Herxheim Das Theater Chawwerusch

Premiere, und kein Vorhang hebt sich, kein Spot geht an. Der Scheinwerfer ist die Sonne, und hinter der Bühne streckt eine Eiche ihre Äste in den Abendhimmel. Auftritt Thomas Kölsch, er schiebt seine Pappmaché-Oma im Rollstuhl heran.

Premiere in Herxheim - zum wievielten Mal? Das ist eine Institution, landauf, landab gelobt und ausgezeichnet. Und das mitten im Niemandsland zwischen Landau und Karlsruhe. Seit 1993 hat das Theater an der Hauptstraße eine eigene Bühne mit allem, was große Staatstheater auch haben: ein festes Ensemble, eine professionelle Geschäftsführung und sogar Subventionen. Nie wird sich bei Chawwerusch ein Intendant oder Regisseur mit dem Autor um Rechte zanken, dazu sind sie viel zu oft in einer Person vereint oder zumindest im Kollektiv verbunden.

Thomas Kölsch spielt den verträumten Bodo Lehmann, der sich eine eigene Disco wünscht und von gierigen Geschäftemachern ausgenutzt wird. Ein Tor, der unerwartet etwas bewegt, daran ein wenig wächst und schließlich zerbricht, nur Oma hält am Ende zu ihm. Ben Hergl gibt in komödiantischer Pracht den Bürgermeister, der sich als Betrüger erweist, und Cathrin Romeis die Fernsehredakteurin, die für ihre Story fast jeden Anstand vergisst. Dazwischen tapst Claudia Olma als Bodos Fastfreundin Natascha durchs Geschehen, mal resolut, mal eifersüchtig, aber immer rührend. Das Stück platzt fast vor Spielfreude, die Zuschauer haben ein Dauergrinsen im Gesicht, man amüsiert sich köstlich.

Der Träumer ist der Gute, die Manager sind die Bösen und die Politiker die Doofen und Bösen zugleich? Der eitle Bürgermeister und seine Stadträte, die sich mit einer Reise nach Paris (o là là, wie kümmerlich) bestechen lassen? Das Ganze in Brechtscher Manier mit Songs und verfremdenden Brüchen unter dem Titel "Seifenblasenoper"? Ist das nicht sehr platt, ist das nicht Agitprop von vorgestern? Könnte man meinen, wenn man nicht von hier ist.

Doch diese Geschichte ist so wahr, wie es Theater gerade eben noch sein kann. Was das kleine Chawwerusch da auf die Bühne bringt, hat sich tatsächlich ereignet: Der harmlose Mensch aus Germersheim, der ohne es zu wollen einen Architekten um Sechsstelliges betrügt, er sitzt heute im Knast, die Landauer Projektmanager, die die Pläne des "Erlebnis-Centers" ins Gigantische aufblähten, sie sind namhaft, die Stadtverordneten, die dem völlig ungesicherten Vorhaben zustimmten, sitzen heute noch im Landauer Stadtrat. Tatsächlich fielen sie alle auf die Geschichte vom Scheich herein, der Millionen in der Pfalz investieren wollte, und trieben den Wahnwitz sogar noch weiter, als dessen Ausbleiben längst offenbar war.

Kurz darauf ereignete sich im Sommer 2007 ebenfalls in Landau eine bizarre Posse um die Bürgermeisterwahl, bei der CDU-Kandidat Kai Schürholt erst einen Doktortitel erfand und, als er aufzufliegen drohte, noch einen Hirntumor, der ihn vorgeblich am Antreten hinderte und nach Berlin fliehen ließ. Und die Herrschaften, die ein solches Windei aufs Schild hoben, laufen auch noch frei herum. Wer politisch denkt und Theater fürs Volk macht, kann sich eine solche Vorlage nicht entgehen lassen.

Pause. Die Zuschauer schlendern an diesem Frühlingsabend zum Ausschank im Park der Villa Wieser. Das Premierenpublikum in Berlin ist auch nicht eleganter, kann aber längst nicht so kenntnisreich mit Wein umgehen. Aber wieso in Herxheim? Weil es ein großes Dorf ist, das sich weigert, Stadt zu werden, und weil hier Menschen leben, die sich weigern, erwachsen zu werden - Grundvoraussetzung aller Theatermacherei. Chawwerusch, das Wort kommt aus dem Jiddischen, hat im Rotwelsch überlebt und bedeutet "Bande".

Die Truppe stammt aus den achtziger Jahren, die Initiatoren sind Kinder der Sechziger, einer Zeit, in der Politik und Theater eine manchmal folgenreiche, meist aber kurze und oft nicht sehr schöne Verbindung eingingen. Das politische Theater erreichte bald die großen Bühnen, aber es lebte auch auf der Straße weiter, in Amerika und Europa zogen abenteuerliche Trüppchen durchs Land, nisteten sich, skeptisch beäugt, in Dörfern ein. Wie Chawwerusch in Herxheim.

1984 startete die bunte Bande zu Fuß und mit Bollerwagen, ein Lkw und ein Wohnwagen kamen hinzu, man experimentierte, schaute dem Volk aufs Maul und pflegte die andere Theatertradition: die der Vaganten, fahrenden Sänger, Geschichtenerzähler. Nicht viele Gruppen sind aus jener Zeit übrig geblieben. Wie Chawwerusch überlebte, ist ein wunderbares Stück, in dem ein Erbe und ein risikofreudiges Dorf die Hauptrollen spielen.

Ben Hergl, von Anfang an bei Chawwerusch, war Enkel einer Wirtin, die den "Bayrischen Hof" an der Hauptstraße betrieb. Auf der Suche nach einem Probenraum erinnerte er sich an den Tanzsaal im ersten Stock. Oma schloss auf, Staub wirbelte auf, die Truppe wühlte sich durch Spinnweben und war angekommen, die Oma sprach: "Isch bet für eusch, Kinner."

Im Lokal an der Hauptstraße haben sie als erstes die Hauptstraße erforscht: die Geschichte der Häuser, der Menschen, der Zeiten. Das Ergebnis war eine Ausstellung und ein Theaterstück "Starker Duwak", an dem nicht weniger als 50 Herxheimer teilnahmen; Folge war die Gründung eines aktiven Heimatvereins, der von Ro Tritschler geleitet wird, Chawwerusch-Autorin und verheiratet mit Ben Hergl, der mittlerweile den "Bayrischen Hof" geerbt hat und dort wohnt. Auch die anderen im Ensemble sind Herxheimer geworden. Monika Kleebauer führt die Geschäfte einer Konstruktion aus Trägerverein, freien Mitarbeitern und sogar einem Festangestellten; sie betreut auch die Finanzen, einen Mix aus Subventionen und Sponsorengeldern der lokalen Wirtschaft. Ein Jahresetat von 400.000Euro, beim Staatstheater höchstens ein halbes Bühnenbild, Chawwerusch schafft damit drei Produktionen, mehr als 50 waren es in den vergangenen 24 Jahren. Und noch immer ist die Truppe im Sommer auf der Landstraße unterwegs, spielt auch weit außerhalb der Pfalz.

Die Pause ist zu Ende, auf der Bühne bahnt sich die Katastrophe an, für den Protagonisten und für den Bürgermeister. Eine schnelle Folge von Kollagen, Statements aus dem Off, schnell geschnittenen Dokumentationen ähnlich, in einem kubistischen Bühnenbild, mit Songs, die an Kurt Weill erinnern. Lauter Stilmittel der zwanziger Jahre, die Regisseur Walter Menzlaw verwendet, so etwas hat man seit Jahrzehnten auf keiner Bühne gesehen. Aber was bei jedem Großregisseur als verboten vorgestrig verrissen würde: Es funktioniert. Und wenn man Walter Menzlaw sagt, dass so etwas ja ziemlich frech sei, freut er sich wie ein Schneekönig über solch ein Lob.

Das ist nicht provinziell, es ist Theater, das sich für die Provinz entschieden hat. Das Mundarten gebraucht, ohne sie zu verherrlichen: Pfälzisch, Schwäbisch, Hochdeutsch und Kanaksprak kommen gleichberechtigt vor. Regionaltheater mit allem, was die Region bietet - und das reicht am Rhein bis zu Faust und den Nibelungen. Vom klassischen Mundartentheater eines Willy Millowitsch ist man so weit entfernt wie dieser von Jürgen Flimm: deutlich, aber noch in Sichtweite.

Am Ende sitzt Bodo Lehmann im Gefängnis, in der Schlussszene liegt er, auf das Format einer Puppe geschrumpft, auf dem Schoß seiner Oma, die ihn zu trösten versucht. Die Sonne ist längst versunken, es wird kühl und die Premierenfeier wartet. Zwölf Vorhänge, in vier Tagen beginnen die Proben zum nächsten Stück.

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Autor:
Roland Benn