Dominikanische Republik Auf dem Weg zum Pico Duarte

In der Phantasie der Karibikbewohner erhebt sich der Pico Duarte als sagenumwobener Zauberberg über die tropische Inselwelt. Tatsächlich ist er der höchste Gipfel der Antillen, doch die Angaben über seine genaue Höhe schwanken - je nachdem, welche Karte oder welchen Reiseführer man zu Rate zieht.

Auch der Name des Berges, im Herzen des dominikanischen Zentralgebirges gelegen, hat sich verändert. Als ich ein kleines Mädchen war und auf der Insel lebte, hieß er Pico Trujillo. Alle großen Monumente hatten den Namen des blutrünstigen Diktators zu tragen. Der Überlieferung nach fürchtete ein Geograf des Regimes, der Gipfel könnte für den großen Namen zu klein sein; vorsichtshalber schlug er fast hundert Meter drauf.

So steht auch heute noch in vielen Karten 3175 Meter, obwohl es 3087 sind. Nach der Ermordung Trujillos erhielt der Berg seinen ursprünglichen Namen zurück, Pico Duarte, nach einem der Gründerväter der Dominikanischen Republik. Doch die scheinbar schwankende Höhe blieb Sinnbild seiner magischen Kraft. Auch mein Vater war ihr erlegen. Als er 1929 - fast - den Gipfel bestieg, hatte er eine Erscheinung: Bergbewohner mit einer fremden Sprache, die seine Hand küssten, als sei er ein Halbgott.

Er floh Hals über Kopf aus der Wildnis und bedauert bis heute, dass er den Gipfel nicht bestiegen oder Aufzeichnungen dieser seltsamen Sprache gemacht hat. Vielleicht waren die Bergmenschen in Abgeschiedenheit lebende Spanier gewesen, die noch ein Kastilisch aus dem 15. Jahrhundert sprachen. Oder letzte Überlebende der ursprünglichen Taíno-Bevölkerung, die sich angeblich noch immer in den Bergen versteckt halten.

Wie die meisten Bergriesen ist auch der Pico Duarte sagenumwoben: Indios, die sich in Höhlen verbergen; eine goldene Götzenstatue, die unterhalb des Gipfels vergraben liegt. Des Nachts streifen Ciguapas durch den Regenwald, schöne Frauengestalten, die Männer auf den Grund der Bergflüsse locken. Man kann sie nicht verfolgen, denn ihre Fußspuren führen stets vom Ziel weg. Ich kannte all diese Geschichten längst, bevor wir zum Pico Duarte aufbrachen, ein Unternehmen, das für Dominikaner so etwas wie eine nationale Wallfahrt ist. Und ich hatte meine Befürchtungen.

Sie müssen wissen, dass ich noch nie einen Berg bestiegen habe, unsportlich bin und einer langen Tradition von Patio-Sitzern entstamme - dominikanischen Frauen, die in Korbsesseln sitzen, sich Luft zufächeln und nach dem Dienstmädchen rufen, wenn sie etwas brauchen. Meine Mutter warnte mich, ich würde das niemals schaffen. Du bist doch Vegetarierin, sage sie. Als ob oben in den Bergen Kannibalismus herrsche. Angesichts solcher Vorbehalte fasste ich einen weisen Entschluss: Ich ließ Tricia de Suriel die Vorbereitungen treffen, eine US-Amerikanerin, die zusammen mit ihrem dominikanischen Ehemann ein Öko-Reisebüro auf der Insel betreibt.

Tricia heuerte die Führer an, organisierte die Maultiere und besorgte die Ausrüstung. Sie riet uns, die Tour erst nach den Weihnachtsferien zu beginnen, also nach dem 6. Januar, dem Dreikönigstag. Während der Feiertage drängeln sich Hunderte von Kindern auf den schmalen, steilen Pfaden, singen Lieder und lassen ab und zu Bonbonpapier fallen (ich fand auch zwei Zahnbürsten). Die Unterkünfte sind überfüllt und die tiefe, Ehrfurcht gebietende Stille der Landschaft wird von der dominikanischen Version des "Im-Frühtau-zu-Berge-wir-ziehn-Fallera" zerrissen.

Von Boca de los Ríos, einem Dorf am Eingang des Nationalparks Armando Bermúdez, brachen wir mit unseren beiden Guides Ico und Bolo und sieben Maultieren auf. Zunächst ging es zu Fuß in den Regenwald, üppige Baumfarne und wogende Palmen, Bambus und Riesenfeigen säumten den Weg. Manchmal passierten wir kleine Ansiedlungen. Die Dorfbewohner ließen alles stehen und liegen - die frisch gewaschenen Kleider, das Ochsengespann, den eben gemahlenen Kaffee -, um uns zu betrachten.

Immer wieder durchquerten wir den selben Fluss, der in engen Windungen zu Tal rauschte. Wir erreichten ein Dorf, in dem nur kleinwüchsige Menschen lebten; offensichtlich wurde hier ausschließlich untereinander geheiratet. Am Fuß des höchsten Gipfels ein Ort von Zwergen - das könnte aus einem Roman von García Márquez stammen. Dort würde es magischer Realismus genannt. Nachdem der Pfad anfangs wie ein Tunnel durch den Regenwald führte, ging es bei Los Tablones steil bergauf.

Das Landschaftspanorama entfaltete sich zu voller Pracht, der grüne Himmel riss auf, statt der Palmen säumten nun bemooste Pinien den Weg. Ein Schwarm Papageien stieg auf, die Guides zeigten uns Wildschweinspuren, was das Testosteron der Männer in Wallung brachte - sie wollten unbedingt Wildschweine sehen. Tricia und ich waren ängstlich. Als wir in La Cotorra rasteten, hatten wir bereits 750 Höhenmeter in weniger als zwei Stunden geschafft. Ich begriff, dass solche Rechenaufgaben zu den kleinen Freuden des Bergwanderns zählen. Wir stiegen auf die Maultiere, denn der Pfad wurde steil und unwegsam. Über erodierende Felshänge führte er höher und höher bis nach El Cruce, dann wieder hinab in einen Regenwaldtunnel, die Maultiere knietief im Schlamm. Wir erreichten das Tetero-Hochtal, urplötzlich tat sich das weite Grasland vor uns auf, ein atemberaubender Anblick. Bolo stimmte zu: Hier könnte ein Hubschrauber landen (gelegentlich musste ich mich versichern, dass uns jemand hier rausholen kann).

Eine neue Tagesetappe - Zwölfstündiger Parforceritt

Das Tetero-Tal liegt nicht auf direktem Wege zum Pico Duarte, es ist eine zusätzliche Tagesetappe. Wir allerdings wollten auch den Umweg während unserer Dreitagestour schaffen. Am folgenden Tag mussten wir - vor allem die Maultiere - den Preis dafür zahlen: einen zwölfstündigen Parforceritt. Dabei ist das Tetero-Tal den Extratag allemal wert: die Einsamkeit der Landschaft; der rauschende, kristallklare Río Yaque del Sur; die Felszeichnungen der Taíno-Indianer, die allerdings - selbst hier! - mit Graffiti beschmiert sind.

Im Hochtal sammelt sich die Feuchtigkeit, spät abends und früh morgens glitzert die Erde vom Frost. Als die Temperatur auf minus zwei Grad fiel, waren wir froh, unsere Parkas dabei zu haben. Die Wärme des Lagerfeuers tat gut, Tricia hatte ein köstliches Abendessen zubereitet. Mir zu Ehren gab es vegetarisches Stir Fry, das auch unsere Guides tapfer aßen. Wir ließen Rum und Wein herumgehen, die Flaschen hatten den Aufstieg in eine Decke gehüllt überstanden, in den Satteltaschen des trittsichersten Maultiers. Tricia bot den Guides 100 Pesos extra, falls die Weinflaschen heil bis auf den Gipfel kämen.

Bei Tagesanbruch waren wir abmarschbereit, ein wenig in Sorge, ob wir den Gipfel wohl vor Einbruch der Dunkelheit erreichen würden. Wir machten uns Richtung Agüita Fría auf, die Piste war so steil, dass uns die Pfade des Vortages dagegen lächerlich vorkamen. Würden wir das Basislager La Comparticíon nicht mehr vor 16 Uhr erreichen, könnten wir den Aufstieg für heute vergessen - auf der felsigen, gefährlichen Piste sollte man sich nicht von der Dunkelheit überraschen lassen.

Auf der letzten Etappe zum Basislager wurde die Landschaft immer unwirtlicher. Nach Süden hin säumten riesige Felsblöcke den Weg. Ich spürte, wie der Nachmittag in den Spätnachmittag überging, die Kälte der Luft (ich zog meinen Parka an), das unheimliche Pfeifen des Windes in den hohen, knorrigen Kiefern; ein Geräusch, das mich an ein Gedicht von Elizabeth Bishop erinnert: "Dies flüchtig' hohe Wispern / Entfleucht zugleich aus hundert Kehlen". Ciguapas, sagte Bolo. Indios, sagte Ico. Zwei Tage in der Aura des Zauberberges und fast glaubte ich ihnen.

Nach dem Abstieg bei La Vela - ich kann nur raten, ihn mit geschlossenen Augen und fest in die Mähne des Maultiers gekrallt anzugehen - erreichten wir La Comparticíon, wo der vier Kilometer lange Steilanstieg zum Gipfel beginnt.

In aller Eile packten wir das Zelt aus, Alex gab jedem von uns eine Stirnlampe, denn wir würden erst im Dunkeln zurückkehren. Er mahnte zur Eile, nahm sich selber aber die Zeit, um eine erstaunliche Innovation auszuprobieren: den neuen Münzfernsprecher im Basislager. "Hola Mami", rief er in den Hörer. "Rat' mal, wo ich bin." Alex und Bill führten unseren kleinen Treck an, Bolo und ich folgten durch den kärglicher werdenden Pinienwald.

Bolo erzählte Geschichten von verirrten Wanderern, gestürzten Maultieren und gebrochenen Knöcheln. Alex verriet mir später, dass die Guides das immer tun - je näher der Gipfel, desto haarsträubender die Geschichten. Als wollten sie alle Verzagten noch im letzten Moment um den Triumph bringen. Auf einer kleinen Wiese im Vallecito de Lilís ließen wir unsere Maultiere in Bolos Obhut zurück. Der letzte Teil des Aufstiegs musste zu Fuß bewältigt werden. Als wir durch den Pinienwald emporstiegen und die Nachmittagssonne die Berglandschaft in immer sattere Farben tauchte, spürte ich: Das ist der Lohn, der den Kletterer für alle Strapazen entschädigt.

Vor uns türmten sich Felsmassen, die wir auf allen Vieren überwanden, dem Gipfel entgegen, wo eine Büste Juan Pablo Duartes gen Osten blickte. Daneben standen zwei Masten, die Fahnen vom Wind verweht. Alex fand eine wieder und ließ sie über unseren Köpfen wehen. Gen Westen erstreckte sich ein Wolkenmeer, durch das hier und da ein Gipfel brach. Die Wolken reflektierten die Strahlen der untergehenden Sonne und warfen sie auf Duartes Gesicht, das für einen Moment lebendig wirkte; als wäre er kurz aufgewacht, um uns zu gratulieren. Wir hatten einander fest versprochen, höchstens 20 Minuten auf dem Gipfel zu bleiben.

Alex brachte seinen Fotoapparat in Stellung, um per Selbstauslöser ein Bild von uns zu machen, grinsend vor Duartes' Büste. Im letzten Moment streckte ich triumphierend die Hand mit dem Siegeszeichen aus. Obwohl uns ein Schild in La Comparticíon gemahnt hatte, nur Fußspuren zu hinterlassen, riss ich drei winzige Papierstreifen von meinem Block. Darauf schrieben wir unsere Wünsche und warfen sie in den Wind, damit Gott oder die Ciguapas sich darum kümmern. Uns blieben nur noch wenige Minuten bis zum Abstieg. Ich schaute ein letztes Mal nach allen Seiten, nahm den Anblick in mich auf: Das schroffe Felsdach des Pico Duarte, das den 3070 Meter hohen Nachbargipfel des Pelona um die entscheidenden paar Meter überragt; eine Gedenktafel aus Guatemala ("von unserem Gipfel zu Eurem, eine Umarmung in Frieden"); die kleine Statue der Jungfrau auf einem Felsvorsprung unterhalb des Gipfels; das saftige Grün der Wiesen im Tal. Doch irgendetwas fehlte hier. Und als von weit unten in der Tiefe ein leises Wiehern erklang, wurde mir klar: Auf dem Gipfel des Pico Duarte sollte ein Denkmal für das brave Maultier stehen.