Iberische Halbinsel Andalusiens kulturelle Entwicklung

Die Moschee von Córdoba mit ihren Doppelbögen. Deren Farbgebung verrät persischen Einfluss, die Konstruktion jedoch gehorcht der Not: Viele Säulen stammen aus antiken Ruinen und waren einfach zu kurz.

Grausam: die Westgoten

Als die islamischen Heere ab 711 die Iberische Halbinsel eroberten, fanden sie einen Staat im Zustand des Verfalls vor: das seit 250 Jahren bestehende Königreich der Westgoten. Von den Reichen, die Germanen auf römischem Boden gründeten, hatte es den längsten Bestand. Die Goten hatten sich um 380 in Gallien niedergelassen, wo sie als Föderaten des Römischen Reiches anerkannt wurden. Als 406 zahlreiche Gruppen germanischer und vorderasiatischer Völker den Rhein überschritten und Gallien verwüsteten, mussten die Goten unter König Athaulf ihrer Föderatenpflicht genügen und die Eindringlinge bekämpfen. Nachdem Vandalen, Alanen und Sueben die Pyrenäen überquert und sich mit dem dortigen römischen Usurpator Maximus arrangiert hatten, stießen die Goten nach, verlegten schließlich ihren Königssitz nach Toledo.

Alanen und Vandalen setzten nach Afrika über, die Sueben wurden dem Gotenreich einverleibt. Dass das Königreich an der Peripherie der spätantiken Welt so lange überlebte, liegt auch daran, dass König Rekkared im Jahre 587 vom arianischen zum katholischen Glauben übertrat und damit die Feindschaft zu Byzanz beendete, das zwischen 530 und 560 unter Feldherr Belisar den Westen des Mittelmeeres zurückerobert hatte und auch an Iberien interessiert war. Wenig später wurde das von den in Spanien lebenden Goten, Provinzialrömern, Keltiberern, Griechen, Karthagern und Juden als Lingua franca genutzte Volkslatein zur Staatssprache - der Kern des spanischen Volkes entstand. Die Westgoten führten einen Staat, dessen gesamte Zeit von Gewalt gekennzeichnet war: Einerseits war er das brutalste Sklavenhaltersystem der Antike, andererseits bekämpften sich die gotischen Familien ständig untereinander. Sklaven wurden - ganz anders als in der römischen Gesellschaft - gepeinigt, erniedrigt und beliebig ermordet.

Auf geringste Vergehen stand im Gotenstaat die Todesstrafe, von der die zahlenmäßig dünne Herrscherschicht freudig Gebrauch machte. Die Auffassung der Goten (und anderer germanischer Völker), dass ein Königreich das Reich eines persönlichen Herrschers sei und mit seinem Tod quasi zu bestehen aufhöre, hatte zur Folge, dass jeder Herrschaftswechsel blutig ausgefochten wurde. Eine dieser vielen lähmenden Fehden war es, die 711 den Einmarsch der islamischen Heere zum Kinderspiel machte. Viele Familien der gotischen Oberschicht flohen nach Norden, sie waren es auch, die die kleinen Königreiche von Kastilien und Asturien gründeten, von denen schon bald die Reconquista, die jahrhundertelange Rückeroberung, ausging.

Altbekannt: die Berber

Nicht erst die Almoraviden und Almohaden stammten aus dem Maghreb, schon große Teile des Heeres, das die erste Eroberung von 711 trug, waren Berber. Diese Urbewohner Nordwestafrikas waren Bauern, einige auch Nomaden, die bereits zu römischen Zeiten immer wieder für Unruhe gesorgt hatten. Als bekehrte Muslime stellten sie den größten Teil der Mannschaften, nur die kleine Schicht der Heerführer war arabischer Abstammung. Diese kamen aus syrischen und jemenitischen Stämmen, die seit vormohammedanischer Zeit verfeindet waren, ein Zank, der noch lange in der muslimischen Geschichte eine Rolle spielen sollte. Die Berber aber, die sich nach der Eroberung auch in Andalusien ansiedelten, fanden dort eine Bevölkerung vor, die ihnen in vielerlei Hinsicht glich. Die Iberer hatten neben den wenigen Westgoten, den Provinzialrömern, etlichen Griechen, Karthagern und Juden immer die Mehrheit gestellt: eine teils nomadische, teils bäuerliche Urbevölkerung, die unter ähnlichen Bedingungen (zum Beispiel der römischen Herrschaft) wie die afrikanischen Berber gelebt hatte. Wahrscheinlich haben auch schon seit sehr langer Zeit Kontakte zwischen den Menschen auf beiden Seiten der Meerenge bestanden. Auch dies ist ein Grund, warum die muslimischen Eroberer nicht als Fremde empfunden wurden und nur diejenigen Goten sie fürchteten, die etwas zu verlieren hatten.

Verfolgt: die Juden

Die Legende sagt, dass jüdische Gemeinden im Süden Spaniens bereits seit phönizischen Zeiten existierten. Nachgewiesen sind sie allerdings erst unter römischer Herrschaft. Als die Westgoten ihr Reich gründeten, lebten dort bereits zahlreiche Juden, viele von ihnen in einflussreichen Positionen. Unter gotischer Herrschaft waren sie zunächst gelitten, auch aus gemeinsamer Abneigung der arianischen Germanen und der Juden gegen die byzantinische Kirche. In jenen Jahren retteten sich viele Juden aus dem von Byzanz eroberten Nordafrika nach Andalusien. Als die Goten allerdings den katholischen Glauben übernahmen, wurden die Juden auch hier verfolgt. Unter islamischer Herrschaft konnten sie zuweilen in hohe Positionen aufrücken, aber vor Verfolgung waren sie nie sicher, wie die nachfolgende Geschichte Ha-Levis zeigt.

Mit der Zersplitterung des Omaijaden-Reichs in viele kleine Fürstentümer beginnt eine Zeit erbitterter Machtkämpfe, Muslime bekriegen Muslime. Doch steigt in jenen Jahren ein jüdischer Gelehrter zum Wesir des Fürstentums von Granada auf. Rabbi Samuel Ha-Levi (993 bis 1056), von den Arabern Ismail ibn Naghralla genannt, wird Hauptberater des Emirs Zawi ibn Ziri, eines Berberführers, der sich soeben die Macht erkämpft hat und keinem Araber traut. Zunächst angestellt, um die Diplomatenpost zu verfassen, beeindruckt der Poet, Mathematiker und Astronom Ha- Levi den Emir und dessen Nachfolger Habus derart, dass er in den inneren Zirkel der Macht gerufen wird und sogar das Kommando über das Heer erhält. Doch nach dem Tod von Emir Habus ändert sich die Lage. Immer mehr Muslime halten es für eine Ungeheuerlichkeit, dass sie einem Juden gehorchen müssen. Am 30. Dezember 1066 erzielen stetig gestreute Gerüchte und Hassdichtungen ihre Wirkung: Die Muslime Granadas ermorden 4 000 Juden. Eines der ersten Opfer des Pogroms ist Yusuf, der als Wesir seinem Vater Samuel Ha-Levi nachgefolgt war.

Lustfeindlich: die Almoraviden

Um das Jahr 1050 erhebt sich aus den Weiten der Sahara eine neue Streitmacht mit festen Glaubenssätzen: die Almoraviden (arab. al-Murabitun, "Bewohner eines Wehrklosters"). Ibn Yasin, der Religionsgelehrte aus dem Senegal, ein Anhänger der strengen malikitischen Rechtsschule des Islam, eint die Berber Mauretaniens, die in den folgenden Jahren das Niger-Gebiet einnehmen und um 1060 den Süden Marokkos. Ihr bedeutendster Herrscher, Yusuf ibn Taschufin, erobert bis zum Jahre 1082 sämtliche Berberfürstentümer Marokkos und Westalgeriens. Vier Jahre später tauchen die Almoraviden in Spanien auf, wo sich die vielen muslimischen Kleinstaaten immer stärker gegen Angriffe aus dem christlichen Norden wehren müssen. 1086 besiegen die Berber die Truppen Kastiliens in der Schlacht von Zallaqa. Rund 60 Jahre bestimmen sie mit ihrer lustfeindlichen Auslegung der islamischen Lehre das Leben im maurischen Spanien.

Die Almoraviden gründen 1062 Marrakesch und machten es zu ihrer Residenzstadt. Marrakesch ist bis zum Sieg der Reconquista die Hauptstadt eines Reiches, das am Niger beginnt und dessen nördlichste Provinz Andalusien ist. Der Bergbauer Ibn Tumart gründet zu Beginn des 12. Jahrhunderts die Bewegung der Almohaden (arab. al-Muwahhidun, "Bekenner der Einheit Gottes"). Er zieht durch den Maghreb und wettert gegen die verdorbenen Sitten seiner Landsleute - gegen Wein, Musik und unverschleierte Frauen. Für eine längere Zeit muss er sich mit seinen Anhängern in unzugängliche Gegenden des Atlasgebirges zurückziehen. Doch 1147 bringen die Almohaden die Dynastie der Almoraviden zu Fall. Von ihnen übernehmen sie Marokko und das maurische Spanien, erobern 1151 den Osten des heutigen Algerien und besetzen acht Jahre später sogar Tunesien. Mehr als 100 Jahre können sich die Almohaden halten, doch leitet die katastrophale Niederlage gegen die Christen bei Las Navas de Tolosa 1212 ihren Untergang ein. 1269 endet ihre Herrschaft, als die neue Dynastie der Meriniden sie aus der Hauptstadt Marrakesch vertreibt.

Lustvoll: die Poesie

Keine Kunst treibt in den Jahren der Zersplitterung des maurischen Reichs mehr Knospen und Blüten als die Poesie. Und das, obwohl der Koran in Sure 26, seinen Versen über "Die Dichter", jene schmäht, die sich der Kunst des Reimens hingeben. So steht geschrieben: "Und die Dichter - es sind die Irrenden, die ihnen folgen. Hast du nicht gesehen, wie sie verwirrt in jedem Tal umherwandeln, und wie sie reden, was sie nicht tun?" Das hält die Dichter und ihre Bewunderer nicht ab. Selbst die größten Könige verfassen Gedichte: Die Herrscher von Sevilla, al-Mutadid und sein Sohn al-Mutamid, gehören ebenso dazu wie der König von Almería, al-Mutasim (1051-91). Und ihre Kunst wirkt wie ein Sog, an die Höfe der Fürsten strömen bedeutende Literaten. Poeten wie Ibn al-Haddad (gest. 1088), der in Almería wirkt.

Sein Lobgedicht auf Nuwayra, eine koptische Nonne, zeigt, wie lebensnah die Dichtkunst der Mauren ist: "Unter den Christen ist eine, unberührbar wie eine Samariterin; schwerlich wird sie sich eines Tages dem rechtgläubigen Muslim nähern, welcher ich bin. Sie betet die Dreifaltigkeit an, doch Gott hat ihre Schönheit einzig gemacht." Ibn al-Haddad muss später vom Hof seines Königs fliehen, weil er, auch dies gehört zur arabischen Dichtkunst jener Zeit, eine Satire verfasst - eine Schmähschrift auf seinen Fürsten. Trotz solcher Widrigkeiten beherrscht die Poesie das alltägliche Leben im maurischen Spanien.Vor allem die Liebesgedichte sind bemerkenswert, nicht nur wegen ihrer oft deutlichen Sprache, sondern auch, weil viele von Frauen stammen. Zu den berühmtesten Dichterinnen gehören Wallada, die Tochter des vorletzten Omaijadenkalifen, und Umm al-Kiram, die Tochter des Herrschers von Alméria. Ihre Werke drehen sich häufig um den Geliebten, um die Hoffnung, von ihm erhört zu werden - und manchmal ein bisschen mehr: "Lass meinen Armreifen, pack meinen Gürtel. Mein Freund Ahmed, komm mit mir ins Bett. Mein liebes Leben, leg dich nackt hin." "Mund wie ein Halsband aus Perlen, süß wie der Honig, komm, küsse mich, Freund,komm neben mich."

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