Hamburg Einmal Eppendorf, immer Eppendorf

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, als ich 1991 nach fünf Jahren New York an einem Julimorgen über die sonntägliche Eppendorfer Landstraße ging. Alle Geschäfte waren geschlossen, das das Sonntagsbrötchen, wie es damals hieß, durfte noch nicht verkauft werden. Eppendorf, das Szeneviertel, da wo die Alster und das Flüsschen Tarpenbek zusammenstoßen, kam mir wie ein großer, grüner Friedhof vor.

Dabei hatte sich mein neuer Stadtteil so viel Mühe gemacht - die weißen Jugendstilfassaden vom Jungfrauenthal bis zur Ludolfstraße glitzerten wie stolze Schneeköniginnen, die Alsterkanäle, betupft mit Paddel-, Ruder- und Tretbooten, schimmerten in der Sommersonne, und St. Johannis (1267 erstmals urkundlich erwähnt), eine der ältesten und schönsten Kirchen Hamburgs, spuckte gerade eine gut situierte Kirchengemeinde aus. Egal, nichts überzeugte, nichts reizte mich, ich hatte Heimweh nach New York. Sein Dauerlärm, seine tosende Energie, seine Menschenmassen hatten mich vorübergehend taub gemacht für die leiseren, gedämpfteren Lebenstöne. Die ich überhaupt nicht entspannend, sondern einfach nur anstrengend fand.

 

"Mein Gott, ist das nervig," dachte ich, wenn am Käsestand auf dem Isemarkt einer dieser grauhaarigen Gourmands mit zu viel Tagesfreizeit, vermutlich Lehrer im unverdienten Vorruhestand, 20 Käsesorten durchprobierte und mit dem Verkäufer über das Olivenöl plauderte, das er aus der Toskana mitgebracht hatte. Wenn eine dieser Eppendorfer Powergattinnen - Kennzeichen groß, schlank, blond, Gürtel mit Designerlogo - ihren martialischen Geländewagen vor Anita Hass im Halteverbot und mit Warnblinklicht parkte. Oder ihre jüngere Variante, die Eppendorfer Powermami, seelenruhig mit Doppelkinderkarre den Bürgersteig verstopfte. Nirgendwo, da gehe ich jede Wette ein, gibt es so viele blondschöpfige Zwillinge wie in Eppendorf. Wobei nur gemutmaßt werden kann - entweder ist der Eppendorfer Mann besonders fruchtbar, oder einer dieser auf Fertilitätsmedizin spezialisierten Gynäkologen verdient sich hier eine goldene Nase.

Eppendorf, nur 2,7 Quadratkilometer groß, knapp 23.000 Einwohner, war schon immer diese gelungene Mischung aus Boheme und Geld, aus Geist und Kommerz. Wobei sich die Mischungsverhältnisse drastisch geändert haben.

Noch vor 30 Jahren galt "eppenthorp", wie es bereits 1140 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, als ausgeflippte Studentenhochburg. Im "Onkel Pö" schwitzte sich Otto Waalkes, unser Klamaukrentner, durch: "I am the viper, I've come to wipe your windows," in Kneipen wie "Schramme", "Schröder", "Jablonsky" wurde nach Herzenslust und ohne Rücksicht auf Leberwerte gesoffen, gekifft und abgeschleppt. Und zwar direkt ins WG-Zimmer um die Ecke, denn da, wo jetzt finanzflüssige Kleinfamilien mit Aupairmädchen residieren, hauste damals ein bunt gewürfelter Haufen aus mal mehr mal weniger verkrachten Studenten, die nie das einzige Klo putzten, aber jede Menge verbotener Pflanzen züchteten.

Gelegentlich erspäht man noch ein paar übrig gebliebene Exemplare jener wilden Jahre. Sie wirken ein wenig verloren, ein wenig zu grau inmitten der schicken, jungen Erfolgsmenschen, die inzwischen von ihrem alten Stadtteil Besitz ergriffen haben. Man sieht sie auf ihren Balkons, wo sie sich beim ersten Sonnenstrahl mit einer "Frankfurter Rundschau" und einem Becher Yogitee verschanzen, oder in einer der wenigen Kneipen wie "Vümpf" oder der "Glocke", die den gesundheitsfanatischen Zeitgeist unbeschadet überstanden haben und sich seit dem Rauchverbot "Verein zur Pflege der Hamburgischen Wirtshauskultur e.V." nennen. Dort trifft sich der Eppendorfer Ureinwohner, für den Kampftrinken und Kettenrauchen gesellig und nicht gesundheitsschädlich ist.

Es macht Eppendorf, dieses urbane Kleinod nordwestlich der Außenalster, so liebens- und lebenswert, dass es zwar schickimicki, aber trotzdem gemütlich und fast dörflich ist. Dass die Innenstadt nur ein paar U-Bahnstationen entfernt liegt und man sich in der Alten Mühle beim Hayns Park trotzdem wie auf dem Land fühlt. Dass es neben feinen Gourmettempeln wie "Piment" und "Poletto" noch immer das "Klopstock" und das "Café Lindtner" gibt, in dem Kellner süchtig machende Torten und "draußen nur Kännchen" servieren. Dass man zwar morgens nicht ungeschminkt das Haus verlassen sollte, weil man beim Bäcker am Eppendorfer Baum garantiert eine dieser bis in die Spitzen der perfekten French Nails durchgestylten Eppendorferinnen trifft, die einen mit diesem "Die müsste draußen bleiben"-Blick mustert, während sie von der Verkäuferin wissen will, wie viel Kalorien das glutenfreie Glyxbrötchen hat. Einen aber kurz darauf der Briefträger fragt, wann man denn endlich mit seinem neuen Roman fertig werde, "meine Frau liest nämlich leider sowas."

Mag Harvestehude noch alsternäher und feiner sein, mag es in Winterhude witzigere Geschäfte und in Eimsbüttel oder Ottensen die schrägere Szene geben - wer einmal hier wohnt, zieht nie wieder weg. Schon weil er sich ohne Intarsienparkett, wilhelminischem Stuck und in einer Deckenhöhe unter drei Meter wie im Kartoffelkeller fühlen würde. Er bleibt, trotz der täglichen Verzweiflungsrunden, die man durch zugeparkte Straßen dreht, zur boshaften Freude der Radfahrer, die gern beobachten, wie beleidigte Fahrer vergeblich versuchen, ihre Nobelkarossen in viel zu kleine Lücken zu zwängen.

Aber wie kann man einen Stadtteil nicht lieben, in dem es kein einziges Einkaufszentrum gibt, dafür jede Menge kleiner Läden, wo man von Textilkurzwaren und Hanfschokolade bis zur psychologischen Behandlung von Hunden alles bekommt? In dem die Rhododendronbüsche groß wie Elefantenhintern sind? Wo man im warmen Wasser des hochherrschaftlichen Holthusenbades (Baujahr 1912-14) in die Abendsonne hineinschwimmen oder mit einem gemütlichen Paddelboot durch die Alsterkanäle cruisen kann, mit neidvollem Blick auf romantische kleine Teehäuser in idyllisch zugewucherten Gärten?

Der schönste von allen gehört zum Kloster St. Johannis in der Heilwigstraße, wo ein Gärtner dafür sorgt, dass der Rasen immer aussieht wie mit der Nagelschere gestutzt und sich kein Fremder auf den gepflegten Kieswegen zwischen den Gebäuden des Damenstiftes verirrt. Wer hier in Frieden und Schönheit in einer von insgesamt 50 bis zu 110 Quadratmeter großen, gepflegten Wohnungen sterben möchte, muss sich sehr rechtzeitig auf die Warteliste setzen lassen. Und natürlich eine Dame sein. Einmal Eppendorf, immer Eppendorf.

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Autor:
Evelyn Holst