zwei Meter groß, legt sich hinein, holt Haare hervor und zeigt Reisig und Moos, mit dem die Bärin ihr Winterbett ausgepolstert hat. Ein halbes Jahr war diese Höhle Grivlas Zuhause. Sie hat in dieser Zeit nichts gegessen und getrunken, hat 40 Prozent ihres Gewichts verloren, ihre Körpertemperatur um fünf Grad gesenkt - und doch zwei eichhörnchengroße Kinder in der Höhle geboren. Wie die Bären das machen, wissen Biologen bis heute nicht genau. Eigentlich müssten sie zu schwach sein für eine Geburt, doch die Tiere reduzieren ihren Stoffwechsel, verkleinern ihren Herzmuskel und recyceln im Körper sogar ihren Urin. Mediziner und Pharmafirmen interessieren sich dafür, etwa, um zum Beispiel die Dialyse für Nierenpatienten verbessern zu können.
Schmidt sitzt auf einem Baumstumpf und beginnt vom harten Winter zu erzählen und von einer ungewöhnlichen Verfolgung. Er musste der Fährte eines Bären auf Langlaufskiern folgen, kilometerweit, durch den verschneiten Wald. "Doch plötzlich brach die Spur ab, verschwand einfach im Schnee. Ich habe den ganzen Umkreis abgesucht, sah aber nichts." Erst, als er einen Kilometer weit zurück geeilt war, fand Schmidt die Lösung des Rätsels: Der Bär war, einen Verfolger wohl ahnend, in der eigenen Spur zurückgeschlichen und hatte dann einen mächtigen Satz zur Seite gemacht. "Eigentlich unglaublich", sagt selbst der Bärenkenner.
Ein Bär frisst bis zu 80 Kilogramm Heidelbeeren am Tag
Wir sind ein Stück weiter gefahren und waten nun durch ein dunkelgrünes Meer aus Moos und Farnen und durch Kiefernwald, dessen Boden blaue Flecken bekommt, wenn ich nach unten schaue. Heidelbeeren und Krähenbeeren wachsen hier - ein weiterer Grund für die dichte Bären-Population in der Finnmark von Orsa. Ein Bär, erzählt Schmidt, frisst bis zu 80 Kilogramm der vitaminreichen Beeren am Tag. Sie machen im Herbst 80 Prozent seiner Nahrung aus; im Sommer frisst er zur Hälfte Gras und Kräuter. Daneben steht auch Fleisch auf dem Speiseplan, vor allem junge Elche.
Skandinavische Braunbären meiden Menschen
"Der Elchbestand hängt vom Jagddruck ab, aber auch vom Bärenbestand in der Region. Hier in den Wäldern von Orsa gibt es wenige Elche, dafür umso mehr Bären. Die Menschen in den Dörfern haben Angst. Teils gehen sie nicht mehr hinaus zum Beerenpflücken oder alleine spazieren." Er könne die Angst durchaus verstehen, sagt Gunther Schmidt. Dennoch hält er sie für "unberechtigt". Es gibt zu wenig Aufklärung über die tatsächliche Gefahr und das richtige Verhalten, wenn wirklich einmal ein Bär auftaucht. 28 Bärenangriffe gab es zwischen 1977 und 2008 in Schweden, zwei Menschen starben. Meist sind Elchjäger die Opfer, deren Hunde Bären aufschrecken oder in die Enge treiben. Doch selbst dann rennen die skandinavischen Braunbären, im Unterschied zum aggressiveren amerikanischen Grizzly, fast immer weg. Sie meiden den Menschen, entsprechend selten sind Konflikte in der Nähe der Dörfer. "Nur wenn ein Bär immer wieder Schafe reißt, entscheidet die Regierung, ihn zu schießen", sagt Andrea Friebe, als wir aus dem Wald zurückgekehrt sind und im Seminarhaus Tee trinken. "Solche Fälle verunsichern die Bevölkerung wieder und können mühsam aufgebautes Vertrauen schnell zu nichte machen", sagt die Biologin, die in Schulen und im Bärenpark von Orsa immer wieder Aufklärungsarbeit leistet und für ihre friedliebenden Forschungsobjekte wirbt.
Gunther Schmidt ist schon wieder in den Wald gefahren, doch dieses Mal nur, um noch Brot zu holen. Ein paar Kilometer entfernt, im einzigen Laden in der Umgebung, den auch Deutsche betreiben. Die hier auf dem Weg nach Alaska hängengeblieben sind und ihre Schlittenhunde jetzt in der Finnmark trainieren. Als ich im Auto zurück durch die grüne "Endlosigkeit" fahre, kommt Staunen auf, und, ja, Respekt. Vor den Bären, die eher als groß, grob und ungestüm gelten und doch so anders sind, findig, vorsichtig, fürsorglich. Und vor den Menschen, die sich ihnen voll und ganz widmen. Und so einer vermeintlich bekannten Art ein neues, feingliedrigeres Gesicht geben können.
INFO
Bär und Mensch
Braunbären sind in ganz Skandinavien verbreitet. In Finnland leben circa 2500 und in Schweden 3500 Tiere. In Norwegen sind es rund 150 Exemplare, jedoch nur Männchen, die aus Schweden gekommen sind. Die Weibchen bleiben ihren Revieren meist treu. Die schwedische Bärenpopulation war um 1930 durch intensive Jagd bis auf 130 Tiere zurückgegangen - um 1850 hatte es noch 5000 gegeben. Ein erstes Schutzgesetz rettete 1927 die Art, die sich durch staatliche Projekte und Forschungen erholt hat. Forscher kritisieren allerdings die Abschussquoten, die seit 1998 immer wieder erhöht wurden. Für die Bärenjagd brauchen Jäger in Schweden eine besondere Lizenz; jeder Abschuss muss zudem einem staatlichen Kontrolleur gemeldet werden.
Generell stehen sich Mensch und Bär in Skandinavien aber nur selten gegenüber, weil die Tiere Angst haben und ihre Reviere groß sind. Für den Fall der Fälle gibt es aber konkrete Verhaltensregeln: Die Forstverwaltung der Provinz Dalarna empfiehlt, keinesfalls vor dem Bär zu flüchten, oder Angst zu zeigen. Es ist wichtig, Augenkontakt zu halten und sich langsam zurückzuziehen. Wenn ein Bär, was ein absoluter Ausnahmefall ist, sich dem Menschen nähert, handelt es sich um einen Scheinangriff, vor dem man keineswegs wegrennen soll. Gleiches gilt für den Fall, dass sich ein Bär aufrichtet, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Es geht immer darum, durch Flucht nicht den Angriffsreflex auszulösen, und dem Bär zu zeigen, dass er es mit einem mehr oder weniger gleichgroßen Wesen zu tun hat, vor dem er Respekt haben sollte.
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Wer Lust bekommen hat, die Weite Schwedens weiter zu erkunden, sollte sich auf Europas wildestem Roadtrip begeben.




