Schottland
Küstenstadt Aberdeen

Von Christoph Pfaff

Die schottische Stadt Aberdeen ist bekannt als die Granit City. Doch der graue Ort mit den zahlreichen Granitbauten ist mehr als nur unscheinbar. Mövengeschrei und Nordseewellenrauschen locken in direkter Nähe. Mit Glück kann man sogar Delfine beobachten.

University of Aberdeen
Hemera/Thinkstock
Die University of Aberdeen ist die drittälteste Universität Schottlands.

Der tiefblaue Himmel ist an diesem Vormittag Teil des Ganzen. Er komplettiert das bunte Allerlei in Footdee. Die kleinen Fußwege in Aberdeens Fischerviertel sind gesäumt von graubraunen, eineinhalbstöckigen Häusern aus dem frühen 19. Jahrhundert mit grünen, gelben und türkisfarbenen Türen. Hier und da steht eine rote Gießkanne oder ein blauer Gartenzwerg. Früher haben hier vor allem Seeleute ihre Fischernetze repariert. Heute darf in den denkmalgeschützten Häusern jeder wohnen.

Shelagh Swanson sitzt mit überschlagenen Beinen auf der Bank vor ihrem Häuschen und macht sich Notizen. Die 28-jährige Künstlerin gehört mit ihrem knallroten Oberteil auch zu den frischen Farbklecksen in Fittie, wie das Viertel von seinen Bewohnern genannt wird. "Wer behauptet, Aberdeen sei grau, der war noch nicht hier draußen", verteidigt Shelagh ihre Wahlheimat und spielt auf den Spitznamen der Stadt Granite City und ihre zahlreichen Granitbauten in der Innenstadt an.

Häuser in Aberdeen sind nicht grau, sie tragen ein Silberkleid

Als sie fürs Studium aus dem Norden in die schottische Nordseestadt kam, habe es auch bei ihr eine Zeit gedauert, bis sie feststellte, dass die Häuser in Wirklichkeit gar nicht grau sind. "Irgendwann habe ich es erkannt: Sie tragen ein edles Silberkleid", sagt sie und lacht dabei. "Bei schönem Wetter glitzern die kleinen Granitsteinchen in der Sonne. Das ist wunderbar!"

So wunderbar wie die Stille hier draußen. Nur von weitem erahnen die Ohren das Rauschen der Nordseewellen, das Rufen einiger Möwen. Motorengeräusche und Autohupen gibt es in Fittie nicht. Diese Ruhe ist genau das Richtige für Shelagh, die sich inzwischen wieder ihrem Schreibblock gewidmet hat. Sie plant gerade die Eröffnung ihres ersten Ladens, in dem sie Ölgemälde und Glasschmuck verkaufen will. Einen Namen für den Shop hat Shelagh auch schon: Oil & Glass.

Ein Wortspiel, das passender nicht sein könnte, bezieht es sich doch auf die Disziplin, in der Aberdeen seit Jahrzehnten europäischer Champion ist: Öl und Gas. Als man in den 1960er Jahren das schwarze Gold in der Nordsee entdeckte, wurde die Stadt schnell zum Zentrum der europäischen Ölindustrie – und damit zu einem der reichsten Pflaster Großbritanniens. Insgesamt existieren in der Nordsee rund 200 Plattformen, die dafür sorgen, dass man sich hier keine Gedanken ums Geld machen muss. Noch nicht – wie die Infotafeln im Aberdeen Maritime Museum verraten.

Das Haus, dessen Herzstück das Modell einer Ölplattform über drei Stockwerke ist, erzählt die Schifffahrts- und Meeresgeschichte der Stadt und weiß, dass der Zenit der Ölgewinnung bereits überschritten wurde. Wenn es gut läuft, könne noch eine weitere Generation davon zehren. Danach würde die Landwirtschaft wieder stärker in den Fokus der Wirtschaft rücken – und der Tourismus.

Delfinschau an der Küste Aberdeens

Hatte Aberdeen neben Glasgow und Edinburgh bisher nur geringe Chancen, sich als ebenso attraktives Reiseziel zu behaupten, soll sich das nun ändern. Schließlich möchte man, dass auch in Zukunft genügend Geld für Kultur und ein schönes Stadtbild in die Kassen fließt. Dafür lüftet Aberdeen Stück für Stück seine gut gehüteten Geheimnisse.

"Es hört sich verrückt an", sagt Ian Hay, als er vor den grünen Hügeln an der Mündung des Flusses Dee steht und aufs Meer schaut. "Aber ich meine es wirklich so: Aberdeen ist der beste Ort in Europa, um Delfine zu beobachten." Natürlich, gibt der Projektmanager des East Grampian Coastal Partnership zu, würde man zum Beispiel auch im spanischen Santander ein Boot besteigen und zu den Delfinen aufs Meer fahren können. Doch die schottische Nordseeküste sei einer der wenigen Plätze unseres Kontinents, an dem man Delfine vom Land aus sehen kann.

Vor allem von November bis Juni tummeln sich hier jeden Morgen bis zu vierzig der Säugetiere, um Lachse und Forellen zu fangen. Dabei sind sie alles andere als scheu. "Ich habe sogar schon beobachtet, wie die Delfine vorne am Strand mit den Surfern ein paar Runden gedreht haben", erzählt Ian stolz. Und auf die Frage, ob seine Leidenschaft so weit geht, dass er den Tieren sogar Namen gegeben hat, sagt er: "Natürlich haben meine Delfine Namen. Der hier heißt Nummer 1, der da drüben Nummer 2...

Von der Kirche zum Feiertempel

Schottischer Humor. Der zeigt sich auch in Slain's Castle in der gemütlichen, gepflasterten Belmont Street. Ein Skelett über dem Tresen, dunkle, urige Holzbalken und dünne Lichtstreifen, die durch alte, gelbe Mosaikfenster dringen. Schwer vorstellbar, dass diese Bar einst eine Kirche war. Vor vielen Jahren fing man in Aberdeen an, alte und verlassene Kirchenhäuser in laute Feiertempel umzufunktionieren. Was anderswo undenkbar wäre, war hier ein gefundenes Mittel zum Zweck.

Über viele Jahrhunderte hinweg hatten sich in Schottland unzählige Kleinstreligionen gebildet, und alle hatten natürlich den Anspruch, ein eigenes Gotteshaus zu besitzen. Als diese Glaubensgemeinschaften mit der Zeit wieder auseinanderbrachen und ihre Kirchen verkommen ließen, begannen die ersten Wirte, Tresen und Zapfanlagen in den atmosphärischen Gebäuden zu installieren. Die ersten Kirchenpubs waren geboren.

Inzwischen ist dieses Phänomen weitgehend perfektioniert worden. Schräg gegenüber von Slain's Castle hat sich in der alten Congregational Church der angesagte Nachtclub The Priory eingenistet. Hier tanzt die junge Generation Aberdeens durch die Nacht. Ein schöner Geheimtipp ist Musa, das sich nicht weit entfernt in einer kleinen Kapelle mit Rosettenfenster eingenistet hat. Und spätestens hier zeigt sich, dass Aberdeen zwar insgesamt erfrischend anders als Glasgow und Edinburgh ist, aber im Grunde eben doch typisch schottisch: Auf der Menükarte der Kneipe stehen selbstgebrautes Bier und Haggis. Man kann eben nicht aus seiner Haut.

Artikel erschienen: August 2012