Ecuador Das friedfertigste Land Lateinamerikas

Den Bauern der Provinz Guayas erschien der Kandidat wie der Messias. Im blütenweißen Hemd auf einem Schimmel reitend. Er sprach in ihrer Zunge, Quechua, der Sprache der Hochlandindianer: "Die politischen Eliten haben uns alles gestohlen. Nur die Hoffnung können sie uns nicht rauben." Rafael Correa schwor, er werde das Land von Korruption und alten Kasten erlösen. Ein paar Wochen danach wurde er im November 2006 von rund 60 Prozent der Wahlberechtigten zum achten Präsidenten Ecuadors innerhalb von nur zehn Jahren gewählt.

Keiner der sieben Vorgänger füllte sein Amt über die volle Zeit aus. Seit Gründung der Andenrepublik im Jahr 1830 erlebt Ecuador den ständigen Wechsel von Neuwahlen und Staatsstreichen. Die Staatsoberhäupter folgten einander wie Sommer und Winter, viele Jahreszeiten haben mehrere Präsidenten gesehen. Einmal waren es sieben auf einen Streich, die gemeinsam regierten. Jeder von ihnen trat turnusmäßig für eine Woche als Staatsoberhaupt an. Diese Junta de Gobierno Provisional aus Generälen und Juristen war 1925, nach einem unblutigen Putsch, an die Macht gekommen. Seither hat es Ecuador auf stolze 46 Präsidenten gebracht. Der bedeutendste unter ihnen, José María Velasco Ibarra, wurde von 1934 bis 1968 sogar fünfmal gewählt. Aber nur einmal konnte er eine volle Amtszeit regieren. Viermal wurde er gestürzt, dreimal musste er in die Verbannung.

Ecuador ist das instabilste Land Lateinamerikas - und zugleich das friedfertigste. So ganz absurd erscheint der Vergleich daher nicht, den der im Januar 2000 abgesetzte Präsident Jamil Mahaud gezogen hat: "Ecuador ist wie die ,Titanic', aber wir werden nicht sinken!" Überall sonst in Lateinamerika hätten die ständigen Zusammenstöße zwischen nur die eigenen Interessen steuernden Familien-Clans und auf Gegenkurs treibenden Volksmassen das Staatsschiff ungleich schwerer beschädigt. Die beiden großen Nachbarn bezeugen das mit düsteren Kapiteln ihrer jüngsten Geschichte: Peru litt zwei Jahrzehnte unter den mörderischen Pseudo-Revolutionären des "Leuchtenden Pfads" und gnadenlosem Gegenterror der Armee. Kolumbien wird von der violencia, der Gewalt, seit Jahrzehnten verheert. Drogenbarone und Warlords, linke Rebellen und rechte Paramilitärs haben 3,8 Millionen Menschen vertrieben - nur der Sudan hat mehr Binnenflüchtlinge. Von Ecuador geht keine vergleichbare Gewalt aus.Aber die ausgegrenzte Mehrheit läuft immer wieder Sturm gegen eine dünne Oberschicht, die das Land plündert und das Leben der anderen erniedrigt. Durch Korruption, politischen Klientelismus und einer auf latenten Rassenschranken gründenden Hierarchie.

Über die Jahre haben die Straßenproteste zur Emanzipation der Gesellschaft beigetragen - womit die Andenrepublik den linken wie rechten Mythos Lateinamerikas entkräften half, dass Fortschritt nur mit Gewalt durchzusetzen sei. Ecuador hat vor allen anderen südamerikanischen Staaten das Wahlrecht für Frauen eingeführt. Früher als die übrigen katholischen Länder ließ es Ehescheidungen zu. Und die indigene Bewegung drängte mit wachsender Organisationsfähigkeit den Rassismus der Oberschicht zurück. Noch vor 20 Jahren waren Millionen von Indios nichts als Bittsteller. Seit den neunziger Jahren wurden sie zur wichtigsten sozialen Kraft des Landes und sind mit Filzhüten und Halsketten in die Staatssekretariate eingezogen. Ihre Partei, "Pachakutik", ging 2003 sogar eine exotische Koalition mit dem frisch gewählten Obristen Lucio Gutiérrez ein, und Nina Pacari, eine Vorkämpferin der indígenas, wurde als erste Indianerin der Weltgeschichte als Außenministerin vereidigt. Doch schon nach 200 Tagen zerbrach die Koalition - die Indios fühlten sich vom nach rechts driftenden "Lucio" verraten.

Ecuador könnte ein reiches Land sein. Es nimmt unter den Ölexporteuren Südamerikas den vierten Platz ein. Doch der größte Anteil der Renditen fließt einer paternalistischen Privatwirtschaft und ausländischen Unternehmen zu. Dem schwachen Staat dagegen beschert der Ölboom rostende Brachen und kontaminiertes Grundwasser, geschädigten Regenwald und zerstörte Lebensgrundlagen der Amazonas- Stämme. Der Widerspruch zwischen der Armut vieler Menschen und dem missbrauchten Wohlstand des Landes ist krass. Transparency International stuft Ecuador als das korrupteste Land Südamerikas nach Venezuela ein. Die Reichen bedienen sich ohne jede Rücksicht darauf, dass die Armen immer mehr verlieren. "Keine Regierung", sagt der Publizist Francisco Rhon, "hat es je geschafft, die subversive Energie der Reichen zu brechen."

Es bleibt dabei: Jeder dritte Bürger Ecuadors muss von einem Dollar pro Tag leben. Diese Armut hat fast vier Millionen Landeskinder vertrieben, sie arbeiten, oft illegal, in Nordamerika oder Spanien und schicken Devisen nach Hause. Ganze Dörfer leben von diesen Geldtransfers aus der ersten Welt. Mit der Übernahme des Dollars als Landeswährung haben die zu eigener Geldpolitik unfähigen Politiker im Jahre 2000 zwar die Inflation gestoppt, doch der Preis für den Dollar ist hoch: Für die Bereitstellung der Geldscheine kassiert die US-Notenbank jedes Jahr Millionen. Und die Wettbewerbschancen der örtlichen Produzenten sind durch die fremde Währung gesunken. Auf dem Land gibt es wenige Arbeitsplätze, kein Arbeitslosengeld und kaum Sozialhilfe. Was Wunder, dass viele für Rafael Correas Devise stimmten: "Ich bin gegen alle Parteien!" seit jeher Teil der politischen Kultur und wird es bleiben, solange Recht und öffentliche Hand die ärmeren Schichten nur bedingt einbeziehen. "Während die Oligarchie davon lebt, den öffentlichen Sektor wie eine Zecke auszusaugen", formuliert Francisco Rhon drastisch, "sind die demokratischen Institutionen nicht dafür ausgelegt, dass der einfache Mann sein Recht bekommt. Und vor Gericht werden meist nur die Ponchoträger konsequent zur Verantwortung gezogen."

Warum aber gehen die Leute in den Ponchos immer wieder auf die Barrikaden, ohne sie anzuzünden? Weshalb enden Putsche und soziale Konflikte zumeist mit einem Operettentusch und nicht als Tragödien wie bei den Nachbarn? Die Ecuadorianer bilden im Grunde keine Nation, sondern einen regionalen Zusammenschluss mit großem geopolitischen Gefälle. Die eigentlichen Machthaber sind bisher die starken Provinzen. Das rauere und gewalttätigere Klima herrscht an der Pazifikküste, wo die mächtigsten Wirtschaftsgruppen in der Handelsmetropole Guayaquil ihr Zentrum haben. Hier verbinden sich Unternehmertum und Populismus zu Autonomiebestrebungen, die in Quito immer wieder Trennungsängste erzeugen, denen die Landeshauptstadt mit exzessivem Zentralismus begegnet. "Wie auf dem Balkan", so sieht es der Politologe Jorge León, "verbringen wir unsere Zeit damit, zu verhindern, dass der andere gewinnt. Die regionale Teilung macht alles zerbrechlich. Aber sie zwingt uns, ständig zu verhandeln, Kompromisse zu suchen." Das entspricht der Tradition der Ureinwohner: Sie diskutieren seit jeher und noch immer so lange, bis Einmütigkeit erreicht ist - damit es keine Verlierer gibt.

Ende September dieses Jahres ließ Rafael Correa, wie viele Präsidenten vor ihm, eine verfassunggebende Versammlung einberufen - um die 21. Konstitution seit 1830 auszuarbeiten. Entschiedener als seine Vorgänger jedoch versucht er, mit diesem Grundgesetz die Rechte der alten Eliten zu beschneiden und dem Kongress die Macht zu nehmen, Präsidenten nach Lust und Laune zu entlassen. Die Opposition sah in Correa sogleich einen linken Caudillo, auch in Europa stellten ihn Kommentatoren eilig als Schüler von Venezuelas Hugo Chávez hin. Dabei könnten die Bildungswege des linken Wirtschaftsprofessors und des Ex-Obristen kaum unterschiedlicher sein: Correa brachte die Begabtenförderung aus ärmlichen Verhältnissen an katholische Schulen und Universitäten, die seine streng religiösen und sozialen Ideale prägten. Er arbeitete freiwillig in einer Indiogemeinschaft, schloss in Belgien sein Studium ab, promovierte an der Universität Illinois.

Wer den polyglotten Populisten dozieren hört, erkennt schnell, dass er den proklamierten "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" weit weniger ernst nimmt als den amerikanischen Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, einen der schärfsten Kritiker internationaler Finanzinstitutionen. Wie dessen Warnungen vor einer unkontrollierten Wirtschaft auf den Alltag Ecuadors anzuwenden sind, das treibt Correa um. Seit der Amtsübernahme Ende 2006 hat der Präsident mehrfach betont, dass sein Land eigene Wege gehen und die Politik Venezuelas nicht kopieren wird. "Sozialismus", sagt Correa, "ist ein Prinzip und kein Regime." Auch im Umgang mit den USA ist der Taktiker in Quito dem radikaleren Chávez nicht gefolgt. Er vermied Pauschalangriffe auf Washington, attackierte nur einzelne Institutionen wie Weltbank und IWF und unterhielt freundliche Kontakte zur US-Botschaft. Damit trägt er den Realitäten Rechnung: Ecuador ist wirtschaftlich abhängig von den USA. Deren Märkte nehmen dem verarmten Land 54 Prozent aller Exporte ab. Correas Vorgänger waren auch deshalb gescheitert, weil sie sich nach populistischer Tradition als Erlöser der Heimat verstanden, die vom Präsidentenstuhl nicht mehr auf ihre Wahlkampfversprechen zurückblickten. Der neue Präsident dagegen hat seine Versprechen gehalten, die Sozialausgaben sofort um 15 Prozent erhöht und die Unterstützung für die bedürftigsten Schichten verdoppelt. Dieses Sozialprogramm wird Correa fürs Erste vor dem Volkszorn, die neue Verfassung vor seinem Sturz durch Parlament und Parteien bewahren.

Eine bessere Zukunft ist damit noch nicht gesichert. Die Ausgaben der neuen Regierung nämlich wuchsen sofort schneller als die Einnahmen. Die staatliche Ölförderung kann den Haushalt nicht lange ausgleichen, sie sinkt durch Missmanagement und versäumte Investitionen. Und wie sehr der Präsident die Verfassung auch auf seine Person zuschneidern lässt, Korruption als Basis der oligarchischen Macht wird er nicht ausrotten können. Was also hat sich verändert? Zum ersten Mal seit Langem sind es nicht die Armen, sondern die Armee und die reichen Eliten der Pazifikküste, die den Präsidenten am liebsten verjagen würden. Wenn es Correa gelänge, ihnen die Stirn zu bieten, wäre er der erste Präsident, der Ecuador politische Stabilität verschaffte.

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Autor:
Christian Schmidt-Häuer