England Die Metropole London

London ist einzigartig in Europa. Die britische Metropole kommt daher, als sei sie heute noch die Hauptstadt der Welt und aktives Zentrum eines Imperiums, das einst den Globus umspannte. Dabei residiert dort nur die Regierung einer Mittelmacht am Rande des Kontinents.

In Wahrheit aber ist London nicht nur die Kapitale Britanniens, und das seit 2000 Jahren, sondern immer noch heimlicher Mittelpunkt von Angloamerika, wie der Historiker Andrew Gamble die englischsprachige Welt nennt, eingeschworen auf Marktprinzip, Freihandel, Demokratie und - ihr aktuelles Projekt - Globalisierung. Washington mag den Ton angeben und die militärischen Muskeln besitzen; London ist welterfahren und weise. Ist Washington das antike Rom, dann spielt London die Rolle des alten Athen. So definierte einst der Premier Harold Macmillan die Aufgabe seines Landes gegenüber den USA.

Die britische Kapitale verkörpert geballte historische Erfahrung und ungeheure Energie. Es handelt sich um einen Ort großer architektonischer Gesten, geschichtlichen Glanzes und zeitgenössischer ideologischer Schlachten, kosmopolitisch und provinziell verträumt, prächtig und schäbig, eine Stadt der scharfen Kontraste, in der Eliten und Lumpenproletariat koexistieren. London ist zugleich spirituelles Zentrum und sündiges Babylon. Es ist die Stadt der Verheißung, zu der Hunderttausende von Einwanderern drängen, weil sie sich dort, wie so viele Neuankömmlinge vor ihnen, ein besseres Leben erhoffen.

Die Römer haben sich London als menschlichen Körper vorgestellt. Das Abbild von Londinium wurde in Bronze gegossen, es zeigt einen jungen Mann mit kraftvoll erhobenen Armen. Seine Geste drückt die unbändige Kraft einer Metropole aus, die sich kontinuierlich fortentwickelt, die wächst und sich häutet, in Wellen der Erneuerung, voller Selbstvertrauen und Lebenswillen.

Daniel Defoe verglich London Ende des 18. Jahrhunderts mit einem Giganten, monströs, unharmonisch und unproportioniert, der mehr tötet als er hervorbringt, unersättlich in seiner Gier auf Menschen und Nahrung, endlos verschlingend und ausscheidend. In einer neuen "Biografie" beschreibt Peter Ackroyd auf 850 Seiten eine Stadt, die "so wild und riesig ist, dass sie nicht weniger als alles enthält", nicht zuletzt die "Geheimnisse der menschlichen Welt."

Selbstverliebt, kalt und herrisch kann London sein, wie die Architektur aus der Blütezeit des Empire signalisiert, deren strenge klassizistische Fassaden den Passanten durch Ordnung und Pracht beeindrucken wollen: Hier wohnen die Erben des britischen Weltreiches. Das Empire ist nicht mehr, doch der weltpolitische Anspruch ist geblieben. Nichts weniger scheint London von den politischen Führern zu verlangen, die vorübergehend geschichtsträchtige Gebäude - 10 Downing Street,Whitehall und Westminster - beziehen dürfen und dort Entscheidungen über Krieg oder Frieden fällen. Das Personal der Eliten wechselt im Rhythmus der Wahlen dieser "gekrönten Republik", wie George Orwell das politische System nannte, das den Briten zugleich zur stabilsten Demokratie Europas und der glanzvollsten Monarchie der Welt verhalf. Konstant über alle Wechsel hinweg bleibt das imperiale Kraftfeld, das London zu erzeugen scheint.

Die Spuren der Anstrengungen, in jeder Epoche dem Anspruch auf Weltgeltung gerecht zu werden, haben sich tief ins Antlitz der Stadt eingegraben. Das London der Finanz- und Bankenwelt, angesichts des Euro zunächst nervös geworden, fand längst sein Selbstbewusstsein wieder und wird Reisenden vom europäischen Kontinent noch auf lange Zeit abverlangen, ihr Geld in Pfund Sterling einzutauschen. Den Anspruch, wichtigster globaler Finanzmarkt zu sein, hat die City architektonisch nachhaltig untermauert.

Unaufhörlich schießen Glaspaläste und Skyscraper aus dem Boden. Die Avantgarde der Londoner Architekten um Norman Foster und Richard Rogers legt es darauf an, die Gesetze der Schwerkraft herauszufordern: In ihren kühnen Gebilden aus Stahlbeton und Glas bersten schon mal die Scheiben angesichts der Entwürfe, die sich wenig um die Grenzen der Belastung von Material scheren. Fosters Fußgängerbrücke, die schwungvoll die Themse zwischen Tate Modern und St. Paul's überspannt, begann nach ihrer Eröffnung so stark zu schwingen, dass es umfangreicher Nachbesserungen bedurfte, bevor man sie wieder freigab. Viele Bürobauten sind ein Schlag ins Gesicht des klassischen London, das sich lange Zeit absichtsvoll dem Wettlauf nach Höhe versagt hatte. Der "rote Ken", Londons erster direkt gewählter Oberbürgermeister Ken Livingstone, legt es aber bewusst darauf an, der Metropole eine neue, radikal veränderte Skyline zu verpassen. Selbst ein architektonisches Juwel wie St. Paul's Cathedral darf deshalb von häufig seelenlosen, modernen Bauten umzingelt und seiner hervorgehobenen städtebaulichen Lage beraubt werden.

Es spricht andererseits für die reiche kulturelle Substanz dieser Stadt, dass trotz Erneuerungswut und Eitelkeit ein überwiegend vergangenheitsorientierter Tourismus die wichtigste Industrie bleiben konnte, ungeachtet der Bedeutung von Banken, Börsen und Versicherungen. Nach London, blendend vermarktet, pilgern jährlich fast 30 Millionen Besucher. Von den Tiraden der Kritiker haben sie sich noch nie abschrecken lassen. Eine Allianz von Kulturpessimisten, Großstadtphobien und Sozialkritikern hat sich stets an London gerieben: zu laut, zu schmutzig, zu teuer, dazu materialistisch und brutal. In den Thatcher-Jahren steigerte sich das Lamento: London mutierte zum "neuen Kalkutta", drangvoll eng, verarmt und entindustrialisiert, geprägt vom Gegensatz zwischen schamlosem privatem Reichtum und öffentlicher Verwahrlosung. All das entpuppte sich als maßlos übertrieben. Die bittere Medizin der Eisernen Lady half dem "kranken Mann an der Themse" auf die Beine, wirtschaftlich erholten sich London und damit England, die Schleifspuren bitterer Rezessionen erodierten, die Labour-Regierung heilte soziale Wunden, die in den Achtzigern gerissen wurden. Gewiss sagen entnervte Londoner auch heute noch gern, ihre Stadt genießen könnten eigentlich nur die Reichen, die Jungen und die Touristen.

Leben am Nabel der Welt

Doch große Städte haben unvermeidlich auch dunkle Seiten. Erfassen lässt sich eine Stadt ohnehin nur, wird man auch der Schatten gewahr, die sie wirft. London war stets geteilt: Der Westen hat das Geld, der Osten den Schmutz. Das war so über viele Jahrhunderte hinweg. Ins Eastend, den Ort dreckiger Industrien, wehte der vorherrschende Westwind die Ausdünstungen der Metropole; denen im Westen erschien der Osten fremd und bedrohlich. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts erteilte die Reiseagentur Thomas Cook dem Schriftsteller Jack London eine Absage; man arrangiere keine Ausflüge ins Eastend. Die Menschen in der "Stadt der Verdammten" bat der Philosoph Arnold Toynbee einst um Vergebung für das "Unrecht, das man ihnen angetan hat". Die Sorge des Westend klang durch, der Pöbel könnte sich in revolutionärem Grimm erheben. Die Revolte blieb aus, gleichwohl hat sich das Eastend verändert. In den Achtzigern verlor es Industrien wie Häfen. Nun zeugen in den Docklands futuristische Türme von architektonische Hybris und wirtschaftlicher Dynamik.

Touristen beschränken sich oft auf die pittoresk-nostalgische Seite Londons, die Stadt der Postkarten von Big Ben bis London Eye. Zum Pflichtprogramm gehören neben überreich bestückten Museen und Kulturpalästen auch "Dianas London". Im Hyde Park entstand sieben Jahre nach dem Tod der Prinzessin ein Denkmal, ein runder "Flusslauf" aus Granit. Kinder dürfen darin nicht mehr planschen, weil einige auf dem nassen Gestein ausglitten. Auch das ist London: ein verhunztes Memorial für eine Ikone, deren Tod trauernde Massen auf die Straßen der Hauptstadt trieb.

Im Umgang mit der Stadt sind zwiespältige Gefühle unvermeidlich: Mal liebt man dieses Ungetüm, taucht genussvoll in das Getümmel ein, genießt selbst die U-Bahnfahrten, erlebt das Besondere dieser Stadt - dezent snobistische Clubs entlang Pall Mall, Gaukler in Covent Garden, die aufregende Kunstszene, die Pubs, Theater und Konzerthallen. Dann wieder kann London fordernd und anstrengend sein; jeder Trip kostet Mühe und zu viel Zeit, selbst wenn die unterirdischen Arterien des Molochs ausnahmsweise nicht verstopft sein sollten.

Aufgewogen wird am Ende alle Mühsal durch die ungeheuer stimulierende Wirkung der Metropole. Nirgendwo in der westlichen Welt trifft man auf solch ein reiches, erstaunlich entspanntes Gemisch aus Kulturen und Hautfarben. London wirkt gelassen, hat alles schon einmal erlebt. Von "Cool Britannia" schwärmte das amerikanische Magazin "Newsweek" 1996 bevor noch Tony Blair, Prophet des "jungen, modernen Großbritannien", in 10 Downing Street eingezogen war. Als ob London etwas gäbe für solch ein Attribut. Niemand wären Birmingham oder Manchester eingefallen, als man London und damit England, als cool und hip, ganz vorne im Trend der Moderne zu erkennen glaubte. Wie schon in den "Swinging Sixties" oder den Siebzigern, als Reisende auf die King's Road oder Carneby Street zogen, um den weltläufigen Duft subkultureller Erneuerung zu schnuppern.

Längst aufgesaugt wurden diese Straßenzüge von der Mehrheitsgesellschaft; das gleiche Schicksal widerfuhr zwei Dekaden später Camden Town mit seinem bunten Markt und anarchischen Getümmel. Die Szene zog sich in weniger frequentierte Gegenden zurück, ins schwarze Brixton südlich der Themse, wo Scotland Yard zuerst die Entkriminalisierung von Haschisch erprobte, oder nach Hackney im Eastend. Eine prägende Subkultur wie zur Zeit der Rolling Stones und Beatles gibt es nicht mehr. Entstanden ist ein bunter Cocktail, aus subkulturellen Nachklängen vergangener Jahre, ethnischen Einflüssen und kommerzieller Pop-Kultur.

Wem das Getümmel der Riesenstadt zu viel wird, für den hält London eine passende Medizin parat: große Parks, von weitsichtigen Viktorianern bewusst erhalten. Richmond Park oder Hampstead Heath vermitteln mit Wiesen, Seen und Wäldern eine Ahnung davon, wie einst die Landschaft um die Hauptstadt aussah, bevor der Koloss rücksichtslos Landschaft verschlang.

Ob Grün oder Stadtlandschaft, London belohnt jene reichlich, die es zu Fuß erkunden. Selbst Londoner, die irgendwann gezwungen sind, weitere Strecken zu Fuß zurückzulegen, zeigen sich überrascht von den architektonischen Juwelen, die sich abseits vertrauter Straßen und Plätze finden lassen, auf die kein Reisebuch hinweist. Ob in Chelsea, Kensington, Notting Hill oder Belgravia, in den Nebenstraßen entdeckt man Gebäude und Häuserzeilen, die Palästen ähneln, mit kunstvollen Fassaden, Türmen und Bögen. Der dramatische Effekt, der schon Heinrich Heine vom "steinernen Wald von Häusern" und dem "drängenden Strom lebendiger Menschengesichter" schwärmen ließ, stellt sich auch abseits der Zentren weltlicher, kultureller und kirchlicher Macht ein. Seine Größe hilft London, viele Geheimnisse nicht sogleich zu offenbaren. Manche behält es ganz für sich.

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Autor:
Jürgen Krönig