Niedersachsen So viel Glück in Osnabrück

Was kann denn Osnabrück dafür, dass es sich auf Glück reimt? Dadurch wird Hannover auch nicht doofer und Münster nicht finster. Dass es sich außerdem auf "Meisterstück" reimt und auf "Hierhin komm ich gern zurück", scheint schon mehr Beweiskraft zu haben. Und also: Eine Umfrage von ZDF und "Stern" ergab 2003, dass hier die zufriedensten Deutschen leben: 87 Prozent der rund 160.000 Einwohner finden ihr Glück in Osnabrück und fühlen sich hier "wohl bis sehr wohl".

Kaum wurde das bekannt, ergoss sich eimerweise Häme über die Stadt. Konnte denn diese Zufriedenheit mehr sein als die bräsige Genügsamkeit von Menschen, die den Neubau eines Einkaufszentrums als persönlichen Erfolg verbuchen? Konnte denn dieses Wohlfühlen etwas anderes sein als eine dumpfe Unberührtheit durch die Probleme, die unsere Zeit nun mal außerhalb Osnabrücks umtreiben? Das Ergebnis schien nur zu bestätigen, was bisher über die Stadt bekannt war: Osnabrück ist Provinz. Und zwar derartig, dass es sogar zu Hannover aufschaut, was von allen anderen Städten aus gesehen die tiefste Provinz ist.

Osnabrück streitet sich mit Oldenburg darum, welches die drittgrößte Stadt Niedersachsens sei. Mein Gott! Da ist es leicht, sich lustig zu machen, aber haben die Stadt und das nach ihr benannte Land das verdient? Ja, das haben sie! Nicht nur, dass Osnabrück an einem Autobahnkreuz liegt, das weder Angelina noch Britney heißt, sondern Lotte, und dass die Osnabrücker ihren, na ja: Fluss nicht Löwe nennen oder Adler, sondern Hase.

Wahr ist auch: Osnabrück wurde von einem Sohn Pippins des Kurzen gegründet. Autos, die in Osnabrück gebaut werden, haben nicht einmal ein festes Dach. Als die Stahlhütte in der Nähe in den Neunzigern verkauft wurde, gab's gerade mal zwei Mark dafür. Justus Wilhelm Lyra komponierte in Osnabrück "Deher Mai ist gekooommen". Wie kann man sich da "wohl bis sehr wohl" fühlen? Unter anderem, weil jener Pippin-Sohn Karl der Große war, weil hier bei Karmann die schärfsten Mercedes-Cabrios gebaut werden und weil aus den zwei Mark viele Millionen wurden, die eine ganze Region vor dem Kollaps retteten.

Und was ist mit Justus Wilhelm Lyra? Dessen Komposition wird alljährlich lauthals und zur rechten Zeit in den Straßen der Stadt gesungen; von glücklichen Osnabrückern, die sich wohl bis sehr wohl fühlen, weil sie wissen, dass die Maiwoche vor der Tür steht. Diese längste Woche des Jahres ist das zivilisierte Pendant zum Münchner Oktoberfest und zählt in der Osnabrücker Altstadt traditionell an die 600.000 Gäste - bei gutem Wetter.

Es kommt eben auf den Blickwinkel an und der weitet sich umso mehr, je näher man dem Gegenstand ist. Nähe ist die große Tugend der Provinz. Wie sagte Hannibal Lecter: Der Mensch begehrt, was täglich um ihn ist. Dass das auch so bleibt, dafür sorgen das gelassene Leben einer kleinen Großstadt, die überschaubare Kulturszene, eine Theaterszene mit respektablem Programm, eine überregional angesehene Regionalzeitung, das grüne Umland, auf dessen Bewohner der Großstädter wunderbar herabschauen kann, während die von ihren Hügeln auf die Stadt hinunterschauen, sowie die besondere Aufmerksamkeit des niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff, der aus Osnabrück stammt. Der konnte allerdings auch nicht verhindern, dass die Kandidatur als Kulturhauptstadt Europas 2010 erst mal an Braunschweig ging, was aber gar nichts ausmacht, weil am Ende doch Potsdam Erster wird.

Und natürlich eine liebevoll restaurierte Altstadt, die die Osnabrücker alle sieben Jahre feierlich umrunden, um wie vor Jahrhunderten mit dem Ruf "olle use", "alles unser", die weitläufigen Grenzen der Stadt zu bestätigen, bevor sie dann in die Kneipen strömen und zum Nachweis, dass der Schritt vom Ich zum Wir gelungen sei, austrinken, was ihnen gehört. Eine Sitte, die einen weiteren Vorteil der Provinz beweist: Du kannst nur lieben, was du überschaust. Die Sitte erinnert an gemütliche Zeiten, früher, als noch Kriegsruinen neben den Bausünden der fünfziger Jahre standen und die Hase mit Beton verkleidet wurde, als Studenten noch Flipper in der Kneipe spielten und nicht Uga Agga im Internet.

Es war die Zeit, in der Provinz Enge bedeutete, und sie ist so lange noch nicht her, aber sie ist vorbei, und wer ihr nachweint, muss auch sagen: Es waren die Zeiten, in denen Franziskaner- Patres die Grundwerte des Lebens festlegten und jungen Menschen bis in die Kneipe nachstellten. Die hießen dann "Grüner Jäger" und mieften auch so (die Kneipen). Die Patres sind bis auf wenige geschützte Exemplare ausgestorben, und statt Kneipen gibt es Clubs wie das "Alando Palais", so heißen auch gänzlich mieffreie Etablissements in Paris oder München. So setzen sich moderne Zeiten durch und gehen doch am Bewährten schadlos vorbei.

Osnabrück ist - wie etwa Chicago - noch immer Bischofssitz und in seinem Stadtbild von Kirchen geprägt, am eindrucksvollsten wohl durch den wuchtigen romanischen Dom in der Stadtmitte. Vor rund 1225 Jahren hat Karl der Große die ersten Fundamente legen lassen, und noch heute ist Osnabrück ein Ort, in dem die Konfession ein Politikum sein kann. Ob dies ein Vorteil oder ein Manko der Provinz ist, das steht bei einem 50:50-Proporz täglich auf der Kippe.

Auch andere sakrale Orte bleiben der Tradition verbunden. Und so geht man sonntags nicht nur in die Kirche, sondern auch ins eng geschnittene, fast britisch anmutende Fußballstadion. Unter dem traditionsreichen Namen "Bremer Brücke" sah man hier den VfL Osnabrück auch schon mal als Tabellenersten der Zweiten Bundesliga und feierte den Auswärtssieg 5:4 gegen den FC Bayern München - dabei war Herr Hoyzer damals noch gar nicht auf der Welt. Inzwischen rangiert der ehemalige Hexenkessel unter dem Namen "Osnatel-Arena" und der VfL fußballerisch in einem Bereich, von dem der weite provinzielle Blickwinkel nur in die Profiliga gehen kann. Oder wenigstens in die Regionen, in denen Amateurvereine ihre Chance haben: beim Endspiel um den DFB-Pokal im Mai in Berlin. Wo dann der Provinzverein gegen die Leute antreten könnte, die zum Betrachten der Provinz nicht einmal die gesponserte Sonnenbrille abnehmen. So ein Endspiel wäre das größte Glück der Stadt, zu dem ganz Osnabrück Justus Wilhelm Lyras "Der Mai ist gekommen" singen würde.

So kann man träumen. Aber Lyra ist nicht der einzige Sohn der Stadt, auf den man an der Hase stolz ist. Die Friedensstadt hat auch das Andenken an den jüdischen Maler Felix Nussbaum bewahrt, der 1944 in Auschwitz von den Nationalsozialisten ermordet wurde und der erst heute wieder über Osnabrück hinaus berühmt ist. Dafür braucht sich die Stadt aber auch nicht zu scheuen, prominente Nicht-Osnabrücker für sich zu reklamieren. So schmückt sie sich damit, dass derzeit "der Architekt des Felix-Nussbaum-Hauses, Daniel Libeskind, 'Ground Zero' in New York bebaut".

Immerhin war es Osnabrück, das dem Theoretiker Libeskind die Gelegenheit gab, zum ersten (!) Mal ein Bauwerk nicht nur zu planen, sondern auch auszuführen. Hätte das Berlin gewagt? Sicher nicht. Oder New York? Gott bewahre. So wagemutig kann nur sein - eine weitere Tugend der Provinz -, wer auf dem Gebiet experimenteller Architektur nichts zu verlieren hat und bei den unvermeidlichen Lernprozessen nur gewinnen kann.

Durch solche Prozesse hat die Friedensstadt Osnabrück erkannt, dass die eigenen und zweifelhaften Verdienste in einem längst vergangenen Krieg, die üblen Rekorde in der Hexenverfolgung und das Verhalten der Stadt unter den Nazis ebenso zum Selbstbild gehören wie die Verdienste um den Frieden in Europa. Der Friedensschluss von 1648, mit dem in den Rathäusern von Münster und Osnabrück die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges beendet wurden, und die Varusschlacht der Germanen gegen die Römer im nahe gelegenen Kalkriese gehören dazu wie alle anderen Schrecken auch. Denn das ist alles unser, da gibt es kein Zurück für Osnabrück.

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Autor:
Roland Benn