Gozo Karneval - Das Fest des Teufels

Endlich haben sie den kleinen Traktor vorbeigebracht. Angelo Said klatscht aufgeregt in die Hände und treibt seine Freunde an: "Los, los jetzt, macht schnell"! Mit vereinten Kräften schieben sie den Anhänger aus der offenen Garage und koppeln ihn an die Zugmaschine. Über Wochen war hier ihr sorgsam abgeschottetes Geheimlabor. Jetzt springen sie einer nach dem anderen auf, um über die schwach beleuchteten Straßen von Nadur zu knattern.

Eine überdrehte Idee, die ihrer Premiere entgegenfiebert, eine Inszenierung anarchischer Einfälle: eine Horde junger Typen unter Strumpfmasken und in blau-gelben Fußballtrikots, die sich auf einer selbst gebastelten Landschaft mit Kunstrasen, Bällen und einem windschief zusammengeschweißten Tor präsentiert.

"Wir sind die Champions, die Champions, olé", brüllen die Maskierten in den kühlen Abendhimmel hinein. Dazu hämmern aus den Boxen der provisorisch montierten Musikanlage fette Disco-Bässe, wumma, wumma!

So steuern sie mit großem Getöse auf den zentralen Platz bei der Kirche St. Peter und Paul, wo der Spaß erst richtig beginnt. Von dort bis zum "Band Club" am Ende der Straße des 13. Dezember herrscht Anarchie auf Gozo. Von Freitag bis Dienstag kommen sie zu Tausenden, um sich bei Einbruch der Dunkelheit mit umgebauten Anhängern, selbst gefertigten Kostümen und bizarren Masken für ein paar turbulente Nächte ein wildes Leben zu erschaffen.

"Unser Karneval hat keine festen Regeln", hatte Angelo uns gewarnt. "Es geht einfach darum, die anderen zu überraschen." Wie lange hat der temperamentvolle, drahtige Kerl wohl auf diesen Moment gewartet? Schon im Herbst war Angelo auf der Suche nach einer Mannschaft gewesen, für die er als so genannter Captain die Idee zu einem witzigen float, einem Festwagen, ausarbeiten konnte. Von Weihnachten an war der Student der Betriebswirtschaft dann mehr zu Hause als an der Uni, um mit den anderen an dem Wagen zu bauen. Das streckte sich über viele Abende und Wochenenden, an denen sie als Team zusammenwuchsen.

Und nun sind Captain Angelo und seine Jungs am Ziel ihrer Träume: Mitten im Trubel des gozitanischen Karnevals. Sie koppeln ihren rollenden Fußballplatz ab und ziehen ihn ohne Motorkraft über die 600 Meter lange Straße der Umzüge. Wir sind die Champions, olé!

Gleich vor den wilden Kickern haben sich ein Dutzend Kerle mit bunten Perücken und Atombusen aus Schaumstoff auf einem Wagen voller Fitnessgeräte aufgebaut. Irgendwo daneben führt sich ein maskierter Mann in einem alten Anzug mit zwei Schreibmaschinen unterm Arm als Schriftsteller auf. Ein ums andere Mal bedeutet er den Passanten, ihm Aufträge zu erteilen. Etwas weiter greift sich Adolf Hitler einen kichernden Teenie mit übergroßen Mausohren und George W. Bush kreuzt Arm in Arm mit Saddam Hussein die immer dichter bevölkerte Szenerie. Auch Queen Mum, verschiedene Minister der Regierung in Valletta sowie fünf bis sechs bin Ladens werden im weiteren Verlauf gesehen.

Es wird eine lange Nacht, denn so schnell erlahmt hier keiner. Aus mehreren Kneipen dringt das vom Harmonium getragene Geschrammel der Amateurkapellen - derbe Tanzmusik im quakigen Takt der rabbuba. Das ist ein mit Wasser gefülltes Rhythmusinstrument, dazu geht das Tamburin von Hand zu Hand und gibt der Szene den Rest. Nebenan scheppern Rock- und Disco-Sounds aus offenen Türen. Im "Band Club" zeigen coole Jungs ihre Tattoos, Mädchen ihren gepiercten Bauchnabel. Die neuen Riten und die alten - in diesen Tagen bestehen sie nebeneinander. "Jetzt macht jeder, was er will", sagt Marco und grinst. Er zeigt auf einen Balkon, auf dem eine in schwarzes Leder genähte Cat Woman mit der Reitpeitsche knallt.

Maltas Karneval wird eben erst auf Gozo so richtig interessant - dort wo das närrische Treiben "Il-festa tax-Xitan", "Fest des Teufels", genannt wird. In den 14 Ortschaften auf dem immer leicht entrückt wirkenden Eiland sind bis heute viele Bräuche aus Vorzeiten fast unverändert tradiert - vor allem in den kleineren Dörfern. Nirgendwo aber kulminieren die Ereignisse so spektakulär wie in Nadur. Wo ein paar Kilometer östlich der Hauptstadt Rabat übers Jahr gerade 5000 Seelen zu Hause sind, strömen dann bis zu 40.000 Menschen zusammen. Statt bestellter Kapellen und professioneller Prinzen wird hier jeder König des Karnevals.

"Jeder kann seine persönliche Botschaft loswerden", erklärt Dr. Christopher Said mit einem breiten Grinsen. "Und glauben Sie mir: Ich weiß sogar von Priestern und Mitgliedern der Regierung, die sich in voller Verkleidung unter die Leute gemischt haben. Bei solchen Anlässen entpuppen sich die Seriösesten oft als die Schlimmsten." Der junge Bürgermeister und Anwalt kennt seine Leute nur zu genau. Das ganze Jahr hindurch leben sie ebenso vertraut wie in wechselseitiger Beobachtung. Da kommt der Karneval am Ende einer Zeit ohne größere Abwechslung gerade recht: "Das ist die goldene Gelegenheit, einmal jemand anders zu sein."

Und längst machen davon nicht nur die Bürger Nadurs Gebrauch. Die Hotels und Pensionen auf Gozo sind an den tollen Tagen restlos ausgebucht. Tausende Besucher sind von der Nachbarinsel Malta herübergekommen, darunter vor allem jüngere Leute, die sich nicht damit begnügen wollen, beim organized carnival zwischen Valletta und Floriana nur einer Parade aus bunt geschmückten Wagen hinterherzugucken.

Solch eine Parade, bei der die beste Idee prämiert wird, findet am Sonntagnachmittag auch in Rabat statt, der Inselhauptstadt, die die Engländer Victoria nannten. Aber das ist von Ekstase weit entfernt. "Unser Karneval ist anders", sagt Bürgermeister Said. "Darum wollen wir ihn so beibehalten,ohne auch nur irgendwem den Stil zu diktieren."

Auf Gozo begann Karneval als Fest "von unten"

Volkes Wille war zunächst wenig entscheidend, als Ritterorden den Karneval auf Malta im 16. Jahrhundert einführten. Der kleine Maskenspaß war den christlichen Seefahrern gestattet, die in Valletta von Bord gingen - während Frauen für das gleiche Vergnügen bald Peitschenhiebe drohten. Noch war es ein Treiben für die herrschende Kaste und an der Spitze aller Umzüge demonstrierte der jeweilige Großmeister des Johanniterordens in einem eigenen Wagen seine herausragende Macht.

Auf Gozo begann Karneval dagegen "von unten" - als Fest der Bauern, die ihre von Pferden und Eseln gezogenen Fuhrwerke vor der Fastenzeit mit Palmzweigen schmückten und am Abend gemeinsam frisch geschlachtete Ziegen grillten. Vermutlich viel später erst verwandelten sich die Dorfbewohner an den langen Abenden in maskarati, um sich gegenseitig zu narren. Das ist nach Einbruch der Dunkelheit laut einer bis heute gültigen Verfügung nicht gestattet. Doch Eigenwillen und ein Hauch von Anarchie gehören zum Leben auf Gozo einfach dazu. Kurz: Niemand hält sich daran.

Antoinette Said erinnert sich gern, wie sie in ihrer Kindheit aus Laken und Lumpen die aberwitzigsten Kostüme zusammennähten, oder wie sie aus Kartons und Kürbissen groteske Masken bauten. "Wir konnten noch keine Plastikmasken kaufen", lacht die Mutter von Angelo, "so was gab es damals nicht. Und wir hätten auch kein Geld dafür gehabt.Wir hatten nichts." Also wurde auf Teufel komm raus improvisiert. Mit verkokelten Weinkorken schwärzte man sich das Gesicht, dann ging's raus in die Finsternis. Pro Straße gab es damals gerade ein, zwei Straßenlampen. "Es war absolut dunkel", erzählt Antoinette, "das kann sich heute kaum noch einer vorstellen."

Umso größer die Euphorie, die schließlich von den Eltern auf ihre Kinder überging. Soweit er sich erinnern kann ist Angelo zu Karneval immer und überall unterwegs gewesen - zunächst mit seinem älteren Bruder Joseph, später in größeren Rudeln. All diese Gangs stehen Jahr für Jahr im Wettbewerb um die überraschendsten, schrillsten und witzigsten Ideen, und dabei erwarb sich Angelo bald den Ruf eines kleinen Meisters. Mal war er mit anderen als Roboter aufgetreten, mal als Bulle und mal als Bandit.

"Das ist nicht bloß ein Hobby für mich", betont Angelo, "sondern ein Teil von mir selbst. Ich muss das tun."

Nicht nur er: Im Grunde schraubte, sägte und lötete seit Jahresbeginn wieder halb Nadur an seinen Skulpturen, während die Bäcker mit dem Backen der Prinjolata begannen, des Karnevalskuchens aus Pinienkernen. Und die Gerüchte darüber, was hinter verschlossenen Toren entstand, sprossen praktisch von allein. So baute sich im Ort allmählich eine Spannung auf, die über die eher trist verlaufenden Winterwochen hinweghalf. Womit würden die Jungs an der Ausfallstraße nach Qala aufwarten? Was hatte die berüchtigte Bronx-Gruppe in diesem Jahr vor? Und wem würde sich Peter Muscat anschließen, der ungekrönte König des Karnevals?

Peter, der pausbäckige Polier: der Wunsch nach Frohsinn und Geselligkeit ist in dem prallen Gesicht Fleisch geworden. Sein selbst gebautes Haus am Ortsrand hat sich längst zu einem Museum des Karnevals entwickelt, in dem die Utensilien sämtlicher Festtage gehortet werden: Masken, große und kleine Trommeln, rabbubas, Kostüme aus Kleiderresten. Hauptsache, die Klamotten sind schon ziemlich imbarazz, erklärt Peter - also Lumpen. "Darum geht es im spontanen Karneval: Du nimmst die Reste. Wenn etwas noch gut ist, ist es für mich nicht zu gebrauchen."

Auch überlebensgroße Pappmaché-Figuren, die maskarunis, bevölkern das Junggesellen-Heim. Eine davon hatte vor Jahren leider das Mädchen erschreckt, das Peter in einer Karnevalsnacht abgeschleppt hatte. "Sie drehte sich rum und lief einfach davon", erzählt Peter und lacht. Jedes Jahr bieten die tollen Tage auf Gozo auch Gelegenheit, sich auf dem begrenzten Markt der Beziehungen neu zu orientieren. Deshalb ist Peter jedes Jahr auf die neugierigen, kostümierten Malteserinnen gespannt, die die Fähre aus Cirkewwa an Land holt.

Am Freitagmorgen aber ziehen sturmartige Winde auf, die den Fährbetrieb bis zum Nachmittag lahm legen. Die Schlange der Autos zieht sich auf maltesischer Seite über viele Kilometer hin. Manche warten bis zu acht Stunden, andere drehen entnervt um und stornieren ihre Zimmer. Um so erstaunlicher ist das Treiben in dicht gedrängter Menge, das sich dann am Samstagabend trotz allem entfaltet. Zur Prime Time zwischen zehn und zwei kommen Maskierte und Musikanten auf der Straße des 13. Dezember nur noch in Zeitlupe voran. Alles wogt und wälzt sich im bunt gemischten Knäuel.

Angelo Said und ein paar seiner Freunde haben sich Perücken, Röcke und Megabrüste ausgeliehen, um als Cheerleader noch mehr Hype für ihren Fußballwagen zu entfachen (echte Mädchen waren nicht mehr aufzutreiben). Ihre Lederbälle fliegen der Gruppe um Peter Muscat um die Ohren, die mit Hexenmasken alte Kinderwagen schiebt. Morgen werden sie als stolze Wikinger mit Plastikschwertern drohen. Außerdem sind da noch ein walisischer Prinz, drei Henker, ein Boot mit Flüchtlingen aus Nordafrika und ein Wagen voller Witzbolde, die in Schutzanzügen verdächtig wirkendes Hühnerfleisch anbieten. Ihr Slogan: "Help yourself!"

So zeigen sie alle bis in die Nacht zum Aschermittwoch, was sie bewegt, sie tanzen und trinken und flirten im Rhythmus der rabbuba - oder machen danach noch in den Discos von Rabat weiter. Und einmal mehr wird auf der Polizeiwache von Nadur kein einziger Gewaltausbruch registriert. Genau wie Angelo es uns prophezeit hatte: "Unser Karneval sieht wild aus, ist aber friedlich. Ihr werdet's sehen."

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Bertram Job