Dordogne Französische Idyll für die Briten

Der Blick aus dem Küchenfenster ist traumhaft. Blauer Himmel, Sonnenschein, auf sanft geschwungenen grünen Hügeln reift in Reih und Glied der Wein. Die Luft ist würzig. Vögel singen. Nur die Kühltruhe brummt etwas störend.

Valerie Austin stellt eine Flasche Roten auf den Tisch, gewachsen unter diesem Fenster. "Château La Garrigue", ein gerader, guter Bergerac. In der Scheune harren die Tanks und Pressen des nächsten Ernteeinsatzes. Die Trauben hängen schon fett. Ein französisches Idyll hier in Saussignac im Süden der Dordogne. Nur dass die Austins waschechte Briten sind. Zuvor lebten sie in Sussex. Bis Derek, von Beruf Elektroniker, mit 40 Jahren arbeitslos wurde. Anfangs war es ein Schock. Dann keimte die Idee, einen Neuanfang zu wagen. Die Austins entschlossen sich,Winzer zu werden und belegten Kurse an der Landwirtschaftsschule - in Sussex wird tatsächlich ein wenig Wein angebaut.

Schließlich kamen sie hierher, sahen und kauften das Zehn-Hektar-Gut, für einen Spottpreis - an britischen Verhältnissen gemessen. Der Anfang war schwer. Was sollten die Nachbarn denken über zwei Briten, die hier Trauben pressen? Klar, dass die nur darauf warteten, dass die Austins etwas falsch machen. Ihr Schulwissen erschien ihnen plötzlich dürftig und unnütz, sie warfen ihre Lehrbücher weg, lernten am Hang noch einmal neu.

Valerie Austin kredenzt die Spezialität des Hauses, den Saussignac: einen feinen, süßen Dessertwein, der von Hand geerntet und sehr kalt getrunken werden will. Den rühmte schon Rabelais. "Im ersten Jahr waren wir so allein", erzählt Valerie. Bis eines Tages der erste Nachbar herüberkam, ein alter Winzer, der ihr lange auf die Finger geschaut hatte. "Madame, Ihr Schnitt ist hervorragend", murmelte er. Seither geht es aufwärts.

Heute sind die Austins Teil der über die Hügel verstreuten 420-Seelen-Gemeinschaft, werden zu Picknicks eingeladen, organisieren Dorffeste. Sie mögen den Lebensstil, das langsamere Tempo, dieses entscheidende Mehr an Zeit für sich und andere. "Frankreich ist ein Familienland", die zwei Söhne seien schon "fast Franzosen", sagt Mister Austin. "Sie sitzen und sitzen und essen und essen, die Franzosen. Die Briten essen, um zu leben, Franzosen leben fürs Essen." Und alle verstünden etwas vom Wein. Davor haben sie einen "Riesenrespekt".

Die Austins sind nicht allein. Andere Winzer hier hören auf so unfranzösische Namen wie Baxter, Ryman, Atkinson oder Doughty. Überall in der Dordogne trifft man auf Briten - Arbeitende und Ruheständler, Singles und Familien. Als Pioniere kamen in den sechziger Jahren die Künstler, gefolgt vom gehobenen Bürgertum und schließlich, seit gut 20 Jahren, von vielen anderen auch. Sie kaufen kleine Scheunen, auch ganze Schlösser. Und all die romantischen Ruinen, die kein Franzose mehr haben will. Sie klopfen mit Hingabe den alten Kalkstein frei und kreieren ihr neues Home sweet home.

Nur die Satellitenschale auf dem Dach, die das englische Fernsehen einfängt, stört die Ästhetik ein wenig. An Zementmischer und Satellitenschüssel erkennt man den Neuling von der Insel recht zuverlässig. Auf gut 100.000 wird die Zahl der Engländer geschätzt, das sind mehr als ein Viertel der Bevölkerung. In manch kleinem Ort haben die Briten bereits die Mehrheit. Soziologen erforschen schon das Phänomen, und Spaßvögel nennen das Departement längst "Dordogneshire".

Dabei wird gerade das Périgord gern als französisches Kernland verklärt: "la France profonde". Hier läuft die Ente herum, wächst die Trüffel, wird die Gans gestopft. Von Bergerac Richtung Bordeaux gedeiht viel guter Wein. Einst war die Region englisches Hoheitsgebiet. Mitte des 12. Jahrhunderts kam Aquitanien durch Heirat zu England. Edward III. war im 14. Jahrhundert zugleich König von England und Herzog von Aquitanien. Überdies beanspruchte er qua Erbfolge auch den französischen Königstitel, was sich aber nicht durchsetzen ließ. Der Streit um den Südwesten weitete sich aus zum Hundertjährigen Krieg. Erst am 17. Juli 1453 kam es in Castillon zur finalen Niederlage der Engländer.

Die Region wurde unterworfen, verlor alle Privilegien. Selbst der Weinhandel mit dem Feind war verboten. Im zähen Ringen um die Vorherrschaft errichteten beide Seiten Bastiden, Wehrdörfer mit steinschwerer Trutzarchitektur, streng rechtwinklig angelegt. Franzosen wie Engländer wurden dort als lebende Grenzbefestigung angesiedelt. Oft flogen Felsbrocken und brennende Pfeile über die Mauern. Es war ein raues Leben.

Eymet, knapp eine halbe Autostunde südlich von Bergerac, ist solch ein Bastidenstädtchen, mit einem von Arkaden gesäumten Marktplatz und einem plätschernden Flüsschen namens Dropt. Die Franzosen gründeten die kleine Bastion anno 1270. Nun übernehmen die Briten. Rund um das Marktkarree sind englische Laute unüberhörbar. Ein britischer Weinhändler und ein Makler haben sich niedergelassen, auch ein Computerexperte. Ein gemischtes Paar betreibt "Le Pub", sehr beliebt bei den "Expats" von der Insel.

Um die Ecke, in der Rue du Temple, verkauft die "Fine Arts Gallery" Kunst, und wenige Schritte weiter residiert das Prunkstück der britischen Präsenz am Ort: "The English Shop", ein kleiner Laden mit großen Vorräten an Ale, Bacon, Cheddar Cheese, Ingwermarmelade und Mint Jelly, Hotdog-Würstchen und Chicken & Curry-Pie in Dosen. Dazu englische Videos. Die gute Nachricht steht groß ins Fenster geschrieben: "British beer just arrived".

Vor allem aber, sagt Inhaberin Susan Beckerman, sei der Laden ein "problem house", wo dem ahnungslosen, sprachunkundigen Insel-Flüchtling die Nummer eines Klempners, Elektrikers oder "garden doctors" vermittelt werde, auch eine Hundehütte oder ein Auto mit Steuerrad rechts. Sie selbst, erzählt die resolute Frau, hatte eines Tages die Nase sehr voll von Britannia, vom Verkehr, vom Verbrechen, vom Gesundheitswesen und "dem ganzen Ambiente". Da rammte sie blind eine Nadel in die Frankreichkarte und stieß auf Eymet, griff ihren Gatten und zog dorthin. Dass hier so viele Landsleute ansässig sind, will sie erst vor Ort bemerkt haben.

Für manche Briten ist die Dordogne Teil des Empire

Das Paar ist sehr angetan von der neuen Heimat. "Absolut exzellent", seien die Franzosen, erklärt Ehemann Michael. Ganz im Gegensatz zum Londoner Eastend sei die Gegend "sauber, höflich, sicher". Hier im Südwesten, seufzt er zufrieden, sei alles goldrichtig. Klein, ruhig und langsam. Und außerdem, setzt er hinzu, "sind wir Briten ja gut darin, uns in aller Welt niederzulassen".

Die Franzosen, diese "Froggies", mögen ja der Erbfeind sein, aber sie haben Stil. Und das Preisgefälle ist enorm. Die Beute für ein im heimischen Königreich veräußertes Reihenhaus genügt hier, um ein süßes Schlösschen zu ergattern. Zudem ist die grüne Hügellandschaft der Dordogne Good Old England gar nicht so fremd. Hier kann man ein Dasein fristen, das auf der Insel lange verloren scheint: Gesellschaften geben und feudal über Golf und Garten reden.

So füllen sich die Telefonbücher mit Smiths, Millers und Martins. Es gibt mehrere Kricket-Clubs, eine Music and Drama Society, die Dordogne Gentlemen's Society, die sich DOGS abkürzt, einen dazu passenden Ladies' Club und sogar eine britische Bluesband namens "Delirium tremens". Am Trafalgar Day kommt der britische Konsul aus Bordeaux. Gewiss, man darf die Briten nicht über einen Kamm scheren. Da sind die Sommerfrischler, die täglich von London-Stansted und Southampton kommend per Billigflieger auf dem Flughafen Bergerac einfallen.

Eine Dame sitzt in der winzigen Ankunftshalle, rührt in ihrer Tasse, fischt ihr Mobiltelefon aus der Tasche und flötet: "Darling, ich bin in Bergerac und trinke meinen ersten echten Kaffee." Da sind andererseits eher kolonialen Gestalten, schon lange hier und doch nie angekommen. Sie treten nach der Devise auf: Wenn man nur laut genug Englisch redet, wird der Franzose es schon verstehen. "Die glauben, dies hier sei Teil des Empire," meint Mister Beckerman. Gewisse Briten verkünden stolz, dass sie kein Wort Französisch verstünden. Und nach dem dritten Glas Rotwein lamentieren sie: "Niemand mag uns."

Es gibt aber auch die Superfranzosen-Engländer, die stöhnen: "Ist es nicht schrecklich hier, so voller Engländer?" Das Gros der Zugereisten aber wirkt solide. Es sind Genießer mit Wagemut und gutem Humor. Auszogen, um ihr Glück zu finden. Geblieben, weil sie Land und Leute lieben. Für junge französische Familien dagegen rückt das Häuschen auf dem Lande oft in unerreichbare Ferne, die große Nachfrage der Briten treibt die Preise in die Höhe.

Einigen wird die Heimat vor lauter Engländern fremd. Einmal kam der Rechtsradikalen-Führer Jean-Marie Le Pen nach Bergerac, erzählt David Reed, ein Amerikaner, der im ältesten Haus von Bergerac ein schmuckes Bed and Breakfast betreibt. "Alle Briten raus aus der Dordogne", brüllte Le Pen. "Der Beifall", sagt Reed, "war beträchtlich".

Die Dordogne erlebt, so findet selbst der Londoner "Observer", "eine der größten Invasionen seit der Besetzung durch britische Truppen im 14. Jahrhundert". Aber doch eine sehr friedliche, muss man einwenden. Die Geschäftsleute, die hier von Hotels, Restaurants und Antiquitäten leben, sind ganz verzückt von dem Zustrom. Die Bauern verkaufen ihre hübschen Trümmer gern für gutes Geld. Manche Dorfschule überlebt nur dank britischer Kinder.

"Die Franzosen sind wunderbar zu uns", sagt Sue Blomley, die mit ihrem Mann außerhalb von Eymet in einer Villa mit Pool,Terrasse und Weitblick über das Tal lebt. Vor 30 Jahren kam das Paar mit vier Kindern plus Campingausrüstung. Am zweiten Morgen wurde ihnen klar: Hier könnten wir leben. Seither hat sie nie ein böses Wort gehört. Und Mrs. Blomley lebt wahrlich nicht zurückgezogen. Sie veranstaltet Stickkurse, singt im stimmstarken Kirchenchor, wirkt als Schatzmeisterin des Cricket Club Eymet und als Präsidentin der Anglo-French Association.

Der Freundschaftsverein hat 120 Mitglieder, gut die Hälfte sind Engländer. Sie kennt fast jeden hier. Von ihrer Terrasse aus sieht man das Kricketfeld von Eymet, Spielbetrieb von Ende April bis Mitte September. Die Männer spielen, die Ladys machen Tee, und ein Dutzend Leute schaut zu. Der Verein sei pur britisch, sagt Mrs. Blomley, aber sonst mische man sich ja gern. Sie hat schon bei drei englisch-französischen Hochzeiten gesungen, und die Weihnachtslieder auf dem Markt werden sowieso zweisprachig intoniert. Jeden zweiten Sonntag kommt ein Pastor aus Bordeaux, um in einer nicht mehr genutzten katholischen Kirche den anglikanischen Gottesdienst zu halten.

Schön, diese Welt. Ganz heil aber darf sie wohl nicht sein. Schon gibt es eine herrlich düstere Krimi-Serie über die Dordogne-Briten. Der Erstling von 1999 hieß "Février", auf Englisch: "Death in the Dordogne". Mehrere Fortsetzungen folgten. "Er schreibt über uns", meldet das Briten-Blatt "French News"leicht schockiert, "aber auf Französisch!"

Der Autor - Pseudonym: Louis Sanders - lebt am Tatort. Ein Franzose, der in England studiert hat und dort auch seine Frau fand. Lustvoll entwirft er das derbe Antibild zum Leben-wie-Gott-in-Frankreich-Klischee, malt morbide Winterszenen, kalt, klamm und schauerlich, bevölkert von Alkoholikern, Psychopathen und Hypochondern. Unter einer dicken Schicht Paranoia lauert die Komik. "Manchmal", sagt der Schriftsteller, "erinnert mich das hier an Faulkner".

Der literarische Tatort heißt La Berthonie, der wahre Wohnort La Barbinie - uralt, wunderschön, verwunschen. Der Dichter, 40, öffnet ein knarzendes Tor, Bulldogge Charlie bellt. Sanders kredenzt Kaffee, kann trefflich böse sein. Die Briten, meint er, erschaffen sich in der Dordogne neu. "Hier wird der Butler zu Lord Tiddlington höchstpersönlich. Das ist wie früher in den Kolonien.

"Woher er das weiß? Er hat jahrelang zugeguckt. Der Pferdehändler hat ihm viel erzählt und gezeigt, der Doktor auch. Und eine gute Freundin, die hier geboren wurde. Im Grunde seines Herzens aber ist er anglophil, spricht gut von dem netten englischen Anwalt, der gewiss zum Bürgermeister gewählt würde, wenn er nur wollte. Sein Blick für die Franzosen ist nicht minder scharf: "Hier ist man ein Fremder, wenn man 20 Kilometer entfernt geboren wurde", sagt Sanders. "Eigentlich hassen sie hier nicht die Briten, sondern die Pariser, mehr noch die Nachbarn in der Charente. Man hasst immer die Leute, die einem am nächsten sind."

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Autor:
Tom Schimmeck