Weltweit
Als Freiwilliger ins Ausland

Von Kalle Harberg

Endlich raus von Zuhause! Nach der Schule oder dem Studium zieht es viele junge Menschen hinaus in die weite Welt. Während eines Freiwilligendienstes leisten sie wertvolle Hilfe und erleben eine fremde Kultur hautnah.

Teilnehmer an Freiwilligendiensten.
AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
Lehrer, Umweltschützer, Aktivist - Freiwillige werden weltweit in den unterschiedlichsten Projekten eingesetzt.

Es ist ein Dschungel da draußen. IJFD, CSP, EVS. Wer als Freiwilliger ins Ausland will, verliert sich leicht zwischen den Abkürzungen der zahlreichen Programme. Der gemeinnützige Verein AFS (kurz für "American Field Service") fördert seit mehr als 60 Jahren interkulturelle Austausche. MERIAN.de hat Michael Bogatzki, Teamleiter der Freiwilligendienste bei AFS, gefragt, wie man bei den verschiedenen Programmen und Projekten den Überblick behält und was junge Menschen im Ausland erwartet.

MERIAN.de: Herr Bogatzki, welche verschiedenen Programme gibt es für den Freiwilligendienst im Ausland?
Michael Bogatzki: Insgesamt gibt es drei staatlich unterstützte Freiwilligendienste. Das Familienministerium fördert den "Internationalen Jugendfreiwilligendienst" (IJFD) und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung das Programm "weltwärts". Ein drittes Programm wird von der Europäischen Union unterstützt und heißt "Europäischer Freiwilligendienst". Zusätzlich bieten AFS und andere Organisationen eigene, staatlich nicht geförderte Programme an.

In welchen Projekten wird man eingesetzt?
Viele unserer Freiwilligen arbeiten in sozialen Einrichtungen in den Bereichen Bildung und Jugendförderung. Einsatzorte sind hier Schulen, Universitäten, Kindergärten oder Waisenheime. Andere engagieren sich für gesellschaftlich benachteiligte Gruppen, wie beispielsweise körperlich Behinderte. Wer das nötige Know-how mitbringt, kann auch im Gesundheitswesen, der Kommunalpolitik oder im Umweltschutz eingesetzt werden.

Welche Länder sind besonders beliebt?
40 Prozent unserer Teilnehmer gehen nach Lateinamerika, 30 Prozent nach Afrika, 25 Prozent nach Asien. Der Rest bleibt in Europa. Das ist die Verteilung auf die Kontinente. Unter den verschiedenen Ländern sind besonders die beliebt, in denen man Englisch spricht. Dabei werden die Programme meist nicht in den klassisch englischsprachigen Ländern wie den USA, Kanada oder Neuseeland angeboten, sondern zum Beispiel in Südafrika, Indien oder den Philippinen.

Freiwillige beim Umweltschutz.
AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
Bitte lächeln! Fast ein ganzes Jahr in einer fremden Kultur leben und arbeiten. Dieses Abenteuer wird immer beliebter.
Wie viel Zeit bleibt neben der Arbeit zur Erkundung des Gastlandes?
Die Teilnehmer werden als Freiwillige angesehen, die freiwillig kommen und ihre Arbeitszeit und ihr Engagement einbringen. In der Regel werden sie deswegen nicht so eng eingespannt, wie es beispielsweise in einem klassischen Job der Fall wäre. Das Wochenende ist natürlich Freizeit und man bekommt Ferien. Am Ende des Dienstes erlaubt das Visum oft noch einen Monat zum Reisen. Es bleibt somit genug Zeit, das Gastland zu erkunden.

Wie werden die Programme angenommen?
Seit der Einführung von "weltwärts" in 2008 hat die Nachfrage stark zugenommen. Es gibt für das Programm insgesamt 3000 geförderte Plätze. An den Schulen hat sich, durch die Verkürzung der Gymnasialzeit bis zum Abitur, auch viel getan. Anstatt schon während der Schulzeit an einem Austauschprogramm teilzunehmen, entscheiden sich viele für einen Freiwilligendienst nach dem Abschluss. Dadurch sehen wir eine stärkere Bewerberlage.

Welche Qualitäten sollte man mitbringen, um einen Freiwilligendienst zu leisten?
Die Teilnehmer müssen volljährig sein und einen Schulabschluss haben. Ansonsten sind Neugierde, Flexibilität und die Lust, sich auf eine neue Kultur einzulassen, wichtig. Berufliche Vorkenntnisse sind für einige Arbeitsfelder wünschenswert, aber nicht zwingend notwendig. Und Sprache spielt eine Rolle: Gute Englischkenntnisse sind von Vorteil, die Beherrschung kleinerer lokaler Sprachen setzen wir nicht voraus. 

Freiwillige in Südafrika.
AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
Besonders in Schulen und Kindergärten arbeiten viele Freiwillige.
Wie funktioniert die Betreuung im Ausland?
Die ehrenamtlichen Mitarbeiter unserer Partnerorganisationen im Ausland übernehmen die Betreuung vor Ort. Sie sind der Erstkontakt und helfen im täglichen Leben, sich in die neue Kultur einzuleben. Auch für ganz alltägliche Fragen wie "Wo bekomme ich eine Telefonkarte her?" oder "Wie funktioniert das öffentliche Verkehrssystem?" stehen sie zur Verfügung. Vor der Abreise organisieren wir für unsere Teilnehmer eine zehntägige Vorbereitung. Im Ausland gibt es immer wieder Treffen, bei denen die Freiwilligen ihre Arbeit reflektieren: Was war gut? Was will ich in Zukunft noch verbessern? Nach der Rückreise findet in Deutschland noch eine Nachbereitung statt. Diese ist auf die Frage ausgerichtet, was die Freiwilligen mit ihren erworbenen Kenntnissen machen und wie sie ihr Engagement hier in Deutschland einbringen können.  

Auf was sollte man bei der Auswahl einer Trägerorganisation für Freiwilligendienste noch achten?
Ich würde immer darauf achten, wie die Betreuung der Teilnehmer vor Ort ist. Es kann immer etwas passieren - von Naturkatastrophen bis zu politischen Unruhen. Da ist es gut, einen Ansprechpartner zu haben. Außerdem unterscheiden sich die Programme und Länder, die von den vielen Organisationen angeboten werden. Dann hängt es davon ab, welche Arbeitsfelder und Kulturen den Freiwilligen besonders interessieren.

Michael Bogatzki
AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.
Michael Bogatzki, Teamleiter der Freiwilligendienste bei AFS.
Besonders beliebt sind die Programme "weltwärts" und "IJFD", die beide elf Monate dauern. Welche Phasen des interkulturellen Lernens durchläuft man in dieser Zeit?
Wir beschreiben diese Phasen immer in Form eines "U". Die erste Phase ist geprägt von Euphorie und großer Neugierde auf das andere Land. Sie dauert in der Regel zwischen zwei und drei Monate. Danach folgt Ernüchterung, weil viele Freiwillige feststellen, dass nicht alles so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Das kann verschiedene Gründe haben: Vielleicht hat man in seiner Einsatzstelle versucht ein Projekt anzuschieben, und ist auf Schwierigkeiten gestoßen. In dieser Phase kommen die Freiwilligen oft an ihre persönlichen Grenzen. Langsam geht es dann aber wieder bergauf und der Teilnehmer merkt, dass er sich mit den neuen Lebensbedingungen arrangiert hat. Die vierte Phase ist ein Übergang und eine Form des Lösens. Da geht es darum Abschied zu finden. Was nehme ich mit von meinen Erfahrungen in diesem Jahr? Was passiert eigentlich, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin?

Mit welchen Erfahrungen kommen die Freiwilligen nach fast einem Jahr zurück nach Deutschland?
Ich stelle oft fest, dass viele Teilnehmer selbstbewusster geworden sind. Sie sind an ihren Erfahrungen gewachsen. Wenn sie zurückkommen, wissen diese jungen Menschen auch viel klarer, was sie beruflich machen wollen. Viele Freiwillige wollen auch etwas zurückgeben und sich weiter engagieren. Wir haben Teilnehmer, die hier in Deutschland einen Unterstützerverein für das Projekt gründen, in dem sie im Ausland tätig waren.

Mehr Informationen gibt es unter www.afs.de. Einen guten ersten Überblick über die Freiwilligendienste bietet auch die Website des Arbeitskreises Lernen und Helfen in Übersee.

Artikel erschienen: Dezember 2012