Hamburg Charmant saniertes Winterhude

Am Morgen, wenn noch milder Dunst über Alster und Kanälen liegt, ist es am schönsten. Enten und Schwäne gründeln zwischen den tief hängenden Zweigen der Trauerweiden, Jogger machen sich auf den Weg zum Stadtpark, die Marktleute bauen ihre Stände entlang dem von Gärten gesäumten Goldbekkanal auf, Schulkinder hüpfen zur Frühstunde über die noch ruhigen Straßen.

Oder doch am Abend? Wenn in der dunklen Jahreszeit die beleuchteten Fenster in den Gründerzeitfassaden den Straßen die Anmutung von Adventskalendern geben. Wenn im Sommer alle Stühle der Straßencafés besetzt sind und die untergehende Sonne hinter dem Backsteinturm des Planetariums Stadtparksee und Stadtparkwiese in rotgoldenes Licht taucht, das in dieses mystische grüne Leuchten übergeht und selbst das kühle Hanseatenherz berührt.

Zu viel Idylle in der Mitte der Millionenstadt? 18 Jahre ist es her, dass ich in diesen Stadtteil zog, damals lächelte man mitleidig. In Winterhude, vor etwa 150 Jahren vom kleinen Bauerndorf rasant zum Industrie- und Arbeiterviertel samt Kaffeegarten und Trabrennbahn mutiert, wohnte man damals nicht. Zwar gab es keine Fabriken mehr, doch jetzt war es kleinbürgerlich: Ein paar nette Kneipen und das Theaterzentrum Kampnagelfabrik, ein paar Künstler in den ehemaligen Fabriketagen - aber das Leben spielte anderswo.

Das hat sich geändert. Inzwischen ist Winterhude saniert und akzeptiert. Jetzt lebt hier am liebsten, wer um die 30 und solvent ist. Letzteres ist nötig - die Mieten steigen wie die Benzinpreise. Zugegeben: Seither gibt es hier auch verstopfte, gnadenlos zugeparkte Straßen und lärmende Nachtschwärmer. Trotzdem ist dieser Stadtteil zwischen Außenalster und Stadtpark einer der schönsten der Stadt.

Rund acht Kilometer als "regulierte Wasserwege" bezeichnete Kanäle begrenzen und fächern das Quartier, Brücken erlauben den weiten Blick über Wasser, Gärten, malerische Fassaden und in den Himmel. Das Gefühl der Enge, des Gefangenseins in einem städtischen Meer aus Steinen und Mauern stellt sich hier nie ein. Wo einst Lastkähne und Schuten ihre Fracht zu den Fabriken schipperten, tummeln sich heute Kanus, Ruder- und Tretboote. Von den letzten kleinen Werften am Goldbekkanal, von der Liebesinsel im Stadtparksee geht die Fahrt nicht gerade bis Sansibar, aber der Jungfernstieg oder die Alsterkanäle sind an einem sonnigen Tag auch lohnende Ziele.

Die Zeichnerin und Autorin Jutta Bauer paddelt manchmal mit dem Boot zur Arbeit - vom Anleger des "Bootsmann"-Biergartens im Stadtteilkulturzentrum Goldbek-Haus zu ihrem Atelier sind es nur ein paar Schritte. Jutta Bauer war eine der Ersten, die hier in der aufwändig sanierten ehemaligen Lysol-Fabrik seit den achtziger Jahren preiswerten Atelierraum fanden. Inzwischen arbeiten 18 Künstler - Maler, Trickfilmerin, Bildhauer, Restauratorin - in den denkmalgeschützten Gebäuden rund um den großen Fabrikhof.

Kanäle und Brücken, stille Plätze und Innenhöfe geben dem Viertel seine besondere Atmosphäre. Das Herz jedoch ist der Mühlenkamp, von Insidern auch "Fifth Avenue von Winterhude" genannt. Die Bürgersteige sind breit genug, trotz der vielen Kaffeehaustische flanierende Passanten und Mütter mit Kinderwagen aufzunehmen. Das hippe Winterhude ist auch noch erstaunlich kinderfreundlich.

In den Läden und Boutiquen, Restaurants oder Bistros begegnet und mischt sich, was der lange Straßenzug zwischen Moorfuhrt- und Mühlenkampbrücke wie ein akkurat gezogener Scheitel trennt: das feine Winterhude mit seinen kleinen, großen und sehr großen Gründerzeitvillen an den stillen Straßen zur Alster hin und die in entgegengesetzter Richtung verlaufenden, immer schlichter werdenden Straßenzüge bis zur klinkerroten Jarrestadt hinter der Kampnagelfabrik. Die in den späten 1920er Jahren gebaute Wohnsiedlung für Arbeiterfamilien ist inzwischen wieder begehrtes Modell: In der "Jarre" mit ihren weiten begrünten Innenhöfen wird umgebaut und saniert, auch um für junge Familien bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Zurück zum Mühlenkamp und seinen Nebenstraßen. Hier wird nicht nur im Supermarkt eingekauft, es gibt jede Menge kleine, feine Läden: für Schreibwaren, Delikatessen, Bio-Brot oder Klamotten, für Wein, Geschmeide, Blumen, Schuhe oder Bücher. Spezialitäten natürlich auch: Die "Xocolaterie" zum Beispiel hat ihre feste Fan-Gemeinde.

Es wäre unzureichend, den Mühlenkamp nur als Geschäftsstraße zu bezeichnen. Er kann einen sogar dazu verführen, sich wie im Urlaub zu fühlen - und das selbst im Winter, obwohl es sich dann nicht ganz so italienisch anfühlt wie sommers. Das verdankt die Meile ihren vielen Restaurants, Bistros und Cafés, den einladenden Außentreppen und den Bänken auf dem Goldbekplatz und dem Schinkelplatz, wo das Eis doppelt so lecker schmeckt. Wenn man einen Stuhl unter der Sonnenmarkise des Caffè 42 oder hinter den großen Scheiben des Bistro-Restaurants "3 Tageszeiten" ergattert hat, könnte man gemütlich Zeitung lesen.

Viel schöner aber ist es, sich einfach entspannt zurückzulehnen und dem Leben auf der Straße zuzusehen. Wie im Urlaub eben. Nur dass hier - irgendwann - eine Freundin oder ein Bekannter vorbeikommt, mit Zeit für einen Kaffee oder ein bisschen Nachbarschaftstratsch.

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Autor:
Petra Oelker