Esslingen Das älteste Fachwerkhaus Deutschlands

"Ganz Schwaben ist dem Reisenden ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch ..." Der Satz des Dichters und Esslingen-Liebhabers Achim von Arnim gilt im Besonderen für die Stadt am Neckar. Die Fassaden der vielen vom Krieg unversehrten Fachwerkhäuser verleihen ihr noch heute ein unverwechselbares mittelalterliches Flair.

Noch vor 25 Jahren ahnte keiner, wie alt diese Häuser tatsächlich sind. Wissenschaftler gingen davon aus, dass kein Fachwerkhaus in Deutschland älter als 500 Jahre alt ist. Eine neue Methode zur Altersbestimmung, die Dendrochronologie, bereitete dem Irrglauben ein Ende. Anhand der Jahresringe des Holzes konnte man nun sehr genau feststellen, wann ein Stamm gefällt worden ist. Da bei Fachwerk das Holz immer frisch verarbeitet wurde, stand damit das Baujahr fest.

Befand sich nun aber das älteste Haus in Marburg (1321), Frankfurt (1292) oder in Limburg (1289)? Monatlich gab es neue Meldungen. Am Ende machte Esslingen das Rennen: Das Fachwerkhaus in der Heugasse 3 wurde im Jahre 1261 erbaut und ist damit das älteste in Deutschland. Es liegt wohl am Modebewusstsein der früheren Bewohner, dass Forscher bei der Altersbestimmung lange im Dunkeln tappten. In Mittelalter, Renaissance und Barock tauschte man Fenster und Türen aus, veränderte die Innenräume, um sie an den Zeitgeschmack anzupassen. Das Alter war so nicht mehr an Hand des Baustils zu bestimmen.

Die Bauweise hatte sich innerhalb der Jahrhunderte dagegen kaum verändert. Mit Säge und Beil wurden die noch runden Stämme in eckige Kanthölzer verwandelt. Vor allem die Verbindungsstellen, im Fachjargon Verblattungen und Verzapfungen genannt, erforderten Geschick. Sie mussten exakt passen, damit das Haus auch stehen blieb.Wie einen Bausatz legte man am Zimmerplatz die Balken zunächst als Muster zusammen. Dann wurden die Hölzer nummeriert und am endgültigen Bauplatz in Reihenfolge aufgerichtet (daher das Richtfest). Nun erst befestigte man die Verbindungen durch hölzerne Nägel. Anschließend wurden die Gefache, die Zwischenräume der Hölzer, die dem Fachwerk ihren Namen geben, mit einem Astgeflecht versehen und mit Lehm ausgefüllt. Insgesamt dauerte es etwa zwei Jahre, bis so ein Haus stand. Es war aber eine vergleichsweise günstige Bauweise. Ein Einfamilienhaus war für den einfachen Handwerker erschwinglich, aber auch für den vermögenden Kaufmann adäquater Wohnraum. Es war sozusagen das Fertighaus des Mittelalters.

Mit über 200 Fachwerkbauten aus dem 13. bis 16. Jahrhundert bietet Esslingen den größten Bestand in der Region. Die schwäbischen Exemplare des Mittelalters bestechen durch ihre zweckmäßige Konstruktion. Nicht feiner Schnörkel, sondern schlichte Schönheit macht diese Bauten aus.

Nicht ganz so alt, aber besonders sehenswert ist Esslingens Altes Rathaus. 1422 als Brot- und Steuerhaus errichtet, wurde es zum praktischen Multifunktionsraum: In der Halle waren Marktstände untergebracht, im oberen Geschoss Kontore. Mächtige Balken tragen das Obergeschoss. Besonders repräsentativ ist der dreifach vorragende Giebel. Fußund Kopfstreben stützen die tragenden Ständer. Zwischen den Querriegeln wirken die Fenster wie eingeklemmt. Das auffälligste Haus der Renaissancezeit ist die einstige Spitalkelter von 1582. Schnitzwerk aus Andreaskreuzen und Rauten, die an spätgotisches Maßwerk erinnern, sowie Rosetten und Schuppenbänder bestimmen den Giebel. Doch die Zahl solcher Renaissancebauten ist klein - die Blütezeit der alten Reichsstadt war das Mittelalter.

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Autor:
G. Ulrich Großmann