Cofánes in Ecuador Gefährdetes Leben im Dschungel

Doch ihm ist klar, dass die Straße, wenn sie sich erst einmal durch den Wald zu seinem Dorf gewunden hat, nicht nur die Vorteile, sondern auch den Fluch der Moderne bringt. Die meisten Straßen im ecuadorianischen Oriente werden von Erdölkonzernen gebaut, die neue Förderquellen erschließen wollen. Seit das schwarze Gold in den sechziger Jahren im Urwald gefunden wurde, haben sich große Flächen in apokalyptische Landschaften verwandelt - die Böden verseucht, die Bäume gefällt, die Tiere verendet. Das Risiko, an Krebs zu sterben, ist in Lago Agrio viermal höher als in Quito. Aus den im Einklang mit sich selbst und der Natur lebenden Eingeborenen sind dort, wo Öl gefördert wird, sich selbst entfremdete Menschen geworden. In der stinkenden, schwitzigen Kunststadt Lago Agrio blüht die Prostitution, Alkoholiker wanken mit glasigem Blick durch die Straßen. Auf der Flucht vor dieser Moderne ziehen viele Stämme sich immer weiter in den Urwald zurück, doch auch die Bagger, Bull- dozer und Pipelines stoßen immer weiter vor.

Ein einziger Stamm hat sich - so viel man weiß - bis jetzt erfolgreich jeglichem Kontakt verschlossen: die kriegerischen Tagaeri. Man weiß nicht viel über diesen Stamm, weder wie viele es sind, noch, wie sie leben. Denn wer sich ihnen nähert, stirbt, wird mit Lanzen erstochen, egal ob Weißer oder Indio. Die Tagaeri haben die totale Isolation gewählt. Sie negieren die Moderne, verzichten auf Strom, Penicillin und Operationen.Wenn sie sterbenskrank werden, dann sterben sie. Auch der kleine Jaguar hätte nicht überlebt, wenn Sebastián nicht in den Lauf der Natur eingegriffen hätte. Jetzt wächst er heran, größer als eine Hauskatze ist er bereits, und die mächtigen Tatzen zeigen sein Potential.

Sebastián ist bekümmert, er wird ihn nicht mehr lange behalten können. Bald wird das Raubtier die Hühner holen, und dann zur tödlichen Gefahr für die Menschen - nach Löwe und Tiger ist der Jaguar die drittgrößte Raubkatze der Welt. So lange er ihn noch tragen kann, wird Sebastian ihn wohl in die Stadt mitnehmen und verkaufen, an einen Zirkus vielleicht, oder eine Tierschau, mit der er dann, in einen Käfig gesperrt, über die Jahrmärkte tingelt. Noch liegt er vor dem Haus, so klein und schon so majestätisch. Die gelben Augen fixieren ein raschelndes Blatt, der Schwanz wippt nervös, die Muskeln spannen sich. Natali sitzt neben ihm und schaut ihren Freunden zu, die unter dem lodernden Tropenhimmel über die Wiese rennen.Wie ein Plüschtier zieht sie ihren Jaguar an den Pfoten hoch, drückt ihn an sich, versenkt ihr Gesicht in sein Fell. Der Jaguar schnurrt.

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Verena Lugert