Heidelberg Schloss Schwetzingen

"Der Churfürst von der Pfalz lebt in seinem Paradiese Schwetzingen so vergnügt, als es Fürsten seyn können. Spatziergänge in seinem Zaubergarten, Leserey in den besten Schriften verschiedener Sprachen, Unterhaltung mit Leuten von Geschmack und alle Abend Musik im Badhause, Concert, oder Oper."

Diese Liebeserklärung, verfasst im Jahre 1774, stammt ausgerechnet von einem der ätzendsten Fürstenfresser seiner Zeit. Christian Friedrich Daniel Schubart, ein republikanisch gesinnter Feind der Monarchie, legte sich mit allen an, den kleinen und großen deutschen Tyrannen. Er geißelte ihre hohle Prunksucht, ihr Geschacher mit gezwungenen Rekruten, den katholischen Hokuspokus und den engstirnigen Pietismus. Carl Theodor von der Pfalz (1724 bis 1799) aber bezauberte ihn. Durch seine freie, kunstsinnige Art, eine leicht melancholische Heiterkeit - und durch den Ort, den er geschaffen hatte, sie auszuleben: Schwetzingen.

Der Schlossgarten verbindet Gegensätze: die strenge Geometrie des Barock, spielerisches Rokoko, die scheinbar natürliche Anmut eines Landschaftsparks. Hier bilden sie ein harmonisches Ganzes. Eben ein Paradies, wenn die Aufklärung sich eines vorzustellen vermochte. Als Lustort dient die Feste Schwetzingen wohl, seit sie im 14. Jahrhundert an die Pfalzgrafen bei Rhein fiel, wie die Kurfürsten und Namensgeber des Landstrichs eigentlich hießen. Der nahe Hardtwald ist wildreich; eine Herrschergeneration nach der anderen kommt von ihrer Residenz Heidelberg zur Jagd herüber. Indes gehören sie zwar zu den vornehmsten Fürsten des deutschen Reichs, werden durch die Nähe zu Frankreich aber vom Krieg gebeutelt wie wenige. Auch Schwetzingen brennt mehrfach nieder.

Erst Anfang des 18. Jahrhunderts erhält das Schloss seine heutige Gestalt. Der Hauptbau lässt noch die alte Trutzigkeit erkennen, während die Seitenflügel in modischem Barock gehalten sind. Zu mehr langt das Geld nicht. Doch dann überwirft sich Kurfürst Carl Philipp (1661-1742) mit den Bürgern Heidelbergs, verlegt seinen Sitz nach Mannheim und macht um 1720 Schwetzingen zur offiziellen Sommerresidenz.


Der zeitgenössische Schick drängt ohnehin ins Weite, in die Ebene. Das enge, verhügelte Heidelberg wirkt jetzt schrecklich altmodisch. Carl Philipp gibt seinem Sommersitz bereits einen kleinen Barockgarten. Bemerkenswert daran finden Besucher allenfalls die Masse der exotischen Kübelpflanzen: Hunderte Orangenbäume, Granatapfelbäume und Jasminsträucher. Die zu ihrer Überwinterung gebaute Orangerie hält der feuchten Wärme nicht stand und fault in wenigen Jahren weg. 1742 hinterlässt der Fürst ohne eigene männliche Nachkommen Land und Schloss einem entfernten Verwandten: Carl Theodor von Pfalz- Sulzbach, eben erst 18 Jahre alt.

Schloss Schwetzingen als pfälzisches Versailles

Carl Theodor ist sorgfältig auf den Thron vorbereitet. Jesuitenerziehung, Studium der Rechte, der Staatsökonomie und Geschichte - aber auch Deutsch musste er lernen, denn seine erste Sprache ist das feine Französisch. Lediglich der militärischen Ausbildung begegnet er lustlos. Umso größere Begeisterung zeigt er für Poesie, bildende Kunst und Musik. Schon bald gibt er Pläne in Auftrag, Schwetzingen seinen ästhetischen Neigungen gemäß umzubauen. Und bringt angeblich selbst das ehrgeizige Stichwort ins Spiel, das bis heute gern aufgegriffen wird: pfälzisches Versailles. Denn Versailles, das Schloss des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV., gilt als Maßstab fürstlicher Architektur schlechthin. Strenge Symmetrien, Kreise und Achsen betonen jeweils ein Zentrum, um das sich alles gruppiert, nach dem sich alles ausrichtet - ein Gleichnis für den absolutistischen Herrscher. Selbst die Natur wird als Teil dieser Architektur behandelt: Alleen, Hecken und Blumenbeete sind kunstvoll arrangiert, geometrisch getrimmt und wirken so gekünstelt und fein, wie es auch von den Höflingen erwartet wird.

1749 engagiert Carl Theodor den Architekten Nicolas de Pigage. Der Franzose soll ihm das grandiose Vorbild von Versailles doppelt übersetzen: in die bescheideneren Verhältnisse der Pfalz und für den Geschmack einer neuen, weniger bombastisch gestimmten Zeit - der zugleich dem Naturell des Kurfürsten mehr entspricht. Ideen, das alte Schloss durch einen Neubau zu ersetzen, erweisen sich rasch als zu teuer. Lediglich zwei "Zirkelhäuser" werden vollendet: lang gestreckte, von einer rückwärtigen Terrasse des Hauptbaus ausgehende Saalbauten, die zusammen einen offenen Halbkreis bilden. Sie stellen gleichsam die Fassung dar, in die de Pigage nun einen prächtigen Garten einpasst. 1753 beginnen die Arbeiten - und werden über dreißig Jahre dauern. Gleichwohl siedelt jeden Sommer der Hofstaat herüber, um sich bei Jagden, Bällen, Lesungen, Opern und Schauspielen zu vergnügen. Noch bevor die Arbeiten am Garten beginnen, errichtet de Pigage innerhalb weniger Monate ein Schlosstheater, dessen Bühnenmaschinerie die raffiniertesten Spezialeffekte erlaubt: sekundenschnelle Kulissenwechsel, dramatischen Donner und Regen.

Als einer der Ersten inszeniert hier der eben aus Preußen verjagte Philosoph, Romancier und Theaterdichter Voltaire. Zwei Wochen ist er zu Gast, studiert mit der französischen Truppe Carl Theodors einige seiner Stücke ein, liest aus seinen Arbeiten. Doch Voltaire ist nur einer von vielen. Sommer für Sommer reisen Dichter, Komponisten und Schaulustige nach Schwetzingen, wo das Leben ein einziger Kunstgenuss zu sein scheint. Dieser ist zudem öffentlich, denn Untertanen wie Fremde haben zu den Aufführungen freien Eintritt - sofern sie schicklich gekleidet sind. Zwar vergisst Carl Theodor darüber das Regieren nicht. Ihre Akten im Gepäck, pendeln die Beamten über die Chaussee von Mannheim heran und zurück. Doch Schwetzingen selbst gleicht eher einer Künstlerkolonie. Aus den Fremdenquartieren klingen Violinen, Klarinetten und Oboen, wenn nicht gleich ein ganzes Ensemble gemeinsam probt.

Der Auftritt des Wunderkinds Mozart

1763 macht auch die Familie Mozart auf ihrer Tour durch Westeuropa in der Kurpfalz Station. Am 18. Juli tritt das siebenjährige Wunderkind Wolfgang Amadeus im Schloss auf. Der Knabe, heißt es im Programm, werde "das Manual oder die Tastatur mit einem Tuch verdecken und auf dem Tuch so gut spielen" wie ohne. Er werde ferner "alle Töne, die man einzeln oder in Akkorden auf dem Klavier oder auf allen nur erdenklichen Instrumenten, Glocken, Gläsern usw. anzugeben imstande ist, genauestens benennen"; außerdem könne das Publikum dem Wunderkind Tonfolgen vorgeben, nach denen es dann auf dem Klavier fantasieren werde. Die Virtuosenbegeisterung am Hof Carl Theodors ist noch frei von bildungsbürgerlicher Kunstfrömmelei. Das Publikum möchte unterhalten werden - und verfügt über Kennerschaft genug, eine originelle von einer faden Fantasie zu unterscheiden. Selbst der strenge Leopold Mozart, Vater und Lehrer von Wolfgang Amadeus, rühmt die kurfürstliche Hofkapelle als bestes Orchester in Deutschland. Da gebe es "weder Säufer noch Spieler, noch liederliche Lumpen" Dieses disziplinierte Ensemble prägt mit genauen Einsätzen und nuanciertem Spiel - damals alles andere als üblich - die europäische Musikkultur.

Dem ganz auf Kunst und Vergnügen gerichteten Leben des Hofs verleiht nun der Park von Nicolas de Pigage den prächtigen Rahmen. Rund 4 500 junge Linden, Platanen, Ulmen und Zierobstbäume sind angepflanzt worden. Durch das Herz der Anlage, das kreisrunde "Parterre" zieht sich eine breite Allee und eröffnet eine großartige Perspektive auf die Gipfel des Hardtwaldes. Dieser ganz im pompösen Ebenmaß des Barock gehaltene Teil dient der Repräsentation. Eine Art Empfangssaal im Freien, spiegelt er den Machtanspruch des absoluten Herrschers. Zu seinen Seiten jedoch gliedern sich intimere, verspielte Partien, Lustwäldchen, Hecken, Laubengänge. Dort entfaltet sich der Geschmack des Rokoko, der Originalität und Abwechslung verlangt, hübsche Details und überraschende Aussichten.

In eigenen Hainen stehen kleine Tempel im Stil der Antike: Minerva gibt Carl Theodors Gartenbau ihren Segen. Musengott Apollo spielt die Lyra - mit der Linken, was bald Spott hervorruft. Der Künstler soll sich gewehrt haben: Apollo wäre ein erbärmlicher Gott, könnte er nicht mit jeder Hand spielen. Die Wahrheit dürfte sein, dass der Meister einen bereits zugehauenen Marmorblock verarbeiten musste. Durch geschickt angelegte Wege und Sichtachsen gelingt es de Pigage, die vielfältigen separaten Gärten ungezwungen miteinander zu verbinden. Ein Ornament ziert den Fluchtpunkt jeder Perspektive. Wie ein Maler mit Farbtupfern Akzente in ein dramatisches Gemälde setzt, platziert Nicolas de Pigage Statuen, eine Tierfigur, Vasen. Wer durch den Schwetzinger Schlosspark flaniert, dessen Blick soll gefangen, erheitert, immer wieder überrascht und erfreut werden.

Als freilich später noch eine "römische Ruine" und ein "türkischer Garten" samt Moschee hinzukommen, regt sich Kritik, das gehe nun doch etwas arg ins Spektakel. Carl Theodors Lustgarten trägt durchaus Züge eines Themenparks. Wie Theater und Oper steht die Anlage jedem offen. So ist es üblich. Carl Theodor gibt sich volksnah, doch er legt auch Wert auf seine Privatsphäre. Er plant im Schlossgarten ein abgeschiedenes Refugium, einen Ort, an dem er unbehelligt bleibt von Volk, unerwünschten Gästen und höfischem Zeremoniell. So entsteht um 1770 das "Badhaus". Eine kleine, raffinierte Gartenvilla, erlesen eingerichtet - das namengebende Bad ist nur ein Teil des hier verdichteten, verfeinerten Luxus.

Unglücklich in der neuen Residenz in München

Hier empfängt der Kurfürst, wie er will und wen er will. Etwa den politisch renitenten Schubart, der überall seine antimonarchistischen Thesen veröffentlicht, zugleich aber ein geistreicher, belesener Mann ist, ein feiner Sänger, Komponist und einer der besten Pianisten seiner Zeit. "Ich will ihn öfters hören und sprechen", sagt Carl Theodor, nachdem der kultivierte Rebell im intimen Kreis des Badhauses vorgetragen hat. Nicht, dass es dem Kurfürsten an monarchischem Standesbewusstsein mangelte. Vor allem aber ist er jemand, der hellwach mit seiner Zeit geht. Und diese lässt die französischen Geziertheiten immer weiter hinter sich. Von Schubart und anderen leidenschaftlich propagiert, kommen deutsche Dichtung und Dramen in Mode.

Echtheit, Individualität, Natürlichkeit lauten die neuen Maximen - auch in der Gartenkunst. Carl Theodor reagiert mit Interesse, er beginnt, sich vom französischen Vorbild zu lösen. In den 1770ern schickt er den Sohn seines Hofgärtners Sckell nach England, wo Parks nach ganz anderen Grundsätzen gestaltet werden. Die Ideen, mit denen Friedrich Ludwig Sckell zurückkommt, sind revolutionär: sanft gewellte Rasenflächen und geschwungene Wege, die scheinbar absichtslos dem Terrain folgen. Bäume, Sträucher und Seen, die wie unberührte Natur daherkommen - indes exakt arrangiert und auf Wirkung berechnet sind. Eine Kunst, die ihre Künstlichkeit versteckt und eine Idealnatur vorgaukelt.

Das Wunder ist nicht, dass de Pigage und der junge Sckell diese Ideen in Schwetzingen realisieren. Sondern wie. An den französischen Garten legen sie einen englischen Landschaftspark, der nicht in Gegensatz zum Bestehenden tritt, sondern wie seine Fortsetzung wirkt. Vielleicht gleitet keine andere Parkanlage in Europa so elegant, fast lässig von einem Stil in den anderen, von der resoluten Geometrie des barocken Parterre über dessen verspielte Flanken in eine romantische Kunstlandschaft, die wiederum in das umliegende Land weiterweist. Ein Gesamtkunstwerk, das der Flaneur entlang immer neuen bezaubernden Szenen von strengster Form zu freier Natur durchschreitet.

Doch während die Arbeiten am englischen Park eben anlaufen, profitiert Carl Theodor abermals von einem Verwandten ohne Söhne. 1777 erbt er Bayern - unter der Auflage, in München zu residieren. Nach einem letzten heiteren Sommer verlässt er mit schwerem Herzen die Pfalz. Zwar bezahlt er noch die Vollendung Schwetzingens, später immerhin den Erhalt. Seine Besuche aber werden seltener. Wie zum Trost lässt er Sckell an der Isar noch einmal ein Landschaftskunstwerk mitgestalten: den Englischen Garten. Recht glücklich wird er in München jedoch nie, verknöchert zusehends.

1799 stirbt Carl Theodor. Vier Jahre später fällt Schwetzingen an Baden. Die neuen Besitzer haben ein Juwel geerbt und pflegen es entsprechend. Bis heute. Im Frühjahr blühen die Kastanien, der Spargel der Region lockt Genießer an. Im Sommer beleben Feste und Konzerte den Park. Dann verfärbt sich der Garten spektakulär, und im Winter knirschen Kinderwagen die kahlen, verschneiten Alleen hinab. Groß und Klein sind so vergnügt, wie Menschen nur sein können.

Infos zu Öffnungszeiten und zu Führungen

Schloss Schwetzingen
Der Park ist tägl. geöffnet (Ende
März-Ende Okt. 9-19.30, sonst 9-16.30 Uhr); Eintritt 5 Euro (Winter 3 Euro). Das Schloss ist nur mit Führung zu besichtigen (Dienstag bis Freitag stündlich zwischen 11-16 Uhr, Samstag und Sonntag zwischen 11 bis 17 Uhr ). V on Ende Oktober bis Ende März werden Führungen seltener und nur Freitag bis Sonntag angeboten. Eintritt 9 Euro (Winter 7 Euro). Es finden viele Sonderveranstaltungen statt, besonders die Schwetzinger SWR Festspiele ziehen von April bis Juni Tausende Besucher an.

Tel. 06221 538431

Autor:
Mathias Mesenhöller