Italien Venedig: Öko-Essen und nachhaltig übernachten

Eine Stadt auf Holzpfählen ist von Natur aus keine ökologische Stadt. Schon als die Dogen das Sagen hatten, wurden Flüsse, die die Lagune bedrohten, ins Meer umgeleitet und die Kanäle im Stadtinneren regelmäßig ausgebaggert. Auch die späteren Herren vergaßen, sich mit der Natur verbünden. Bis heute aber gibt es in der centro storico genannten Altstadt keinen Autoverkehr und keine luftverpestenden Industrieanlagen, dafür aber auf den ringsum liegenden Inseln riesige Gemüsegärten, aus denen sich die einheimischen Hausfrauen und Gastwirte versorgen.

Mit dem in jüngster Zeit neu erwachten und wachsenden Interesse für Umweltschutz hat sich auch in Venedig einiges getan. Vernachlässigte Inseln werden in Parkanlagen verwandelt, umweltschützerische Initiativen mit Begeisterung aufgenommen. Die Müllentsorgung, einst ein venezianischer (Alp-)Traum, kann heute beim Tür-zu-Tür-Verfahren eine hohe Erfolgsquote verzeichnen. Bio-Erzeugnisse setzen sich zwar nur schüchtern durch, aber als "nostrano" und "tipico" bezeichnete Produkte sind zunehmend beliebt, und bis vor kurzer Zeit belächelte "ecologisti" werden heute immerhin angehört.

ÜBERNACHTEN

Villa Casanova
Klein, aber fein. Eine Villa aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als hier am Lido die Highsociety baden ging. Alessandro Scarpa hat das Haus vor wenigen Jahren als erstes in Venedig nach den Grundsätzen der Bioarchitektur umbauen lassen: Kork zur Isolierung des Dachs, ungiftige Farben an Wänden und Möbeln, geölte Balken und Böden, Vorrichtungen zum Wassersparen in den Duschen, Schutzgeräte gegen elektromagnetische Felder. Die nur sechs, in venezianischem Stil eingerichteten Zimmer sind nach den Regeln des Feng Shui ausgerichtet. Und zum Frühstück natürlich Bio-Produkte. Als Gegenleistung für Ruhe und Harmonie von Körper und Geist die Bitte, im Hause nicht zu rauchen. Info: Lido • 9, Via Orso Partecipazio • Haltestelle: Lido • Tel. 041/5 26 28 57 • €

ESSEN UND TRINKEN

Trattoria Ai Corazzieri
"Embriago" auf Venezianisch bedeutet "ubriaco" auf Italienisch: "betrunken ". Und betrunken von Weinen und Gaumengenüssen kann man dieses charmante, abseits der touristischen Trampelpfade gelegene Restaurant schon verlassen, wenn man die guten, rigoros venetischen Weine - vom Weißen Reciot zu den Roten Amarone und Raboso Piave - zu reichlich genossen hat. Aber "embriago" oder "ebriaco" ist auch der Name einer der (venetischen) Käsesorten, mit denen man hier, von der freundlichen Chefin Rebecca beraten, eine Mahlzeit beschließen sollte. "Betrunken" wird der Käse, weil er während des Reifens mit Wein eingerieben wird. Dafür kommen verschiedene venetische Weine in Betracht, die je nach Charakter auch den Geschmack des Käses beeinflussen: Der Prosecco macht ihn spritzig, der Amarone kraftvoll; eine besondere Köstlichkeit ist der mit dem Dessertwein Torcolato di Breganze "betrunken " gemachte "ubriaco". Zum Käse werden hausgemachte Marmeladen und Konfitüren gereicht. Vorweg sollte man sich ein Nudelgericht (teilweise aus Bio-Mehl) schmecken lassen und zu Fleisch oder Fisch frisches Gemüse aus dem venezianischen Gemüsegarten Sant'Erasmo. Info: Castello • 3839, Salizzada del Pignater • Haltestelle: Arsenale • Tel. 041/5 28 98 59 • Mo geschl. • €€

EINKAUFEN

Pantagruelica
Ein venezianischer Wein? Ein Wein aus dem Gemeindegebiet der Lagunenstadt, wo es nichts als Straßenpflaster und aneinandergedrängte Palazzi zu geben scheint? Silvia und Maurizio Gasperello erzählen in ihrem kleinen Delikatessenladen besonders gern vom Ammiana, einem kräftigen, süffigen "Roten" von der zu Venedig gehörigen, winzigen Insel Santa Cristina (der Name stammt von einer ehemaligen, heute vom Wasser verschlungenen Insel Ammiana): eine Rarität mit seinen nur 3000 Flaschen jährlich und eine Kostbarkeit für Etikettensammler. Aber das junge Ehepaar hat in seinem Geschäft noch viele andere Spitzenprodukte anzubieten: großlaibige Biobrote und Bio-Salami, delikaten Ziegenkäse und kräftigen Morlacco-Käse, Bio-Weine und Grappas, die aus alten Obstsorten destilliert werden: aus Gravensteiner-Äpfeln und Hagebutten, aus wild wachsenden Pflaumen und aus Vogelbeeren, und dazu Nudeln und Olivenöl. Vieles stammt aus der Bio-Landwirtschaft, alles kommt von kleinen Produzenten aus Venedig und dem Veneto, zu denen sie persönlich vor Ort Kontakt aufnehmen. Und ihre Bio-Passion ist ansteckend. Auch das kleine Restaurant "Oniga" gleich nebenan hat angefangen, sich auf "Bio" auszurichten. Info: Pantagruelica • Dorsoduro • 2844, Campo San Barnaba • Haltestelle: Ca' Rezzonico • Tel. 041/523 67 66 • Mo-Sa 10-20

AKTIVITÄTEN

122 Brunnen im Stadtgebiet
"100 x 100 pubblica" war der Slogan, unter dem Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari zum internationalen Umwelttag auf einen bisher wenig beachteten Schatz der Lagunenstadt aufmerksam gemacht hat: "100% öffentlich" sind die Brunnen im venezianischen Stadtgebiet, die allen zugänglich sind und bestes, amtlich kontrolliertes Trinkwasser liefern.

122 Brunnen wurden in der Inselstadt aufgelistet: die meisten im volkstümlichen Quartier Castello, die wenigsten in San Marco und San Polo. Viele liegen abseits der Touristenwege in Sackgassen und Innenhöfen und sind nur den Einheimischen bekannt, andere sind an heißen Hochsommertagen von durstigen Touristen auf der Suche nach Erfrischung umlagert. Einer der populärsten Brunnen steht auf der Piazzetta dei Leoni gleich neben dem Markusdom und hat einen namentlich bekannten Schöpfer (Andrea Tirali, 1722).

In der Mehrzahl aber handelt es sich um anonyme Serienfertigungen aus Gusseisen im Stil der Wende vom 19. zum 20. Jh., deren Wasser speiende Löwenköpfe und Maskaronen beliebte, allerdings unerlaubte Sammlerobjekte sind. So hat die Stadtverwaltung mit ihrer Initiative "100 x 100 pubblica" zu bewusstem Verbrauch des immer kostbareren Wassers aufgerufen, zugleich vielen aber auch die Augen für kleine Kreationen am Rande der massentouristischen Ströme geöffnet.

Ein Öko-Boot aus Venedig als "Botschafter des umweltbewussten Venedigs" hat Venedigs Bürgermeister ihn in die Welthäfen entsandt: Piero Tosi, 63 Jahre alt, von denen er 55 auf Booten und Schiffen zubrachte, ist ein venezianischer Kapitän und Skipper, der in jahrzehntelanger, geld und zeitaufwendiger Arbeit ein ganz und gar ökologisches Boot entwickelt hat. "IMES Eco 6" ist der Name dieses elf Meter langen Boots, das einzig von voltaischen Sonnenpaneelen angetrieben wird und zehn bis zwölf Stunden autonom betrieben werden kann- ohne Dieselabgase in der Luft und ohne Ölflecken auf dem Wasser zu hinterlassen.

Auch für ein anderes, typisch venezianisches Problem hat Piero Tosi mit seiner "IMES" eine Lösung gefunden. Durch den katamaranähnlichen Bootsrumpf wird ein Großteil des Seegangs, der besonders am Canal Grande die Grundmauern der Palazzi angreift und anfrisst, neutralisiert. So geht Venedig etwas langsamer unter (sollte es wirklich untergehen!). Und wer mit "IMES" eine umweltfreundliche Bootstour machen und sich dabei alles über die so faszinierende Laguneninselwelt erzählen lassen möchte, findet in Piero Tosi einen begeisterten und begeisternden Fremdenführer. Info: Tel. 041/5 28 51 23

Radtour auf der Artischockeninsel
Venezianische Feinschmecker geraten in Entzücken, wenn Ende April für kurze Zeit die "castraùre" auf Markt und Tisch kommen - die ersten "beschnittenen" Artischockenspitzen. Sie sind so zart, dass sie roh verzehrt werden: mit Salz, Pfeffer, Olivenöl und Parmesan angemacht. Artischocken können auch gekocht, gebraten und ausgebacken serviert werden - Hauptsache, es handelt sich um "carciofi violetti di Sant'Erasmo", von der Laguneninsel gleichen Namens, auf deren Böden die Distelpflanzen weitgehend ohne Düngemittel prächtig gedeien. Aus der Luft gleicht die dünn besiedelte, rund 4 km lange und zwischen 400 und 900 m breite Insel einem Patchworkteppich: rechteckige, parzellierte Gärten und Felder in den verschiedensten Grüntönen, hier und da niedrige Häuser und die acht dem Artischocken- Schutzverband angeschlossenen Bauernhöfe. Ein schlichtes, bäuerliches Venedig, wo Radfahren - im Gegensatz zur goldglänzenden Altstadt - erlaubt ist und Freude macht. Bei einer Rundtour (per Rad oder auch zu Fuß) kann man Möwen, Reiher, Stelzenläufer, Brandseeschwalben, Rohrweihen und Stockenten beobachten, die in dieser Welt zwischen Meer und Lagune einen idealen Lebensraum gefunden haben. Ein Stück Geschichte vermittelt die unlängst restaurierte Rundfestung Torre Massimiliana, in die sich während der antiösterreichischen Aufstände des Jahres 1848 der habsburgische Erzherzog Maximilian (daher der Name) geflüchtet hatte. Info: Bootslinie 13 von den Fondamenta Nuove • Haltestelle: Capannone

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Dieser Text von Wolftraud de Concini ist ein Auszug aus dem MERIANlive-Reiseführer "Venedig".