Spanien Madrid: Mit dem Fahrrad durch die Hauptstadt

Wirklich ökologisch ist an Madrid vor allem die Höhenlage. Seit in den Achtzigern der EU-Beitritt den Wohlstand brachte, drückt sich die Naturverbundenheit der Madrilenen vor allem in kilometerlangen Staus auf dem Weg ins Gebirge aus. Repräsentative Bauten wie der neue Flughafenterminal 4 wurden bis ins neue Jahrtausend hinein ohne eine einzige Solarzelle gebaut. Und Sommer für Sommer legt der gnadenlose Missbrauch von Klimaanlagen das Stromnetz lahm.

Doch es gibt auch erfreuliche Trends. So galt Radfahren in Madrid noch vor zehn Jahren als Selbstmord. Inzwischen gibt es sogar Stadtführungen mit dem Rad sowie einen Fahrradrundweg um Madrid, und die Begrünung der Uferauen des Manzanares unter dem Königspalast macht daraus bald eine interessante Ausflugsidee. Seit im Zentrum die Fahrbahnen zurückgebaut und auf den verbreiterten Gehwegen Granitplatten verlegt werden, sieht man immer öfter Rollschuhfahrer. Ein wichtiger Trend geht hin zum Wohnen in der Stadt. Viele junge Familien stecken all ihr Geld in ein "piso" mitten in der Altstadt. Eine ausgesprochen umweltbewusste Generation, was sich auch im gastronomischen Angebot in der Altstadt niederschlägt.

Übernachten

Madre Terra

Natürliche und bioklimatische Bauweise, biologische Baustoffe (so etwa die Lehmziegel aus dem Aushub für die Häuser), Heizung mit Biomasse: In den Casas Rurales Ecológicas von Madre Terra zu wohnen ist herrlich gesund und obendrein ein Beitrag zum Erhalt traditioneller handwerklicher Techniken und Gewerbe. Genau die richtige Art eben, um mitten in einem Biosphärenreservat naturverbunden zu urlauben. Dabei braucht man natürlich auf keinerlei Annehmlichkeiten zu verzichten, und obendrein sind beide Häuser äußerst stilvoll gestaltet.

• Puebla de la Sierra, C. Pradillo, 3 • Tel. 679423909 • Zwei Ferienhäuser für 2-6 Personen • €€

Essen und Trinken

Carrasco Guijuelo

Es gibt in Spanien viele echte Vegetarier, die jedoch in Sachen Fleisch eine einzige Ausnahme machen: Jamón Ibérico de Bellota darf sein. Und Guijuelo, eine kleine Stadt bei Salamanca, wird so eng mit dieser Delikatesse in Verbindung gebracht, dass schon allein der Klang des Wortes einem Spanier das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt. Dass diese Spezialität ihren Preis in den letzten Jahren vervielfacht hat, liegt an einer stetig steigenden Nachfrage - und an dem Umstand, dass man die Produktion der Nachfrage nicht einfach anpassen kann. Denn Jamón Ibérico de Bellota ist von Natur aus extensiv - der Vergleich sei erlaubt: köstlichste Nachhaltigkeit in feinsten Scheiben.

Deshalb werden nicht nur in Salamanca, sondern auch in der Extremadura und in Andalusien heute wieder enorm große Steineichen-Dehesas aufgeforstet. Denn ohne Steineichen keine Bellotas (Eicheln) - und genau das, nichts anderes, fressen die frei lebenden Iberischen Schweine. Jede Scheibe ist also ein aktiver Beitrag zum Kampf gegen Entwaldung und Massentierhaltung. Und bei Carrasco im Mercado de San Miguel ist kosten nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Statt also gleich 30€ für ein Tellerchen anlegen zu müssen, kann man sich hier auch für 4€ ein paar Gramm vom Vorderschinken (Paleta Ibérica de Bellota) herunterschneiden lassen und dazu von nebenan ein Gläschen Rotwein nippen.

• Palacio • Pl. de San Miguel s/n • Metro: Ópera/Sol • So-Mi 10-24, Do-Sa 10-2 Uhr

Einkaufen

Taller Puntera

Ganz gegen den Trend: Anstatt dass wie sonst das traditionelle Gewerbe und Handwerk aus den Innenstädten abwandern, ist es hier genau andersherum. Seit Kurzem hat Taller Puntera an diesem hübsch sanierten Platz neben der Plaza Mayor eine große neue Ladenwerkstatt für Lederartikel (weitere Filiale in der Calle del Cristo 3 im Universidad-Viertel) eingerichtet. Traditionelle, originelle, auf Wunsch auch individuelle Taschen und sonstige Lederarbeiten. Der Rohstoff kommt aus Palencia in Nordkastilien und von spanischem Vieh. 88 Prozent aller Rinder etwa (ohne Milchwirtschaft) werden in Spanien extensiv gehalten (deshalb schmeckt Fleisch in Spanien auch einfach besser als in Deutschland).

Extensive Viehhaltung ist ein wichtiger Beitrag zum Erhalt wertvoller Kulturlandschaften: Dehesas im Westen und Südwesten, bewaldete Weiden für die extensive Zucht vor allem von Schweinen und Rindern, und Bergweiden vor allem in Nordkastilien. Und auch die Herstellung erfolgt in ökologisch-sozialer Hinsicht so nachhaltig, dass jeder "Code of Conduct" industrieller Lederwarenhersteller daneben alt aussieht: Während wir im geräumigen Laden stöbern, wird neben uns genäht.

Taller Puntera • Sol • Plaza Conde de Barajas 4 • Metro: Opera/Sol • Tel. 913642926

Familientipps

Madrid mit dem Rad

Die Begrünung der Manzanares-Auen und der direkte Anschluss an die Casa de Campo mit den neuen Fußgängerbrücken über den Fluss nehmen langsamGestalt an. Und so kann man bald beginnen, Madrid zumindest auf dieser Seite auf eigene Faust mit dem Rad zu erkunden. Bis dahin sollte man allerdings, Fahrradring und Radwegfragmenten in der Stadt zum Trotz, Madrid mit dem Fahrrad besser unter kundiger Führung entdecken. Das Fremdenverkehrsbüro an der Plaza Mayor hält einen praktischen Führer mit zentral gelegenen Fahrradvermietungen bereit. Bike Spain Tours an der Plaza de la Villa bietet Stadtführungen mit dem Rad an - und denen kann man sich getrost anvertrauen. Trixi Triciclos hat bereits alle Lizenzen für eine komfortablere und dennoch vollkommen ökologische Art von Stadtrundfahrten beantragt: Rikschas mit elektrischem Hilfsmotor. In Barcelona sind die Dreiräder bereits erfolgreich im Einsatz.

• Palacio • Plaza de la Villa 1 (C. del Codo) • Metro: Opera/Sol • Tel. 915590653 • www. bikespain.info

• Sol • C. Jardines 12 • Metro: Gran Vía • Tel. 915231547

Tardes de Capricho

Klassische Musik steht bei den (eintrittsfreien) Konzerten im Juni und September in den traumhaft schönen Gärten des Parque del Capricho auf dem Programm (rechtzeitig kommen, die Zuhörerzahl ist begrenzt, und es gibt keinen Vorverkauf; Programm auf www.munimadrid.es). In der Zeit bis zum Konzert kann man hier trefflich nach Feen Ausschau halten. Als die Franzosen 1808 hier plünderten, rettete angeblich ein solches Geschöpf die Kinder des Gärtners vor dem sicheren Tod, indem sie die beiden verzauberte. Seither sitzen die Kinder eng umschlungen in einem Weidenbaum und warten zeitlos auf die Rückkehr der Fee. Fragen Sie einfach nach dem "arbol de los hijos del jardinero" …

• Parque del Capricho • Metro: El Capricho

Naturführungen

Casa de Campo

Mit der Casa de Campo hat man direkt vor der Madrider Haustür eine wunderbare Möglichkeit, für Zentralspanien typische Ökosysteme kennenzulernen. Steineichen- und Wacholderwälder, wilder Spargel, Lagunen, in denen u.a. Störche wieder heimisch wurden. Im Info-Zentrum beim künstlichen See kann man sich den Führungen und Workshops anschließen, die in der Regel für Kinder und Schulklassen organisiert werden und thematisch dem Lauf der Jahreszeiten folgen. Eine gute Möglichkeit, die Stadt eben mal hinter sich zu lassen und Natur zu erleben.

• Mai-15. Sept. Di-So 10-14, 17-20, sonst 9-14, 16-18 Uhr

Sierra del Rincón

Buchen- und Eichenwälder, Steineichen und Eschen. Bergdörfer und Städtchen, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Doch der Eindruck täuscht. Hätte sie das wirklich getan, dann hätten Landflucht und Wochenendhausboom das heutige Gesicht dieser Gegend im zentralen Hochgebirge geprägt. Doch seit 2005 zum Biosphärenreservat erklärt, wird jetzt Nachhaltigkeit groß geschrieben. Ob man nun in den Herbstmonaten in kundiger Begleitung Pilze suchen will, das sachgerechte Beschneiden von Obstbäumen erlernen möchte oder einfach nur mit erfahrenen Führern das reiche Natur- und Kulturerbe erwandern will, in jedem der fünf Dörfer wartet vor dem Rathaus wochenends um 12 Uhr ein Guide auf die Teilnehmer. In diesem Winkel des Gebirges kann man sich der Natur Kastiliens von ihrer schönsten Seite nähern. Für Kinder gibt es im Sommer hochinteressante Feriencamps, und auch das Angebot an wunderschönen Landhotels, Herbergen und Apartments für Familien ist beträchtlich.

• Plaza de la Comunidad de Madrid 6, Horcajuelo de la Sierra • Tel. 918697344

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Dieser Text von Thomas Hirsch ist ein Auszug aus dem MERIANlive-Reiseführer "Madrid".