England
Seebad Brighton - weltoffen und tolerant

Von Christoph Pfaff

Nur eine Autostunde von London entfernt punktet das britische Seebad Brighton mit breitem Sandstrand, Bummel-Promenade, modernem Hafen und jeder Menge Musik- und Kulturfestivals.

Das Seebad Brighton in East Sussex.
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Das Seebad Brighton in East Sussex.

"Es ist nur ein Sommerjob", sagt John und setzt in seiner Fahrerkabine die Handkurbel in Bewegung. Dann fügt er hinzu: "Aber ein ziemlich schöner". Er zeigt aufs Meer und freut sich sichtlich, dass er diesen Ort seinen Arbeitsplatz nennen darf. Jeden Tag fährt der Enddreißiger am steinigen Stadtstrand des südenglischen Seebads Brighton entlang. John ist Lokführer der ältesten, betriebsamen Elektrobahn der Welt.

Nicht weit von der Brighton Marina entfernt, wo weiße Yachten in der Sonne funkeln und die weite Sicht auf den türkisgrünen Ärmelkanal nur durch ein paar schmale Segelmasten durchschnitten wird, befindet sich der kleine Bahnhof der Volk's Electric Railway - erbaut von dem deutschstämmigen Elektroingenieur Magnus Volk. Seit 1883 pendeln die rot-gelben Waggons laut ratternd zwischen der Marina und dem berühmten Brighton Pier hin und her.

Volk's Electric Railway in Brighton
Christoph Pfaff
Arbeitsplatz von Lokführer John: Volk's Electric Railway.
Zum Zeitpunkt ihrer Einweihung hatte der Ort, 70 Kilometer südlich von London, bereits eine über hundertjährige Geschichte als modernes Seebad auf dem Buckel. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte der Mediziner Dr. Richard Russel eine wissenschaftliche Arbeit über die heilende Wirkung von Meerwasser veröffentlicht, woraufhin sich immer mehr Menschen in der Gegend zwischen den grünen Hügeln der South Downs und dem Ärmelkanal niederließen.

Music City – Freak City 

Boogaloo Stu bei seiner Show.
Christoph Pfaff
Exot Boogaloo Stu bei seiner Show.
Auch Lokführer John ist ein Zugezogener. Eigentlich sei er Musiker, erzählt er, als sich die Volk's Electric Railway so langsam und gemütlich in Bewegung setzt, dass man fast nebenher laufen kann. Bis vor neun Jahren habe er es in London versucht. Doch als er 30 wurde, fühlte er sich langsam zu alt für die übergroße, niemals ruhende Megacity. "Deshalb bin ich nach Brighton gekommen. Ich wollte lieber enge Gassen erleben, in gemütlichen Pubs Musik machen und trotzdem die Möglichkeit haben, auch mal ausflippen zu können. Dafür ist Brighton perfekt."

Trotz der - im Vergleich zu London - überschaubaren Größe mit etwa 156.000 Einwohnern hat die Stadt eine ausgeprägte Musik- und Clubszene. Bekannte Acts wie "Fatboy Slim" und "The Kooks" stammen aus Brighton und jedes Jahr im Mai kommen neue dazu. Beim Nachwuchs-Festival "The Great Escape" präsentieren sich die lokalen Bands auf verschiedenen Events in den szenigen Vierteln North Laine und Kemp Town. Zahlreiche Besucher und die Scouts der großen Plattenfirmen streunen dann durch die Clubs der Stadt, immer auf der Suche nach dem next big thing.

"Es ist aber gar nicht so leicht, in der Masse aufzufallen", erzählt Lokführer John, der selbst Kahlkopf, Nasenpiercing und Zahnlücke trägt. "Heutzutage reicht es nicht mehr, einfach nur gut zu sein, du musst auch optisch herausstechen." Was er meint: Brighton hat viele Freaks.

Als wir gerade den FKK-Strand - sichtgeschützt durch einen Deich aus Steinen - passieren, fährt ein Mann auf einem Fahrrad in Chopper-Optik an uns vorbei. Er ist von oben bis unten tätowiert und trägt Dreadlocks. "Siehst du", sagt John, "genau das ist es. Hier sind die Leute so wie sie sein wollen, ohne dass es jemanden stört. Alles ist möglich." Dabei lacht er, drückt auf seine Hupe und winkt dem Tätowierten zu.

Später am Abend trifft sich das Strandvolk in den Bars der Stadt. Boogaloo Stu - auch einer von den Freaks - ist  ein stadtbekannter DJ, der nicht nur von seinem Können am Plattenteller lebt. Er zehrt vor allem von seinem Aussehen, wenn er am Wochenende in Clubs wie dem burlesque geprägten "The Proud Brighton Ballroom" in Kemp Town auflegt: obenherum eine goldgelbe Perücke und ein schrilles, ausstaffiertes Oberteil mit Kronen auf den Schultern, untenherum nicht mehr als hohe Stöckelschuhe und ein knapper Stringtanga. Auf seinen Partys kommt es schon einmal vor, dass Boogaloo Stu das laufende Musikset unterbricht, um Freiwillige zu sich auf die Bühne zu holen, die dann - ausgestattet mit Zeichenblock und Stift - ein männliches Nacktmodell zeichnen sollen. Im Gegensatz zum FKK-Strand gibt es dabei keinen Sichtschutz.

Das Seebad ist weltoffen, tolerant - und schreibt schon lange Geschichte

Es verwundert nicht, dass das englische Seebad so weltoffen und tolerant ist wie Amsterdam oder San Francisco sich manchmal zu sein wünschten. Man hat sich hier schon früh an das Extreme gewöhnt. Den Stein ins Rollen brachte der spätere König George IV., als er 1815 den Royal Pavilion mit sehr ungewöhnlicher Optik hierhin bauen ließ. Er sollte groß sein und anders - und vor allem sollte das Bauwerk seine Wochenendgäste in tiefes Staunen versetzen.

Pier in Brighton
Christoph Pfaff
Pier in Brighton.
Das Ergebnis bezeichnen die einen als gelungenen Kontrast zu den hübschen, viktorianischen Häusern an der Promenade und den niedlichen, bunten Gassen im ältesten Stadtteil The Lanes. Die anderen sprechen von der größten Geschmacksverirrung in der Geschichte des Königreichs.

Wie auch immer das eigene Urteil ausfallen mag: Beeindruckend ist der Royal Pavilion allemal. Außen überragen seine indisch-arabischen Zwiebeltürme und Minarette die Bäume der Pavilion Gardens, innen versetzt das chinesische Design in Staunen. Überall sind fernöstliche Details wie Wandgemälde, chinesisch dekorierte Festtafeln und mit Drachen gespickte Kronleuchter zu finden. 

Sport, Spaß & Action am Ärmelkanal

Auf halber Strecke passiert die Volk's Electric Railway ein eingezäuntes Areal. Lokführer John greift erneut zu seiner Sirene, um die Menschen am nahenden Bahnübergang vor unserem Vorbeifahren zu warnen. Sie tragen Strandtaschen über der Schulter, an denen sich die Konturen von Volleybällen abzeichnen.

Shopping-Gasse in Brighton
Christoph Pfaff
Shopping-Gasse in Brighton.
Hinter dem Zaun befindet sich das Yellowave Beach Sports Venue. Brightons größtes Beachsport-Center beherbergt sechs Großfelder, auf denen neben Beachvolleyball auch Trendsportarten wie Beach Soccer, Footvolley oder Ultimate Frisbee ausprobiert werden können. Diesen Sommer wird es im Rahmen der Olympischen Spiele in London eine der offiziellen Trainingsstätten für die teilnehmenden Beachvolleyballer sein.

"Brighton ist so etwas wie das Santa Monica von Großbritannien", sagt John und spielt darauf an, dass Sporttreiben und Aktivsein hier gerade ziemlich angesagt sind. Überall an der Promenade wischen sich Jogger den Schweiß von der Stirn, sausen Fahrradfahrer, Rollerblader und Skater umher. Dadurch ist in den letzten Jahren ein neuer Markt entstanden.

Shoppingmeile North Laine in Brighton
Christoph Pfaff
Shoppingmeile North Laine in Brighton.
Zahlreiche Veranstalter bieten die Möglichkeit, aus einem Brighton-Trip mehr als schlichtes Sightseeing herauszuholen: Segeltörns über den Kanal, Mountainbike-Touren durch die Hügel der South Downs - und sogar Wakeboarden steht auf dem Aktivprogramm. In einer Salzwasserlagune im Westen von Hove kann man sich mit einem Brett unter den Füßen von einer Liftanlage übers Wasser ziehen lassen. 

Ganz so weit fährt die älteste Elektrobahn der Welt allerdings nicht die Küste entlang. Ein letztes Ruckeln, noch ein hohes Quietschen und dann endet die Fahrt mit der Volk's Electric Railway. Das angepeilte Ausflugsziel seiner Passagiere scheint für Lokführer John klar zu sein, als er viel Spaß auf "Brighton's old lady" wünscht und auf den weißen Pier zeigt, der ganz in der Nähe des Endbahnhofs auf staksigen Beinen im Wasser steht.

Auf ihm hat in den letzten Jahren ein starker Wandel stattgefunden. Einst galt die größte Sehenswürdigkeit als ruhiger Pol in der lebendigen Stadt, auf dem man gemütlich flanieren und auf Sonnenliegen die frische Seeluft genießen konnte. Inzwischen blinkt und tönt es an allen Ecken: Im Inneren hat sich eine ohrenbetäubende Spielhölle ausgebreitet und am Ende des Piers machen die Fahrgeschäfte eines Jahrmarktes lautstark auf sich aufmerksam. Ein wenig entspanntes, aber dennoch äußerst sehenswertes Spektakel für alle, die gerne staunen. Hier zeigt sich einmal mehr: Es ist alles möglich. This is very Brighton!

Festivalkalender Sommer 2012

Die Stadtgemeinschaft Brighton & Hove ist eine absolute Festival-Hochburg. Das ganze Jahr über finden Indoor- und Outdoor-Events statt.

The Garden Gadabout
An den Wochenenden 23./24. Juni und 30. Juni/01. Juli zeigen Brightons Hobbyfloristen ihren ganzen Stolz: Über 70 Einwohner öffnen dann ihre blühenden Gärten für die Öffentlichkeit, darunter duftende Kräutergärten, bunte Blumenbeete und sogar ganze Seenlandschaften (www.gardengadabout.org.uk).

Paddle round the pier in Brighton
Christoph Pfaff
Paddle round the pier: Tausende sind auf diversen Schwimmgeräten im Wasser.
Paddle Round The Pier
Wer kann am schnellsten auf einem Surfbrett um den West Pier paddeln? Was einst als Wettrennen zwischen zwei Tagträumern begann, ist inzwischen zu einem großen Familien- und Charity-Event an der Promenade von Hove geworden. Jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende (07./08. Juli) springen mehrere tausend Freiwillige auf diversen Schwimmgeräten ins Wasser und paddeln für den guten Zweck. An Land gibt es kulinarische, musikalische und sportliche Unterhaltung für die ganze Familie (www.paddleroundthepier.com).

Brighton Food & Drink Festival
Ein Muss für jeden Feinschmecker! Das Event, das den gesamten September über läuft, feiert das Local Food und die gute Küche der Region. Restaurants, Markthändler, Spitzenköche - hier macht beim Schlemmen wirklich jeder mit (www.brightonfoodfestival.com).

Artikel erschienen: Juni 2012