Ecuador Ausgewandert ins gelobte Ausland

"Bald sind wir alle zusammen. Bald!" Die Großmutter strahlt. Sie deckt auf und deckt ab, und erst gegen Ende des Mahls, als alle anderen den Nachschlag auf dem Teller haben, setzt sie sich selbst an eine Ecke der langen Tafel. Darauf türmen sich Schweinefleischstücke, eine Platte mit Maiskolben, eine Schüssel mit gekochten dicken Bohnen und eine Schale ají, ecuadorianische Sauce aus Baumtomaten, Chili, Koriander und roten Zwiebeln. Im Bilderrahmen, von dem das Gold ein wenig abblättert, hängt an der Wand eine Replik des "Letzten Abendmahls". Und darunter sitzen die zwölf, die drei Generationen, die Mitglieder der Familie, die Zuhause sind und nicht überall auf der Welt verstreut. Die bei ihr in Quito sind und nicht in Madrid, nicht in Hamburg, nicht in den USA.

Die Küche hinter dem Esszimmer ist winzig, auf dem Kühlschrank ist eine ganze Topfbatterie untergebracht, 20 mögen es sein, platzsparend ineinander verstaut, der Turm ragt fast bis zur Decke. Im Wohnzimmer stehen zwei Sofas an der Wand, ein drittes gegenüber. Ein Fernseher. Eine Musikanlage, aus der Salsa scheppert. Da ist ein handtuchschmaler Innenhof, in dem Tante Paulina die Wäsche auf dem Waschbrett rüttelt und spült. Oben die Schlafzimmer, wo auf rohen Balken das Wellblechdach liegt. Die Wände sind aus Pressspanplatten. Die Vorhänge hängen an Wäscheleinen oder sind mit Nägeln in die Wand getrieben. "Seit dreieinhalb Jahren habe ich nicht so gut gegessen", sagt Carlos. Er ist seit einer Stunde wieder im Land, bei seiner Familie, die er dreieinhalb Jahre nicht sah. Carlos hat dunkles, gewelltes Haar und ein freundliches Gesicht. Er ist 26 Jahre alt und arbeitet in Deutschland, als Putzmann.

Ein Drittel von Ecuadors Bevölkerung lebt nicht in Ecuador, sondern im Ausland - fast vier Millionen von 13 Millionen Menschen. In deutschen Mengenverhältnissen ist das so, als hätten sich sämtliche Bewohner von Bayern, Baden-Württemberg und Hessen nach Übersee zur Fremdarbeit aufgemacht. In Ecuador gibt es inzwischen ganze Dörfer ohne Väter - alle sind sie emigriert, in der Hoffnung, ein paar Dollar nach Hause schicken zu können. Sie arbeiten als Haushaltshilfen, Hilfsarbeiter und Handlanger - meist illegal. Dabei haben viele von ihnen einen höheren Schulabschluss oder eine Berufsausbildung. Es ist die Mittelschicht, die geht, die Menschen, die Ecuador dringend bräuchte. Die nur selten den Weg zurück in die Heimat finden. Und das obwohl Ecuador ein reiches Land sein könnte mit seinem Öl. Das Land ist Weltmeister im Bananenexport. Doch die zwei Milliarden Dollar, die Emigranten jährlich an ihre Familien überweisen, sind wichtiger als die Bananen, nach dem Öl der Hauptwirtschaftsfaktor des Landes. Ecuador ist das Land, das Menschen exportiert.

Carlos' Bruder Juan, 27, und seine "Abuelita", das Großmütterchen, haben ihn gerade am Flughafen abgeholt. Während er wartet, nähert sich ihm ein Kind, schmutzig, trotzig. "Ich putz' dir deine Schuhe, so sauber waren die noch nie!" - Carlos lässt es geschehen, gibt mehr Geld als üblich. Er sieht seinen Bruder und fällt ihm um den Hals. "Hombre", retten sie sich ins kumpelhafte und schlagen sich auf die breiten Rücken. Seine Augen glänzen, als er die Großmutter umarmt, die - lächelnd, zart und vogelknochig - in seinen Armen versinkt. Drei Kinder hat ihr das Ausland gestohlen, zwei Töchter und einen Sohn. Und zwei Enkel. Carlos ist einer davon. Und endlich wieder daheim - für ein paar Wochen, für einen Besuch.

Als er 19 war ist er in ein Flugzeug gestiegen und nach Madrid geflogen. Für das Flugticket hatte seine Mutter Lilian bei einer ihrer Putzstellen einen Kredit aufgenommen. Carlos hat in Madrid als Hilfsarbeiter angefangen. Mit 15 anderen Illegalen hat er eine enge Vierzimmerwohnung am Stadtrand geteilt. Es war ein Ecuadorianer mit Papieren, der die Wohnung untervermietete. Er ließ sich seinen Status teuer bezahlen - 250 Euro Miete pro Person - bei wem hätten die Illegalen sich schon beschweren können? "Im Ausland sind die Ecuadorianer untereinander die schlimmsten", erzählt Carlos. Solidarität unter Exilanten? Von wegen! "Ich hatte immer solche Angst davor, bei einer Razzia aufgegriffen zu werden", sagt Carlos. Er fühlte, dass er nicht erwünscht war in Spanien, das mit New York und Miami die meisten Ecuadorianer außerhalb Ecuadors aufweist. "Ich war so einsam in dieser Zeit", sagt er, "und traurig." Deshalb verließ er das fremde Land, dessen Sprache er jedenfalls sprach, und ging, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen, zu seiner Mutter nach Hamburg. "Ich bin nach der Trennung von meinem Mann nach Europa gegangen", erzählt sie mit brüchiger Stimme.

Lilian war 34, als sie vor elf Jahren ihre vier Kinder verlassen hat, die damals zwischen fünf und 15 Jahre alt waren. Sie schluchzt, wenn sie darüber spricht. "Nach der Scheidung war einfach kein Geld da - und meine Kinder sollten doch zur Schule gehen", weint sie. "No tenía, no tenía", sie hatte ja nichts, ja gar nichts. "Komm her", sagte die Schwester, die damals schon in Hamburg putzte. Sie erzählte von den unendlichen Möglichkeiten im reichen Europa. Wo man in einer Stunde mehr verdient als in Ecuador an einem ganzen Tag. "Am Anfang ging es noch gut, ich konnte 200 Dollar im Monat nach Quito schicken, das war viel, sehr viel Geld", sagt Lilian. Doch das Leben ist teuer in Europa, und seit sie ihren Jüngsten, Edison, zu sich geholt hat, hat sie Mühe, sie beide über Wasser zu halten.

Sie leben in Madrid, inzwischen, Edison soll ja in die Schule gehen. Aber es gibt so viele Verzweifelte in Madrid, die putzen gehen, weshalb Lilian nicht mehr genügend Jobs bekommt. Und dann ist da die fiebrige Allergie, wegen der sie schon dreimal ins Krankenhaus musste. Dann reicht das Geld nicht einmal für Essen und Miete. Dann muss Carlos ihr mit dem Nötigsten aushelfen. Vor sechs Jahren war Lilian zuletzt daheim. "Es hat mir damals das Herz zerrissen, wieder zu gehen", sagt sie. Carlos, der eigentlich Kfz-Mechaniker ist, verrichtete in den ersten Jahren jede Arbeit, die er bekommen konnte. Seine Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt, Autos sind Autos, denkt man, aber das gilt nicht für einen, der das Reparieren in einem Entwicklungsland gelernt hat. Irgendwann begann er zu putzen - das hatte Lilian ihm beigebracht. "Ich hatte Angst davor, krank zu werden, denn ich war ja nicht versichert", sagt Carlos. Und er lebte im ständigen Schrecken, wieder von einem Wohnungsvermittler betrogen zu werden: der seine Miete einstrich, ohne sie dem Vermieter weiterzugeben. Der ihm dann die Polizei auf den Hals hetzen würde.

"Ich weiß nicht, wie ich in Ecuador leben soll"

Die dunklen, kalten Winter in Hamburg deprimierten Carlos. "Doch ich konnte nicht aufgeben, weil ich ja nirgendwo hinkonnte", sagt er. Der Flug nach Hause war unerschwinglich. Dann lernte er in einer Disco Sonja kennen. Carlos und Sonja verliebten sich, heirateten. Für ihn war die Ehe der Quantensprung in die Legalität: Er lernte Deutsch im Integrationskurs, bekam ein paar offizielle Putzstellen, so dass er jetzt auf einem 400-Euro-Job krankenversichert ist. Und ein Jahr später wurde Kian geboren, sein Sohn, das Wichtigste, das Carlos auf dieser Welt hat. Seither macht alles Sinn für ihn, auch das Verharren in Deutschland - denn Kian hat hier die besseren Chancen. Er ist versichert und kann in ein paar Jahren kostenlos eine gute Schule besuchen.

"Ich vermisse Ecuador. Und ich würde so gerne dorthin zurück. Aber ich weiß nicht, wie ich dort leben sollte. Den ganzen Tag hart arbeiten und immer gerade genug Geld haben, um das Essen und die Miete bezahlen zu können. Das ist frustrierend", sagt Carlos. Doch frustrierend ist auch sein Leben in Deutschland: Auch hier reicht das Geld nie. 900 bis tausend Euro im Monat verdient Carlos. Und Sonja, klein, blond und niedlich, lebt von Hartz IV. Sie hat aus einer früheren Beziehung eine kranke Tochter, um die sie sich rund um die Uhr kümmern muss - und den kleinen Kian. Obwohl Carlos und sie sich oft streiten, bleiben sie zusammen. Sie geben sich gegenseitig Halt. Das Dilemma der meisten Emigranten ist, dass sie es nie schaffen, genügend Geld zurückzulegen, um dauerhaft in ihr Land zurückzukehren - weil sie dort ja ohne Arbeit wären. Die große Hoffnung ist es, genug zu sparen, um irgendwann zu Hause ein Geschäft zu eröffnen. Doch das klappt so gut wie nie. Und die Rückkehr schiebt sich immer weiter auf, Jahre, Jahrzehnte. Obwohl es immer heißt: "Bald!"

Als Carlos in die Calle Rafael Ferrer, seine alte Straße, einfährt, stürmt die Familie aus dem Haus: die Kinder der Tante Paulina, Andrea, Byron, und Daniel. Ihr Mann Patricio und Carlos' Onkel Giovane sowie dessen Sohn João. Und der Großvater. Diego, Carlos' zweiter Bruder, fehlt heute. Er hat gerade Arbeit in der Provinz Esmeraldas gefunden. Außer Giovane und João leben alle in dem bescheidenen Haus der Großeltern. Draußen ist das rhythmische Klatschen von Bällen zu hören, die gegen den Boden oder eine Wand gespielt werden. Der Nachbar hört die "Bohemian Rhapsody" in heavy rotation, drinnen plärrt der Fernseher, und die Boxen der Stereoanlage wummern "Boys, Boys, Boys, I'm looking for the good times". Carlos schwärmt: "Das ist hier nicht so wie in Deutschland. Mit Mittagsruhe und so. Hier gibt es das nicht!" Er hat einen ganzen Koffer voller Geschenke mitgebracht - Markenturnschuhe und T-Shirts. Und Digitalfotos, so viele Fotos. "Wie, ihr habt keinen DVD-Player?" schneidet er auf, "wie soll ich euch dann die Filme von Kian zeigen?"

Juan hängt bewundernd an den Lippen seines kleinen Bruders. "Ich überlege auch die ganze Zeit, ob ich gehen soll. Und wie ich es anstellen würde", sagt er. Juan ist Elektriker, 240 Dollar verdient er im Monat. "Davon gebe ich 30 Dollar an die Großmutter ab. Dann muss ich das Busticket zur Arbeit und das Mittagessen zahlen. Und danach bleibt ein kleiner Rest. Nicht genug, um irgendwann meine Mutter nach Ecuador zu holen. Dabei würde ich alles für sie tun! Para mi Mamí? Todo!" Wenn Carlos auf den Straßen unterwegs ist, grüßen ihn die Leute begeistert, als wäre ein verlorener Sohn heimgekommen. Alle im Viertel kennen sich, Carlos liebt diese Verbundenheit in seiner manzana, seinem Block, die so anders ist als die Anonymität im kühlen Hamburg. Die Nachbarn bleiben stehen, die Jüngeren laden ihn ein, später vorbeizukommen, um einen zu trinken.

Carlos ist stolz, seine Haltung cooler, der Gang aufrechter als in Deutschland. Eine winzige Großmutter legt ihm den Arm um die Schulter. "Buenas tardes, señora", wünscht er ehrerbietig, einen guten Abend. Wo denn der Sohn sei?, fragt sie. Und die Gattin? Carlos erzählt, wieder einmal, wie schwer es ist, "muy duro", das Geld für die Flüge zu sparen. "Ha, dann musst du halt ein paar Kartoffeln pflanzen. Dann kommt schon Geld rein", scherzt die Alte und alle lachen. "Bald kommen wir alle für immer heim!", sagt Carlos. Seine Oma nickt, bestärkend, eifrig, glücklich. "Bald!" sagt sie. Mit Nachdruck.

Am nächsten Tag besucht Carlos seinen Vater, der eine neue Frau hat und zwei Kinder mit ihr. Carlos und Juan wollen ihn überraschen. Sie fahren mit dem Auto an den äußersten Rand von Quito, wo die Riesenstadt in den grünen Hügeln weich ausrollt. Dort ist eine Baustelle. "Mi feo!", "mein Hässlicher!", jubelt der Vater, als er Carlos erkennt. Er starrt ihn glücklich und ungläubig an. Ist er es wirklich? Wieder hier? In Quito? Da steht ein Rohbau, innen ist schon einiges fertig, der Vater betreut den Bau des Hauses für den Schwager, der in Sevilla, im fernen Spanien, arbeitet. Er will heimkommen, bald. Das sagt er seit Jahren. Sie fahren gemeinsam in das Haus des Vaters. Die Straße ist schmal und voller Schlaglöcher, die kleinen Häuser kleben am Berghang, Müll liegt im Morast neben dem Asphalt. Winzig und bitterarm ist das Haus, ein trauriger Ort. Es gibt kein fließendes Wasser, man muss es in großen Kanistern holen. Der kleine Ariel, Carlos' Halbbruder, hat schmutzige Hände und trägt rissige Kleidung, er steht am Fenster. Carlos nimmt ihn auf den Arm. Er ist drei, so alt wie Kian, sein eigener Sohn. "Es ist so schön, dass du wieder zu Hause bist", sagt der Vater. Zuhause. Wo ist das?

Carlos geht ins Telecafé um die Ecke, wählt die deutsche Vorwahl und seine Nummer in Hamburg. Seine Frau nimmt das Telefon auf. Gut sei alles, sagt er, der Flug sicher, die Familie wohlauf. Und wie es ihr gehe, und seinem Sohn? Kian weint in den Hörer. "Papa, wann kommst du wieder nach Hause?" "Bald", sagt Carlos, "bald sind wir alle wieder zusammen." Wie ein Mantra sagt er das, wie ein Gebet.

Autor:
Verena Lugert