Asien Türkei: Waldlandschaften und Bergeinsamkeit

Mangel an Natur? Über einen Mangel an Grün konnte sich lange niemand beklagen. Wo der Wald nicht die Hügel überwuchs, bestellten die Bauern ihre Felder und pflanzten Obst- oder Olivenbäume, ließen Apfelsinen und Zitronen an der vom Klima verwöhnten Küste reifen.

Ein Vierteljahrhundert türkischer Tourismusboom hat die Szene verändert. Heute brauchen acht oder mehr Millionen Besucher Betten, verlangen nach Strand - da blieb vom beschworenen Landschaftsschutz des "South Antalya Tourism Development Project" nicht viel übrig. Die Betonmischer räumten die Orangengärten ab, Hotels und immer mehr Hotels besetzen die Küstenlinie. Zum Glück: Die Türkei ist groß. Beispiel Antalya: Vor 50 Jahren zählte die Stadt rund 50.000 Einwohner, vor 25 Jahren bereits etwa 250.000, heute vermutlich über 800.000. Und doch taucht, wer mag, in der nahen Umgebung in Waldlandschaften ein und in Bergeinsamkeit. Von der Halbinsel Datca bis Alanya und weiter ostwärts gilt: Schön ist das Meer, doch im Hinterland der Küsten ist mediterrane Natur zu entdecken, dazu ursprüngliches Landleben und da und dort Hotels, in denen man sich's wohl sein lässt, ohne Natur zu zerstören.

ÜBERNACHTEN

Su Degirmeni
Die richtige Unterkunft garantiert schon das halbe Urlaubsglück. Su Degirmeni ist das türkische Wort für "Wassermühle". Den alten Namen übernahmen Brigitte und Ferruh Özbali, die Hamburger Soziologin und der Tourismusexperte aus Ankara, ohne Zögern für das mit eigener Kraft und Freundeshilfe Ende der 90er-Jahre erbaute Hotel. Seither leben sie 400 Meter hoch über Fethiye, in einer Naturlandschaft mit verstreuten Dörfern. Sie keltern ihren eigenen naturreinen Wein, stellen Pinienhonig selbst her, besitzen einen Olivenhain und kosten mit ihren Gästen auch sonst viel Leckeres aus dem Umland, je nach Wunsch vegetarisch oder mit Fleisch bzw. Meeresfischen zubereitet. Aus dem Taurusgebirge strömt unterirdisch das Wasser, das im Garten der "Wassermühle" als kühler Quell wieder zutage tritt.

Mit den Dörflern von Faralya werden die Anteile am Wasser festgelegt - es reicht, um das Naturschwimmbecken mit dem reinen, wohlschmeckenden Quellwasser zu füllen, das danach noch die Felder bewässert. Die weitberühmte Ölüdeniz-Bucht mit ihrem umtriebigen Leben ist nur 15 Autominuten von diesem erholsamen Kleinod inmitten der Bergnatur entfernt. Auch wenn die wenigen Räume des Su Degirmeni belegt sind - hinter den soliden Natursteinmauern wählen die Gäste nur unter fünf Suiten (je 50 qm) und vier Zimmern -, findet jeder, der mag, im Garten der "Wassermühle " einen ungestörten Platz zur Rast. Nicht zu vergessen: Der Ausblick auf die Ägäis im Sonnenuntergang gerät an manchem Abend fast so üppig die in tropischen Ländern. Info: Uzunyurt/Fethiye, Faralya, Hisar Mah. No. 4 • Tel. 252/642 12 45 • Wegbeschreibung auf der Website. Es wird auch ein Transfer-Service vom Flughafen Dalaman angeboten (1,5 Std.) • €€€

The Sandybrown Hotel
Sie sind noch eine kleine Minderheit in der Türkei, aber es gibt sie: Hotels wie das "Sandybrown" in einer ruhigen Seitenstraße in Dalyan, dessen junge Eigner den Schutz der Umwelt zu einem Hauptpunkt ihrer Arbeit gemacht haben. Nachhaltigkeit ist Wunsch und Ziel, ob nun Energieverbrauch - hier mit Solarzellen - oder Abfallverwertung ökologisch eingerichtet werden. Noch darüber hinaus geht es auch um soziale Ökologie: Leute aus den umliegenden Dörfern bekommen eine Chance, mitzuarbeiten in diesem reizenden Haus, und werden ins "grüner arbeiten" eingeführt. Dem Elend der in der Türkei überall herumliegenden Plastikbeutel mit überlangem Verfallsdatum begegnet das "Sandybrown" mit dem Gratis- Angebot von Beuteln aus Naturstoffen. Der Appell an die Gäste: "Helft uns bitte und bringt neue Vorschläge zu mehr Nachhaltigkeit mit, wenn Ihr bei uns wohnt!" Der Kommunikation zwischen Gästen und Hoteliers kommen deren Sprachkenntnisse zugute: Man spricht Türkisch und Englisch, Französisch und Deutsch. Schmuck ist das "Sandybrown" ausgestattet mit seinen Balkonen und bis zum Dach rankendem Grün, mit Swimmingpool und zwölf Zimmern mit Ausblick. Info: Dalyan, Gülpinar Mah No. 90 • Tel. 0252/284 33 62 • €€

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Bauernmarkt in Kumluca
Kumluca ist eine von vielen türkischen Provinzstädten und ohne irgendwelche besonderen Sehenswürdigkeiten - scheinbar. Denn einmal in der Woche, am Freitag, wandern und fahren

Bauern und Dörfler aus dem Umland scharenweise hierher zum Wochenmarkt. Ein Erlebnis! Frisch geerntetes Gemüse wird ausgebreitet und aufgetürmt, dazu Obst und Oliven - alles prunkt in bunten Farben, die Feldfrüchte genauso wie die Kleider der Frauen. Touristische Besucher finden sich hier nur als kleine Minderheit ein. Einige haben wohl eine Ferienwohnung in der Nähe, decken sich mit Lebensmitteln ein. Früher wurde das bunte Marktschauspiel unter freiem Himmel veranstaltet, neuerdings hat man ein großes Dach. Getrennt vom Gemüsemarkt wird auch ein Kleidermarkt veranstaltet. Der wirkt im Vergleich aber fast farblos. Kumluca liegt an der Straße nach Antalya, nahe der Abfahrt nach Olympos zur Küste hinab.

AKTIVITÄTEN

Göksu-Delta
Ein lohnendes Ausflugsziel für Hobby-Ornithologen. Teile des Deltas südlich der Stadt Silifke - rund 300 Kilometer östlich von Alanya - werden landwirtschaftlich genutzt. Aber der westliche Rest mit seinen Salzseen und Salzwiesen, Dünen und Feuchtgebieten bietet Vogelvielfalt: Rund 330 von insgesamt 450 Arten, die in der Türkei heimisch sind, kann man hier kurz- oder langfristig beobachten, Geduld vorausgesetzt. Der Große Brachvogel, Rohrweihen und das immer seltenere "Brütende Purpurhuhn" finden sich ein. Beste Zeit für einen Besuch ist der Winter, die Zugvogelzeit. Zwischen April und September legen Schildkröten ihre Eier in den warmen Strandsand - bitte nicht stören! Die Weite des Deltas vorm offenen Meer, die Vogelrufe in der Stille - das kann ein unvergessliches Erlebnis sein. Leider ist im Göksu-Delta auch schon auf Vögel geschossen worden. Mit seinem 14.500 ha großen Gelände ist der Nationalpark zu groß und die Zahl der Wärter zu gering, um solche Attacken verlässlich zu verhindern - trotz "Ramsar-Schutzkonvention". Der Naturpark beginnt etwa 8 km südlich von Silifke, Anfahrt über Tasucu. Nach einem Führer und/oder einem Boot im "Information Office" fragen. Das Schutzgebiet ist zu Fuß, aber auch im Kanu zu erkunden.

Köycegiz-See und "Forellental"
Der See mit seinen Schilfkanälen ist die ruhige "Hinterstube" des touristisch hochaktiven Fischerortes Dalyan. Fährt man vom Städtchen Köycegiz eine Viertelstunde weiter ins Land bis nach Yuvarlak Cay, ist man im "Forellental" angekommen. Das Flusswasser ist klar, die Luft unbelastet, und die Forellen, die den Gästen in mehreren Lokalen vorgesetzt werden, sind delikat und erschwinglich. Empfehlenswert: Restaurant Yesil Vadi, im oberen Tal bei Pinar Köyü • Tel. 0252/267 03 74 • €€

Lykischer Pfad
Wer tage-, wochen- oder auch monatelang wandern will, ohne übergroße Anstrengungen und nicht gerade im türkischen Hochgebirge, ist auf dem rund 500 Kilometer langen Lykischen Pfad (türkisch Likya Yolu) gut aufgehoben. Er zieht sich von Fethiye bis nach Antalya, meist nah der Küste, auf Teilstrecken auch quer durch das einst von Lykiern besiedelte Hinterland. Eine Britin, Kate Clow, seit Langem in Antalya zu Hause, zeigte den offiziellen Erschließern neuer Urlaubsideen, wie man Pfade und ungebahnte Wege öffnet, verbindet und - vielleicht das Wichtigste für einen Fernwanderweg! - dauerhaft markiert. Die unverzichtbare Pfad-Markierung ist zwar schon seit zehn Jahren vorhanden, wurde aber nicht selten mutwillig entfernt - nicht jeder Bauer oder Grundherr mag Fremde auf seinem Ge lände. Aber die Situation hat sich gebessert. Die Wanderer finden problemlos ein Nachtquartier im Dorf. Viele Bewohner räumen sogar ihr Schlafzimmer, praktizieren ohne Umstände die schöne, noch immer lebendige türkische Gastfreundschaft und wissen nebenbei auch die Einnahme in türkischer Lira zu schätzen. Der Wandertourismus stärkt die Landwirtschaft. Meer und Strand sind schön. Aber wer Landschaften in ihrer Ursprünglichkeit erleben will, als Wildnis, Naturpark oder auch als Bauernland, hat auf Kate Clows Idee schon lange gewartet. Führungen auf dem Lykischen Pfad bringen oft antike Spuren in den Blick, auch die bekannten Grabhöhlen in dramatisch steilen Felshängen. Anfragen zu Führungen z. B. bei dem deutsch-türkischen Reiseveranstalter in München (Wandern, Trekking, MTB), der Kate Clow bei ihrer Arbeit unterstützt • Tel. 0171/288 20 37 oder 0090/53 26 38 00 40.

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Dieser Text von Michael Neumann und Christoph K. Neumann ist ein Auszug aus dem MERIANlive-Reiseführer "Türkei Südküste".

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