Russland St. Petersburg: "Grüner" Wind

Die schier unendliche Weite und stellenweise Unberührtheit des russischen Reiches haben zu einer ausgeprägten Naturverbundenheit bei den Russen geführt, die sich auch in der russischen Literatur und Malerei widerspiegelt, man denke nur an die Naturschilderungen in Anton Tschechows Erzählungen oder an die melancholisch-poetischen Gemälde russischer Landschaftsmaler im Russischen Museum, hier vor allem die Bilder Isaak Lewitans. Dass die Russen besonders naturlieb sind, hat allerdings bis heute so gut wie keinen Niederschlag in ihrer Umweltpolitik gefunden.

Seit den Neunzigerjahren ist Greenpeace in Russland aktiv, mit zunehmender Tendenz. Ganz langsam erwacht eine Art Umweltbewusstsein auf dem Lande, junge Leute zieht es wieder aufs Dorf. Noch sind ökologische Produkte in St. Petersburger Geschäften oder Restaurants eine Seltenheit, aber dass das Blatt sich wenden wird, davon geht die jüngst gegründete "Grüne Alternative" aus, die ab 2010 an den Wahlen auf kommunaler Ebene teilnehmen und für frischen - "grünen" - Wind in St. Petersburg und Umgebung sorgen wird.

ÜBERNACHTEN

Skandinavia
35 Kilometer vom Petersburger Zentrum entfernt, liegt in Sestrorezk eine Hotelanlage direkt in der Landschaft am Finnischen Meerbusen. Man fühlt sich in eine andere Welt versetzt: das Meer, der Wald, die Stille. Unter Kiefern stehen prächtige Datschen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die von einstiger Noblesse zeugen. In diesem Kurort hat sich auch häufig der russische Zar mit seinem Gefolge aufgehalten. Sorgfältig sind die alten Häuser restauriert, sie wurden mit ökologischen Baumaterialien ausgebaut und mit luxuriösen Zimmern und Appartements ausgestattet. Besonders gelungen ist die Rekonstruktion der Datscha "Lichatschow", die 1904 von einem wohlhabenden russischen Geschäftsmann im Jugendstil erbaut wurde.

Die Räume sind heute mit ausgesuchten russischen Antiquitäten jener Jahre eingerichtet. Alles ist mondän und komfortabel. Wenn man nicht im Meer baden will, steht ein 25-Meter-Pool ganzjährig zur Verfügung. Im großzügigen Spa entspannen sich gelegentlich die Stars des Mariinski-Theaters. Auch im Winter kann es hier sehr idyllisch sein, mit russischer Sauna und anschließender Abkühlung im Schnee. Fahrrad- und Skierverleih sind selbstverständlich vorhanden. In der Hotelküche werden frische ökologische Produkte verwendet, die zum Teil aus Finnland kommen - bis zur Grenze ist es nicht weit. Nach Sestrorezk reist man vom Finnischen Bahnhof (Finski Woksal) oder man fährt mit dem Auto Richtung Finnland auf der E18/M10. Info: Sestrorezk • Parkovaja ul. 16 • Tel. 4 34 11 00 • 61 Zimmer •€€€€

ESSEN UND TRINKEN

Botanika
Die Farbe Grün dominiert im ersten Petersburger Restaurant, das sich nicht nur einer ökologisch-vegetarischen Küche verschrieben hat, sondern auch einer innovativen ayuvedischen Zubereitungsart huldigt. Das Restaurant ist nur ein paar Schritte vom Sommergarten entfernt. Viel junges Publikum, viele Studenten kommen aus der berühmten Akademie für Design. Die jungen Besitzer fühlen sich dem Anspruch des Schriftstellers Leo Tolstois verpflichtet, der einmal gesagt hat: "Ein Vegetarier zu sein bedeutet tief und ernsthaft nach moralischer Perfektion zu streben. Diese sollte das Kriterium für jeden Vegetarier sein." Die Speisekarte umfasst indische, russische und italienische Küche: frische Salate, hausgemachte Nudeln mit Pesto, reichhaltige Kartoffelgerichte, verschiedene russische Kohlsuppen. Der Wein aus ökologischem Anbau stammt allerdings nicht aus Russland. Kinder sind willkommen, es gibt ein spezielles Kindermenü und eine Kinderecke mit Holzspielzeug. Info: Zentrum • ul. Pestelja 7 • Metro: Tschernyschewskaja • Tel. 2 72 70 91 • tgl. 12-23 Uhr • €€

Idiot
Noch zu Ende der Sowjetzeiten, während der Perestroika, als die Worte "ökologisch" und "vegetarisch" Seltenheitswert besaßen, kam ein Petersburger Künstler auf die Idee, eine vegetarische Kellerkneipe im Herzen der Stadt zu eröffnen und sie nach Dostojewskis gleichnamigen Roman zu benennen. Sie erfreute sich sogleich des Zuspruchs der damaligen Leningrader Boheme, nicht zuletzt wegen ihrer guten und preiswerten Wodka- und Bierauswahl. Heute ist das Restaurant nicht nur für russische Vegetarier ein Mekka, sondern auch für viele ausländische Studenten, die hier zur Abwechslung einmal bei Tee süße Piroggen und Marmeladenpfannkuchen genießen. Die Einrichtung ist originell: Reminiszenzen an die untergegangene Sowjetunion an den Wänden, kuschelige Sofas und viel nostalgischer Nippes. Info: Idiot • Zentrum • n.r. moika 82 • Metro: Sennaja Pl.s • Tel. 3 15 16 75 • tgl. 11-1 Uhr • €€

Restaurant Schaljapin auf der Datscha
Im ehemals von vielen Künstlern bewohnten Vorort Repino, am Finnischen Meeresbusen mit hohen Kiefern und würziger Luft, hat ein Restaurant eröffnet, das nach dem weltberühmten russischen Opernsänger Fjodor Schaljapin benannt ist. Die Wirte wollen mit frischen regionalen ökologischen Produkten der Saison die Traditionen der russischen Küche und Gastlichkeit wieder beleben, und so kommen hier zur Begrüßung selbstgebackenes Brot und Salz, eingemachte Waldpilze und Wodka auf den liebevoll gedeckten Tisch. Im Sommersind die frischen Waldbeerendesserts unschlagbar. Im Winter steht viel Wild auf der Speisekarte. Auch die russischen Feste, etwa das russische Osterfest (MERIAN-Tipp, S.45) mit seinen eigenen Spezialitäten -, man denke nur an Kulitsch, einen Hefekuchen, oder den gehaltvollen Pascha, ein schweres Kaliber aus Sahne und Quark -, werden im Speiseplan berücksichtigt. Als Hintergrundmusik ertönen dezent russische Romanzen, gesungen natürlich von Schaljapin, der hier auch Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine Datscha bewohnte. Nach Repino gelangt man mit dem Vorortszug vom Finnischen Bahnhof. Info: Repino • ul. Nagornaja d. 1 • Tel. 4 32-07 75 • tgl. 12-24 Uhr • €€€

SEHENSWERTES

Museum der Petersburger Avantgarde
Einer der ersten "grünen" Pioniere in Russland war der Maler und Komponist Michail Matjuschin, dessen Name eng mit der russischen Avantgarde verbunden ist. Man nennt ihn heute den russischen Beuys. Der liebste Aufenthaltsort des Künstlers war der Wald rund um St. Petersburg am Finnischen Meeresbusen. Hier beobachtete und studierte er die Natur. Er sammelte Wurzeln und Äste und modellierte daraus Skulpturen. Es genügte ihm aber nicht, die Natur einfach nur abzubilden, er wollte selbst in ihr aufgehen und erfahren, wie etwa ein Baum fühlt. Seine für damalige Verhältnisse etwas verschrobenen Ideen und sein ungewöhnliches Künstlerdasein wurde von seiner zweiten Frau, der Dichterin Helena Guro, geteilt. Das Paar schätzte aber auch die Gesellschaft und die Anerkennung der wilderen, lauten Künstlerkollegen aus St. Petersburg, etwa Wladimir Majakowskis oder David Burljuks, was viele originelle Gruppenfotos dokumentieren. Matjuschins Kunstwerke, Aufzeichnungen seiner Beobachtungen, Naturfotos u.v.m. sind jetzt in seinem Wohnhaus, einer restaurierten Holzvilla auf der Petrograder Seite, liebevoll zusammengestellt. Auf zwei Etagen kann man sich mit dem eigenwilligen Werk des Künstlers vertraut machen. Info: Museum der Petersburger Avantgarde • Petrograder Seite • ul. Professora Popowa 10 • Metro: Petrogradskaja • Tel. 3 47 68 58 • Do-Di 11-18 Uhr

Wodka-Museum (Musei wodki)
Das Wodkatrinken hat in Russland Tradition, gute und natürlich auch weniger gute. Zur Begleitung der nicht ganz leichten russischen Speisen gehört ein Wodka einfach dazu. Wie sauber der Wodka in Russland gebrannt wird, will das kleine private Wodka-Museum demonstrieren. Neuerdings wird viel Wert auf die ökologische Reinheit des Nationalgetränks gelegt. Schon im 12. Jahrhundert wurden Destillierapparate erfunden, mit deren Hilfe Getreide in reines russisches Feuerwasser verwandelt wurde. Ausgestellt werden auch kuriose Heimbrennapparate, die bei den Bauern nicht nur im 19. Jahrhundert populär waren. Zum Abschluss der Führung kann man sich von der Qualität des russischen Wodkas selbst überzeugen. In europäischen Trinkgewohnheiten angepassten Quantitäten wird das Getränkt zur Verkostung gereicht. Man kann dann die Sorte seiner Wahl auch kaufen. "Frisch wie ein Gürkchen", so soll man sich auch nach reichlichem Wodkagenuss in Russland fühlen - das hängt wohl mit der viel gepriesenen "Reinheit " des Wässerchens zusammen. Info: Wodka-Museum • Zentrum • Konnogwardeiski bl. 5 • Metro: Newski Prospekt • tgl. 11-20 Uhr

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Dieser Text von Eva Gerberding ist ein Auszug aus dem MERIANlive-Reiseführer "St. Petersburg".

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